Das Leben nach dem Tod – Tatort 1108 #Crimetime 497 #Berlin #Karow #Rubin #RBB #Leben #Tod #Mietenwahnsinn #DDR #Todesstrafe

Crimetime 497 - Titelfoto © RBB, Marcus Glahn

Wer starb mit Jesus am Kreuz und wer wurde in der DDR trotz Todesurteil nicht hingerichtet?

Man sollte bei den heutigen Tatorten a.) davon Abstand nehmen, nebenbei essen zu wollen, b.) sich in der Bibel wieder etwas besser auskennen und c.) mit der DDR-Justiz und dem damaligen Strafrecht. Ersteres macht dick, außerdem ist der Ekelfaktor mittlerweile für einen guten Appetit zu hoch, dadurch schlagen die Kalorien noch mehr zu Buche, außerdem ist Dismas nach einhelligen Darstellungen an einem normalen Kreuz gekreuzigt worden, nicht an einem „Y“, wohingegen nicht sicher ist, ob Jesus wirklich ans Kreuz genagelt wurde. Und in der DDR wurden Todesurteile ausgesetzt aus einem Grund, den wir beinahe vermutet hätten, falls er denn stimmt: Um im Ausland einen guten Eindruck zu machen – die UNO! Das Todesurteil, um das es im Film geht, datiert aus 1972 und 1973 traten die BRD und die DDR in der Tat gleichzeitig in die UNO ein. Wenn dort allerdings kein Staat Mitglied werden dürfte, in dem es die Todesstrafe gibt, wären unwichtige Länder wie China oder die USA nicht dabei und das eine oder andere Kopf-ab-Regime könnte dort nicht mehr sein Unwesen treiben. Soweit zu den Rahmenbedingungen, über den Film selbst steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Als Kriminalhauptkommissar Robert Karow nach Hause kommt, steht vor seinem Haus ein Leichenwagen. Karows Nachbar ist tot. Der Kommissar hat wochenlang neben einer Leiche gelebt und nichts bemerkt. Karow ist erschüttert, während es die Vermieterin Petra Olschewski auffällig eilig hat, den Ort reinigen zu lassen.

Obwohl er nie Kontakt zu dem Mann hatte, betritt Karow spontan die Nachbarwohnung und erklärt sie zum Tatort. Als die Gerichtsmedizinerin Jamila Marques einen Genickschuss an der bereits mumifizierten Leiche entdeckt, denkt Nina Rubin doch über Karows These „Entmietung per Mord“ nach, und nimmt die Vermieterin ins Visier. Karow hingegen verfolgt eine Spur zu Clans, die in Berlin Jugendliche wie Ana und Magda zu Einbrüchen bei alten Leuten schicken. Karow kommt in Kontakt zu Gerd Böhnke, der Richter a. D. war Opfer so eines Einbruchs. Hat Karows toter Nachbar ein ähnliches Schicksal erlitten? Je mehr die Kommissare über Gerd Böhnke erfahren, desto mehr sehen sie den Träger des Ordens „Verdienter Jurist der DDR“ in neuem Licht.

Erst 1987 wurde in der DDR die Todesstrafe abgeschafft – der „Tatort“ greift das Thema erstmals auf.

30 Jahre liegt der Mauerfall im Herbst 1989 zurück. Der Berliner „Tatort“ nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, über ein wenig bekanntes und in der ARD-Krimireihe noch nicht thematisiertes Stück Geschichte zu erzählen: In der DDR wurde die Todesstrafe verhängt.

Drehbuchautorin Sarah Schnier sagt: „Im Zuge eines anderen Projekts hatte ich mich mit der DDR und ihrem Justizsystem befasst und dabei erfahren, dass es bis 1987 die Todesstrafe gab. Aus diesem wenig bekannten Umstand habe ich eine Geschichte für das Mordopfer konstruiert, bei der das größere Rätsel am Ende womöglich nicht ist, wie er zu Tode gekommen ist, sondern wie und warum er gelebt hat.“ (ARD-Infotext)

Rezension

FireShot Capture 136 - #Tatort - Twitter Suche _ Twitter - twitter.comKommissarin Nina Rubin so: Mieter, die zu lange in ihren Wohnungen leben und zu wenig Miete zahlen per Genickschuss töten, warum nicht? Das ist Vermietern zuzutrauen, der Verdacht ist allemal berechtigt.

