Die Pfalz von oben – Tatort 1109 #Crimetime 503 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Stern #SWR #Pfalz

Crimetime 503 - Titelfoto © SWR, Benoît Linder

Das Ende in der Gegenwart

Unser Satz dieses Films: „Es gibt sicher einen Grund, warum er es nicht in deine Gegenwart geschafft hat“ (Stern zu Odenthal über Tries). Unser Fazit: Obwohl es für einen Moment nochmal gut aussieht, in ihre Zukunft wird er’s auf keinen Fall schaffen. Unser Schlaubi zu diesem Film:  Nur, weil Odenthal Tries einst in einem Werk namens „Tod im Häcksler“ kennenlernte, sollte man einen Mähdrescher nicht als Häcksler bezeichnen. Manchmal geht landwirtschaftlicher Realismus vor Kontinuität über 28 Jahre hinweg. „Zarten“ von oben: „Es hat sich sehr viel verändert“ heißt es ausgerechnet an einer Stelle, an der nur weites Land zu sehen ist und da, wo die  neuen Häuser stehen: „Alles ist noch wie damals“ oder so ähnlich, wegen des kleinen Dorfes, das komplett in diese Gegend gezogen ist. Und dann dieser Blutzoll. Kann man darüber vernünftig schreiben? Wir versuchen es in der -> Rezension.

Handlung

Der Tod eines jungen Polizisten ruft Lena Odenthal und Johanna Stern in das pfälzische Dorf Zarten. Der Ort ist Lena nicht unbekannt, und auch die Begegnung mit dem Dienststellenleiter weckt halb verschüttete Erinnerungen in der Kommissarin. 

Ein junger aufmerksamer Polizist wird bei einer nächtlichen Kontrolle auf einer Landstraße rücksichtslos von einem Lkw überfahren und stirbt. Er ist einer der Mitarbeiter von Stefan Tries, dem Leiter des Polizeireviers in Zarten. Für Lena Odenthal ist Tries kein Unbekannter: Vor fast 30 Jahren stand er ihr bei, als sie in Zarten einen Mordfall aufzuklären hatte. Und nun gibt es in der Provinz ein neues gezieltes Tötungsdelikt. Lena Odenthal kehrt mit der Unterstützung ihrer Kollegin Johanna Stern an den Ort zurück, an dem sie einst auf den jungen, energiegeladenen Polizisten Stefan Tries traf, der inzwischen ein gealterter Provinzkönig zu sein scheint und auf ganz eigene Weise für Recht und Ordnung in der Region sorgt.

Für Lena Odenthal ist die Frage, was aus Kollege Tries geworden ist, eine persönliche. Alte Gefühle werden geweckt, das gelebte und das ersehnte Leben von einst, die vergebenen Träume werden nebeneinandergestellt. Es geht um Abhängigkeit und Korruption, Lebenslügen, Vertuschung, eiskalte Gewalt. Und um ein Opfer, einen sympathischen, engagierten jungen Polizisten, der wie einst Tries aufbrach, seine Heimat zu einer besseren zu machen.

Ulrike Folkerts, Lisa Bitter und Ben Becker spielen die Hauptrollen im SWR „Tatort: Die Pfalz von oben“ (AT), zu dem die Dreharbeiten in der Westpfalz begonnen haben. Autor Stefan Dähnert greift darin Motive aus dem dritten Lena-Odenthal-Tatort „Tod im Häcksler“ auf, dessen Schauplatz ebenfalls das fiktive Zarten war. Damals war der von Ben Becker gespielte Stefan Tries ein Nachwuchspolizist, heute steht er Lena als Dienststellenleiter gegenüber. In weiteren Rollen spielen Thomas Loibl, Maria Dragus, Till Wonka, Max Schimmelpfennig und David Bredin in der Regie von Brigitte Maria Bertele.

