„Wenn Klimaforscher die Welt regieren würden“ (DIE ZEIT) – Analyse #Umwelt #Klima #nocoal #CO2 #climatechange #climate

Nach dem prononcierten Beitrag „Die Umwelt-Verräter“ steigen wir heute aus der Timeline des Rubikon-Specials „Die Planeten-Zerstörer“ aus und lassen uns in den Mainstream hineinfallen. Vielleicht ist er auch gar nicht so mainstreamig. Im Dezember 2018 hat DIE ZEIT einen längeren Beitrag veröffentlicht, der mit „Wenn Klimaforscher die Welt regieren würden“ betitelt ist. Danach heißt es:

Autos abschaffen, Wald aufforsten, vegetarisches Essen – was muss der Mensch sofort tun, um die Erderwärmung zu stoppen? Neun führende Forscher antworten auf ZEIT ONLINE. 

So wenig radikal ist es aber gar nicht, was im Artikel gefordert wird. Wo es nicht hinreicht oder verkürzt dargestellt wird, darauf kommen wir in der Analyse zu sprechen.

Stand: Nur zehn Prozent aller Menschen in Deutschland ernähren sich vegetarisch und auf 82 Millionen Einwohner kommen ca. 45 Millionen Personenkraftwagen. Das kann ja noch nett werden, die ca. 80-90 Prozent Umweltverächter zu drehen. Das ist eigentlich eine Generationenaufgabe. Aber wir haben keine Generationen lang Zeit für diese Aufgabe. Und wo soll eigentlich das Essen herkommen, wenn nur noch Wald in der Gegend steht? Pilze sammeln! Beeren pflücken! Zwei Fruktarier haben beim beim Lesen dieser Empfehlung sofort die die Stirnhaut in tiefe Furchen gelegt.

Dass der ZEIT-Artikel etwas älter ist, gibt uns die Gelegenheit, nachzuschauen, was denn nun dank FFF schon umgesetzt wurde. Denn es ist wieder ein heißes, in vielen Teilen der Welt trockenes und von unfassbaren Großbränden gekennzeichnetes Jahr vergangen, seit dieser Grundatzartikel erschien. Wir steigen unter Auslassung des Vorworts in die einzelnen Vorschläge ein.

Im Grundsatz geht es aber darum: Wie schaffen wir es noch, das Ziel der Klimakonferenz von Paris 2014 einzuhalten, dass die durchchnittliche Temperatur auf der Erde nicht um mehr als 1,5 Grad Celsius ansteigt?

Die CO²-Steuer sei eine gute Sache.

Das Klimapaket vom Herbst 2019 sieht nun tatäschlich eine CO²-Steuer vor, keinen Zertifikatehandel, wie er ursprünglich gedacht war. Und nach den jüngsten Nachverhandlungen im Dezember soll die Steuer nicht mehr, wie bisher, 10 Euro pro Tonne betragen, sondern 25 und in den nächsten Jahren weiter steigen. Die wahren Kosten für eine Tonne CO², sagen Klimaschützer, liegen bei 180 Euro pro Tonne. Das Land mit der weitaus höchsten CO²-Steuer ist Schweden, mit 120 Euro pro Tonne liegt der Preis dort schon relativ dicht an den realen Kosten – und Schwedens Wirtschaft läuft gut, um an der Stelle gleich das übliche Lamento abzuhandeln. Besser als die deutsche – und nicht nur das, wie wir aus dem sozialen Bereich wissen. Ein klügerer Common Sense kann so viel ausmachen.

Es gibt fundierte Kritik an der CO²-Steuer, die besagt, das Pferd wird von hinten aufgezäumt: Anstatt die Wirtschaft so zu transformieren, dass CO²-Ausstoß von vornherein vermieden wird, wird damit gehandelt und damit das CO² zu eineem Marktartikel innerhalb der bestehenden, zerstörerischen Wirtschaftsordnung. Der Green New Deal offenbare bereits bei der CO²-Steuer seine Schwächen. Wir teilen die grundsätzliche Kritik also, eine schnelle, hohe CO²-Steuer würde jedoch bei der Transformation helfen. Sie ist aber – komisch, wieso kommt uns dabei gerade der Berliner Mietendeckel in den Sinn – keine Dauerlösung, weil sie in der Tat die sozialökologische Transformation ab einem bestimmten Zeitpuntk eher bremsen als fördern könnte.

