Karawane der Frauen (Westward the Women, USA 1951) #Filmfest 64

Filmfest 64 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftEmanzipation umständehalber

Uramerikanisch wie kein anderes Genre, hat der Western immer auch die Zeit gespiegelt, in welcher er entstand. Um 1950 waren Western ein fester Bestandteil des Kinoprogramms in den USA, keine Ausnahmeerscheinungen, wie heute –  und sie waren, bei genauer Betrachtung, recht unterschiedlich.

„Westward the Women“ ist klassisch und doch besonders. Filme über Trecks, mithin über das Wandern durch die Weiten als Apotheose der Pioniermentalität, waren gerade in jener pathetischen Periode des amerikanischen Kinos häufig Stoff für mehr oder weniger überzeugende filmische Umsetzungen.

Der 1950 bei MGM entstandene „Westward the Women“ ist eine besonders gelungene, aus verschiedenen Gründen. Die Handlung ist in gewisser Weise konventionell, die üblichen Gefahren während der langen Reise werden abgearbeitet, aber der Rahmen bzw. die Motivation der Reise sind ebenso interessant wie die Tatsache, wie hier Frauen in Männerrollen hineinwachsen – und man daran etwas sehr Interessantes erkennen kann.

Formal hat der Film große Stärken und kleinere Schwächen, ist nicht frei von filmtechnischen Fehlern, aber spannend, rau und hat großartige emotionale Momente. Noch heute sehenswert. Mehr zu „Westward the Women“ in der -> Rezension.

Handlung

1851. Roy E. Whitman ist der Bürgermeister einer kleinen aufstrebenden Stadt in einem Tal in Kalifornien. Dort arbeiten und leben mittlerweile über 100 Männer. Es gibt nur ein Problem: die Männer werden dort nur sesshaft bleiben, wenn sie eine Familie gründen können. Es gibt in diesem Tal jedoch keine Frauen. Whitman heuert den Scout Buck Wyatt an, um einen Treck mit 150 Frauen quer durch den Kontinent zu führen. Wyatt hat jedoch große Zweifel, dass er so viele Frauen sicher nach Kalifornien bringen kann. Er hält dies für unmöglich. Erst als Whitman ihm eine Prämie von 1000 Dollar verspricht, sagt Wyatt zu. Gemeinsam reisen sie nach Chicago; dort heuert Whitman genügend Frauen für seine Männer in Kalifornien an. Die Frauen wählen aufgrund von Fotografien ihre künftigen Ehemänner aus. Buck Wyatt hat jedoch nach wie vor Zweifel, ob das Unternehmen gelingt.

Eine bunte Gesellschaft macht sich nun auf den Weg nach Westen. Patience Hawley ist eine ältere Witwe eines Kapitäns aus Neuengland. Maggie O’Malley ist ein Bauernmädchen, die auch sehr gut mit dem Gewehr umgehen kann. Rose Meyers ist schwanger ohne Ehemann. Die Italienerin Mrs. Maroni ist Witwe und reist mit ihrem 9-jährigen Sohn. Fifi Danon und Laurie Smith sind zwei ehemalige Prostituierte, die ein neues Leben beginnen möchten. Buck heuert außerdem 15 Männer an, die mit ihm den Treck beschützen sollen. Er warnt aber gleichzeitig die Männer wie auch die Frauen, dass er keine Beziehungen unter den Frauen und Männern des Trecks dulden werde.

