Unvergessen – Tatort 874 #Crimetime 498 #Tatort #Wien #Eisner #Fellner #ORF #Unvergessen

Crimetime 498 - Titelbild © ORF / Graf Film, Toni Muhr

Formen des Vergessens und Unvergessenes

Die Pharmaindustrie kämpft gegen Alzheimer, der Oberst Eisner (in der Vorschau schrieben wir noch „Major“, das Vergessen greift tatsächlich immer mehr Raum) kämpft gegen das kollektive Vergessen der Nazizeit. Natürliche Verbündete? Mitnichten.

Auch der 30. Fall des Wiener BKA-Ermittlers ist wieder stark gespielt, das hat sich ja nun eingebürgert. Die Handlung mutet hingegen ein wenig seltsam an und vor allem wird der Griff nach der bösen Vergangenheit am Ende relativiert durch eine scheinbar noch bösere Gegenwart. Das hätte nicht sein müssen und eines bleibt bei allen Qualitäten, die besonders die jüngeren Eisner-Tatorte aufweisen: Das Durchstoßen in die braune Suppe der Zeit bis 1945 ist eben doch heikel und den Zeiten gerecht zu werden, bedarf einer Konsequenz, die „Unvergessen“ leider nicht aufweist. Weiteres, was zur Einschätzung des Films wichtig ist, steht in der -> Rezension.

Handlung

Ein nächtlicher Notruf aus einem fahrenden Auto alarmiert die Polizei in Kärnten: „Eisner, BKA Wien, Dienstnummer 318-12-58. Brauche Unterstützung!“ Wenig später wird Oberstleutnant Moritz Eisner durch einen Kopfschuss schwer verletzt und reglos hinter dem Steuer seines Wagens in einem Steinbruch aufgefunden. Als er auf der Intensivstation aufwacht, hat er nicht die geringste Ahnung, was geschehen ist. Denn er leidet unter einer „retrograden Amnesie“, durch die das traumatische Erlebnis selbst ausgeblendet wird. Eine fatale Folge der Schussverletzung.

Vergeblich sucht er nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus in seinem Büro nach Hinweisen auf seine Reise in diesen Wochenend-Urlaub. Auch seine Kollegin Bibi Fellner und Tochter Claudia können ihm nicht helfen. Moritz Eisner will unbedingt herausfinden, was da mit ihm passiert ist. Deshalb dirigiert er das Taxi, das ihn auf Weisung seines Chefs Ernst Rauter nach Hause bringen soll, kurz entschlossen nach Kärnten um.

Die Ankunft Eisners, der unter Sprachstörungen und Aussetzern leidet, spricht sich wie ein Lauffeuer in dem Ort herum, und nicht alle sind erfreut über sein Auftauchen. Sein erster Ansprechpartner ist die örtliche Polizei, weil er u. a. die Spur eines silbergrauen Autos verfolgen will, an das er sich schemenhaft erinnern kann. Inspektor Josef Hudle hatte Eisner gefunden. Doch er weiß nichts von einem solchen Fahrzeug.

Eine Frau weiß noch genau, dass Moritz Eisner bei ihr rote Rosen und eine Flasche Champagner gekauft und sich nach dem Weg zur Kapplerhütte erkundigt hat. Beim Durchsuchen der Hütte kommen bei Moritz bruchstückhaft Erinnerungen an verschiedene Szenen zurück. Er erkennt auch seine Reisetasche wieder, die in einer Ecke steht. Allerdings wurden von unbekannter Hand der Wohnraum verwüstet und die Wände mit Nazi-Schmierereien besprüht.

Die beiden BKA-Spezialisten finden bald heraus, dass die Journalistin Maja Jancic-Herzog, deren Familie die Hütte gehört, mit ihren bohrenden Fragen zu einem Massaker auf dem „Persmanhof“ in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges einigen Dorfbewohnern heftig auf die Füße getreten ist. Und dass ihr Ehemann Richard Herzog eine Vermisstenanzeige erstattet hatte.

