Unter Piratenflagge (Captain Blood, USA 1935) #Filmfest 66

Filmfest 66 A

Ein Traumpaar formiert sich

Wir arbeiten uns immer mehr in die Frühzeit des Tonfilms hinein – zugegebenermaßen nicht zum ersten Mal, aber erstmalig für den Wahlberliner rezensierend. Und es macht riesigen Spaß, eigentlich von Film zu Film mehr.

Allerdings ist „Captain Blood“ auch ein großer Abenteuerspaß, selbst für heutige Verhältnisse. Der schönste Mann und Pirat, den Hollywood in jenem Jahr frisch aus dem Hut gezaubert hat und das hübscheste Lächeln aller weiblichen Stars bilden eine famose Einheit, die drei Jahre später in „Robin Hood“ ihre Vollendung fand: Errol Flynn und Olivia de Havilland. Mehr dazu und zum Film findet sich in der -> Rezension.

Die Jugend der Darsteller, auch das Genre damals unverbraucht und voller Faszination, machen diesen Film sehenswert. Natürlich merkt man, dass häufig in einem Studio-Wasserbecken gefilmt wurde, wenn es um Seeschlachten ging, dass der Himmel über dem großen Meer in der Regel gemalt ist und nicht natürlich, dass eben die Tricktechnik dem Stand ihrer Zeit entspricht. Aber das ändert nichts daran, dass „Captain Blood“ bis heute einer der schönsten Swashbuckler ist.

Selbst dieser alte Film ist schon ein Remake (das Original stammt aus 1923) und 1935 war die  Tontechnik in etwa so weit, dass man solche Filme wieder drehen konnte, in den ersten Jahren der Talking Pictures waren solche groß angelegten Szenarien aufgrund der Statik des riesigen Sound-Equipments nicht denkbar.  1935 entstand ein weiterer großer Seefahrer-Film, „Mutiny on the Bounty“, der den Oscar für den besten Film des Jahres erhielt. Der nächste sollte 1940 kommen: „The Sea Hawk“, ebenfalls mit dem brillant für diese Filme geeigneten Errol Flynn in der Titelrolle.

Handlung

Der Film handelt von dem irischen Arzt Peter Blood, der, als er in den Wirren um die Glorious Revolution einem Rebellen erste Hilfe leistet, verhaftet und ohne angemessene Verteidigung zum Tod durch den Strang verurteilt wird. Dieses Urteil wird aber geändert, als der Königerfährt, dass in Jamaika Sklavenmangel herrscht. So kommt Peter Blood nach Port Royalund wird dort von der Nichte des Gouverneurs, Arabella Bishop, gekauft, die sich von seiner aufsässigen Natur gegenüber ihrem despotischen Onkel angezogen fühlt.

Nach einiger Zeit wird Port Royal von spanischen Freibeutern angegriffen; dies nutzen Blood und seine Mitsklaven, um das Schiff der Spanier zu entern, und sie beginnen als Gesetzlose ein Leben als Piraten. Nach einiger Zeit als Pirat geht Peter Blood ein Bündnis mit dem französischen Piraten Levasseur ein. Bei einem Beutezug fallen Levasseur der englische Lord Willoughby und Arabella Bishop in die Hände. Am vereinbarten Treffpunkt der beiden Piraten sieht Peter Blood seine ehemalige Besitzerin wieder und will diese von Levasseur kaufen. Da Levasseur das Lösegeld aber nicht von Blood, sondern vom Gouverneur der Stadt Port Royal bekommen möchte, kommt es zu einem tödlichen Duell zwischen Peter Blood und Levasseur.

Nachdem Peter Blood das Duell überstanden hat, setzt er Segel in Richtung Port Royal, um Arabella Bishop dort abzusetzen. Als der Hafen gesichtet wird, hören Blood und seine Mannschaft Kanonendonner; Port Royal wird von französischen Schiffen angegriffen, da sich England und Frankreich nun im Krieg befinden. Jetzt nutzt der englische Lord Willoughby die Gelegenheit, um Peter Blood und seiner Mannschaft die Begnadigung des neuen Königs Wilhelm von Oranien zu überreichen. Durch diese Begnadigung wieder zu treuen Bürgern des britischen Empires gemacht, begegnen Blood und seine Männer den Franzosen im Kampf und schlagen den Angriff nieder. Nachdem die Seeschlacht gewonnen ist, wird Peter Blood vom Willoughby wegen seiner Verdienste zum neuen Gouverneur von Port Royal ernannt und gewinnt auch die Hand Arabellas.

