Der grüne Bogenschütze (D / DK 1961) #Filmfest 65 #EdgarWallace

Filmfest 65 A "Special Edgar Wallace" (3)

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftFiktionsstörung!

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Abel Bellamy, ein undurchsichtiger Geschäftsmann, kehhrt aus den USA zurück und findet auf seinem Schloss Zustände vor, die ihn auf die Palme bringen; sein Sekretär hat unerlaubt Führungen veranstaltet, ein grüner Bogenschütze treibt sein Unwesen und im Manor gegenüber zieht eine Dame ein, die im Schloss von Bellamy ein Taschentuch mit den Initialen V. H. hinterlässt, und eine Blutspur ist auch darauf.

Zur besonderen Gestaltung der Edgar Wallace-Rezensionen siehe „Der Frosch mit der Maske“.

„Der grüne Bogenschütze“ ist der fünfte von 38 Nachkriegsfilmen über Stoffe des britischen Kriminalschriftstellers Edgar Wallace, die mit deutschen Schauspielern und deutschem Stab, mehrheitlich als Produktion der dänischen Rialto-Film (Preben Philipsen) entstanden.

Produktionsdaten, Handlung, Stab ,Besetzung Auflösung – Quelle: Wikipedia

  • Wie „Die vier im roten Kreis“, dem anderen Film, den Jürgen Roland für die Serie inszeniert hat, war „Der grüne Bogenschütze“ an der Kinokasse vergleichsweise wenig erfolgreich: Nur 1,7 Millionen Zuschauer fand der fünfte Nachkriegs-Wallace deutsch-dänischer Provenienz, während zwischen 2,5 und 3,6 Millionen bei den frühen Werken der Serie üblich waren,
  • den Rekord hält „Das Gasthaus an der Themse“ aus 1962 mit 3,6 Millionen Kinobesuchern vor „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ aus 1961 mit 3,5 Millionen,
  • Die Verfilmung des 1923 erschienenen gleichnamigen Romans (Originaltitel: The Green Archer) von Edgar Wallace wurde von Oktober 1960 bis Januar 1961 in Hamburg und Schleswig-Holstein Am 2. Februar 1961 startete der Film in den deutschen Kinos (1),
  • Der Film wurde, im Gegensatz etwa zu „Der Frosch mit der Maske“, schon ab 12 Jahren freigegeben („Der Frosch“ erst ab 16) und ist in der Tat weniger blutig. Fürs Fernsehen wurde der Film dennoch gekürzt. Unter anderem wurde die charakteristische Fiktionsstörung entfernt, in der Eddi Arent fürs Publikum in die Kamera spricht (2),
  • Für die Kinosaison 1960/61 planten Waldfried Barthel, Gerhard F. Hummel (beide Constantin Film) und Preben Philipsen (Rialto Film, Prisma-Filmverleih) die Produktion der vier Edgar-Wallace-Filme Die Bande des Schreckens, Der grüne Bogenschütze, Das Geheimnis der gelben Narzissen und Die toten Augen von London. Während der bereits bewährte Drehbuchautor Egon Eis die Drehbücher der beiden letzten Filme schreiben sollte, wählte man als Autor der nächsten Wallace-Adaptionen den Schriftsteller Wolfgang Schnitzler,
  • „Der grüne Bogenschütze“ hat insbesondere durch das Engagement von Gert Fröbe, der den geheimnisvollen Abel Bellamy spielt, eine der hochkarätigsten Besetzungen der Serie, einige Rollen wurden von anderen Darstellern gespielt als ursprünglich vorsgesehen: Ulla Jacobsson statt Karin Dor, Dietmar Schönherr statt Heinz Weiss und Fritz Rasp statt Hans Epskamp,
  • Karin Dor spielte hier in ihrem einzigen Edgar-Wallace-Film, der nicht von ihrem damaligen Ehemann Harald Reinl inszeniert wurde.

Handlung

Julius Savini, der Sekretär des amerikanischen Millionärs Abel Bellamy, veranstaltet verbotenerweise Führungen für Touristen in Garre Castle, dem Anwesen seines Arbeitgebers, in dem der Sage nach der Geist eines grünen Bogenschützen sein Unwesen treibt. Als einer der Besucher mit einem grünen Pfeil erschossen wird, schaltet sich die Polizei ein.