Rezension

Wir beginnen mit einer Erklärung (unten in der angehängten Vorschau steht es nochmal in Worten):

Ganz sind wir mit den Erklärungseinbettungen noch nicht fertig:

Unsere Rezensionen werden immer mutimedialer. Nicht. Dies ist eine Ausnahme, denn wann gibt es in einem Tatort schon einen so authentisch wirkenden Rücksturz um 28 Jahre und wie sehr triggert das, wenn man selbst in etwa dieselbe Zeitspanne durchmessen hat, von den engagierten jungen Jahren aus gesehen. Quatsch. Heute ist alles besser oder doch dies und jenes. Aber dass Ben Becker und Ulrike Fokerts 28 Jahre nach „Tod im Häcksler“ nochmal ein Paar in einem Tatort spielen würden, ist schon sehr besonders und – uns hat’s berührt. Und gerade deshalb hat uns das Ende so genervt. Klar, ein Schuss und Schluss, da gibt es kein Vertun und der Bodycount im 1109. Tatort schraubt sich auf fünf Personen hoch. Immerhin kann man noch mitzählen, aber für die Pfalz ist es schon ganz schön happig. Es liegt in der Zeit. Abführen ist nicht mehr die übliche Konsequenz von allem, es muss gestorben werden. Wir geben seit Jahren Punktabzüge für diese überzogenen finalen Lösungen, die nicht einmal in ebenjener unserer Zeit üblich sind. Hat es was genützt? Nein, die Drehbuchautor*innen werden nicht schlauer.

Eine besondere Schwierigkeit in diesem Fall: Lena Odenthal eine angemessene Reaktion auf dieses schauerliche Suiziddrama zeigen zu lassen. Auf die Knie und die Hände vors Gesicht ist noch okay, aber diese Szenen wirken immer seltsam verschoben.

Zur Abwechslung noch ein paar gute Tweets, dieses Mal nur verlinkt.

In solchen Sätzen nistet erfahrungsgemäß das Grauen: „Wir wohnen alle hier.“

„Nur wo wenig kontrolliert wird, glänzt die Kriminalitätsstatistik.“ War Frau Odenthal bei Herrn Seehofer in der Lehre? Oder der Berliner Senat bei ihr?

Dort, wo wenig kontrolliert wird, entsteht Alltagspoesie:  „Dieses Denken liegt außerhalb meiner Besoldungsklasse.“ Oder: Wenn Drehbuchautoren plötzlich hinter einfachen Dorfpolizistinnen hervortreten und uns bestätigen: „Ich habe sie als Medium verwendet“.

Über die Nacht vor dem Tod wird noch viel zu reden sein. Lena Odenthal kokst, natürlich zum ersten Mal in ihrem Leben, man sieht’s ihr an. Der Ex-Lover, der noch einmal zum Geliebten für eine Nacht wird, weil die Lady bleibt, nachdem draußen bisschen rumgeballert wurde, kommt anders gar nicht durch den Dienstalltag, aber wenigstens ist Geld dafür da, dank der französischen Mafia, die in der Nähe eine Bunker mit zentnerweise weißem Pulver angelegt hat. Nur wegen dieses Bunkers bezahlt jene Mafia ganze Wohnsiedlungen, deren Bewohner*innen 187 Jahre Zeit zur Rückzahlung der Kredite haben. Hoffentlich liegen die Zinsen nicht über 0,5 Prozent. Ein Modell, mit dem in Berlin doch mehr gebaut werden könnte? Wehe, sie geben mitten in der Stadt nochmal Gelände für Einfamilien-Reihenhäuser frei. Aber so blöd war man hier, wir haben das alles selbst besichtigen dürfen. Umher war’s nur nicht so malerisch hügelig wie in der Pfalz, was man von oben besonders gut studieren kann. Und wir hoffen, das mit den größeren Abständen für Windanlagen geht nicht durch, denn wir haben noch viel Platz für mehr erneuerbare Energie verortet. Die Thermik ist da bestimmt auch gut. Damit könnte man also das Geschäft machen, wenn die Recyclingfirma doch nicht mehr als Gewerbesteuer-Geldesel ausreichen sollte. Und wenn die Mafia aus Marseille doch ein anderes Örtchen sucht, nachdem alle, die in den schwunghaften Drogenhandel auf der Route mit dem Namen, den wir leider nicht behalten haben, es muss eine Art Rattenlinie für Pulver sein, leider verhaftet sind. Und man sollte mehr Bäume pflanzen, damit sich nicht immer alle am selben Gewächs totfahren müssen, da ist ja kaum noch Platz für Kerzen, Teddys etc. Brandenburg könnte hier als Vorbild dienen. So viel Auswahl.