Handlung

Der junge Arzt Peter Blood versorgt die Wunden eines rebellischen Edelmannes und wird in den Aufstand hineingezogen. Er schleudert dem Richter des Königs Jacob seine Verachtung ins Gesicht – und durch einen ökonomisch intendierten Meinungsumschwung des Königs wird er nicht gehängt, sondern als Sklave nach Westindien gebracht.

Der Sklave Peter Blood wird von Mr. Bishop für zu aufrührerisch empfunden. Um Schlimmeres zu verhindern, kauft seine Nichte Arabella ihn – für 10 englische Pfund.

Er gewinnt seine Leidensgenossen für einen Fluchtplan – unerwartet kommt ihnen ein spanisches Kriegsschiff in die Quere, welches Port Royal einnimmt und das Boot der fluchtbereiten Sklaven versenkt.

Rezension

Die Jugend der Darsteller, auch das Genre damals unverbraucht und voller Faszination, machen diesen Film sehenswert. Natürlich merkt man, dass häufig in einem Studio-Wasserbecken gefilmt wurde, wenn es um Seeschlachten ging, dass der Himmel über dem großen Meer in der Regel gemalt ist und nicht natürlich, dass eben die Tricktechnik dem Stand ihrer Zeit entspricht. Aber das ändert nichts daran, dass „Captain Blood“ bis heute einer der schönsten Swashbuckler ist.

Selbst dieser alte Film ist schon ein Remake (das Original stammt aus 1923) und 1935 war die  Tontechnik in etwa so weit, dass man solche Filme wieder drehen konnte, in den ersten Jahren der Talking Pictures waren solche groß angelegten Szenarien aufgrund der Statik des riesigen Sound-Equipments nicht denkbar.  1935 entstand ein weiterer großer Seefahrer-Film, „Mutiny on the Bounty“, der den Oscar für den besten Film des Jahres erhielt. Der nächste sollte 1940 kommen: „The Sea Hawk“, ebenfalls mit dem brillant für diese Filme geeigneten Errol Flynn in der Titelrolle.

  1. Vom Besten von Michael Curtiz

Es gibt Stimmen, die sagen, „Casablanca“ sei ein Glücksfall gewesen, da Regisseur Michael Curtiz voher und nachher nichts Vergleichbares zustande gebracht habe.

Man muss aber ein wenig differenzieren, wenn man das Werk des als Mihály Kertész in Ungarn geborenen Regisseurs betrachtet. Schon 1912 begann seine Karriere als Regisseur in Ungarn, in den USA war er einer der produktivsten, drehte in den 20er und 30er Jahren mehrere Filme pro Jahr und man kann sagen, er ist ein typischer Studioangestellter gewesen, ein Routinier, kein Genie. Vor und nach dem Riesenerfolg von „Casablanca“ (1942) standen ihm Stars der ersten Garde zur Verfügung, sein Hauptwerk aber endete vielleicht genau mit diesem Film. Ihm am nächstn kommen „The Sea Hawk“ von 1940 und eben „Captain Blood“. In dichten Abständen folgen die übrigen Werke in kleinen qualitativen Schritten abwärts, bis hinunter zu jenen, die kaum als durchschnittlich zu bezeichnen sind.

Aber in „Captain Blood“ zeigt sich alles, was Curtiz unter glücklichen Umständen leisten konnte, sehr gut. Sinn für Abenteuerplots und für große Romanzen, für die Chemie der Schauspieler und für eine sehr schöne Indikation des Guten und Bösen, die komplette Identifikation mit dem Helden erlaubt.

  1. Neue Sterne am Himmel von Hollywood

Schon 1935 zeigt sich etwas, das sich später noch sehr auszahlen würde. Warner Brothers, die den „Captain Blood“ drehten, waren weniger arriviert als Paramount und MGM und besonders gut in der Lage, etwas zu wagen. Und das taten sie, indem sie den vorher in den USA ganz unbekannten Errol Flynn und die erst 19jährige Olivia de Havilland in diesem Film als Hauptdarsteller zusammenbrachten.

