Die Vereinnahmung (Felix Feistel, Rubikon) – Medienspiegel #Umwelt #Klima #nocoal #CO2 #climatechange #climate #capitalism #FFF #World

Auch wenn man das an der Veröffentlichungs-Timeline des Wahlberliners nicht so erkennen kann, wir haben innerhalb der Winteroffensive Umwelt und Klima gerade eine Pause gemacht – und „Die Vereinnahmung“ ist ein hervorragender Beitrag für den Wiedereinstieg.

Felix Feistel hat ihn für die Jugendredaktion des Magazins Rubikon geschrieben und das Gute an ihm ist – so sehr befasst er sich gar nicht mit der Vereinnahmung der Jugendbewegung Fridays For Future durch die Politik und die Wirtschaft, bei der wir gerade einen Frontalangriff erlebt haben. Die deutsche Bundesregierung ist nicht so clever, diese Vereinnahmung konsequent zu betreiben und wir haben sogar den Eindruck, dass die Grünen nicht den ganz großen Zugriff auf die Bewegung haben. Nur sind leider seit dem Erscheinen von Feistels Artikel schon ein paar Monate vergangen und es zeichnet sich ab, dass FFF die Puste ausgehen könnte. Zumindest, was die mittlerweile rituell wirkenden freitäglichen Schulstreiks angeht. Es werden nicht immer dieselben Schüler*innen unterwegs sein, aber man muss schon recht gut im Lernen sein, damit es nicht irgendwann an die Substanz geht, wenn man sich häufiger beteiligt.

Im Wesentlichen befasst sich der Artikel aber wieder mit den Grundlagen des gegenwärtigen Wirtschaftssystems und auf welche Weise man umdenken muss, um es in Richtung Nachhaltigkeit zu transformieren. Wir hätten richtig Lust, es jeden Tag zu schreiben: Der Kapitalismus kann dieses Umsteuern nicht, weil ihm Selbstbegrenzung wesensfremd ist. Das sieht man nicht zuletzt daran, wie gegenwärtig versucht wird, die eiernde Weltwirtschaft mit Kapitalflutung am Laufen zu halten, anstatt die Chancen zu nutzen, sie durch Kapitalverknappung bewusst schrumpfen zu lassen. Freilich müsste sich die Politik endlich an die Reichen herantrauen und sie vernünftig besteuern, damit die Schrumpfung nicht vor allem wieder durch die Ärmeren bezahlt werden muss, indem sie weiter an Arbeitsrechten und an sozialer Sicherung verlieren.

In Feistels Artikel kommt das nicht direkt vor: Aber eine ökologische Transformation ohne soziale Revolution ist der sichere Weg in den Krieg aller gegen alle, weil die Verteilungskämpfe explosionsartig zunehmen werden, Bürgerkriege und die Tenden zu Failed States eingeschlossen. Wie aber die Mächtigen dazu bringen, sich einem erdfreundlicheren System anzuschließen? Es wird nicht freiwillig passieren, da dürfen wir hundertprozentig sicher sein. Die Freiheit unserer Person begrenzt sich immer in der Freiheit anderer. Die absolute Freiheit der Großkapitalisten schadet schon lange der Freiheit der Mehrheit in allen Ländern, auf allen Kontinenten. Deswegen muss die Freiheit des Kapitals endlich beschnitten werden, und zwar nicht nur hier und da ein wenig. Eine kleinteilige Wirtschaft, wie Feistel sie fordert und womit wir weitgehend d’accord gehen, erfordert wiederum die Dekapitalisierung, die Zerschlagung von Großkonzernen und die Abschöpfung leistungsloser Riesenvermögen durch die Gesellschaft, die auf diese Mittel angewiesen ist, die ihr zustehen und die sie verwenden kann, um den Planeten noch einmal vor der allgemeinmenschlichen Gier zu retten.

Es liegt in der Luft und wir verweisen auf Feistels Zusammenfassung aller umweltschädlichen Tätigkeiten, die der Mensch derzeit ausübt, denn, siehe oben, er hat einen Übersichtsbeitrag geschrieben, nicht sich zentral mit den Vereinnahmungsmechanismen befasst, wie wir sie erst am Wochenende wieder am Werk gesehen haben. Das müssen wir nochmal gesondert kommentieren, wie Konzerne versuchen, viel zu früh die Aktivist*innen korrupt zu machen. Aber die Gefahr der Käuflichkeit besteht, wenn es nicht zu plump aufgezogen wird. Deswegen verstehen wir auch linke Strömungen, die Leitfiguren ablehnen, wegen des Verdachts, dass aus möglicherweise anfangs vorhandenem Idealismus im Verlauf der Berühmtwerdung ein Egotrip wird. Mindestens das, der Verdacht, die meisten positionieren sich nur vorne, weil sie von Beginn an vorhatten, sich vereinnahmen zu lassen, steht gleich mit im Raum – wie der berüchtigte Elefant.