Nach einer kurzen Lehreinführung beginnt die große Reise. Buck muss auch sogleich einen Mann wieder zurückschicken, der sich an eine Frau herangemacht hat und verspricht, dass er den nächsten Mann, der mit einer der Frauen anbändelt, sofort erschießen würde. Bald ist auch erkennbar, dass die Reise tatsächlich so schwierig und gefährlich ist, wie Buck es erwartet hat. Indianer zeigen sich, greifen den Treck allerdings nicht an. Laurie Smith wird von einem der Männer vergewaltigt, der daraufhin von Buck erschossen wird; ein zweiter Mann, der Buck in den Rücken schießen will, wird von Maggie getötet. In der Nacht verlassen daraufhin einige Männer mit einigen Frauen den Treck. Der junge Sid Cutler, der sich in Rose Meyers verliebt hat, kann Rose nicht überreden den Treck zu verlassen und bleibt. Als Buck die Flucht dieser Gruppe wahrnimmt, entschließt er sich, dass nun auch die Frauen Männerarbeit übernehmen müssen. Sie erhalten Schießübungen. Dabei wird der kleine Sohn von Mrs. Maroni versehentlich erschossen. Mrs. Maroni wird krank in ihrer Trauer und Patience Hawley kümmert sich fortan um sie. Fifi Danon erzeugt eine Stampede des Trecks als sie auf einen Hasen schießt. Als Buck sie zur Rede stellt, reitet sie fort. Buck folgt ihr und nach einer weiteren Auseinandersetzung erkennen beide, dass sie sich lieben. Als sie zum Treck zurückkommen, wird dieser gerade von Indianer angegriffen. Dabei kommen einige Frauen ums Leben und auch Roy Whitman und Sid Cutler. Buck und der japanische Koch Ito sind nun die letzten Männer im Treck. Buck erklärt den Frauen, dass es besser wäre, umzukehren, doch die Frauen wollen weiterziehen.

Laurie Smith kommt während eines schweren Gewitters ums Leben und als letzte große Herausforderung steht die Durchquerung einer Wüste an. In der Wüste gebärt Rose Meyers ihr Baby. Als sie am Ziel ankommen, wollen die Frauen die wartenden Männer nicht eher treffen, bis sie nicht wieder sauber und frisch gekleidet sind. Buck führt sie nun in die Stadt und warnt die künftigen Ehemänner, dass sie gut zu diesen Frauen sein sollen, die den harten Weg zu ihnen auf sich genommen haben. Buck selbst wird ein gemeinsames Leben mit Fifi Danon beginnen (Handlung aus der WIKIPEDIA).

Rezension

Was kommt heraus, wenn Frank Capra einen Western machen will, aber nicht darf?

Eine Personalie im Stab fällt sofort ins Auge. Die von Frank Capra, der einige Alltime-Hits als Regisseur gefilmt hat, wie „It’s A Wonderful Life“ (1946), „It Happened One Night“ (1934) und manch anderen ikonischen Film.

Aber er war kein Spezialist für Western, sondern für wundervolle Komödien und herzerwärmende Stories eigener Art, wie eben „It’s A Wonderful Life“, der mindestens an Weihnachten von irgendeinem Sender gezeigt werden  muss. Frank Capra war ein großer Könner, was emotionale Momente angeht und das Zusammenspiel von Charakteren. Im harten Westerngenre hingegen kann man sich ihn eigentlich nicht vorstellen.

Seltsamerweise ist „Karawane der Frauen“ einer der härtesten und am meisten realistischen Western seiner Zeit. An ihm war jedoch nicht nur Frank Capra beteiligt. Charles Schnee hat auf der Basis seiner Idee das Drehbuch verfasst, William A. Wellmann, Spezialist für dramatisches Abenteuer, Regie geführt und der Produzent war Dore Schary, der kurz darauf Louis B. Mayer als Chef des ausführenden Studios Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) ablöste. Ungewöhnlich die Kombination der Mitwirkenden und ebenso das Ergebnis.