Das benachbarte Anwesen Ladys Manor wird von Mr. Howett gekauft, der dort mit seiner Patentochter Valerie einzieht, die auf der Suche nach ihrer verschwundenen leiblichen Mutter Elaine ist.

Als Abel Bellamy am Flughafen in London eintrifft, um wieder nach Garre Castle zurückzukehren, kommt es zu einem unfreundlichen Zusammentreffen mit dem ehemaligen Gefängnisaufseher Creager. Kurz darauf wird Creager ebenfalls mit einem grünen Pfeil erschossen, gerade als er Scotland Yard Informationen über Bellamy anbieten will. Scotland Yard findet rasch heraus, dass Creager mit Bellamy in Verbindung stand und regelmäßig Geld von ihm erhielt.

Inspektor Featherstone von Scotland Yard ermittelt in den Mordfällen und stößt dabei sowohl auf die hübsche Valerie Howett als auch auf zahlreiche undurchsichtige Gestalten, wie den Nachtklubbesitzer Coldharbour, die mit Bellamys dunkler Vergangenheit zu tun haben.

Rezension

Einerseits nähert sich der Stil der Edgar Wallace-Filme mit „Der grüne Bogenschütze“ langsam der endgültigen Ausformung an, es gibt zum Beispiel schon die spektakuläre Mordszene, hier mit Pfeil und Bogen, bevor der eigentliche Vorspann gezeigt wird. Andererseits ist „Der grüne Bogenschütze“ ein Sonderfall. Weniger auf Schockeffekt angelegt und mit weniger Wohlfühl-Grusel ausgestattet als manch andere Produktion der Serie.

Dafür aber mit Gert Fröbe einen besonders einprägsamem Bösewicht, der am Ende aber doch eine beinahe glaubhafte Motivation für all sein Tun hat. Am besten finden wir ihn, wenn er nicht die Leute anbrüllt, sondern wie ein bei einem Streich ertappter Pennäler mit hängenden Schultern und bangem Blick neben den ermittelenden Polizisten steht und befürchtet, dass seine ganzen Tricks und Geheimverstecke auffliegen könnten. In „Goldfinger“ drei Jahre später wirkt Fröbe sicher noch kompakter, aber hier kann er seine Fähigkeiten als Theaterschauspieler zum Einsatz bringen (3). Die Szene, in welcher er aus dem Flugzeug steigt und erstmalig zu sehen ist, schön von unten die Gangway hinauf gefilmt (was allerdings auch eine natürliche Kameraperspektive für solche Szenen ist), ist uns noch vom allerersten Ansehen dieses Films in Erinnerung und seitdem wissen wir unauslöschlich, dass die USA um 1960 etwa 170 Millionen Einwohner hatten. An prägnanten Szenen mangelt es in diesem Film ohnehin nicht, eher an einer schlüssigen Formensprache.

Auf die erwähnte Fiktionsstörung, von Eddi Arent hervorgerufen, müssen wir noch einmal eingehen, weil sie den Film stark beeinflusst. Warum man so etwas gemacht hat, lässt sich nur vermuten, ebenso wie der fiktionsstörende Bezug auf die Stahlnetz-Serie, der ebenfalls durch Worte von Eddi Arent als Reporter Spike Holland verursacht wird und natürlich den Bezug  zum Regisseur Jürgen Roland herstellt, der viele Folgen der Original-Stahlnetz-Serie aus den 1950ern und 1960ern inszeniert hat.

Offenbar wollte man mit diesen Stilmitteln eine ironische Distanzierung erreichen und die Fiktion absolut als solche kenntlich machen. Man traute wohl der ziemlich vertrackten Handlung und der Glaubwürdigkeit des Grünen Bogenschützen nicht, den es außerdem zweimal gibt. Ein schon im TV-Business erfahrener Krimiregisseur wie Roland hatte wohl eher als z. B. Harald Reinl ein Gespür dafür, dass die Wallace-Plots ganz schön over the Top sind.