Bei der Untersuchung des Kiesteiches im Steinbruch wird ein Pkw geborgen. Im Laderaum liegt die tote Maja Jancic-Herzog – erschossen, offenbar aus nächster Nähe. Auf ihrem Laptop, der unter dem Reserverad versteckt war, ist zu sehen, wie weit sie mit ihrer Dokumentation gekommen war. Besonders brisant: Die letzte Überlebende des schrecklichen Geschehens, Jozefa Karnicar, verrät der Filmemacherin, dass einer der am Massaker beteiligten Täter offenbar noch unbehelligt unter ihnen lebt.

Rezension

Freilich wäre der Plot sehr einfach gewesen, hätten tatsächlich die Dörfler in dem österreichischen Bundesland, das einst den Haider Jörg zum Landeshauptmann gemacht hat, die investigative Journalistin Maja Jancic auf dem Gewissen. Man versteht diesen Krimi aber erheblich besser, wenn man sich mit der jüngeren Geschichte Kärntens und damit des (Oberösterreichers) Jörg Haider und natürlich, mit dem Namenstafelstreit, mit dem Populismus, der immer gut ankommt, mit der allgemein von der deutschen Art der Aufarbeitung des Nationalsozialismus abweichenden österreichischen Variante etwas auskennt. Dann findet man den Tatort 874 auch spannender, als wenn man ihn auf die Handlungsführung reduziert, die nicht nur aufgrund von Eisners Gedächtnislücken viel langsamer ist als in den vorangegangenen Wien-Tatorten.

Technisch ist man in Österreich auf der Höhe der Zeit, das beweist die Klagenfurter Pathologie / Rechtsmedizin, wo die Särge ferngesteuert durch die Gänge rollen. Das ist natürlich ein Gag, die Anzahl der Leichenherbergen deutet darauf hin. Aber so mechanisch ist ja unser Umgang mit dem Tod, so geschäftlich, will man uns damit sagen, und da ist etwas dran.

Ein Menschenleben zählt heute nicht mehr als zur Nazizeit, das suggeriert diese Gegenüberstellung von Morden im Dienst der Wissenschaft mit einem SS-Massaker in einem Kärntner Dorf kurz vor Kriegsende im Jahr 1945. Damals ging es gegen die slowenische Minderheit, heuer werden in Georgien gewissenlos Versuchsmenschen durch medizinissche Tests ausgelöscht. Natürlich gibt es eine weitere Konnotation, nämlich zu den Menschenversuchen der NS-Ärzte in den Konzentrationslagern.

Eisners von Harald Krassnitzer hervorragend gespieltes Vergessen, seine Aussetzer, sind eine weitere Anspielung auf das lückenhafte Volksgedächtnis und darauf, wie gerne man die Dinge ausblendet, die das schön Bild der eigenen Vergangenheit, der Vergangenheit der Vorfahren und vielleicht eines Landes stören könnten. In den Kanon der Symbolismen gehört demgemäß die Demenz des alten Herrn Wiegele, der zu den Tätern des thematisierten Massakers gehörte. Damals, vor 68 Jahren. Schön zu sehen, dass er in Wirklichkeit noch alles weiß und sich sein Vergessen mehr auf die Neuzeit bezieht. Dies ist in der Tat der Verlauf beim aus Altersgürnden schwindenden Gedächtnis, dass Menschen die Dinge ihrer Jugend genau erinnern, aber neue Fakten kaum noch aufnehmen können und aktuellen Veränderungen hilflos gegenüberstehen.

