Scherbenhaufen – Tatort 830 #Crimetime 499 #Tatort #Stuttgart #Lannert #Bootz #SWR #Scherben #Haufen

Crimetime 499 - Titelfoto ©  SWR, Stephanie Schweigert

Endlich wieder ein Tatort, bei dem man sich nicht so aufregt.

Dieser Satz kam gestern, nach 21:45 aus unserem Bekanntenkreis und zwar von jemandem, der bei der Polizei arbeitet. Nicht nur, wer vom Fach ist, konnte gestern die Nerven schonen, vor allem verglichen mit den vorausgehenden Tatorten aus München und Wien.

Wer aber vom Fach ist, der hatte an „Scherbenhaufen“ auch eine Menge auszusetzen. Zuallererst natürlich den Undercover-Einsatz von KHK Sebastian Bootz (Felix Klare). Das ist dann doch wieder frech von den Schwaben, alle richtigen Einwände tatsächlich vorzutragen (dafür ist Kollege Lannert zuständig, gespielt von Richy Müller) – und sie dann einfach über Bord zu werfen. Da hätten wir uns als Lebenspartner dessen, der auf eine so gefährliche und im Grunde sinnlose Weise verdeckt ermitteln muss, auch so echauffiert, wie Bootz‘ Frau Julia (Maja Schöne) es tat. Was zur emotionalen Lage und die sachlichen Beurteilung sonst zu schreiben ist, steht in der -> Rezension.

Handlung

Ein Mordanschlag ausgerechnet auf einem Friedhof: Unternehmer Otto Imberger entgeht dem Anschlag eines Unbekannten knapp, sein Chauffeur Marco Hummel aber wird von einer der Kugeln tödlich getroffen.

Thorsten Lannert stellt bei seinen Ermittlungen fest, dass ein innerfamiliärer Machtkampf um die künftige Ausrichtung der Imberger’schen Firma im Gange ist. Um den Patriarchen vor neuen Anschlägen schützen und gleichzeitig innerhalb der Familie ermitteln zu können, schleust Staatsanwältin Álvarez Hauptkommissar Bootz als Chauffeur und Bodyguard bei Otto Imberger ein.

Während er undercover das äußerst gespannte Verhältnis der beiden Söhne Gerald und Lukas Imberger durchleuchtet, untersucht Thorsten Lannert das Umfeld der Imberger’schen Firma. Verdächtig ist vor allem der ehemalige Produktionsleiter Rudolf Bischoff, der mit seiner Entlassung nicht fertig wird. Der Verdacht scheint sich zu bestätigen, als Bischoff Otto Imberger mit einem Gewehr bedroht.

Rezension

Warum man diesen verdeckten Einsatz konstruiert hat, lässt sich allenfalls erahnen. Vielleicht, um einem sehr schmalen Drehbuch mehr Pep zu geben, um direkter an die Figuren der Familien Imberger heranzukommen. Die Logik funktioniert nicht. Es gab überhaupt keinen Grund, zumindest nicht ermittlungsseitig. Solche Fälle werden von außen ermittelt und nicht durch höchst auffällige Gespräche auf dem Firmengelände, bei denen der Firmeninhaber hinzutritt, diesem aber trotzdem nichts schwant.

Hier geht es nicht darum, wie Bootz richtig sagt, einen V-Mann in die Mafia einzuschleusen, um ganze Netzwerke  auffliegen zu lassen, sondern um ein eher simples Mordkonstrukt. Da müsste man quasi in jeden Verdächtigenkreis einen verdeckten Ermittler einschleusen, wenn die Notwendigkeit dazu so schnell attestiert würde. Wichtig ist sicher der Personenschutz für den Patriarchen Otto Imberger (Otto Mellies), aber gerade da zeigt sich die nächste Schwäche dieses Plots: Man schlägt zwei verzweifelte Fliegen mit einer Klappe und nimmt lieber einen Polizisten dafür – als dass man dem Unternehmer seriöserweise einen echten Bodygard zur Seite stellt, der entsprechend ausgebildet ist.

Das Dickste aber ist, dass der verdeckte Ermittler letztlich nicht einmal durch legales verdecktes Ermitteln zur Aufklärung beiträgt, sondern durch diese unsägliche Handyszene (er stellt ein Handy im Büro des Patriarchen ab, und das ist natürlich so super eingestellt, dass es dessen entlarvendes Gespräch mit einem der Söhne komplett und gut hörbar für Lannert am anderen Ende der Leitung überträgt). Pflichtgemäß weißt die Staatsanwältin, die den verdeckten Einsatz von Bootz erst durchgesetzt hat, weil sonst angeblich weit und breit keine V-Leute zur Verfügung stehen, auf den Umstand hin, dass dies vor Gericht nie ein Beweis sein könnte. Auweia.

