Rabenherz – Tatort 719 #Crimetime 501 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Rabenherz

Crimetime 501 - Titelfoto © WDR, Willi Weber

Der Glaube an Undercover-Freddy

Von allen Tatorten, die wir bisher zu rezensieren hatten, ist „Rabenherz“ derjenige, der bei den Fans am schlechtesten bewertet ist. Das hat Konsequenzen für unsere Sicht auf die Dinge. Wir werden noch etwas analytischer herangehen als sonst, auch wenn die Mystik, die es hier zu bestaunen gibt, genau dies beinahe unmöglich zu machen scheint.

Im Grunde meint man ja eher: Man mag so etwas oder nicht. Man glaubt es oder nicht, dass es eine Figur wie die Schwester Maria gibt, die hier mit allen Insignien einer okkulten Figur ausgestattet wird. Ob wir es mochten oder nicht, steht zusammen mit weiteren Anmerkungen zum Film in der -> Rezension.

Handlung

Ein Mord ohne Motiv? Für die Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk unvorstellbar. Und doch erscheint der Mord an dem 48-jährigen Oberarzt Hermann Johns gänzlich unbegründet. Der renommierte Mediziner, der auf der Geburtsstation einer Kölner Klinik tätig war, scheint bei Patienten und Krankenhauspersonal gleichermaßen beliebt gewesen zu sein. Hat der Mord etwas mit den mysteriösen Todesfällen zu tun, die vor einigen Wochen in der Geburtstation des Krankenhauses für Schlagzeilen gesorgt haben? Könnte einer der Hinterbliebenen sich rächen wollen?

Offensichtlich wurde John mit einem Betäubungsmittel aus dem Klinikbestand vergiftet. Das macht nahezu alle Mitarbeiter, die Zugang zu dem Medikamentenschrank hatten, verdächtig. Ballauf, der eine natürliche Abneigung gegen Krankenhäuser besitzt, zieht sich für die umfangreichen Verhöre des Klinikpersonals ins Präsidium zurück. Als sich Schenk hingegen als Pfleger in die Klinik einquartiert, erkennt er schnell, dass in dieser abgeschotteten kleinen Welt wundersame Dinge vorgehen. Ein Mikrokosmos, der seinen eigenen Gesetzen zu folgen scheint.

Zwischen Putzdienst und Essensausgabe kommt er in engen Kontakt mit Patienten und Klinikpersonal und ihren ganz unterschiedlichen Schicksalen. Aber für Mitgefühl und Trauer gibt es scheinbar keinen Platz. Gut und Böse, das wird in diesem Fall des Kölner Ermittlerduos nur allzu deutlich, liegen mitunter nah beieinander.

Rezension

Ein interessantes Experiment, und, um es vorwegzunehmen – wir bewerten „Rabenherz“ nicht so schlecht, weil wir Vieles an dem Krimi reizvoll finden. Auch wenn hier Realismus kein Thema ist. Das ist er aber, auf andere Weise, in vielen anderen Tatorten auch nicht.

Hier hat man sich ganz offen gegen den Realismus entschieden, ihn also gar nicht erst suggerieren wollen, wie in diesen seltsamen, oft hoch bewerteten Folgen, in denen die Ermittler Beweisstücke verschwinden lassen etc., um ihre eigene Sicht der Gerechtigkeit faktisch werden  zu lassen. „Rabenherz“ ist wenigstens ein ehrliches Experiment, keine verkappte Räuberpistole mit unmöglichen Ermittlerfiguren.

Dass vermutlich im bodenständigen Rheinland, auch wenn es katholisch ist und der Glaube bei Schwester Maria eine wichtige Rolle spielt, die Folge 719 wohl mit Verwunderung aufgenommen wurde, lässt sich gut vorstellen. Die Art von Humor, die  hier gezeigt wird und die selbst das Drama durchzieht, ist nicht besonders kölsch, sondern sehr hintergründig. Hätte gut nach Münster gepasst, wo Maria auch herkommt. Diesen Satz werden wir noch gesondert bewerten.

Maria aus Münster. Die Figur der Schwester Maria, großartig gespielt von Anna Maria Mühe, ist der Aufhänger der Geschichte. Wenn man sie nicht mag, dann fällt der Film ohnehin. Sie zu mögen, heißt aber nicht, dass man ihre Heilungskräfte als real ansehen muss. Denn in Wirklichkeit bleibt bis zum Schluss offen, ob es diese tatsächlich gibt. Natürlich, der Krebspatient, dem sie die Hand auflegt, erfährt tatsächlich eine Genesung.