Soweit alles verstanden und es ist ein Genuss, den Österreichern beim Spielen zuzuschauen. Wir haben im Zuge einer früheren Rezension einmal geschrieben, dass der Dialekt das Spiel vielleicht besser wirken lässt, als es nach Meinung der Einheimischen vielleicht tatsächlich ist, weil dadurch eine authentische Atmosphäre geschaffen wird. Wir haben auch fast alles verstanden, ohne zurückspulen zu müssen zwecks nochmaligem Anhören bestimmter Stellen. Dass der Tatort einfach zu verstehen war, liegt aber auch an seiner simplen Konstruktion. Ein echter Schauspielerfilm, eine Plattform für einen Harald Krassnitzer und eine Adele Neuhauser, die es seit dem Beginn ihres Zusammenwirkens schaffen, knisternde Ermittlerchemie zu erzeugen und eine Menge Schmäh. Dieser ist im Tatort 874 nicht so stark ausgeprägt wie sonst, zumal keine Deutschen vorkommen und man sich ganz auf das tatsächlich nicht ganz störungsfreie Verhältnis zwischen den Wienern und den anderen Österreichern konzentriert. Da ist eine Menge Pfeffer drin, das wird in manch gequältem Aufschrei der ländlichen Patriotenseele aufgrund mancher Provokation von Vertretern der roten Zentrale deutlich.

Das seltsam Wahre daran ist, dass viele Menschen meinen, ihre Identität durch Sich-Abgrenzen sicherstellen zu müssen und nicht durch den Austausch mit anderen Kulturen, sondern durch das Verweilen im vermeintlich Gleichen Sicherheit zu finden. Das gilt allerdings für Einheimische ebenso wie für viele Migranten, was zwangsläufig zu Friktionen führt und vermutlich immer führen wird. Daher ist es konsequent, dass es im Tatort 874 kein „einwandfreies Verhalten“ gibt und Eisner sich Verdächtige vorknüpft, die allerdings am Tod der Journalistin mitgewirkt haben. Es ist alles verwoben, es gibt keine Eindeutigkeit, wie sie besonders in bestimmten norddeutschen Tatorten (Bremen, Hannover) manchmal etwas lebensfremd herbeigeführt wird. Uns ist diese Gemengelage sympathisch, weil sie das eine oder andere Dilemma gut aufzeigt ohne zu suggerieren, dass es Patentrezepte gegen alberne Nationalismen und engstirnige Weltbilder gibt. Nicht jeder ist so in der Welt herumgekommen, dass er die Mechanismen analyisieren und sich von ihnen distanzieren kann, und von wem man das behaupten kann, wie von Moritz Eisner, der hat seine eigenen Vorurteile.

Hätte man nicht den medizinischen Komplex heutiger Prägung etwas künstlich hineingewoben, hätte „Unvergessen“ eine großartige Abhandlung über die Abwesenheit der großen Toleranz werden können, wie sie bei genauem Hinsehen nicht einmal in Metropolen wie Berlin überall herrscht. So überlagt die ambivalente Botschaft die Ambivalenz von Gesellschaften, die mit den Schatten der Vergangenheit leben müssen.

FInale

„Unvergessen“ ist wieder kein schlechter Eisner / Fellner. Er regt zum Nachdenken an, wenn man bestimmte Verknüpfungen bedenkt, auf die hier angespielt wird. Er hat schauspielerische Kraft, die aber nicht mit einer adäquaten Wucht des Plots zusammenfließt, um einen besonders guten Tatort zu schaffen. Angesichts manches Debakels in 2013 ist das allerdings nicht schlimm und es hat überwiegend Spaß gemacht, dem stotternden Eisner und der grantelnden Bibi zuzuschauen, wie sie im ländlichen Feindesland ermitteln. Solche Konstellation gab es in deutschen Tatorten schon häufig, aber durch die regionale Bezogenheit und die deutliche Nennung z. B. des Bundeslandes Kärnten als einem Hort des stumpfen Rechtspopulismus gewinnt „Unvergessen“ eine besondere Form von Lokalisierung. Nicht zueltzt deshalb musste man wohl im Vorspann das mittlerweile sehr seltene, sinngemäß wiedergegebene Satzgebilde anbringen, dass alle Ereignisse und Personen des Films fiktiv sind und Bezüge zur Realität nur zufällig. Diese Einblendung kann aber auch wieder ein typisch wienerischer Schmäh gewesen sein. 

7,5/10

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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