Kreise – Polizeiruf 110 Fall 351 #Crimetime 500 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #München #Muenchen #Kreis/e #vonMeuffels #BR #Kreis/e

Crimetime 500 - Titelfoto © BR, Christian Schulz

Heute geh ich weg, geh wieder in den Kreis

Vorwort zur Veröffentlichung

Wir feiern heute das bisher größte Jubliäum von „Crimetime“ und vergeben die Beitragsnummer 500. Wir wollen es aber nicht dem Zufall überlassen, für welchen Film wir sie vergeben. Wir wollen es künftig so halten, dass wir die „runden Crimetime-Nummern“ möglichst für Tatorte oder Polizeirufe reservieren, die wir für gut, gar für herausragend halten. Das trifft auf „Kreise“ zu, der für die ohnehin über dem Durchschnitt liegende München-Schiene gedreht wurde – und mit Kommissar von Meuffels, der hier von Kommissarin Hermann unterstützt wird und mittlerweile seinen Abschied genommen hat. Uns hat der Film berührt und viele Assoziationen hervorgerufen. Die Veröffentlichung der Rezension wäre bei üblicher Vorgehensweise noch nicht „dran“, aber wir haben uns entschlossen, sie vorzuziehen, ,damit die Fünfhundert an diesen München-Polizeiruf aus dem Jahr 2015 gehen kann.

Kreise gehen oder auf einer langen Straße ins Ungewisse? Das ist eines der großen Themen des Lebens. Diesem Thema ist der 351. Polizeiruf gewidmet und ihm widmet sich Hauptkommissar Hanns von Meuffels in einem Film, der unter den besonderen Werken, die der Bayerische Rundfunk mit Matthias Brandt als Ermittler für die Reihe produziert, noch einmal heraussticht. Warum wir dieser Ansicht und mehr zum Film erklären wir in der -> Rezension.

Handlung

Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels wird ins Münchner Umland zu einem bizarr inszenierten Tatort gerufen: Zwei eilig aufgehäufte Gräber auf einer Waldlichtung. Die Eigentümerin einer lokalen Möbelmanufaktur wurde gemeinsam mit ihrem Schoßhündchen ermordet.

Der Ex-Ehemann des Opfers, Peter Brauer, gerät schon bald in den Fokus der Ermittlungen. Seit er die Firma verlassen hat, ging es mit dem einstmalig florierenden Mittelstandsunternehmen stetig bergab. Allerdings auch mit ihm. Bei ihrer Belegschaft war die Fabrikantin nicht sonderlich beliebt – nicht erst seit bekannt wurde, dass sie die Firma an ausländische Investoren veräußern wollte.

Diesmal hat von Meuffels die erfahrene Kollegin Constanze Hermann als Partnerin an seiner Seite, die nach einem privaten Desaster und längerer Auszeit ihren Wiedereinstieg in den Berufsalltag versucht. Die beiden kommen nur schleppend voran: Alle in Frage kommenden Personen haben einwandfreie Alibis, die nur spärlichen Verdachtsmomente können sich bei näherer Betrachtung nicht erhärten, und die Beweislage stellt sich insgesamt als unzureichend dar. Die beiden Kommissare drehen sich im Kreis.

Rezension

Vielleicht hat es mit den Polizeirufen zu tun, die der BR in München spielen lässt, dass die einst führende Tatortschiene mit Batic und Leitmayr etwas nachgelassen hat. Kein Sender kann alle guten Drehbücher kaufen und alle guten Regisseure an sich binden und je mehr Polizeirufe aus München wir sehen, desto klarer wird uns, dass sie derzeit die eigentlichen Premium-Krimis des Senders darstellen. Allerdings begann der Aufstieg schon während der 2000er, als Edgar Selge den Kommissar Tauber spielte und erfährt gerade das, was man als Vollendung bezeichnen kann.

Dieser Vollendung hat sich Christian Petzold gewidmet, dessen Arbeiten wir vor allem durch die Kooperation mit seiner Lieblingsschauspielerin Nina Hoss in „Jerichow“ und „Barbara“ kennen.

Mit Verena Altenberger, Nachfolgerin von Matthias Brandt, die bereits in den Startlöchern steht, werden die Filme zwangsläufig einen anderen Stil bekommen – sie ist die nächste Generation, ihre Figur Elisabeth Eyckhoff, so edel der Name und der Von-Meuffels-Nachfolge adäquat auch klingt, soll keine Kommissarin, sondern Streifenpolizistin sein. Ein weiterer Sonderfall, aber in eine andere, bereits vom Konzept mehr in Richtung Bodenständigkeit weisende Richtung angelegt.