Aber ist es eine mystische Heilung oder das, was es immer wieder gibt – die plötzliche Verbesserung von Zuständen. Oder ist es gar die Zuwendung durch Maria, die den Mann so stärkt? Ist also die Zeit, die sie sich für die Patienten nimmt, weshalb sie immer aneckt, eine versteckte Kritik am modernen, durchorganisierten Krankenhausbetrieb, in dem Patienten nur Nummern sein können, weil das Personal sich nicht aufs Menschliche einlassen kann? Symbolisiert sie Hilfsbereitschaft und dass man daran zugrunde geht, weil man sich nicht abschotten kann, wie es in der heutigen Krankenhausmaschinerie zum eigenen Überleben notwendig ist?

Die Kritik an diesem Teilaspekt des deutschen Gesundheitssystems, seiner Verwirtschaftlichung, ist jedenfalls offenkundig und sie ist allemal berechtigt.

Dass Maria aus Münster kommt, fanden wir witzig, nicht nur, weil Freddy Schenk in Anspielung auf die beliebten Kollegen Thiel und Boerne sagen kann: „Dafür bin ich nicht zuständig“. Wir glauben, diese Herkunft weist noch auf etwas anderes hin. Die Münster-Tatorte sind ja bekannt dafür, dass Figuren nicht realistisch sein müssen, dass es Seltsamkeiten aller Art gibt. Es ist also durchaus eine ironische Brechung, dass man sich wohl gesagt hat, ein solches Experiment wie mit der Figur Maria wird vielleicht nicht gut ankommenn, weil es eben nicht zum Kölner Ermittlungsumfeld und zur ganzen Atmosphäre der Kölner Krimis passt. Ein Einbruch des Fremden.

Leider haben das auch die meisten Tatort-Fans so empfunden und nicht honoriert, dass in dieser Figur und ihrer Interaktion mit anderen, auch mit Freddy Schenk, ein ganz besonderer Humor steckt. Die Übertreibung ist den Machern ja sicher nicht entgangen, und dass sie so in die Vollen gelangt haben, ist an einer Stelle klar als hintergründiger Humor erkennbar. Als, nachdem Maria schon überführt ist, Schenk in das leere Krankenzimmer des Krebspatienten sieht und sich denkt: aha, alles im Lot, der Mann ist gestorben.

Der Tod also als Beweis dafür, dass die Dinge ihre Richtigkeit haben. Dann aber erzählt ihm die Oberschwester, das Bett ist leer, weil sich sein Zustand eklatant verbessert hat. Und als Freddy ihn dann im Park sieht, dieses Augenrollen. Das kann nur Dietmar Bär und das hat man schön inszeniert. Beinahe ein süßer Schauder wie bei den alten Edgar-Wallace-Filmen, nicht etwa bei jenen vor allem US-amerikanischen Produktionen, die das Paranormale programmatisch behandeln. Wir fanden das klasse. Auch, weil es eine heitere Note ins ganze System bringt. Es gibt zudem für keine gesellschaftliche Gruppe einen Grund, sich möglicherweise diskriminiert zu fühlen.

Eine Figur wie Maria greift in Wirklichkeit niemanden an, weder Gläubige noch Ungläubige, weder Menschen, die ans Übernatürliche glauben noch die eher Nüchternen. Weil sie erkennbar zu sehr freischwebend gezeichnet ist, an einer Stelle auch im wörtlichen Sinn. Damit macht ausgerechnet der Tatort Köln, der sonst eher vordergründig daherkommt, eine Tür zu einer neuen Dimension auf und das ist auch wieder eine Ironie in sich. Wir können auch anders, sollte wohl die Botschaft sein. Und wir entspannen uns mal von der ganzen schweren Kost der Sozialdramen bei einem großen Gläschen vom Geist der Mystik.

Dass Maria hingegen sehr tief in die Mordgeschichte verwickelt ist, das erkennt man gleich, als sie erstmalig auftritt. Man kann noch nicht sicher sein, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie hier lebensverkürzend tätig wurde. Am Ende die Begründung von ihr, als sie gefragt wird, wie sie die vielen Zufälle sieht, die es zwischen ihrer Kaffeevergiftung und dem richtigen Adressaten geben kann: Man kann sowieso nur auf Gott vertrauen und dessen Wege sind nun einmal unergründlich. Herrlich. Da braucht es keine Plotlogik mehr, wenn die Täterin so erkennbar irrational veranlagt ist. Und natürlich steckt auch darin ein großes Augenzwinkern.