In mancher Hinsicht, zum Beispiel, wenn ausgebrannte und korrupte und nicht drogenfreie Polizisten gezeigt werden, wirkt der Tatort „Die Pfalz von oben“ erschreckend realistisch, nur diese Nacht – also, da gleitet der Film wirklich in einen sagenhaften Kitsch ab. Wir merken es immer daran, dass wir beinahe wegschauen wg. peinlich berührt, dass etwas nicht stimmt. Allerdings haben wir uns in Berlin das tatsächlich wegschauen fast abgewöhnt, a.) weil es hier so viele Peinlichkeiten gibt, da kann man gar nicht immer die Augen zumachen, sonst lebt man sehr gefährlich, b.) weil das Rezensieren nun mal voraussetzt, dass man’s auch gesehen hat.

Zur Abwechslung nochmal ein Originalzitat: „Routine ist der Mehltau auf unseren Gedanken.“

Sagt Tries, bevor er die Routine selbst aufhebt und mit Odenthal privat wird. Und erst am nächsten Tag, da erlöst er sich dann endgültig. Wir hatten im Leben vergleichsweise wenige Routinephasen, deswegen sehen wir’s vielleicht etwas anders, weil man ja meistens das will, was man nicht hat: Eine souverän beherrschte Routine macht erst den Kopf frei fürs Nachdenken übers Große und Ganze. Den Job nebenbei erledigen. Wär das mal schön. Und dann noch von der Mafia unterstützt werden. Na hallo, verbeamtet sein ist auch so schon nicht schlecht. Und man bekommt eher Angebote von der OK als ein Briefzustelldienstbote.

Finale

Die Handlung des Tatorts 1109 ist – sic! eine Routinekonstruktion, davon lenken auch Mehltau-Sprüche nicht ab. Die Polizei ist dieses Mal besonders verstrickt, aber es könnte auch irgendein anderer Teil der Dorfgemeinschaft sein. Ob sich dieses Mal die Menschen auf dem Land wieder aufregen werden, wie 1991, als „Tod im Häcksler“ für Ärger gesorgt hat, weil man die Gegend als so rückständig dargestellt hat? Dieses Mal vielleicht, weil Wohlstand nur durch Zusammenarbeit mit der Unterflächenwirtschaft denkbar ist? Da könnten wir die Menschen in der Gegend beruhigen, das ist in der Großstadt auch immer mehr die Grundlage für sichtbares Wohlergehen. Das ist nicht regional so unterschiedlich. Und kann man’s den Menschen verdenken, dass sie so handeln, wie sie sind? Solidarisch und unsolidarisch zugleich? Tatorte sind immer am besten, wenn sie so subtil systemkritisch sind wie „Die Pfalz von oben“. Und, nein, liebe Lena, die missglückte Reunion auf dem Polizeiseminar vor drei Jahren war es nicht, die zur korrupten Haltung von Kollege Tries geführt hat. Das ist eine sympathische romantische Verklärung. Es begann, als die OK bemerkte, dass an einem bestimmten Ort die Mentalität prächtig geeignet ist, um Zelte aufzuschlagen oder Bunker anzulegen. Letztlich wollte Tries sein eigenes Geflecht zerstören. Warum bloß? Eine Spätwirkung der missglückten – vor drei Jahren? Oh nein! Wir furchtbar.

Dafür funkionieren Odenthal und Stern super als Team, nachdem die künstlichen Anfangszwistigkeiten raus sind. Ja, irgendwo muss mal Harmonie sein („Es hat sicher einen Grund …“, sagt man von Frau zu Frau). Der Film ist leider nicht harmonisch. Gute Momente und schauerliche Szenen wechseln mit einiger Konsequenz ab. Trotzdem hatten wir schon lange nicht mehr so viel Lust, Lena Odenthal zuzuschauen. Ganz sicher hat dabei auch der Bezug auf den fast 30 Jahre alten Tatort eine Rolle gespielt.