Auch das plötzlich so aktionsreiche Ende wirkt aufgesetzt, angesichts der sonst eher leisen Töne dieses Tatortes. Aus denen hätte man was machen können und, verdeckter Einsatz hin oder her, die Dialoge zwischen Mellies und Klare sind nicht übel. Aber die Plotschwächen überlagern diese schauspielerischen Leistungen beinahe komplett und so sehr wir die unaufgeregte und unprätentiöse Art der Stuttgarter Ermittler mögen, so wenig konnten wir sie hier genießen, weil so viel Stückwerk und so viel Unglaubwürdiges in diesem Fall verwurstet wurde.

Das Unternehmertum in Schwaben ist nicht mehr das, was es mal war. So suggeriert es der Tatort „Scherbenhaufen“.

Die erste Generation erstellt’s, die zweite erhält’s, der dritten – zerfällt’s. Alte Weisheit über das Entstehen und Vergehen von Familienfirmen.

Hier geht es um das Firmenimperium, das einst der Großvater von Otto Imberger gegründet hatte, einer jener ehrgeizigen Ostflüchtlinge, die sich in Schwaben niederließen und ihr altes Ding unter neuen, viel besseren Voraussetzungen wieder aufzogen. In dem Fall eine Porzellanmanufaktur und später -fabrik. Otto Imberger aber, der alte Patriarch des Jahres 2012, ist schon diese dritte Generation, der die Dinge aus dem Ruder laufen. Und die Söhne Lukas (Ole Puppe) und Gerald (Felix Eitner) schlagen dann völlig aus der Art. Sie studieren BWL, Marketing und anderes nutzloses Zeug, anstatt die Ochsentour durch die Fabrik zu  machen – am besten als Lehrlinge anfangend. Das kann nichts mehr werden, das spürt man gleich.

Es hilft nur noch Betrug. Man hat tatsächlich die bekanntermaßen pingeligen Chinesen zu Aufträgen für das neue, anspruchsvolle Feld Industriekeramik bewegen können, allein – da ist nichts los, die Forschung funktioniert ebensowenig wie der Plot von „Scherbenhaufen“. Also spioniert man bei der Konkurrenz und dadurch kommt der Fall ins Rollen. Ja, heute wird überall geschummelt, das sagt Otto Imberger zu Felix Klare. Keine Frage, dass der Kapitalismus mangels echter, den Menschen wahrhaft nützlicher Innovationen immer mehr dazu tendiert, sich selbst zu reproduzieren und zu sabotieren, aber wie das in dieser Familie Imberger abläuft, das ist denn doch zu klischeehaft. Klar, man muss alles verdichten, um es in 90 Minuten zu packen, aber hier wirkt es nicht dicht, sondern eher, als wenn einige der Familienmitglieder nicht ganz dicht wären. Schade um die guten Schauspieler, die hier eingesetzt wurden und die zumindest teilweise in diesen schwierigen, weil nicht sehr glaubwürdigen Rollen überzeugen können.

Überhaupt, die Chinesen. Da platzt mittenrein in eine Verhandlung mit diesen der KHK Lannert und befragt den Patriarchen Imberger und dessen Sohn Lukas schlatet sich ein. Die Chinesen bleiben cool. In Wirklichkeit hätten sie sich wohl hingesetzt und nochmal darüber nachgedacht, ob hier wohl alles mit rechten Dingen zugeht, in diesem verwanzten alten Europa. Wäre aber der Abschluss mit ihnen wegen dieser unsäglichen Szene gescheitert, dann hätte Lannert seinen Hut nehmen dürfen, falls Imberger sauber gewesen wäre. Was wirklich Sache war, wusste Lannert aber zu dem Zeitpunkt noch nicht, er hatte  Verdachtsmomente. Sowas ist einfach nur peinlich und selbstverständlich müssten echte Ermittler warten, bis die Sitzung vorbei ist, um Teilnehmer zu befragen – anders nur bei Gefahr im Verzug, und dieser Umstand war hier ganz offensichtlich nicht gegeben. Nicht nur der Undercover-Einsatz von Bootz, sein Agieren anstelle eines echten Leibwächters, sondern auch die eben beschriebene Szene macht klar, dass die Drehbuchschreiber kein Feeling für die Verhältnismäßigkeit der sinnvollerweise einzusetzenden polizeilichen Mittel haben.

Ein Tatort, der im Grunde in einer feinen Welt spielt, bekommt durch viele schwache Details etwas Plumpes, da fehlt es schon in den Ansätzen an Finesse und Gespür für die Familientragödie, die man ja eigentlich erzählen will. Das wiederum führt dazu, dass Biedersinn, Klischeedenken und logische Fragwürdigkeiten sich so häufen wie bei keinem sonstigen, aktuellen oder älteren Tatort, den wir in 2012 rezensiert haben.

Die haben mehr drauf. Alle beteiligten Schauspieler können mehr, als sie hier zeigen durften. Über die Ermittler brauchen wir nicht zu sprechen, Richy Müller und Felix Klare haben ihre Begabung als Stuttgart-Duo schon gezeigt und sind auch in Filmen außerhalb der Tatortserie seit längerem (Müller) und in neuerer Zeit (der wesentlich jüngerer Klare) zu überzeugenden Leistungen imstande.