Das Publikum selbst muss entscheiden, ob es dieses Spiel der Macher mag. Und gerade an diesem Film sieht man wieder, dass die Deutschen vielfach noch nicht bei wirklich feinem Humor angekommen sind. Die meisten fanden den Film nämlich schlecht, und das ist er nicht. Auf seine Weise ist er einer der konsequentesten Tatorte, die wir bisher gesehen haben.

Mehr Schenk, weniger Ballauf. Wir analysieren zunächst einen Aspekt, von dem in der Community vielfach behauptet wird, er sei Quatsch. Nämlich, dass Schenk im Krankenhaus als Pfleger arbeitet. Der Spruch: „Stellen Sie sich vor, das Krankenhaus wäre ein Dorf – wäre Neumann dann eher Arzt oder Priester?“ (Antwort: Priester – wer hätte das gedacht), ist Mumpitz. Denn ein Krankenhaus ist nun einmal voller wirklicher Ärzte und ein Psychologe hat nun einmal auch außerhalb eines Dorfes namens Krankenhaus eine priesterähnliche Funktion für seine Patienten.

Dennoch ist die Idee, dass Schenk ins Krankenhaus einzieht, alles andere als überflüssig. Es geht erkennbar nicht darum, verdeckt zu ermitteln, sondern um eine Einfühlung in diese geschlossene Welt. Schenk macht richtige Grundsatzarbeit, Ermittlung durch Mitmachen, sozusagen. Nur so kann er die relevanten Leute kennenlernen, kommt dahinter, was Dienstpläne für eine Bedeutung haben und welche Abweichungen es da gib, nur so kann er den Psychologen Neumann und die Schwester Maria beobachten – und so weiter. Ob man das so machen muss, ist eine andere Frage, aber es ist einleuchtend. Er zieht eben von einer größeren Welt in das Krankenhausdorf um. Nichts anderes, als wenn z. B. die Berliner Ermittler Ritter und Stark in einem Dorf in Neubrandenburg logieren, weil sowieso klar ist, dass die Lösung des Falles nur dort liegen kann.

Diese Verortung von Schenk ist also logisch. Dass Ballauf nicht mit dabei ist, ist zwar medizinisch unlogisch, weil es für seinen Magen besser wäre, dort zu sein, aber er mag nun einmal keine Krankenhäuser. Punkt. Nebenbei: Wer mag sich schon gerne als Patient in einem Krankenhaus aufhalten? Insofern ist diese Aversion auch ein wenig platt. Aber wir verstehen, bei ihm geht es darüber hinaus, es ist richtig körperlich und verschärft vielleicht seine Magenschmerzen – die man ihm übrigens abnimmt, Klaus J. Behrendt sieht richtig grau und mitgenommen aus. Man hofft unwillkürlich, dass der Schauspieler nicht wirklich Schmerzen hatte, und tröstet sich damit, dass wohl alles Maske war).

„Rabenherz“ ist in erster Linie also ein Schwester-Maria-Tatort, in zweiter  Linie ein Schenk-Tatort. Er ist dieses Mal klar die stärkere Ermittlerfigur und am Ende löst er ja auch den Fall. Wenn auch eher wieder durch Eintreffen am nächsten Tatort als durch konsequente Ermittlung. Immerhin. Einen weiteren mysteriösen Mord im Krankenhaus wird es nicht geben, nachdem Schwester Maria aus dem Verkehr gezogen werden wird. Vielleicht kann sie im Gefängnis weiterwirken, wie einst der unvergessliche Riese Michael Clarke Duncan alias John Coffey in der Stephen-King-Verfilmung „The Green Mile„.

Die Handlungslogik. Dadurch, dass der Tatort 719 eine unrealistische Täter- und Halbheldinnen-Figur in den Mittelpunkt rückt, wirkt er insgesamt etwas schräg. Die Handlungslogik stimmt aber weitgehend. Dass am Ende der Psychologie Neumann stirbt, obwohl sich Schwester Maria das Leben nehmen will, dass der Arzt, der ihr ein Kind gemacht hat, das sie verliert bzw. abtreibt, sterben soll und aufgrund ihrer seltsamen Art mit Zufällen umzugehen, davonkommt. Dies alles ist irgendwie von der Motivlage und unter Berücksichtigung der Figuren, und wie sie ticken, okay. Die Sache mit den verschiedenen Giftbehältnissen am Ende ist nicht ganz einfach zu erklären, wir versuchen es aber.