Es gibt aber kein grünes ewiges Wirtschaftswachstum, das zieht sich nun durch alle Artikel nicht nur von Rubikon, sondern aller, die sich ernsthaft Gedanken machen und nicht versuchen, den Klimakrisenteufel mit dem Beelzebub auszutreiben, der, wenn man nicht aufpasst, unter dem Namen Green New Deal daherkommt. Was ein Green New Deal ist, das ist nämlich noch gar nicht ausdefiniert und die Gefahr, dass die Wirtschaft die Begriffshoheit in ihrem Sinne ausübt, wird immer dann virulent, wenn Menschen plötzlich ganz konkret auf irgendwas verzichten sollen, der Umwelt zuliebe. Das einzige, wo das bisher klappt, aber mehr aus Eigenliebe und wegen des ethischen Anspruchs, der sich ja im Alltag irgendwie manifestieren muss, ist die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten. In Wahrheit geht es auch da lediglich auseinander: Es gibt immer mehr Nicht-Fleischessende und immer mehr Fastfoodlover. Dazwischen sackt die bürgerliche, traditionelle Küche in sich zusammen und verschwindet bald ganz. Das ist aber nur ein Beispiel fürs Auf-der-Stelle-Treten, es gibt weitere, etwa den Trend zu immer mehr klotzigen SUVs und bisher hat niemand davon gehört, dass der Urlaubs-Flugreiseverkehr zurückgeht. Das wird tatsächlich erst kommen, wenn es zu teuer wird, und dann haben wieder diejenigen das Nachsehen, die sich sowas gerade mal so leisten können, nicht die gehobene Mittelschicht. Die soziale Falle der ökologischen Transformation ist so tief, dass man fast zum Mittelpunkt der Erde vordringen muss, um eine in falschen Weichenstellungen gefangene Gesellschaft aus ihr zu befreien.

Der Verkehr, der Konsum, die Kriege, die Ausbeutung, alles muss raus und auf dem Müllhaufen landen zusammen mit einem Zeitalter, in dem die Welt aus dem Ruder lief. Ganz schlecht dabei: Die Menschen haben sich bisher nie freiwillig beschränkt – es waren immer äußere Einflüsse, die für Pausen im Werden des Kapitalismus gesorgt haben – etwa, wenn der Feudalismus durch Kriege so geschwächt war, dass er sich erstmal erholen musste. Besser: Wenn die Kriege so viele Menschen getötet haben, dass es eine Zeit gedauert hatte, bis der frühere Bevölkerungsstand und Wohlstand wieder erreicht waren. Wie etwa nach dem dreißigjährigen Krieg. Wer es darauf anlagt, ein Drittel der Weltbevölkerung auszulöschen, um wieder etwas Luft zu schaffen: Auf heutigem Konsumniveau, Ressourcenverbrauchsniveau, Kapitalisierungsniveau nützt das fast gar nichts. Allenfalls eine Zehntelung der Weltbevölkerung würde dem gestressten Planeten die Möglichkeit zur dauerhaften Erholung ebnen. Das übriggebliebene Zehntel müsste dann außerdem sein Verhalten ändern.

Das klingt alles durchaus betrüblich und ohne die Hilfe einer Kapitalismuskrise größeren Ausmaßes, einer, welche die von 2008 in den Schatten stellt und deren nicht beseitigte Folgen gleich wieder mit an die Oberfläche spült, wird es nichts mit der menschlichen Einsicht. Ob es mit einer solchen Krise etwas wird oder die Mächtigen dann endgültig freidrehen, weil sie lieber den Untergang des Ganzen riskieren, als etwas abzugeben, wird sich zeigen. Die Vereinnahmung von Galionsfiguren einer Umweltbewegung ist ohnehin nur eine Episode in einem epischen Kampf und diejenigen, die immer auf Selbstermächtigung wert gelegt haben, können zeigen, dass der Tellerrand nicht identisch mit der Grenze des eigenen Hinterhofs ist.

TH 

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Bisherige Artikel der Herbst-Winter-Offensive „Die Planeten-Zerstörer“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s