Jeremy Arnold erzählt die Story, wie der Film zustande kam, auf TCM (Turner Classiv Movies) so:

Die Idee für „Westward the Women“ kam von Frank Capra, der in den 40ern einen Magazinbeitrag über südamerikanische Frauen las, die den Isthmus (von Panama, d. Red.)) überquerten, um Bräute für eine Kolonie von männlichen Siedlern zu werden. Was, wenn man dieses Ereignis in den Amerikanischen Westen verlegt?, überlegte der Regisseur. Capra wollte immer schon einen Western machen, aber Columbia (das Studio, bei dem er unter Vertrag stand, d. Red.) machte zu der Zeit keine Western und so legte der die Idee zur Seite. Dann, eines Tages, erzählte er davon seinem Freund William Wellman, dieser war fasziniert. Mit Capras Segen, nahm Wellman die Idee mit zu Dore Schary von MGM, der nicht nur grünes Licht gab, mit Wellman als Regisseur, er entschloss sich, den Film persönliche zu produzieren (was nicht üblich war, MGM hatte in der Regel ausführende, auf Genres spezialisierte Produzenten unterhalb der Führungsebene, Louis B. Mayer hat nie einen Film persönlich produziert, d. Red.).

William Wellman, der Regisseur

William Wellman war weniger bekannt für große Western, und vielleicht kam dies dem Film zugute, weil er nicht so geprägt von Konventionen des Genres war, wie vielleicht ein John Ford, damals auf den Gipfeln des Ruhms mit der Kavallerie-Trilogie, die er mit John Wayne gerade abgefilmt hatte.

Er wurde als Regisseur berühmt mit „Public Enemy“ (1931), machte Abenteuer- und Kriegsfilme und gewann einen Regie-Oscar mit „A Star was Born“ (1937). Aber es ist nicht so, dass er sich mit Western nicht auskannte. „The Ox-Bow Incident“ (1943) zählt heute zu den besten Western aller Zeiten und mit „Yellow Sky“ (1948), der ebenfalls hoch bewertet ist, zeichnete er bereits das Portät einer starken Frau im Wilden Westen. Auch seine Filme mit Barbara Stanwyck weisen auf ein Talent hin, prägnante Frauencharakte zu entwickeln.

Action, Timing, vergleichsweise viel Realismus, das waren Dinge, auf die Wellman sich verstand und die brachte er in „Westward the Woman“ ersichtlich ein. Capras Idee hingegen wird wohl schon die emotionalen Momente des Films beinhaltet haben, und davon gibt es einige besonders gute.

Robert Taylor

Heute wird Robert Taylor gerne als Schauspieler ein wenig diskreditiert, weil er sich während der Kommunistenhetze der späten 40er und frühen 50er Jahre, die Hollywood durchrüttelte wie kein Ereignis zuvor, als vergleichsweise opportunistisch gezeigt hatte, vom heutigen Standpunkt aus wird er auch kein Widerstandskämpfer mehr, aber seine Rolle war nicht sehr bedeutend und trug wenig dazu bei, dass links gerichtete Filmschaffende quasi mit Berufsverbot belegt wurden.

Schauspielerisch hatte er sich vom statuesken Partner einer Greta Garbo in den 30ern weiterentwickelt, auch wenn er bis heute nicht zu den ganz großen „leading men“ Hollywoods gezählt wird. Es war ein Problem für MGM, das sich damals deutlich abzeichnete, dass abseits der Musicals die männlichen Topschauspieler für andere Studios tätig waren, aber „Westward the Women“ hat darunter sicher nicht gelitten. Der anfangs misogyn wirkende, erfahrene Treckführer Buck Wyatt (Taylor) wandelt sich zum Beschützer der Frauen, bis sie sich selbst beschützen können. Er zieht es mit ihnen durch und bildet sie zu Pionierinnen mit männlichen Eigenschaften aus. Und am Ende wird er belohnt. Mit der ehemaligen Prostituierten Fifi Danon (welch Name!), gespielt von der Französin Denise Darcel, die drei Jahre später eine wunderbare Rolle in „Vera Cruz“ an der Seite von Burt Lancaster und Gary Cooper erhielt bekommt er, jenseits aller Vorurteile, den Hauptpreis.

