Dünnes Eis – Polizeiruf 110 Fall 362 / #Crimetime 505 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Magdeburg #Brasch #Köhler #MDR #Eis #dünn

Crimetime 505 - Titelfoto © MDR, Frédéric Batier 

Im Netz der Lügen

Eine frohe Kunde haben wir auf jeden Fall: „Dünnes Eis“ ist nicht ganz so duster wie viele andere Magdeburg-Krimis mit Brasch und Drexler und dann Brasch und Köhler. Das ist wörtlich zu nehmen. Die Farbgebung ist fast so, wie Menschen, die keine Sehstörungen haben, sie optisch tatsächlich wahrnehmen. Aber vielleicht ist gerade diese Farbechtheit auch eine subtile Irreführung? Wir gehen dem nach in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Die 23-jährige Boutiqueverkäuferin Kim Peelitz wird auf ihrem Weg zur Arbeit entführt. Die Forderung der Entführer an Kims Mutter Anja, eine Altenpflegerin, beläuft sich auf 100.000 Euro. Trotz der Forderung, keine Polizei einzuschalten, wendet sich Anja doch an sie. Diese ist bemüht, das Geld rechtzeitig aufzutreiben, doch kurz vorher erfahren die Ermittler, dass sie durch eine Erbschaft tatsächlich in Besitz von 100.000 Euro wäre. Sie holt das Geld allein von der Bank.

Doch die Geldübergabe scheitert, da ganz in der Nähe zwei uninformierte Polizisten zufällig ihre Pause machen, was die Entführer misstrauisch macht. Daraufhin erhält Anja einen abgehackten Finger ihrer Tochter zugeschickt. Obwohl Anja anfangs beteuerte, niemandem etwas von der Erbschaft erzählt zu haben, finden die Ermittler heraus, dass sie eigentlich allen Bekannten und Arbeitskollegen davon berichtet hatte.Der von der Mutter getrennt lebende Stiefvater Jost Liebig sowie Michelle, die beste Freundin der Entführten, stehen unter Verdacht.

Kurz vor dem zweiten Versuch der Geldübergabe, bei der die Entführer inzwischen 200.000 Euro fordern, wird die Leiche einer jungen Frau in der Nähe des zur Übergabe vereinbarten Ortes gefunden. Zur Überraschung aller ist die Tote nicht etwa die entführte Kim, sondern Michelle.Es stellt sich heraus, dass der leibliche Vater von Kim nicht verstorben ist, wie Anja behauptete, und die Ermittler bemerken, dass sich keinerlei Geld in der Tasche befindet, die für die Geldübergabe vorgesehen war.

Die Erbschaft über 100.000 Euro hat es nie gegeben. Anja leidet nämlich unter einem krankhaften Drang, die Realität zu verdrehen und den Leuten Unwahrheiten zu unterbreiten.Jost Liebig, der kurz vor Michelles Tod ein Telefonat mit ihr geführt hatte, wird festgenommen und in der Hoffnung freigelassen, dass er die Ermittler zu dem aktuellen Aufenthaltsort der entführten Kim führt. Dies funktioniert. Es ist ein altes Boot, und als sie dort eintreffen, läuft Kim weg. Wie sich erst später herausstellt, hat Kim zusammen mit Jost Liebig und ihrer Freundin die Entführung nur vorgetäuscht, um an das angeblich geerbte Geld ihrer Mutter zu gelangen, mit der sie das Zusammenleben aufgrund der vielen Lügengeschichten nicht mehr ausgehalten hat. Als Michelle aussteigen wollte, tötete Kim sie im Streit.

Rezension

Der Film ist im Grunde einfach und basiert darauf, dass jemand sich eine Scheinwelt aufbaut, alle damit belastet und am Ende eine Katastrophe herbeiführt. Es gab zuletzt viele Krimis übers Lügen, und zwar nicht auf die Lügen in der Politik bezogen, auf eine höhere Ebene gehoben, sondern ganz privat, wie Menschen andere Menschen und sich selbst zur Verzweiflung bringen, weil man ihnen nichts glauben kann.

Es wirkt so zeitgeistig, wegen der Lügenpresse, wegen der Fassadenzwänge, wegen der Erzählungen, die immer schwerer mit der Realität in Einklang zu bringen sind. Ist es aber nicht. Solche Scheinwelten gab es immer schon und eine Lüge ist ganz sicher, dass Menschen früher ehrlicher waren. Zu sich selbst und zu anderen. Es gibt so viel klassische Literatur über notorische Lügner, dass man vor allem sieht, solche Menschen sind viel interessanter als der eher plane Charaktere, der keinen doppelten Boden hat, der nicht anderen und auch sich selbst immer wieder Fallen stellt. Aus Spaß am Schwadronieren oder auch, weil es zwanghaft ist. Zwanghaft wie bei Anja Peelitz.