Flynn hatte in den USA zuvor keine einzige Hauptrolle gespielt, sich aber 1933 mit dem australischen Film „The Wake of the Bounty“ empfohlen – als Fletcher Christian, den im US-Film von 1935 Clark Gable spielte, der seinerzeit größte männliche Star auf dem Planeten. Als er mit „Captain Blood“ Starruhm erlangte, war er 26 Jahre alt und wirkt in manchen Szenen noch ein wenig weich und jungenhaft, auch die langen, recht einfach frisierten Haare tragen dazu bei, dass er nicht immer den Eindruck eines versierten Piraten macht. Zu diesem wird er allerdings erst im Lauf des Filmes und die Wandlung stellt sich recht glaubwürdig dar. Aus einem Arzt, der zu Unrecht in eine abgelegene britische Kolonie geschickt und versklavt wird, entwickelt sich unter harten Entbehrungen und dem fortwährenden Gefühl der Demütigung ein Outlaw, der das karisbische Meer unsicher macht und dann in den Arm von (neuem) König und Vaterland zurückkehrt. Mag er auch als Schauspieler noch nicht auf dem Höhepunkt sein, seine physische Präsenz ist unübersehbar und wenn er sich von Schiff zu Schiff schwingt, seine Leute anführt und anfeuert merkt man, dieser Schauspieler ist dazu geboren, große Figuren mit Leben und die große Leinwand mit Glanz zu erfüllen.

Ihm zur Seite steht Olivia de Havilland. So natürlich reizend kann man wohl nur sein, wenn man eine schöne Kindheit hatte und von innen heraus strahlt. Mit der ein Jahr jüngeren John Fontaine bildete sie bald das berühmteste Geschwisterpaar Hollywoods und zusammen gewannen die Damen 3 Oscars als beste Darstellerinnen in einer Hauptolle – in etwas späteren Jahren, de Havilland betreffend, aber mehr muss man kaum schreiben, um sie zu würdigen. Wenige Schauspielerinnen konnten eine solche Ausbeute vorweisen, wesentlich besser war nur die unvergleichliche Katherine Hepburn (4 Hauptrollen-Oscars).

In „Captain Blood“ kommt der sehr jungen Olivia de Havilland zugute, dass sie ihren natürlichen Charme ausspielen darf. Keck, hübsch, eigensinnig, charmant und nicht auf den Kopf gefallen. Eine Paraderolle, in der sie mehr glänzen kann als vier Jahre später bei der zu süßlichen Darstellung, die sie als Melanie Hamilton in „Vom Winde verweht“ gibt, da muss sie die offensive Rolle schon an Vivien Leigh abtreten. Aber wer verändert sich nicht zum Einseitigen, unter der schweren Last einer MGM-Selznick-Prestigeproduktion in Technicolor? Danach war es für de Havilland nicht so leicht, ins Charakterfach zu wechseln, sie boxte sich in einem spektakulären und Schule machenden Prozess aus ihrem Vertrag heraus, um mehr künstlerische Freiheit zu gewinnen – zahlte dafür mit weniger Rollenangeboten, aber die waren gut und brachten ihr den Ruhm der zwei Statuen. Dieses couragierte Verhalten einer selbstbewussten Frau wirkt schon ein wenig in ihrer Rolle als Gouverneurstochter Arabella Bishop angelegt und sie gefällt uns darin ausgezeichnet.

Es gibt viele Hommagen auf Flynn / de Havilland von inspirierten Youtube-Nutzern, die belegen, wie groß heute noch die romantische Impression ist, welche die beiden in sieben gemeinsamen Filmen hinterlassen haben, aber wir beschränken uns auf Originalmaterial, wenn möglich auch in der Originalsprache, wer sich ein wenig verzaubern lassen mag, kann sich die kleinen Videos auf Youtube und anderen Quellen anschauen.

Captain Blood kehrt mit Arabella und Lord Willoughby, dem Gesandten des neuen englischen Königs, nach Port Arthur zurück und verhindert dessen Einnahme durch die Franzosen, mit denen England gerade in Krieg geraten ist.

  1. Eine Handlung von Blut und Ehre und viel Spaß

Der Plot ist typisch, gewissermaßen konventionell und in der für die 30er Jahre typischen Art ohne wesentliche Schnörkel und Seitensprünge erzählt. Die Geschichte des irischen Arztes Peter Blood, der später seinem Nachnamen als Pirat alle Ehre macht, ist so angelegt, dass man ihm folgt, wohin ihn die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die sein Schicksal gewendet hat, auch treiben mag. Auch das ist eine typische Warner-Attitüde: Die raue, an einem gewissen Realismus selbst im Abenteuerfilm orientierte Darstellung der Zustände, der menschlichen Leiden und auch der menschlichen Existenz. Da wird geschwitzt, geflucht, blutig gepeitscht, die Piratentypen sind alles andere als ansehnlich, mögen sie auch Soldaten, Matrosen in der britischen Kriegsmarine oder sonst etwas gewesen sein, bevor sie versklavt wurden. Einzig Peter Blood bildet eine optische Ausnahme, und selbst er wird erst in Freiheit, auf dem spanischen Schiff, das er und seine Gefolgsleute in einem Coup erobert haben, zu voll kostümierten Glanz erstrahlen.