Wir haben bisher für keinen Von-Meuffels-Polizeiruf weniger als 8/10 Punkte vergeben, das wird auch am Ende der Rezension für „Kreise“ nicht der Fall sein. Ein herkömmlicher Krimi ist „Kreise“ nicht und dies nicht zu sein, ist seine Stärke. Filme wie dieser sind nur möglich, weil es mit Matthias Brandt einen Schauspieler gibt, für den man Plots schreiben kann, die anders sind. Leiser, elegischer, tiefer und erwachsener. Letzteres fällt besonders deutlich auf. Wir sind alle Polizeiruf- und Tatort-Teams durchgegangen und haben noch ein paar „Ehemalige“ in die Betrachtung einbezogen – unmöglich, das so mit einer der anderen Besetzungen zu spielen. Brandt mag unter den Guten in Deutschland nicht die größte Varianz haben, das hatten wir an anderer Stelle angedeutet, aber aus seinem Spiel immer weitere Nuancen zu generieren, das macht er auf eine faszinierende Art, die komplett über den Ton der München-Polizeirufe bestimmt. Mit Barbara Auer hat er dieses Mal eine Darstellerin an seiner Seite, die, wie wir am Ende wissen, nur ein Gast war und im Zusammenspiel den Kommissar so spiegelt, dass niemand verliert und alle gewinnen. Constanze Herrmann heißt ihre Figur. Wir finden den Namen wunderbar, aber jemand, der ihn trägt, muss beständig sein, sonst wird der Name zum Botschafter der Ironie – wie bei der hin- und hergetriebenen Kommissarin aus Hamburg, die am Ende wieder im Kreis geht und dorthin zurück, weil sie die große Liebe gerade gar nicht gebrauchen kann. Kontrolle über ein gefährdetes Leben ist das Ziel, nicht erneutes Risiko. Angst vor dem Absturz.

Wenn sich andere Regisseure und Autoren anschauen wollen, wie man den Fall und das Gefühlsleben, das Private der Ermittler perfekt miteinander verwebt, dann ist „Kreise“ ein hervorragendes Lehrbeispiel. Wenn sich andere Autoren mal anschauen wollen, wie man Dialoge schreibt, die einen Touch von Surrealismus haben, vor allem durch ihre Wiederholung in beinahe direkt aufeinanderfolgenden Szenen zwischen verschiedenen Personen, also nicht als Running Gag, sondern als literarische Verdichtung – dann bitte „Kreise“ studieren. Leider lassen sich gute Dialoge schwer erlernen, deswegen arbeiten heute auch häufig Teams an Drehbüchern, bei denen, so stellen wir’s uns vor, jemand hauptsächlich den Plot schreibt und sich eine andere Person in erster Linie ums Sprachliche kümmert. Die Ergebnisse sind leider trotzdem nicht selten dürftig. Beide Aspekte eines gute Skripts betreffend. Nicht so in „Kreise.“

Nicht so im Polizeiruf 351, in dem auch der Zuschauer mit auf eine Kreisfahrt genommen wird. Allein die Traute, eine Vernehmungsszene zu einer Lebensbeichte auszubauen, die deutlich offenbart, nur die Person, der hier so viel Zeit gewidmet wird, kann auch die Täterperson sein, ist phänomenal – manches wirkt klischeehaft und ein wenig kitschig darin, aber das ist der Zweck: Das Banale und das Große, das Kreative und alles, was Kreativität und Mut erstickt, semantisch perfekt einzukleiden, so dass es am Ende klein und tragisch wirkt – wie die Modelle, die der Architekt baut und eines davon zeigt sogar den Mord an seiner Frau, wie er wirklich abgelaufen ist. In U-Haft baut er dann sogar ein Geschenk, das von Meuffels erst auf die Wahrheit bringt, nachdem die Ermittlungen feststecken: Er baut die Verhörsituation nach, von Meuffels bringt ihm dieses Modell, das er in der Zelle „vergessen“ hat, vorbei und sieht, wieder sehr banal, das Indiz, das Peter Brauer überführt. Er will überführt werden. Ins Gefängnis gehen als Ausbruch aus dem Kreis oder als Einsicht in die Unmöglichkeit, aus dem Kreis auszubrechen.

Wir haben uns ein bisschen geärgert. Weil wir uns von dem Film so haben in den Bann ziehen lassen, dass wir aus den Augen verloren, dass es gar nicht anders gewesen sein kann. Schon in der Eingangsszene sieht man, dass die Person, die im roten Alfa sitzt und den Stricher dazu animiert, den Wagen zu stehlen, recht kräftig gebaut ist für eine Frau und sicher nicht die Geliebte von Brauer ist. Besonders, als man sie von hinten dastehen sieht, während sie die Perücke und die Sonnenbrille verbrennt, wird es recht deutlich sichtbar: ein Mann. Der Film arbeitet nicht mit Tricks, auch wenn die gewollte Beiseiteschaffung des roten Alfa Spider durch provozierten Diebstahl doch etwas übertrieben konstruiert ist und am Ende geht’s auch schief.