Aber auch Ole Puppe als Lukas muss hier einen Unternehmersohn spielen, der trotz seines internationalen Schliffs, welcher der Figur qua Biografie mitgegeben wurde, durchdreht wie ein wildgewordener Kleinkrimineller unterster Schublade. Otto Mellies wirkt als Patriarch am Ende zu schnell gebrochen, um als Patriarch je glaubhaft gewesen zu sein. So schnell wird aus einer dominanten Figur ein – Scherbenhaufen oder Häufchen Elend. Demontagen sind Prozesse, wie man an diversen Politikern sieht, das geht nicht ratzfatz und mit so viel Einsicht und beinahe Mitleid erweckender Rechtfertigungsrhetorik. Der sympathischste Charakter aus der Imberger-Familie ist der ältere Sohn Gerald, ein Traditionalist, der gerne auf die bewährte Gebrauchskeramik setzen will – anders als sein Bruder und der Vater.

Man spürt, dass die Drehbuchautoren auf naive Weise klastellen wollen, dass das Gute und Wahre das Hergebrachte ist, Made in Germany nicht als Innovationsmaschine, sondern als Kunsthandwerk, das zwangsläufig ins Premiumsegment ausweichen muss, wiel zum Beispiel gerade diese Chinesen, von denen im Film die Rede ist, die Massenproduktion so viel billiger hinkriegen als die Deutschen – und das, obwohl man hierzulande seit vielen Jahren auf Reallohnzuwächse quasi verzichtet und ein chinesischer Industriearbeiter von seinem Lohn sicher mittlerweile besser leben kann als ein deutscher Dumping-Dienstleister. Das hätte man alles wunderbar thematisieren können, ohne dass die Ermittler es in wohlfeile Statements kleiden oder didaktisch aufbereiten müssen, wie es in gewissen Tatortstädten meist der Fall ist. Dass man in Stuttgart darauf verzichtet, haben wir immer als richtig empfunden. Doch das Vorhaben scheitert hier, weil das Drehbuch den Subtext gar nicht erst konsequent vermittelt; vielleicht auch nicht im Blick hat, was man da alles hätte draus machen können.

Wir sind grundsätzlich nicht der Meinung, dass ein gut gemachter, konservativer Krimi mit einer Familie als Zentrum nicht mehr geht, weil alles schon einmal da war. Aber man muss es eben riskieren, dann auch ganz auf Linie zu bleiben, mit klassischen Mitteln Spannung aufzubauen und nicht neumodische Gimmicks wie den U-Einsatz von Bootz inklusive illegaler Abhörmethoden an die Stelle sauberer Plotkonstruktion zu setzen.

Finale

Wir sind richtig enttäuscht gewesen, gestern abend und haben uns mit der Rezension einen Tag Zeit gelassen, um noch einmal dem nachzuspüren, was uns von diesem Tatort bleiben wird. Es wird wohl das Gefühl sein, dass wir es mit einem Film zu tun haben, dessen Schwächen zu entdecken man uns offenbar nicht zugetraut hat, sonst hätte man noch einmal über die grundsätzliche Anlage des Plots nachgedacht. Wenn schon nicht logisch, dann wenigstens spannend, das hätte auch eine Devise sein können. Leider hat man auch diesbezüglich eher auf kleiner Flamme gekocht und sie erst am Schluss heftig aufgedreht, um ein Strohfeuer zu erzeugen.

Tut uns echt leid, dass wir für „Scherbenhaufen“ nur 6,0/10 geben können und damit einen schleichenden Abwärtstrend der Stuttgart-Krimis dokumentieren. Natürlich ist kein Tatort ein Scherbenhaufen, wir rezensieren ja immer unter der Maßgabe, dass es sich um eine vergleichsweise professionell gemachte und ambitionierte Serie mit gutem Personal vor und hinter der Kamera handelt – und vergaben noch nie weniger als 5/10 Punkten. Aber durchs Tatort-Schwabenland muss jetzt ein Ruck gehen, sonst kommen wir bald auf diesem Niveau an.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Sebastian Bootz – Felix Klare
Hauptkommissar Thorsten Lannert – Richy Müller
Kriminaltechnikerin Nika Banovic – Miranda Leonhardt
Staatsanwältin Emilia Álvarez – Carolina Vera
Daniel Voigt [Gerichtsmediziner] – Jürgen Hartmann
Julia Bootz – Maja Schöne
Gerald Imberger – Felix Eitner
Otto Imberger – Otto Mellies
Pia Möller – Ulrike C. Tscharre
Lukas Imberger – Ole Puppe
Lars Reichhardt – Christoph Letkowski
Ilse Imberger – Susanne Scholl
Rudolf Bischoff – Bernd Tauber
Silvia Hummel – Henrike von Kuick
u.a.

Regie – Johannes Grieser
Drehbuch – Eva Zahn, Volker A. Zahn
Kamera – Jürgen Carle
Musik/Filmkompositionen – Jens Langbein

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