Damit das passieren konnte, musste allerdings eine Abweichung vom Procedere vorgenommen werden. Die anderen Frauen suchen sich ihre Männer schon per Foto vor der Abreise in Chicago aus, sie nicht – obwohl es wie ein vorgeschriebenes Verfahren wirkt. Überhaupt eine sehr witzige Idee. Die ersten Mail-Order-Brides der Geschichte, mit einiger Sicherheit. Die Fotografie gab es immerhin im Jahr 1851 schon, in dem der Film angesiedelt ist.

Viele halten Taylors Darstellung des Treckführers Buck Wyatt für eine seiner besten schauspielerischen Leistungen, wir finden, stellenweise ist ein gewisses Overacting zu beobachten, das sich gerade in kleinen Gesten ausdrückt, die etwas stark ins Ironisch-Lässige gehen, zum Ende hin verschwindet das aber, wie ja überhaupt die Figuren immer mehr zum Typ des Westerners verschmilzen.

Die Frauen und ein paar Männer

Wenn man die über 100 Frauen auf dem Treck und diejenigen, die als Figuren herausgehoben werden, insgesamt betrachtet, hat es sicher nie zuvor und selten danach eine solche Vorstellung gegeben. Eine ganz starke Leistung im Ensemble, sicher befördert durch die Tatsache, dass Regisseur Wellmann tatsächlich in der Wüste gefilmt hat und die Schauspielerinnen genau das lernen mussten und genau die Strapazen auf sich nehmen mussten wie die Figuren, die sie gespielt haben. Es sind keine der großen Schauspielerinnen darunter, und auch das war vielleicht gut so.

Denn der Film ist alles andere als glamourös. Wohl nie zuvor hat man in Hollywood Frauen so in Fetzen gekleidet, schwitzend, fluchend, sich zankend, schießend und mit beinahe allen Flüchen der Welt beladen gesehen. Eine von ihnen trägt ein uneheliches Kind im Bauch in den Westen, was möglicherweise 1851 weniger ein Problem darstellte, es waren Pionierzeiten. 1951 aber schon, als die Restauration nach der eher freiheitlichen Zeit des zweiten Weltkrieges in vollem Gang war. Schön, dass Mutter und Kind am Ende zu den überlebenden Figuren gehören und einen veständnisvollen Mann finden. In dieselbe humanistische Kerbe schlägt die Figur der Fifi Danon. Dass eine Ex-Prostituierte sich wandeln, ein neues Leben beginnen darf und sogar den Hauptdarsteller ehelicht, ist nicht nur in dieser Hollywoodphase eine Ausnahme gewesen.

Es gibt Päriegirls, die schon schießen konnten, bevor Buck alle Frauen instruieren musste, weil die Männer, die den Treck begleitet hatten, nicht tragbar oder tot waren, außer ihm und dem japanischen Koch Ito (Henry Nakamura). Da gibt es die Italienerin, die ihren Mann verloren hat und ihren kleinen Sohn durch einen Unfall bei eben diesen Schießübungen ebenfalls verliert, oder die imposante ehemalige Gattin eines vor Kap Hoorn gekenterten Kapitäns, die am Ende allerdings ihre navale Sprache etwas verliert und dadurch  zeigt, wie sie verschmilzt mit den anderen und mit dem Westen, der ja auch eine Art von unendlicher See darstellt.

Erstaunlich, wie mies die Männer dargestellt werden, die Buck immerhin von früheren Trecks kannte und als zuverlässig ausgewählt hatte. Alles niedere Schürzenhelden, die den Frauen nachkriechen. Und, man soll’s nicht glauben, das wird wohl viel mehr der Realität entsprochen haben als manche veredelte Darstellung männlicher Wildwestbewohner, wie andere Filme sie zeigten. Es ist dem Filmteam hoch anzurechnen, dass diese wirklich einfachen Typen also genau das gezeigt werden, was sie wohl oft auch waren: Lumpenpack, das hauptsächlich durch niedere Instinkte hervortritt. Ausnahmen sind nur der Initiator des Trecks, Robert E. Whtiman (John McIntire), der Koch Ito und Buck, der aber auch eine gewisse Wandlung vollziehen muss, um die Frauen wertschätzen zu können.