„Kreise“ hat aber einen doppelten Boden in zweierlei Hinsicht. Zum einen durch die Spiegelung des Kreisgangs, der zum Verbrechen führt im Schicksal der Ermittler, zum anderen dadurch, dass er für uns dadurch erst der Perfektion nahekommt, dass er beide Vorgänge gegeneinander absichert: Wem die Story des Architekten etwas zu langweilig ist, der wird im spannenden Kennenlernen der beiden Polizisten etwas finden, das ungewöhnlich gut und dicht inszeniert ist – uns haben beide Stränge der Handlung, die eher wie ein dicht gewobenes Netz erscheinen, gleichermaßen berührt und uns auch von dem Verdacht befreit, durch das Ansehen von sehr vielen Krimis in kurzen Abständen gar nicht mehr in der Lage zu sein, so mitzufühlen. „Kreise“ hat diese gewisse Erstarrung aufgebrochen. Es geht natürlich nur so, wenn der eine oder andere Trigger dabei ist. Wir konnten die Tragik in der Tat des Mörders an uns heranlassen und wir hätten ewig zuschauen können, wie von Meuffels und Hermann einander näherkommen. Es gab heißkalte Momente und eine große Trauer, als der Fall auf der Hand liegt und noch einmal, als sie sich nicht traut. Diese Szenen sind gespielt, als wäre ein Krimi ein großes Melodram und jedes Verbrechen das traurige Ende einer vielleicht etwas einseitigen Liebe, die den Kern des Scheiterns in sich trägt, wenn sie beginnt.

Regisseur Christin Petzold scheut sich nicht vorm Zeigen von Gefühlen und vor einer Illustration, die gerade durch ihre Augenfälligkeit einen ganz leichten Anflug von humorvollen Charme hineinbringt, von dem die meisten Filme der beiden ARD-Premiumreihen weit entfernt sind. Ein Pförtner bei der Polizei, der laut Klassik hört und einen Ehrfurchtsbonus von ansonsten Lärmgestressten bekommt, die Musikbox als Instrument der Sehnsucht und der Angst vor dem erkannt werden und „Ein Schiff wird kommen“, nicht im Original, mit Melina Mercouri, sondern die deutsche Version von Lale Andersen. Dass dieser Moment im griechischen Restaurant nicht kitschig wirkt, erfordert viel Fingerspitzengefühl.

Finale

„Kreise“ spricht auf eine nicht zu elitäre Weise den Intellekt an und die Gefühle gleichermaßen. Da kann man sich so schön drüber freuen oder reinfallen lassen, dass die gesellschaftskritische Ebene zurücktritt, die wir bei diesen Krimis oftmals in den Mittelpunkt stellen – inklusive Analyse dessen, was solch ein Film in seiner Zeit über die Zeit und die Umstände aussagt, in denen er entstanden ist. Aber auch wenn hier durchaus Systemkritik eingeflochten ist, sie dominiert ganz sicher nicht über das persönliche Schicksal und die Einsamkeit, die beim Rennen im Kreis entsteht. Es sei denn, man sagt, dass sowas so häufig vorkommt, liegt ja gerade an einem System, das ganz falsche Akzente setzt und viele von uns auf die falsche Schiene. Angedeutet wird das im Schicksal der Möbelbaufirma, die von der Erbin nur als Verkaufsobjekt angesehen wird.

Wer sich den Film anschaut, möge bitte auf die Erklärung des Modellbauers zu seiner klischeehaften Bahnanlage achten: Er lässt den Zug aus dem Sichtbaren herausfahren – damit die Kreisbewegung nicht so auffällt. Aber der Zug fährt im Kreis, immer wieder. Daran ändert sich durch diesen optischen Trick gar nichts. Schon früh zeichnet sich das Drama in dieser Szene ab und wirkt doch bis zum Ende nicht auserzählt. Es gäbe noch viel zu sagen, doch es wird dem Zuschauer überlassen, sein Leben daraufhin zu überprüfen, ob es wirklich eine Linie mit Start und Ziel ist oder doch eher eine Kreisbahn – nur ändert sich manchmal an der Szenerie ein Detail: Ein Brand, ein Tötungsverbrechen.

9/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Christian Petzold
Drehbuch Christian Petzold
Produktion Jakob Claussen, Uli Putz
Kamera Hans Fromm
Schnitt Bettina Böhler

Matthias Brandt: Hanns von Meuffels
Barbara Auer: Constanze Hermann
Justus von Dohnányi: Peter Brauer
Daniel Sträßer: Jan Hoffer
Luise Heyer: Nadja Bruns
Jan Messutat: Schrader, Einsatzleiter
Sascha Alexander Gersak: Eberl, Produktionsleiter
Annette Paulmann: Karin de Jong, Tierärztin
Adam Markiewicz: Stricher
Robert Besta: Tschechischer Ermittler

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s