Offenbar will Psychologe Neumann der Schwester helfen, weil diese ihm anvertraut hat, dass sie den Arzt Tschichold (Peter Wolf) doch noch umbringen will, um selbst überleben zu können. Neumann liebt die Schwester, und wenn so ein Psychologe erstmal Gefühle bekommt, dann gehen die ganz bedingungslos tief, das glauben wir wohl. Denn ein guter Psychologe muss ja auch ein Idealist sein und der Überhöhung fähig – Quatsch! Man darf auch uns nicht alles abnehmen, was wir hier schreiben, dazu ist der Tatort 719 zu verquer.

Aber irgendwie passt es zu der sehr, sehr ernsten und damit auch wieder leicht satirisch angelegten Figur von Neumann, dieser wandelnden Verkörperung eines Seelenverstehers, wie er sich auf das Spiel einlässt. Nun hat aber Maria selbst auch noch ein solches Fläschchen mit Gift gestohlen und dadurch gewinnt die Sache leider eine Eigendynamik. Der Orangensaft leuchtet beinahe im Raum wie einst das berüchtigte Glas Milch in Hitchcocks „Suspicion“, das Cary Grant zu seiner Frau ins Gemach trägt, die sich nicht sicher ist, ob er sie umbringen will oder nicht. Gift oder nicht? Überhöhter Moment, als Neumann den Saft trinkt? Aber ja.

Dass nicht eher jemand darauf kommt, dass der gerade auf Auslandstagung weilende Arzt Tschichon gemeint war, beim ersten Todesfall – naja. Die Ermittlungen sind halt langsam, sonst wäre ja nicht so viel Interessantes von Schwester Maria  zu zeigen. Wer den Dienstplan aus dem Computer entfernt hat, den der IT-Manager wieder restauriert. War es Schwester Maria? Traut man ihr gar nicht zu, dass sie sowas kann. Der Psychologe Neumann hingegen wusste schon die Wahrheit, zu dem  Zeitpunkt und hat diese Manipulation ausgeführt? Eher nein. Sonst kannt sich sowieso niemand aus. Und niemand hatte Maria im Verdacht. Auch das ein wenig over the top. Allerdings sind das eher Kleinigkeiten gegenüber dem, was in anderen Tatorten manchmal bei der Logik schief läuft – und zwar, ohne dass man angehalten wird, das etwas lockerer zu sehen, wie in „Rabenherz“.

Finale

Ein überragender Tatort ist „Rabenherz“ nicht, wenn wir das so sehen würden, verstießen wir gegen den Grundsatz, dass ein guter Tatort auch ein passabler Krimi sein sollte. Aber er ist als Sonderfall und wunderbare Halbsatire durchaus mit Qualitäten gesegnet, die manchem anderen Fall abgehen. Selbstironie, eine herrliche Hauptfigur, ein Thema, das sich der Ratio entzieht und genau so dargestellt wird, wie wir finden, dass man damit umgehen sollte: ohne offene Wertung, aber durch die ironischen Elemente im Film und in der Figur der Schwester Maria vergnüglich-dramatisch überzogen und damit wiederum Sympathie und Distanz beim Zuschauer gleichermaßen schaffend. Sie könnte gar keinen anderen Namen tragen, mit ihren Erscheinungen und möglicherweise wunderbaren Kräften. Man hätte aber das vordergründige Drama in ihrer Person auch nicht weglassen dürfen, sonst wäre alles denn doch zu klamaukhaft geworden.

Außerdem ist der Film formal teilweise sehr gelungen – genau passend zum Thema mit leicht übertriebenen Stilmitteln ausgestattet. Wer werten deshalb anders. „Rabenherz“ hat Bessres verdient, als im letzten Dezil unter allen bisher veröffentlichten Tatorten zu liegen.

7,5/10

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Freddy Schenk – Dietmar Bär
Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Staatsanwalt von Prinz – Christian Tasche
August Neumann – Matthias Matschke
Maria Everbeck – Anna Maria Mühe
Monika Scharrer – Petra Kleinert
Akmut Dolschik – Omar El-Saeidi
Karin Steffens – Ulrike C. Tscharre
Andreas Tschichold – Peter Wolf
Hermann Johns – Benno Ifland
u.a.

Drehbuch – Markus Bus
Regie – Torsten C. Fischer
Kamera – Martin Kukulla
Musik – Fabian Römer

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