Drei Drehbuchautor*innen hat es gebraucht, um diese Geschichte übers Lügen zu schreiben. Es kommt nach unserm Eindruck immer häufiger vor, dass die Kreativität von mehreren Verfassern gebraucht wird, um ein brauchbares Skript zu liefern – offenbar geht den meisten Menschen die Fantasie allmählich verloren und sie können nicht mehr gut lügen. Denn nichts anderes als erlogen ist jede fiktionale Geschichte. Das, was wir sehen, hat es so nie gegeben. Es existieren unterschiedliche Grade der Fiktionalisierung, von der sanften Beschönigung bis zum Münchhausen-Syndrom, das wir alle brauchen, wenn wir bestimme Genres gut schreiben wollen, in denen ganz und gar unwirkliche Welten erfunden werden. Das ist ein intellektueller und lügentechnischer Kraftakt, wenn es gut sein soll, in sich logisch wirkend. Deswegen sind wir auch gar nicht so glücklich darüber, dass dieses gigantische Lügenvermögen als Pseudologia bezeichnet wird, denn in sich können solche Lügenbilde sehr wohl logisch sein. Oft sogar logischer als die Wirklichkeit. Oft muss sogar die Logik besser sein als in der Realität, weil der Leser interessanterweise an Roman- oder Filmfiguren höhere Anforderungen stellt als an sich selbst oder diejenigen, der er in der Draußenwelt kennt.

Natürlich gibt es eine Kategorie von Lügnern, die keine neuen Welten erschafft, sondern einfach nur andere an der Nase herumführen will. Politikern hilft Lügen bei der Karriere, Vertrieblern beim Verkaufen, Religions- und Sektenführern beim Schäfchen einsammeln und Männern beim Verführen von Frauen durch die Suggestion von Macht und Geld. Umgekehrt natürlich auch. Arm sein und das auch noch zugeben, ist nicht sexy. So geht es Anja Peelitz. Sie fühlt sich als quasi mittellose, gesellschaftlich wenig hervorstechende Person offenbar permanent zurückgesetzt, aber sie lügt sich nicht in eine Art permanente Grandiosität hinein, sondern es ist ein Gemisch aus Notlügen, Beschönigungen und etwas Aufschneiderei, wie bei dem Erbe. Es ändert sich doch im Grunde für sie nichts, wenn sie allen gegenüber behauptet, sie habe 100.000 Euro geerbt. Es zeigt aber zweierlei. Wie kindlich diese Person ist und, falls es Wirkung bei anderen hat, was wir alle glauben, wie die Mitmenschen gestrickt sind: Auf eine super banale Art materialistisch. Es gibt nicht selten Momente, da glauben wir das auch. Wie leicht Menschen schon durch die Gewährung kleiner Privilegien abheben, ist unfassbar und legt einen schweren Schatten auf die Erringung einer solidarischen Gesellschaft, wie wir sie dringend brauchen, um die Zukunft zu meistern.

So ausgefuchst wie „Der Mann der lügt„, der prototypische Lügentatort aus Stuttgart, ist „Dünnes Eis“ nicht und nicht so verstörend und berührend wie „Anne und der Tod„, der Nachfolger vom selben Sender, in derselben Stadt inszeniert. Dafür aber ist Anja Peelitz‘ Verhalten wunderbar unmotiviert. Es wird nie gezeigt, wo ihre Neigung zum Lügen herkommt. Wir erhalten keine Hinweise aus ihrer Vergangenheit. Während in anderen Filmen der Grund der Verstrickung ins eigene Lügennetz durchaus offengelegt wird, sieht man hier nichts. Deswegen hat das Verhalten der lügenden Person aber auch eher etwas Krankhaftes. Man hat kein Werkzeug, mit dem man ihr einen Rechtfertigung basteln kann. Das macht es, anders als in den beiden erwähnten Tatorten, schwer, sich mit ihr zu identifizieren. Was wiederum typisch für die Magdeburg-Schiene des Polizeirufs ist. Niemand da, mit dem man sich mal innerlich ausruhen kann. Und sowas kurz vor dem Wochenstart, sofern man den Film bei der Sonntagspremiere anschaut.