Vermieterin zum Nachbarn des Toten so: Leichengeruch stellt keinen Grund zur Mietminderung dar.

Man merkt, wir sind in Berlin. Trotzdem war’s die Vermieterin nicht, von der wir aber unbedingt ein Bild mit einem passenden Twitter-Spruch bringen möchten. Jetzt ist Schluss mit lässig und es wird sogar Frauen treffen , die sich in einer Männerdomäne durchgesetzt haben, wenn sie zu viel Miete verlangen.

Weitere gute Tweets: „Für die Dreharbeiten zu diesem #Tatort wurden 10 000 Fliegen dressiert“ oder „Als 18-Jähriger hingerichtet worden und jetzt noch mal gestorben. Manche kriegen einfach nie genug.“ Es gibt in vielen Drehbüchern Dialogstellen, über die macht sich sogar das offzielle Tatort-Twitter-Team lustig, aber so langsam glauben wir, genau zu dem Zweck, etwas selbstironisch sein zu dürfen, werden solche Sätze geschrieben. Was haben wir noch? Eine Jung-Justizperson, die im Praktikum herausfinden soll, ob sie lieber Staatsanwältin oder Richterin wird. Nachdem Rubin sie unfreiwillig auf dem Klo erwischt, ist bereits klar, nicht bei Mord und Totschlag. Rubin selbst will zur Präventionsstelle, mal was tun, bevor es zu spät ist und nur noch Tote zu besichtigen sind, aber Alibijüdin beim interkulturellen Verständigungsdienst, erklärt Karow, ist nicht ihr Ding. Und plötzlich kommen die beiden einander näher, ausgerechnet in dem Zimmer mit den vielen Fliegen. Und es wirkt. Das hatten wir doch schon einmal so geschrieben? Wieso haben wir bei der Szene ein Déjavu? Es wirkt so, dass es Karow so heiß und so eng wird, dass er den Verdacht kriegt, das Zimmer ist kleiner als das entsprechende in seiner, der Nachbarwohnung, obwohl die Behausungen offenbar gleich geschnitten sind – und er findet einen Hohlraum hinter der Wand und damit den Zugang zur Vergangenheit des Toten, der ein verurteilter Dreifachmörder war. Aber das Urteil wurde nicht vollstreckt. Grund: siehe oben. 

Was haben Sie empfunden, als der alte Mann, ein mit Orden ausgezeichneter verdienter Jurist der DDR, die beiden Gören mit seiner Walter P 38 in Schach hielt, die ihn schon im Visier hatten, um ihn zum  zweiten Mal auszurauben? Das ist so schön dialektisch: Ordnung und Ruhe in der DDR gegen einen unerbittlichen Staat, der die Todesstrafe verhängte. Freiheit gegen Sicherheit. Damals gegen heute. Platte gegen Platte. Dass Karow im Ostteil der Stadt lebt, war uns klar, aber in einer Großplatte? Anfangs wirkte seine Behausung viel elitärer. Vermutlich haben sie das geändert, weil wir der Ansicht Ausdruck verliehen und vermutlich nicht die einzigen waren,  dass seine Wohnung lassen darauf schließen lässt, dass er tatsächlich mit der OK unter einer Decke steckt, womit doch in den ersten Karow-Rubin-Filmen auf eine Weise gespielt wurde, die tatsächlich eine Einführung per Wiederholung von Szenen aus vorherigen Tatorten notwendig machte, damit es nicht zu kompliziert wurde, ein wohl bisher einmaliger Vorgang. Das Ungeklärte an Karows jüngerer Vergangenheit, das belastete nicht nur seine, sondern auch die filmische Gegenwart.

Das ist zum Glück alles weg und jetzt könnte man Karow und Rubin horizontal erzählen. Die Frau will weg, aber bleibt. Sie sind nicht gut für einander und sie passen auch nicht zusammen, aber beinahe passiert es doch. Das haben sie sich in etwa beim Rostocker NDR-Polizeiruf abgeschaut, aber dort wirkt es organischer. Karow und Rubin, das passt für uns wirklich noch nicht, auch wenn beide, vor allem miteinander, viel weicher dargestellt werden als je zuvor, in „Das Leben nach dem Tod“. Kein Wunder, bei dem Thema. Besonders, wenn man nicht dran glaubt, soll man sich das einmalige irdische Leben nicht mit der eigenen Hermetik erschweren.