Leider verstärkt diese Aufhebung des Fiktionalen den Effekt, der den Film ohnehin prägt. Dass man tatsächlich die Handlung zu abstrakt und verzwickt findet. Wir kennen das aus einigen Tatorten, dass es am Ende beinahe gleich ist, wer der Täter ist, so froh ist man schon, einigermaßen die koginitive Kontrolle behalten zu haben. Nun sind wir aber im Jahr 2013 und anders geschult als das Kinopublikum der 1960er Jahre, wir sind durch Computer, moderne, schnell gefilmte Kinostücke, durch Videoclips in der Lage, besser zu folgen. Man kann sich also vorstellen, was der Grüne Bogenschätze bei den Leuten bewirkt hat, die ihn sich 1961 anschauten.

Anders als in den ebenfalls oft nicht unkomplizierten Kriminalfilmen von Fritz Lang „M“, „Dr. Mabuse“ und die Folgefilme oder „Spione“, haben die Macher von „Der grüne Bogenschütze“ nicht die künstlerische Kraft aufbringen können, einen solchen Plot zu strukturieren, klar die Settings, die Charaktere, die dramaturgischen Ebenen gegeneinander abzugrenzen. Da er sich aber gleichzeitig weniger auf sein Sujet einlässt als andere Filme der Serie wirkt er weniger genre-kompetent und wir können nachvollziehen, warum das Publikum ihn nicht so sehr mochte wie andere Produktionen der Serie.

Typisch hingegen ist die Aufstellung des unheimlichen Mörders:   Im Gegensatz zu Agatha Christie, wo sich die Verbrecher psychologisch stimmiger hinter der Maske von Ehrenleuten verbergen, wird bei Wallace gleich auf die Person gezeigt, die alles initiiert und steuert. Der Effekt der Auflösung liegt also nicht darin, wer von allen, die wir als mögliche Täter mit ihren Motiven kennenlernen, sondern darin, wer sich hinter der Maske versteckt. Im ebenfalls rezensierten „Der unheimliche Mönch“ war das Erstaunen groß, da entpuppte sich Eddie Arent als die Peitsche schwingender Kuttenmann, der eher dem Tod als einem Kirchenmann ähnelt.

Einen richtigen Knalleffekt gibt es am Ende in „Der grüne Bogenschütze“ nicht, als der echte Bogenschütze entpuppt sich John Wood, der vor allem Valerie Howett beschützen wollte, es gab aber noch einen falschen, den Bellamy ins Rennen geschickt hatte. Eine nicht sehr geschickte Konstruktion, angesichts der Tatsache, dass es von beinahe gleichrangigen Verdächtigen sowieso schon wimmelt, denn sie hebt die zum Durchfinden durch den Plot wichtige Notwendigkeit auf, dass der Verdächtige und der Schütze nie zeitgleich an einem Ort auftreten können.

Die Wikipedia beschreibt in der Übersicht zur Serie den Stil von Jürgen Roland als „dokumentarischer“ als den der übrigen Regisseure. Er ist etwas verhaltener, wenn man vom Spiel von Gert Fröbe absieht, aber dokumentarisch? Es mag so wirken, weil Eddi Arent Journalist ist, nicht Diener, und weil er eine Art Mittlerfunktion zwischen Handlung und Kinosaal übernimmt. Und es gibt einige skurrile Einlagen, die den Humor anderer Wallace-Szene nicht toppen, aber davon abweichen. In der Rezension zum „Frosch“ schrieben wir, dass die Wallace-Filme nicht sehr britisch wirken, weil es zum Beispiel keinen Fünfuhr-Tee gibt. Das war eher ein ironischer Rekurs auf die Ironie in den Filmen, aber hier kommt der Tee wirklich, und zwar für den Inspektor Higgins, der den Großeinsatz der Polizei bei der Umstellung von Bellamys Schloss leitet, heute würde man sagen, er ist Chef eines SEK.

Als Polizist und als die romantische Figur wirkt Klausjürgen Wussow mit (zum zweiten und letzten Mal) und kriegt Karin Dor, nachdem die beiden beinahe zusammen ertrunken wären. Er macht seine Sache sympathisch, aber nicht so einprägsam, dass wir nicht verstehen würden, warum er später ins Arztfach gewechselt ist und Chef der Schwarzwaldklinik wurde. Außerdem wirkt die Sherlock Holmes-Mütze, die er zeitweise trägt, in einem Film aus den 1960ern und für einen leitenden Ermittler albern, und die Wahl dieses Accessoires ist nicht mit einer parodistischen Anspielung auf Holmes zu entschuldigen, da die Figur Featherstone nicht auf Parodie angelegt ist und im Handeln und Verhalten keinerlei Holmes-Attribute aufweist.