Die Steuereinnahmen als Kopfpauschale an die Bevölkerung zurückzugeben, wird ebenfalls vorgeschlagen. Das wurde bereits diskutiert, wäre für hiesige Verhältnisse aber viel zu einfach und zu sozial gerecht.

Alles, was neu gebaut wird, sollte CO²-frei sein.

Kraftwerke, Autos, Industrieanlagen. Am besten schon 2025 komplett. Klingt gut, halten wir aber für stark verkürzt. Schon wegen der hohen Emissionen bei der Herstellung der Kraftfahrzeuge und der Anlagen. Erst ab Fertigstellung, also nur im Betriebszustand zu rechnen, verkürzt die Umweltbilanz stark. Der Ressourcenverbrauch, gerade von selteneren Werkstoffen, ist bei Elektroautos ist mindestens genauso hoch wie der mit fossilen Kraftstoffen betriebenen. Es müssten intelligentere Mobilitätskonzepte her, vor allem und zunächst für die großen Städte. Dass in Berlin ca. 350 Autos auf 1000 Einwohner kommen, Tendenz steigend, ist ein Witz, angesichts der Tatsache, dass man mit der BVG in der Innenstadt viel schneller unterwegs ist. Und es doch eine der niedrigsten Quoten in Deutschland. Das zeigt wieder, wie sehr ökologisches Bewusstsein auch vom Geldbeutel abhängig ist. Abgesehen davon, dass die Autos immer schwerer und stärker werden. Vor dieser Tendenz sind auch Elektromobile nicht gefeit, wie man daran sieht, dass deutsche Hersteller sich darin gefallen,  geradezu monströse Elektro-SUVs auf die Räder zu stellen.

Bei „Bauen“ haben wir aber auch „Bauen“ im engeren Sinn assoziiert, das kommt zumindest in diesem Abschnitt gar nicht vor. Der hohe Druck, mehr zu bauen, der in Berlin herrscht, ist umweltschädlich, daran führt nichts vorbei. Bodenversiegelung, Zement, der erhebliche Mengen an CO² verursacht sind nur zwei Probleme. Auch der neuerdings von R2G so hübsch favorisierte Holzbau ist logischerweise nicht problemfrei, wenn er im großen Stil kommen sollte: Aus regionalem Einschlag bei  Aufforstung in mindestens gleichem Maße werden die Mengen, die dann benötigt werden, sicher nicht zu gewährleisten sein.  So läuft es z. B. in Nordamerika, wo die Größe der Bretterbude immer noch das Maß des Wohnkomforts bestimmt:

Vor der Entdeckung Nordamerikas durch die Europäer war circa die Hälfte der Vereinigten Staaten durch Wald bedeckt. Es wird geschätzt, dass um 1600 noch etwa 4 Millionen Quadratkilometer Wald bestanden. Analog zum Bevölkerungswachstum wurde im Verlauf der folgenden 300 Jahre ein Großteil des Waldes gerodet, um Platz für eine landwirtschaftliche Nutzung zu schaffen. Für jede zusätzliche Person wurden dabei ein bis zwei Hektar neues Land kultiviert. Erst 1920 kam diese Entwicklung zu einem Stillstand, auch wenn die Bevölkerung weiter anwuchs. Von 1952 an stieg der Waldanteil sogar wieder an, da auf nicht mehr genutzten Flächen wieder neuer Wald aufkam. 1963 erreichte diese Entwicklung mit einer Waldfläche von insgesamt 3,080,000 km² ihren Höhepunkt. Seitdem ist ein stetiger Rückgang der Waldfläche zu beobachten.[19] Dabei kommt es nach wie vor zur Abholzung der Reste der ursprünglichen Wälder sowie zu einer immer weiteren Zerschneidung der Wälder. (Wikipedia)

Dabei ist anzumerken, dass größere Gebäude in den Städten auch in Nordamerika aus Stein, Beton, Stahl und Glas gefertigt werden.

Alle Länder sollten eine Klimaschadensbilanz erstellen

Kommt uns ein wenig vor wie: Wir müssen erst alle Obdachlosen zählen, bevor wir endlich für angemessenes Wohnen für sie sorgen können. Es kann nicht schaden, Statistik zu machen, Bilanz zu ziehen, aber die Gefahr besteht, dass sich Kriterien nicht valide festlegen lassen, weil es im Detail noch viele Unschärfen gibt, was nun z. B. menschengemachte und was natürliche Anteile am Klimawandel sein könnten, welche Abweichungen aller Art in jedem Land berücksichtigt werden müssen. Wie stellt man Vergleichbarkeit her? Falls wir die Zeit dazu bekommen, schauen wir uns an, wie die Kriterien gemäß der Oxford-Studie aussehen sollen. Vielleicht schreiben wir dann auch darüber, ob wir sie für realistisch halten.