Das andere Paar ist noch schwieriger. Prämisse: Wer sich in der Psychiatrie kennenlernt, kann draußen nicht miteinander funktionieren. Ob das immer so schlimm enden muss wie in diesem Fall, mit einem Mord und einem weiteren Beinahe-Tötungsdelikt, wagen wir zu bezweifeln, aber Traumata sind keine guten Anknüpfungspunkte für ein gemeinsames Leben, das glauben wir durchaus. Vor allem, wenn man nicht austherapiert ist, wie in diesem Fall, wo vor allem die junge Frau, die anfangs so zugewandt wirkt und uns emotional an sie  und den Mann mit dem kleinen Reinigungsunternehmen heranführt, eine tickende Zeitbombe darstellt. Dass die beiden eine solche Firma betreiben, wie sinnig. Niemals wird das Blut weichen. Das Blut aus der Vergangenheit. Nicht aus der jüngsten, nein, der Mann hat nicht den alten Mörder umgebracht, aber es geht einfach nicht weg. Da kann man noch so viel, da kann man den ganzen Tag eine Wohnung nach der anderen putzen.

Finale

Der 1108. Tatort ist auf jeden Fall kein schlechter Film. Er ist sehr reich an Motiven, Personen, überwiegend gut gespielt. Wir haben uns gefreut, den großen Otto Mellies, der seit seiner Jugend in so vielen DDR-Produktionen mitgewirkt hat, wiederzusehen, aber dass er dann einen DDR-Richter spielt, der Todesurteile ausspricht – nun ja. Er wird sich auch gedacht haben, man wird die Vergangenheit nie los, selbst, wenn man nur ein toller Schauspieler ist. Seine Rollenfigur wird als 83 Jahre alt bezeichnet, Mellies ist jedoch schon 87. Dass jemand in dem Alter so eine schwierige Rolle auf sich nimmt, war für uns das eigentlich Berührende an „Das Leben nach dem Tod“. Er war einer jener Darsteller, die nach dem Ende der DDR ihre Karriere nahtlos fortsetzen konnten. Mellies hat sogar beim MDR ein eigenes Sendeformat, in dem er sich – sic! – mit im abgelaufenen Jahr verstorbenen Prominenten befasst.

8/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Gibt es ein Leben nach dem Tod und ist der Mietenwahnsinn mörderisch?

Tod durch Entmietung? Darüber wollten wir doch den ersten Krimi schreiben. Vielleicht doch etwas dick aufgetragen, zumindest in dieser direkten Form, die hier in Rede steht. Aber darf man als Ermittler*in etwas ausschließen, wenn ein gewaltsamer Tod festgestellt wird – zumal in Berlin?

„Es ist ihr zehnter gemeinsamer Fall und sie umklammern einander, als wäre es ihr letzter: Die Ereignisse in der Tatort-Folge 1108 „Das Leben nach dem Tod“ gehen insbesondere Hauptkommissar Robert Karow (Mark Waschke) an die Nieren, der seine Kollegin Nina Rubin (Meret Becker) plötzlich näher an sich heranlässt als jemals zuvor. Der Mann, der sonst so unnahbar, kühl und berechnend erscheint, hat nicht bemerkt, dass sein unmittelbarer Wohnungsnachbar seit Wochen tot in dessen Wohnung liegt und verwest.
Bei der Obduktion zeigt sich, dass der ältere Herr keines natürlichen Todes starb“, heißt es einleitend bei Tatort Fans.

Wir haben es uns angewöhnt, in den Vorschauen ein wenig über die Stellung von Teams im Wettbewerb mit anderen Tatortstandorten nachzudenken, immerhin gibt es im Moment 21 Vergleichsmöglichkeiten. Karow und Rubin liegen nach zehn Film auf Platz 13, wir legen dabei immer die Rangliste von Tatort-Fundus zugrunde. Das klingt nicht so gut, Ritter und Stark, die Vorgänger, lagen am Ende ihrer Dienstzeit deutlich besser. Aber es gibt Hoffnung. Vielleicht auf ein Leben nach dem Tod, auf jeden Fall aber auf einen Aufstieg. Die beiden haben erst zehn Fälle miteinander gelöst und liegen im Schnitt jetzt bei 6,32/10.