Der Film hat keinen dokumentarischen Stil, sondern ein Stilproblem. Er schafft es nicht, sich ins mittlerweile klare Wallace-Schema einzuordnen und eigene Akzente zu setzen. Ersichtlich ist Jürgen Roland um solche bemüht und will eine Handschrift zeigen, doch das Ganze wirkt unrund und weniger verdichtet als andere Produktionen der Serie, dazu trägt auch bei, dass die Dialoge nicht ganz die Pointierung aufweisen wie in den besten Wallace-Filmen (wenn man von den Einlassungenvon Eddi Arent absieht, die sich aber teilweise außerhalb des Plots bewegen).

Gut gemacht ist die Action auf dem Gangsterschiff und noch besser deren kameraseitige Inszenierung. So, wie der frühere Bergfilmer Harald Reinl der Natur in seinen Wallace-Adaptionen ein dramatisches Wesen zu geben verstand, merkt man, dass Roland ein Hamburger war und zu Schiffen und Häfen eine Beziehung hatte. Der NDR war sinnigerweise auch seine Fernseh-Heimat und einige seiner für den NDR inszenierten Tatorte haben wir bereits gesehen und in der TatortAnthologie für den Wahlberliner rezensiert.

Über den Vorwurf vor allem zeitgenössischer Kritiker, die Wallace-Serie sei NS-lastige Propaganda, haben wir uns in der Rezension zu „Der Frosch mit der Maske“ schon geäußert. In der Tat ist das Weltbild von autoritären Strukturen geprägt, das wird darin deutlich, wie die Polizei strikt hierarisch organisiert ist und wie Bellamy mit seinen Untergebenen umgeht. Aber Letzterer stellt ja keine Vorbildfigur dar und der Chefermittler Featherstone ist eher ein dezenter Typ, auch im Vergleich zu Joachim Fuchsberger in seinen Wallace-Rollen als Privatermittler oder Polizist, die mehr traditionell deutsch und ein wenig herrenmenschenhaft angelegt sind. Auffällig ist, dass es in „Der grüne Bogenschütze“ mit Miss Howell durchaus eine aktive Frauenfigur gibt, die ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt und im Reich des Abel Bellamy ihre Mutter sucht, obwohl sie weiß, wie gefährlich das ist. Im Vergleich etwa zu „Der Frosch mit der Maske“ und anderen Wallace-Filmen, die solche Figuren nicht kennen (wohl aber oftmals exzentrische Ladies älteren Baujahrs), wirkt der Valerie-Charakter zwar nicht gerade feministisch, aber auch nicht antiquiert.

Typische Merkmale von Edgar Wallace-Filmen gemäß Wikipedia (kursiv) und unsere Anmerkungen zum jeweiligen Film:

  • Regie: (…) Nicht viel weniger Einfluss auf die Serie (als Alfred Vohrer mit seinem eher ekstatischen und effektvollen Stil, A. d. Verf.) hatte Harald Reinl, zu dessen fünf Edgar-Wallace-Filmen das erste Werk zur Reihe Der Frosch mit der Maske sowie die Höhepunkte Die Bande des Schreckens und Der unheimliche Mönch zählen. Typische Merkmale der Filme des einstigen Heimat- und Bergfilm-Regisseurs sind stimmungsvolle Außenaufnahmen mit langen Kamerafahrten und -schwenks. Stilmittel, die Reinl vor allem auch in den durch ihn geprägten Karl-May-Filmen angewendet hat. (…)Der Journalist und Stahlnetz-Regisseur Jürgen Roland (zwei Filme) konnte die Serie durch seinen eigenwilligen, fast dokumentarischen Stil mit statischen und kontrastreichen Bildern bereichern.
    • Zur Inszenierung haben wir uns bereits geäußert, deren Problem ist sicher nicht die Bebilderung, sondern der Mangel an Struktur und Kohärenz. Enzelne Szenen sind durchaus gelungen und originell gestaltet.
  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).
    • Arent, der z. B. in „Der Frosch mit der Maske“ ein gutes Diener-Herr-Gespann mit Joachim Fuchsberger bildete, kann auch Komik, wenn er keinen Partner hat, der ihn spiegelt, die in der Tat eigenwillige Ansprache ans Publikum ist sympathisch dargeboten, aber trägt zu dem Gefühl bei, dass dieser Film nicht recht weiß, wohin er will und welche die tragenden Säulen seines Stils sein sollen. Dafür fährt Arent als Journalist Spike Holland ein so typisch britisches Auto wie dieses Hanomag Kommißbrot von etwa 1925, das die Ironie belegt, mit welcher der Film ausgestattet sein will, aber genau diese Ironie verpufft hin und wieder wie die Gase die der knatternde Motor des damals schon uralten Autos absondert und die unsinnige Stummfilm-Stativkamera, mit der Holland arbeitet, gleichzeitig hat er aber ein modernes Diktiergerät dabei.
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).
    • „Der grüne Bogenschütze“ ist als typisches eispiel erwähnt.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    • In diesem Fall geht es vor allem um Rache, Habgier ist nur ein Motiv bei der Figur des Sekretärs Savini, der aber keinen Mord begeht und nicht einer der beiden Bogenschützen ist.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
    • Die Archivaufnahmen gibt es hier, das Schloss, in dem Bellamy wohnt, ist das Schloss Ahrensburg etwas 30 km nördlich von Hamburg und es ist leider genauso untypisch wie die meisten Schlösser in Wallace-Filmen, die als englische Herrensitze gelten sollen. Das Nachtlokal gibt es und es liegt passenderweise am Hafen an der Themse, es hat, wie das Schloss des Abel Bellamy Kellergewölbe, die eine Rolle im Film spielen. Zusätzlich kommt der Londoner Hafen zum Einsatz, der wohl vom Hamburger Hafen gedoubelt wird, ebenso wie der Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel den Londoner Flughafen mimt (4).
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. (…)
    • Diese Merkmale haben sich schrittweise entwickelt. Im zuletzt rezensierten „Der Frosch mit der Maske“ gibt es noch keines davon, sondern eine traditionelle Gestaltung mit Titel, Besetzung, Stab und dann folgt die Szene mit dem Teich, in dem die Frösche quaken. In „Der grüne Bogenschütze“ ist die Einführung bereits so gestaltet, dass das erste Verbrechen als Aufhänger gezeigt wird, dann kommt erst der Vorspann. Dessen Gestaltung in Farbe, die Wallace-Stimme, die Schüsse gibt es noch nicht, wohl aber schon in „Der unheimliche Mönch“, der vier Jahre nach „Der grüne Bogenschütze entstand und den wir als ersten Wallace-Film beschrieben haben.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war. Während die Soundtracks von Martin Böttcher (fünf Filme), Willy Mattes (zwei Filme) oder Peter Sandloff (ein Film) eher aus zeitlosem Orchestersound mit Easy-Listening-Charakter bestanden, griffen Heinz Funk (drei Filme) und Oskar Sala (ein Film) auch auf neue Techniken der elektronischen Musik und experimentelle Kompositionen zurück.
    • Heinz Funk wurde von Jürgen Roland für diesen Film angeworben – das Experimentelle ist uns, offen gestanden, nicht so aufgefallen. Das mag daran liegen, dass wir uns auf die Handlung konzentrieren mussten. Die Musik wirkt auf jeden Fall nicht so dominant wie etwa in „Der unheimliche Mönch“, die von Peter Thomas sehr fantasievoll gestaltet wurde.

Finale

Nach einigen erfolgreichen Filmen und der Etablierung einer Serie möchte man sich erweitern. Neue Wege gehen, neue Kräfte mit der künstlerischen Ausgestaltung betrauen. Obschon „Der grüne Bogenschütze“ bereits der zweite Wallace-Film von Jürgen Roland war, der immerhin die Straßenfeger-Serie Stahlnetz entwickelt hatte, auf der wiederum die größte Erfolgsgeschichte des deutschen Fernsehens, der „Tatort“ fußt, war nach diesem Film Schluss.