Emanzipation als Adaption

Der Western ist ein konservatives Genre, auch „Westward the Women“ ist kein Avantgardekino. Er zeigt aber etwas auf, was bis heute nicht nur im Western zu beobachten ist und vor allem nicht nur im Kino. In diesem Film: Frauen werden dann dominant, wenn sie sich männliche Eigenschaften zulegen. Wenn sie hart werden, schießen lernen, körperlich bis an die Grenzen gehen. Selbst moderne Filme sind genauso gestrickt. Und im Grunde ist Emanzipation nichts anderes als gelungene Adaption. So wird man das heute nicht sehen können, so sollte man es aber auch nicht sehen wollen. Ein hervorragendes Symbol am Ende: Wie die Frauen sich die Männer aussuchen, nicht umgekehrt. Und das ist, jenseits aller gesellschaftlichen Verändungen, immer schon so gewesen, sofern sie wählen durften. Es ist das Anerkenntnis einer durch diverse Tests untermauerten Realität zu einer Zeit, als es diese Tests zur Partnerwahl noch gar nicht gab.

Die Frauen haben sich diese Wahl aber auch verdient. Man merkt in jeder der hoch emotionalen Schlusszenen, die mit dem Ball enden, dass sie die stärkeren Persönlichkeiten sind und mit großem Selbstbewusstsein auf die eher unsicher wirkenden Männer zugehen. In nur wenigen amerikanischen Filmen der Zeit wurde so hochherzig ein Modell von Gleichberechtigung gezeigt, das ja auch Programm in den Hollywoodfilmen war: Sie waren immer idealistisch und die Verfassung war ihnen heilig.

Apotheose des Pioniermythos

Wie einige andere Filme gerade der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, welche die ungeheure ökonomische und ideelle Kraft zeigten, welche die Vereinigten Staaten damals hatten, unbesiegt und noch nicht von der Erosion seit den 60ern gezeichnet, ist „Westward the Women“ natürlich auch ein klassischer Pionierfilm, der mit am Mythos strickte. So gefährlich alles war, so hart und unbarmherzig, daraus wurde eine Nation geschmiedet, die allen anderen überlegen war. So der Subtext, und wer hätte das im Jahr 1951 bestreiten wollen? Freiheit als Mythos, aus dem ein besonderes Menschengeschlecht entsteht, und damit auch Abgrenzung zu den kommunistischen Diktaturen, die ihre eigenen Mythen hatten.

Bei genauer Betrachtung waren die Western genauso Propaganda wie jede andere Propaganda. Ein Volk überhöht sich gerade da, wo es sich so realistisch gibt wie in „Westward the Women“. Eigentlich war das nicht MGM-Stil, Louis B. Mayer, der dieses Studio zum größten in Hollywood entwickelt hatte, war kein vordergründiger Patriot wie die Gebrüder Warner, aber sein Nachfolger Dore Schary hatte den Film persönlich gemanagt und war um einiges offensiver als der alternde Mayer.

Es ist aber keine Frage, dass der Pioniermythos auch wahre Wurzeln hat. Viele ließen ihr Leben bei der Besiedlung der USA und viele mussten sich selbst neu erfinden. Und durften dies auch. So, wie eine Nation eine Erfindung seiner selbst ist, herausgebildet aus Millionen von Schicksalen, die sich ihre Identität zurechtgelegt, erkämpft oder erlogen hatten. Das wird in US-Filmen immer wieder thematisiert und hat sicher dazu beigetragen, dass die USA als ideelles Gebilde eine so überragende Strahlkraft entwickeln konnten. Erst die jüngere Geschichte seit den 60er Jahren hat diese Strahlkraft schrittweise verblassen lassen und sie wird vermutlich nie wieder im früheren Maß zurückkehren.