In jüngster Zeit haben viele Teams einen leichten Rückgang ihrer Durchschnittspunktzahlen hinnehmen müssen, was durchaus auf die Stimmung unter den Tatort-Begeisterten schließen lässt. So haben z. B. Lannert und Bootz, die derzeitige Spitzenreiter, sich mit einem einzigen allgemein als schwach empfundenen Film mehr als 0,2/10 nach unten bewegt, auch wenn der  Spitzenplatz vorerst erhalten blieb. Der steht für Karow und Rubin nicht in Aussicht, auch wenn „Das Leben nach dem Tod“ ein Knaller werden sollte, aber der Weg zu den oberen fünf Rängen ist mit ca. 0,4/10 nicht so weit, dass man ihn nicht mit einigen guten Produktionen hintereinander schaffen könnte.

Dabei kann man ruhig etwas Mut zeigen. Als bisher bester Film der beiden gilt „Meta„, einer der experimentellsten Tatorte der an gelungenen und weniger gut aufgenommenen Experimenten reichen letzten Jahre. Es war der Fall, der nicht nur tief in die deutsche Geschichte eintaucht, weil ein üdisches Orchester Musik spielt, die von KZ-Gefangenen komponiert wurde, sondern auch eine „Mise en abyme“ zeigt, in dem ein Bild innerhalb eines Bildes sich immer wieder zeigt und sich Realität und Fiktion auf virtuose Weise begegnen. Mit der vermutlich etwas jüngeren Vergangenheit befasst sich offensichtlich auch das aktuelle Werk „Das Leben nach dem Tod“. Vielleicht liegt es in der Zeit, dass man wieder mehr darauf setzt, das Menschen einander näher kommen, aber bei den beiden ziemlich verschrobenen Berliner Typen dürfte es spannend werden, zu sehen, ob das authentisch hinzubekommen ist. Anders als etwa bei Buckow und König im Rostock-Polizeiruf 110, wo wir schon lange darauf warteen, dass etwas passiert, zeigt sich uns bei Karow und Rubin kein entsprechendes Bild.

Dass die Drehbuchautorin davon überrascht war, dass es in der DDR die Todesstrafe gab, hat uns wiederum überrascht, auch wenn es z. B. in Polizeirufen aus der Vorwendezeit vermieden wird, dies anzudeuten – hingegen war es neu für uns, dass die Möglichkeit, eine Hinrichtung zu vollziehen, kurz vor dem Ende der DDR abgeschafft wurde. Vielleicht war dies eine nicht offen kommunizierte Bedingung für weitere finanzielle Hilfe aus dem Westen. Selbstverständlich ist der Tatort 1108 auch der passenderweise vom RBB inszenierte Beitrag zu „30 Jahre Mauerfall“, aber konsequent hat man den Sendeplatz beibehalten und die Premiere nicht um einen Tag vorgezogen, um das Datum der Maueröffnung genau zu treffen.

Warum zwei Jahre zuvor die Todesstrafe abgeschafft wurde, darüber wird „Das Leben nach dem Tod“ keinen Aufschluss geben, aber trotzdem werden wir heut Abend mehr wissen und die Rezension folgt in Bälde.

Besetzung und Stab

Hauptkommissarin Nina Rubin – Meret Becker
Hauptkommissar Robert Karow – Mark Waschke
Kommissaranwärterin Anna Feil – Carolyn Genzkow
Gerichtsmedizinerin Jamila Marques – Cynthia Micas
Staatsanwältin Jennifer Wieland – Lisa Hrdina
Hajo Holzkamp – Christian Kuchenbuch
seine Ehefrau Liz Holzkamp – Britta Hammelstein
Rentner Friedrich „Fritz“ Irrgang – Klaus Grape
Rentner Gerd Böhnke, Richter a.D. – Otto Mellies
Vermieterin Petra Olschewski – Karin Neuhäuser
Adnan Jasari vom ambulanten Sozialdienst – Slavko Popadic
Mädchen Magda – Elina Vildanova
Mädchen Ana – Amira Demirkiran
Einsatzleiter – Ingolf Müller-Beck
Bestatter – Ernst Ganzert
Knut Jansen – Daniel Krauss
Veranstaltungskoordinatorin Frieda König – Christin Nichols
LKA-Beamtin – Nadja Engel
u.a.

Drehbuch – Sarah Schnier
Regie – Florian Baxmeyer
Kamera – Eva Katharina Bühler
Szenenbild – Wolfgang Arens
Schnitt – Friederike Weymar
Ton – Uwe Griem
Musik – Boris Bojadzhiev

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