Ernäherung umstellen, höchstens 600 Gramm Fleisch pro Woche

Und ein  hoher Obst- und Gemüsanteil. Jetzt könnten wir sagen: Für uns nun wirklich kein Problem, aber es gibt noch genug Menschen, die täglich ein Stück Fleisch auf dem Teller haben und die Lebensgewohnheiten, die außerhalb der Oberschicht erst in der vorletzten Generation entstanden sind und von einem Übermaß an Lebensmittelkonsum im Ganzen künden, nicht aufgeben möchten. Mit dem besseren Konsumverhalten ist es wie mit dem Sport machen: Sollte man schon aus einem ganz eng verstandenen eigenen Interesse heraus. Und trotzdem geht es bei vielen in die andere Richtung. Bewegungsmangel und Fast Food-Expansion künden davon, dass ein himmelweiter Unterschied zwischen der „Blase“ besteht, die sich ernährungsseitig immer mehr verwissenschaftlicht und ständig selbst optimiert und der Mehrheit.

Mehr Achtsamkeit in einer Welt, in der immer weitere Bevölkerungskreise prekarisiert werden, ist schwierig. Womit wir wieder beim Kern sind: Entweder wir geben die Ausbeutungsstrukturen auf und gehen endlich an die Umverteilung oder weite Teile der Bevölkerung werden auf dem Marsch ins ökologisch-klimatechnische Glück nicht mitmachen, weil sie gar nicht den Kopf und den Nerv für derlei ambitionierte Ziele haben. Vielen von ihnen ist es auch schlicht wurscht, was aus einem Planeten wird, auf dem sie keine menschenwürdige Rolle spielen dürfen.

ÖPNV und Telekonferenzen

Keine Frage, der ÖPNV muss verbessert werden, wir warten in Berlin darauf, dass z. B. die Taktung der U-Bahnen dem immer mehr steigenden Aufkommen angepasst wird. Ist ja ein gutes  Zeichen, dass die Züge so voll sind, Greta Thunberg lässt grüßen. Aber es gibt eine Menge zu tun, auch, was Zuverlässigkeit und Service angeht. Dass wir alle zwei Tage den Fahrschein kontrolliert bekommen, selbst, wenn wir nur zwei Wege am Tag zurücklegen, ist aber die einzige Veränderung, die wir in letzter Zeit wahrnehmen. Telefonkonferenzen finde wir vor allem für Teilnehmer gut, die weit voneinander entfernft konferieren müssen. Aber trotzdem sind wir zwiespältig, denn längere Summits oder wichtige, entscheidende Gesprächsrunden, nicht nur einzelne Besprechungen, haben auch einen sozialen Charakter, der sich durch häufigere Telefonkonferenzen nicht substituieren lässt. Trotzdem ist einzusehen, dass man nicht für jedes Repräsentationsgespräch durch die Gegend fliegen muss, dass technische Lösungen weltweit in hohem Maße online lösen lassen. Und schon gar nicht muss man jeden Urlaub als Flugfernreise gestalten.

Die Biopshäre schützen

Wir gehen bei diesem Abschnitt bzw. bei jedem einzelnen Wort daraus mit. Aber wir müssen Salz in die Logik-Wunde einiger unserer Freund*innen streuen. Oben, beim Bauen, sind wir abgebogen und haben einen entsprechenden Absatz noch gerade gecancelt, aber wir werden eben immer wieder darauf gestoßen. Bautätigkeit, die Böden verschlingt, die sehr viel CO ausstößt, ist unabdingbar, wenn eine nahezu unbegrenzte Migration gefördert werden soll. Die gesamte Versorgungs-Infrastruktur muss erweitert werden. Und wie sieht es mit der Weltbevölkerung aus? Kann man diese tatsächlich ungehindert immer weiter wachsen lassen, ohne dass dadurch immer mehr Platz für die Bevölkerung selbst und für ihre Ernährung verwendet werden muss, wenn beides auf einem menschenwürdigen Niveau gesichert sein soll? Können wir von Selbstbeschränkung auf allen möglichen Ebenen reden und gleichzeitig nicht über eine ernsthafte Geburtenkontrolle für Länder, in denen die Bevölkerung immer schneller wächst? Eine Spezies, die sich so rasch vermehrt, hält kein Biosystem aus, das muss zulasten anderer Arten gehen.