„Westward the Women“ atmet die Atmosphäre dieser großen Zeit in vollen Zügen und jeder Planwagen, jede der Frauen, ist ein Symbol für den unerschütterlichen Willen, etwas Neues, etwas zu schaffen, das nicht nach dem Woher fragt, sondern nur nach dem Morgen. Und wer würde nicht gerne in einer solchen Gesellschaft leben, in der es möglich ist, aus einer vollkommen unterprivilegierten Situation heraus ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Die Sehnsüchte, die solche Filme bedienen, sind real und manchmal würde man sich heute mehr von diesem Pioniergeist wünschen, den es in Deutschland aber noch nie in dieser Form gegeben hat. Die Alternative ist aber auch nicht, in die USA auszuwandern, das ist heute auch ein gesetteltes Land mit festen Strukturen und mancher Deformation, die sich als Kehrseite einer auf einfachen Ideen fußenden Pionier-Epoche darstellt. Nämlich in der Form, dass gerade die USA sich schwer tun, die Antorten auf die komplexen weltweiten Fragestellungen unserer Zeit zu finden, weil der Idealismus der alten Film nie ganz real war, auch in den besten Zeiten des Landes nicht. Und weil das Reale zu archaisch geblieben ist, in den Weiten des Mittleren Westens, des tiefen Südens und in den Herzen derer, die nicht akzeptieren können, dass die Welt aus mehr besteht als ein paar Grashalmen vor unendlichem Horizont und einer Urkunde, die belegt, dies Stück vom weiten Land ist mein Land.

Kleinere Ungereimtheiten

Stellenweise hatte man Mühe mit Anachronismen. Man merkt, dass der Westen von 1851 immer zum Neueren tendiert. Das gilt für die Schusswaffen, die gezeigten Modelle gab es 1851 sämtlich noch nicht. Auch ein paar andere Details, die sich nicht so eindeutig verorten lassen, kamen uns eher wie aus den 1870ern vor, zum Beispiel (teilweise) die Kleidungsstücke. Dass man den Film so früh angesiedelt hat, liegt wohl vor allem daran, dass man vielleicht symbolisch 100 Jahre zurückblicken wollte – und dass ca. 20Jahre später die ersten Eisenbahnen quer durchs Land gezogen worden waren und ein solch mühsamer Treck wie der hier gezeigte nicht mehr vonnöten war, um Menschen von Ost nach West zu bringen. Einen deutlichen Fehler in der Continuity gibt es auch – wo der Koch Ito den Hund vom Grab des italienischen Jungen holt, wirkt es vorher, als sei der Treck bereits ein gutes Stück weitergezogen.

Finale

„Westward the Women“ ist ein Film mit vielen Qualitäten, die ihn über durchschnittliche Western hinausheben, er ist mythisch und sehr stark gespielt, Menschen wandeln sich, mit ihren ganz verschiedenen Herkünften, zu etwas Neuem und dürfen doch sie selbst bleiben. Das sieht man am Ende an der italienischen Frau, die einen Mann aus ihrer Heimat findet und heiratet und sich nicht etwa zwangsassimilieren muss.

Kurz vor dem 25er-Jubliäum der Filmanthologie ändern wir das Bewertungsschema ein wenig, um differenzierter agieren zu können und führen die 1/10-Bewertungsmöglichkeit ein (nur für Kinofilme). Die Abstufung gelingt damit besser und Nuancen, in denen wir einen Film besser oder schlechter sehen als einen anderen, können wir damit besser ausdrücken. 

79/100

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Regie William A. Wellman
Drehbuch Charles Schnee nach einer Geschichte von Frank Capra
Produktion Dore Schary
Musik Jeff Alexander
Kamera William C. Mellor
Schnitt James E. Newcom
Besetzung

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