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: 30 – noch einmal mit Gefühl?

Erinnern Sie sich an „Tod im Häcksler„, den dritten Fall von Lena Odenthal, gezeigt im Jahr 1991? Damals war der junge Ben Becker, der einen Dorfpolizisten spielte, ihr Love Interest. Jetzt trifft sie den mittlerweile zum Chef der örtlichen Polizeistation aufgestiegenen Kollegen wieder – und wie sich die Menschen und Verhältnisse verändert haben! Kann da noch einmal etwas Echtes aufkommen oder wirkt es konstruiert, wenn alte Gefühle zitiert werden oder noch etwas davon vorhanden ist?

Dieses Jahr feiert Lena Odenthal ihr dreißigjähriges Dienstjubiläum und ist damit so lange im Einsatz am Tatort wie kein*e andere*r Ermittler*in. Gleichzeitig ist „Die Pfalz von oben“ ihr 70. Film. Übertroffen wird sie bezüglich der Anzahl der gelösten Fällen nur von Ballauf und Schenk aus Köln (75, tätig seit 1997) und Batic und Leitmayr aus München (81, tätig seit 1991). Lena hat wahrhaft eine große Karriere  gemacht, alle anderen Kommissarinnen weit in den Schatten gestellt. Vielleicht wird sie die durabelste Tatort-Figur überhaupt sein, zumindest aber wird ihr den Rekord der längsten Dienstzeit einer weiblichen Ermittlerin wohl kaum jemand streitig machen können. Inga Lürsen, die 1997 begann, stand ihr von der Dienstdauer her am nächsten und hat bereits aufgehört, alle anderen, die gegenwärtig dabei sind, starteten erst in den 2000ern (Lindholm) oder noch später.

Es gibt aber auch unübersehbare Probleme. Während die Dauerbrenner Batic, Leitmayr, Ballauf, Schenk immer noch zu den beliebtesten Kommissar*innen zählen, kann man das von Lena Odenthal so nicht sagen, gemessen an den Bewertungen in „Tatort-Fundus“. Wir hatten uns damit schon vor ihrem letzten Film „Maleficius“ beschäftigt, der die Dinge nicht verbessert hat, nach Meinung der Fans, die sich auf der Plattform Tatort-Fundus bewegen.

Wir zeigen die Odenthal-Grafik noch einmal, das wir für die Vorschau zu „Maleficius“ angefertigt haben. Dieser Film ist nicht enhalten, hat aber dazu geführt, dass die Ludwigshafener Kommissarin nun bloß noch auf Rang 15 von 22 liegt – für jemanden, der so viel zur Tatortgeschichte beigetragen hat, ein sehr bescheidener Listenplatz. Ausgelöst wurde diese schlechte Bewertung durch einen nach Ansicht der Fans deutlich erkennbaren Niedergang der Qualität ihrer Fälle in den 2010ern. Teilweise für uns nachvollziehbar, bei einzelnen Filmen allerdings haben wir deutlich höher bewertet als der Durchschnitt der Fundus-Nutzer.

2019-09-08-tatorte-odenthal-bewertungskurve

Besetzung und Stab

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Ermittlerin Johanna Stern – Lisa Bitter
Kriminaltechniker Peter Becker – Peter Espeloer
Sekretärin Edith Keller – Annalena Schmidt
Stefan Tries, Leiter der Polizeidienststelle Zarten – Ben Becker
stellvertretender Dienststellenleiter Ludger Trump – Thomas Loibl
Polizist Nicolay – Till Wonka
Polizist Benny Hilpert – Max Schimmelpfennig
seine Ehefrau Zoe Hilpert – Jana McKinnon
Polizistin Britta Fies – Maria Dragus
Charly Metzger – David Bredin
Bauer Meurer – Matthias Breitenbach
sein Sohn Tommy Meurer – Moritz Knapp
Herr Tan, Pensionsleiter – Nick Dong-Sik
u.a.

Drehbuch – Stefan Dähnert
Regie – Brigitte Maria Bertele
Kamera – Jürgen Carle
Szenenbild – Anette Reuther
Schnitt – Sabine Garscha
Kostümbild – Stefanie Jauß

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