Die Landwirtschaft ökologisieren

Wir gehen wieder ganz und gar mit, wir halten Schritt. Wir sehen uns schon als produzierende Konsumenten oder konsumierende Produzenten von frischer Bioware. Wir werden viel Spaß vor allem an den sozialen Auswirkungen der Diversifizierung haben, die uns mit vielen neuen Menschen zusammenbringen wird. Und natürlich am guten Geschmack biologischen Landbaus und am guten Gefühl, wieder was selber gemacht zu haben. Aber wie sieht es mit den Erträgen aus? Sind sie gleich hoch, höher oder niedriger als beim konventionellen Landbau. Optimisten sagen: höher. Die Biodiversität hilft den Erträgen. Wir machen wieder mit, wir sind optimistisch. Aber gilt das für andere Breitengrade ebenso wie für unsere, wo fast alles wächst, was man sich vorstellen kann, und sei es im Glashaus? Und wie erst, wenn es noch etwas wärmer werden wird? Vorausgesetzt, das Wasser geht uns nicht aus. Sie ist in Berlin-Brandenburg immerhin ein Thema, die Wasserknappheit.

Wie aber bei vorerst nicht zu stoppender Desertation in den richtig heißen Zonen, wenn dort, siehe oben, immer mehr Menschen unterwegs sind, die wir, siehe noch weiter oben, nur unter Zurückstellung ökologischer Belange hier ansiedeln könnten? Wird auf immer weniger Fläche ökologisch wertvoll so viel angebaut werden können, dass es für immer mehr Menschen reicht? Natürlich, es wird derzeit viel weggeworfen, aber das ist vor allem ein Problem der Industrieländer. Den Überschuss gar nicht erst herzustellen, wäre aber bei weitem öko-logischer, als ihn aufwendig in Länder zu verschiffen, deren regionale Agrarwirtschaft durch diese Überschüsse außerdem zerstört wird.

CO²-Kennzeichnung für Produkte

Wenn wir Elektrogeräte kaufen, schauen wir natürlich, welche A-Klasse wir anschaffen. Und auch mal bei den Lebensmitteln auf bestimmte Ingredienzien usw. und bald soll es ja auch in Deutschland möglich sein, einem Produkt direkt am Label anzusehen, wie hochwertig es ernährungstechnisch ist. Und Blockchain klingt immer so super, aber kann man wirklich jedes Glied in der Kette validieren oder wird Schmu genauso möglich sein wie heute auf konventionelle Art? Diese hochgradig technisch administrierten Lösungen sind für uns nicht der letzte Schrei, nach dem sie klingen. Außerdem kommen wir damit in ein weiteres schwieriges Feld: Wenn eine CO²-Kennzeichnung des gesamten Herstellungsprozesses vorgenommen wird, heißt das nichts anderes, als dass Renationalisierung und Regionalisierung Pflicht sind. Schluss mit dem Ressourcen verschwendenden Rumschippern von Teilen um den Globus, damit sie an billigen Werkbänken in Südostasien und anderswo zusammengesetzt und dann wieder hierher zurücktransportiert werden. Ganz klar.

Mit CO²-Kennzeichnung wird ein bei uns hergestellter Öko-Pulli das labberige T-Shirt aus Bangladesch plötzlich alt aussehen lassen. Was es, alle ökologischen Folgekosten betrachtet, auch ist. Dumm für die arbeitenden Menschen in Banladesch. Und in anderen Werbank-Ländern, denen doch bescheinigt wird, wie sie vorankommen. Wie fleißig sich Milliarden Menschen in diesen Ländern in den letzten Jahrzehnten aus Hungersnot in eine etwas weniger bittere Armut emporgearbeitet haben, ausgebeutet werden sie natürlich wie zuvor. Dank vieler Menschen im Westen, die glauben, sie würden noch konsumieren wie einst, dafür in Wahrheit aber extrem günstige Preise benötigen, sonst wäre längst ersichtlich, wie der soziale Abstieg immer weiter um sich greift: Würde man die Ökobilanz aller Produkte wirklich im Abgabepreis an die Endverbraucher verankern, wäre von heute auf morgen der Verzicht keine Option mehr, sondern für die meisten bitttere Notwendigkeit. Und damit würde die Lüge von einem noch funktionierenden kapitalistischen Wirtschaftssystem so eklatant zutage treten, dass es zu echten Unruhen kommen könnte. Und wer von den Regierenden, Mächtigen, Reichen will das schon?