Zu Recht, wie wir meinen. Rolands Stahlnetz-Stil, der in der Tat dokumentarisch ist, ließ sich mit der expressiven, ja exploitativen Anlage der Wallace-Filme nicht optimal kombinieren. Er hat es mit diversen ironischen Brechungen versucht, die sich vom Humor der besten Wallace-Filme dadurch unterscheiden, dass sie teilweise ins Absurde gehen, besonders an der Figur des Spike Holland, Reporter festgemacht, verkörpert vom durch die Wallace-Filme populär gewordenen Eddie Arent. Wir dürfen davon ausgehen, dass dieser liebevoll gestaltete, aber übertrieben ausgestattete Charakter das alter ego des Journalisten Jürgend Roland darstellt, der auf erkennbare Distanz zur eigentlichen Fiktion geht.

Natürlich ist auch dieser Film ein Muss für Wallace-Fans, aber wer sich begrenzen möchte, der sollte sich z. B. die bisher rezensierten „Der Frosch mit der Maske“ und „Der unheimliche Mönch“ absehen, von diesen fällt „Der grüne Bogenschütze“ in der Summe seiner Wallace-Film-typischen Eigenschaften um Einiges ab. Er ist aber auch für diejenigen interessant, die Gert Fröbe mögen, einen der markantesten Schauspieler der Nachkriegsgeneration. Er konnte gute und böse Charakere gleichermaßen gut spielen und seine Stimme ist unverkennar geblieben. International berühmt wurde er durch die Verkörperung des Gegenspielers im dritten James Bond-Film von 1964, der heute noch zu den besten Werken der erfolgreichsten Filmserie aller Zeiten gezählt wird – dort spielt er die Titelfigur „Goldfinger“ und hat diesem Film seinen Stempel ebenso aufdrücken können wie Sean Connery als 007.

62/100

© 2020, 2019, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

  1. Die Außenaufnahmen von London waren in diesem Film bereits komplett aus dem Archiv und wurden in den Film eingefügt, im Gegensatz etwa zu „Der Frosch mit der Maske“ war niemand vom Team in London, um dort einige Originalszenen zu drehen. Die Archivszenen, die bei Nacht spielen, kann man am undeutlicheren Bild und an einem leichten Zittern erkennen, das ansonsten nicht zu beobachten ist.
  2. Genau genommen passiert diese in einem Wallace-Film seltsam wirkende Methode, die Fiktion zu verdeutlichen, drei Mal: Eingangs, als Arent darüber referiert, dass ein grüner Bogenschütze als Verbrecher im Grunde lächerlich sei und er dann feststellt, als der erste Mord geschieht, dass dies doch ein recht interessanter Film werden könnte, später einmal kurz, als er in einer Spannungsszene innehält und den Zeigefinger in Richtung Publikum auf den Mund hält und in seinem Schlusswort.
  3. Das trifft auf viele andere renommierte Schauspieler ebenfalls zu, die in Wallace-Filmen mitmachen. Diese stehen unter anderem in der Tradition der deutschen Filmschule, die mehr vom Theater geprägt ist als zum Beispiel der angloamerikanische Film, in dem die Schauspieler von Beginn an genuiner kinematografisch eingesetzt wurden – auch mangels guter Schauspieler, die Film hätten mitmachen wollen, muss man allerdings hinzufügen. Erst im Tonfilm wechselten auch gelernte Akteure nach Hollywood, die z. B. in New York ausgebildet wurden und / oder dort am Broadway oder im Sprechtheater ihr Handwerk lernten. Mit ihnen wurde auch die Darstellungskunst im US-Film wesentlich theatralischer und psychologisierender (Marlon Brando, James Dean, Paul Newman).
  4. Schade, dass man nicht zur Erhöhung einer ohnehin immer wieder bewusst durchbrochenen Authentizität den Flughafen genannt hat – Heathrow oder der drei Jahre zuvor eingeweihte Londoner Flughafen Gatwick?
Regie Jürgen Roland
Drehbuch Wolfgang Menge
Wolfgang Schnitzler
Produktion Preben Philipsen
Musik Heinz Funk
Kamera Heinz Hölscher
Schnitt Herbert Taschner
Besetzung

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