Am Ende überlebt wenigstens die Tochter, wenn auch mit einem Finger weniger. Dass die Tochter einer Lügnerin, der auch schon lügt, indem sie ihre Entführung inszeniert, sogar einen Finger opfert, zum der ständig lügenden Mutter zu entkommen, ist schon ziemlich krass – und wie war das? Nein, es sind die Diebe, welche die Hand mit den langen Fingern dran abgehackt bekommen, Lügner verlieren eher die Zunge. Insofern passt die tiefere Symbolik nicht, dass Kim Peelitz auf eine archaische Art für ihr Verhalten bestraft werden könnte.

Finale

Nach Expertenschätzungen sind nicht weniger als fünf bis sechs Prozent aller Menschen notorische Lügner, die etwa 40 Prozent aller Lügen erzählen. Das ist frappierend, denn es bedeutet, dass jeder von uns ein paar solche Menschen kennen muss – rein statistisch. Abhängig vom Umfeld natürlich – in bestimmten Berufszweigen wie etwa der Banken- und Immobilienwirtschaft, sammeln sich Menschen dieser Art eher als etwa bei den Pflegekräften, auch wenn in „Anne und der Tod“ die häufig lügende Hauptperson eine Altenpflegerin war. Aber es gibt nun einmal Felder, in denen Erfolg mit Lügen eher befördert werden kann als in anderen, wo man damit nicht viel reißt. Was immer man über Beamte sagt, bei ihnen dürften notorische Lügner unterrepräsentiert sein, weil die enge sachliche und laufbahntechnische Führung nicht viel Freiraum fürs Münchhausen-Syndrom lässt.

Es sei denn, es tobt sich durch Übertreibungen bei der Darstellung der privaten Verhältnisse aus. Doch überall dort, wo mit „weichen“, psychologischen Faktoren viel bewegt werden kann, ist Lügen, sofern kundig augeübt, sodass es lange nicht auffällt, nicht die schlechteste Taktik. Und Lügner werden eher anerkannt als Menschen, die durch ihre Ehrlichkeit „nicht weit kommen“. Wie wäre es sonst möglich, dass Donald Trump US-Präsident werden konnte? Sicher lässt das tief in die Gesellschaft blicken, die ihn gewählt hat, aber die Tatsache, dass Lügen oft keine kurzen Beine haben, sondern sehr lange, mit denen sie den Wahrheitssuchern immer wieder gut enteilen können, ist unumstößlich, auch hierzulande. Aus moralischen Gründen hätten wir das gerne anders, aber es entspricht nicht der – sic! – Wahrheit.

Schade, dass die Lügen der Tatort- oder Polizeiruffiguren oft etwas so Verzweifeltes und Destruktives haben. Wie wär’s denn mal mit einer Figur, die durch Lügen erst groß und schillernd wird? Vielleicht sollte dazu mal ein einziger Drehbuchautor ran, der sich noch den fantastischen Wurf traut. „Dünnes Eis“ ist kein schlechter Polizeiruf, aber das Gefühl, da wäre mehr drin gewesen, hat uns durchaus erreicht. Jetzt haben wir doch hübsch viel geschrieben und sind dabei nicht einmal auf Brasch und Köhler eingegangen, die wir hier erstmals zusammen gesehen haben. Nun ja. Braschs Charakter ist im Grunde auch eine Lüge. Was man die Frau alles sagen lässt, das hat beinahe Lindholm-Qualität. Gut, dass sie ein anderer Typ ist, dadurch wirkt es nicht ganz so übermenschlich-übersinndlich. Köhler hingegen muss ganz schön einstecken, weil Brasch die besserer Polizistin ist. Der Zufall kommt ihr bezüglich Anja Peelitz allerdings auch zuhilfe. Es sei denn, sie merkt sofort, dass die blonde Mutter der Entführten immer lügt. Wir sollen ja auf unser Bauchgefühl achtgeben: Es sagt uns, wenn jemand lügt. Sagen Experten. Wir sind skeptisch. Wir vertrauen niemandem. Deswegen kann man uns auch so gut reinlegen.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Jochen Alexander Freydank
Drehbuch Stefan Rogall, Eoin Moore, Anika Wangard
Produktion Iris Kiefer
Musik Ingo Ludwig Frenzel
Kamera Peter Nix
Schnitt Bernd Schriever

Claudia Michelsen: Doreen Brasch
Matthias Matschke: Dirk Köhler
Christina Große: Anja Peelitz
Felix Vörtler: Uwe Lemp
Eckhard Preuß: Jost Liebig
Lucie Hollmann: Kim Peelitz
Rüdiger Klink: Roman Breitkreiz
Anna Herrmann: Michelle Mendel
Sonja Kerskes: Birgit Illmer
Karl Alexander Seidel: Bastian Krahn
Julius Nitschkoff: Bastians Freund
Jörg Westphal: Michael Peelitz

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