Politiker*innen wählen, die Klimaschutz voranbringen

Der letzte Absatz stammt von Michael E. Mann, einem der führenden Klimaforscher in den USA, hierzulande gab es schon Medienverwicklungen zwischen ihm und Klimaleugnern, auf die wir aber hier nicht eingehen möchten. Er führt uns aber zu einem weiteren Knackpunkt. Warum bloß herrscht in den USA eine so unfassbar rückwärts gewandte Administration? Weil die Amerikaner sie gewählt haben. Nicht mehrheitlich, wie man angesichts unseres Verhältniswahlrechts glauben könnte, aber immer hin fast die Hälfte von ihnen. So viele, vielleicht derzeit noch mehr, glauben, es sei okay, dass Präsident Trump und seine unheiligen Mitstreiter die USA wieder in die 1950er zurückführen wollen, ökologisch gesehen. Vermutlich, weil sie glauben, es entstünde dann auch der allgemeine Wohlstand jener Zeit wieder.

Es gibt aber kein Zurück. Wir haben das in linken Publikationen alles nachgelesen, wie z. B. externe Gründe dabei eine Rolle spielen, die Konkurrenz um jeden Preis mit dem aufstrebenden China zum Beispiel, das jedes Jahr mehr Emissionen zusätzlich verursacht, als der Rest der Welt derzeit einspart, hinzu kommen noch die Steigerungen anderer neuer Industriestaaten und an der Schwelle zur Industrialisierung stehender Länder. Ideologisch und bezüglich der Gerechtigkeit ist das alles hochkomplex, aber nur wegen geostrategischer Aspekte den Klimaschutz einfach mal für obsolet zu halten, ist so dämlich, dafür findet man kaum Worte. Nun gut, man findet schon welche, denn es gibt ja noch genug andere Dummheiten, über die man jeden Tag schreiben muss. Daher hat man  den Wortschatz dafür einigermaßen im Kopf, auch wenn man ihn selten anwendet. Aber: Die Dimensionen sind beim Klima- und Umweltschutz die derzeit größten, das Thema ist das wichtigste, die Folgen eines Fails beim Klimaschutz sind nur von einem weltweiten Atomkrieg zu übertreffen. Weil der schneller für das Ende der Zivilisation sorgen würde.

Und wieso wählen wir – stattdessen – keine Politiker, die Umweltschutz glaubwürdig machen? Die Frage ist gar nicht trivial. Denn die Grünen beispielsweise ertappt man immer wieder dabei, wie sie in der Praxis ganz schön von der reinen Umweltschutzlehre abweichen und außerdem können sie und alle anderen derzeit nicht darstellen, wie die ökologische Transformation und eine migrationsoffene Haltung ohne adäquate Friedenspolitik und ohne sozialen Ausgleich, ohne Umverteilung von oben nach unten funktionieren sollen. Da liegt der Hase im Pfeffer oder der Hund begraben, um zur Abwechslung erschreckende Sprachverwendung aus der Zeit vor der auch Tieren gegenüber anzuwendenden PC zum Einsatz zu bringen: Die Menschen trauen denen nicht, die keine stimmigen Konzepte vorlegen können. Sie haben einfach keinen Bock darauf, immer an der Nase herumgeführt zu werden und die Opfer für das erbringen zu müssen, was andere anrichten und was wieder andere ihnen erlauben und es sogar fördern.

Die persönliche Lebensweise ist schon wichtig, aber ihre Justierung nicht ausreichend, wenn es keine übergreifenden Systemveränderungen gibt. Wer will die Menschen in diese Unsicherheit mitnehmen, die Politikern nur noch mit Angst und Misstrauen begegnen, nach 30, 40 Jahren Wähler*innenbetrug? Wir haben eher das Gefühl, dass Selbstermächtigung noch ein ganz wichtiges Ding werden wird. Ohne, dass die Zivilgesellschaft sich massiv einbringt, wird nichts laufen. Das tun FFF und unsere Aufgabe ist es, weitere Komponenten beizusteuern: Ökologische Konversion nur mit weniger bellizistischer, sozial progressiver Politik.

Von all dem ist im ZEIT-Artikel bezeichnenderweise kein einziges Wort zu lesen. Als wenn das ganz andere Felder wären, komplett abgekoppelt von der blockchainmäßig erstellten Ökobilanz, der Vermessung jeder wirtschaftlichen Tätigkeit nach ihren ökologischen Kosten.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Bisherige Artikel der Herbst-Winter-Offensive „Die Planeten-Zerstörer“

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