Vom überbordenden Zuckerguss des Hollywood-Kinos der 40er und 50er Jahre ist der Film noch ein Stück entfernt, gleichermaßen allerdings von der psychologischen Figurenausdeutung, die ebenfalls in den beiden nachfolgenden Jahrzehnten entwickelt wurde. Da gibt es keine Herkunft, keine inneren Zustände, die sich nicht aus dem äußeren Geschehen erklären ließen, keine Mächte der Seele, sondern pure Freude an der Aktion. Beinahe wie heute, wo der Hollywood-Film auch wieder diesen Status des reinen Entertainments pflegt. Die Frage ist, ob das unserer Zeit noch so angemessen ist wie in der großen Depression der 30er Jahre, in der die Menschen ins Kino gingen, um etwas zu sehen, das ihre Alltagssorgen relativierte und zudem großes Gefühlskino war – jenseits einer Sentimentalität, die sich später immer mehr Bahn brach.

Dafür, dass es nicht sentimental zugeht, sorgen alle Figuren zusammen. Nicht nur die frische, unverkrampfte Spielweise der beiden Hauptdarsteller macht Freude, auch die übrigen Figuren sind in ihrer Eindeutigkeit überzeugend und – die Dialoge sind teilweise erstklassig. Herrlich, wie Lionell Atwill als Arabella Bishops Onkel dem an Gicht leidenden Gouverneur, der ihn bezichtigt, hinter seinem Posten her zu sein, mit dem galant-arroganten Satz: „Da liegen Sie falsch, mein Lieber“ abfindet und man weiß so gut, dass das nicht stimmt. Alle Dialoge haben einen frischen, unverbrauchten Witz, die Sätze sind Finten oder ernst gemeint, sind Duelle oder Zeichen einer Liebe, die ebenfalls als Duell beginnt. Dagegen wirkt das einzige Degenduell des Films zwischen Captain blood und Piratenbruder Levasseur beinahe blass und ein wenig herbeizitiert – wie der gesamte Handlungsstrang mit Levasseur. Vielleicht die einzige deutliche Schwäche des Plots, dass dieser Part des französischen Freibeuters, aber schön gespielt von Basil Rathbone, erst sehr spät in den Film eingefügt wird und eine gewisse Verzögerung der Haupthandlung mit sich bringt. Trotzden, für Liebhaber der klingenden Waffen, hier die (beinahe komplette) Fechtszene zwischen Blood und Levasseur:

Besonders nett ist das humorige Ende, als Bishop in seinen Gourverneurssitz kommt und Peter Blood auf seinem Sessel vorfindet. Dieser Moment, in der Flynn und de Havilland groß aufspielen, ist vielleicht die schönste des ganzen Films und eine hervorragender Schluss, der zu Szenenapplaus reizt.

  1. Einer der ersten großen Scores

Für die Musik zuständig ist laut Vorspann Leo G. Forbstein, aber der Score stammt von Erich Wolfgang Korngold und ist einer der Evergreens der Filmmusik. Eine der ersten wirklich handlungsgerechten und hervorragend in die Filmszenen hineinkomponierten Suiten – leider in der deutschen Synchronisation dadurch eines Teils seiner Wirkung beraubt, dass ruhigere Szenen, die offensichtlich im Original gar nicht untermalt waren, mit ruhigerer Musik versehen wurden, die nicht optimal zum Korngold-Score passt.

Den Trailer zum Film, in dem einiges von der herrlichen Korngold-Musik zu hören ist und der die Atmosphäre des Films gut spiegelt, wollen wir nicht vorenthalten:

Finale

„Captain Blood“ wird von Kennern des Genres noch heute zu den 10 oder 20 größten Filmen desselben gezählt – wir meinen, zu Recht. Er ist nicht übermütig, nicht galant, nicht in prachtvollen Farben gehalten, die es schon kurze Zeit später üblich war, tricktechnisch und, damit zusammenhängend, ist in der Bildsprache der Seeszenen einiges noch recht roh, anderes kunstvoll en miniature gebaut, aber die Schauspieler, die Handlung und das Metier, das passt alles wunderbar zusammen und man kann äußerst vergnügliche 94 Minuten mit „Captain Blood“ und seinen Abenteuern verbringen. Und was kann Hollywood besser, als echtes, unverfälschtes Abenteuer auf die Leinwand bringen? 

81/100

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Michael Curtiz
Drehbuch Casey Robinson
Produktion Harry Joe Brown
Gordon Hollingshead
Musik Erich Wolfgang Korngold
Kamera Ernest Haller
Hal Mohr
Schnitt George Amy
Besetzung

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s