Die toten Augen von London (D 1961) #Filmfest 67 #EdgarWallace

Filmfest 67 A "Special Edgar Wallace" (4)

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftDer erste von Alfred Vohrer: einer der besten

Das ist nun also das Missing Link unter den frühen Edgar Wallace-Filmen, die ab 1959 in Deutschland gedreht wurden. Ein wenig kurios ist es schon: Der erste dieser Krimis, der von Alfred Vohrer inszeniert wurde, stellt auch schon den Höhepunkt des Erfolges der Reihe dar, zumindest die Zuschauerzahlen betreffend. Vohrer gebührt auch die Ehre, mit dem kürzlich rezensierten „Das Gasthaus an der Themse“ den erfolgreichsten Film der Reihe gedreht zu haben. Eine Anmerkung anlässlich der Publikation 2020: Es fehlen sowohl Rezensionen zu „Der rote Kreis“ als auch zu „Die Bande des Schreckens“, den Nummern 2 und 4 der Reihe, insofern war die Rezension von „Die toten Augen von London“ nur eine von mehreren Lücken, die im Jahr 2015 (die meisten Wallace-Kritiken stammen aus 2014) geschlossen werden konnten.

Handlung (+ anschließende Infos: Wikipedia)

Inspektor Larry Holt von Scotland Yard glaubt nicht an einen Unfall, als die Polizei nach einer Nebelnacht zum wiederholten Male einen alten Mann aus der Themse fischt. Seine Vermutung, dass die „toten Augen von London“ (eine Verbrecherbande blinder Hausierer) wieder aktiv sind, scheint sich diesmal zu bestätigen.

Zusammen mit seinem Assistenten Sunny Harvey und der ehemaligen Blindenpflegerin Nora Ward macht sich Holt auf die Suche nach dem einstigen Kopf der Bande, dem „blinden Jack“. Dabei geraten sie nicht nur in ein düsteres Blindenheim unter der Leitung von Reverend Dearborn, sondern auch an den zunächst ehrenwert erscheinenden Rechtsanwalt Stephen Judd, bei dem alle Ermordeten versichert waren.

Zur besonderen Gestaltung der Edgar Wallace-Rezensionen siehe „Der Frosch mit der Maske

Fakten und Entstehungsgeschichte

Die toten Augen von London ist ein deutscher Kriminalfilm des Regisseurs Alfred Vohrer und der sechste Edgar-Wallace-Film der Nachkriegszeit. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Edgar Wallace (Originaltitel: The Dark Eyes of London) wurde vom 16. Januar bis 21. Februar 1961 in Hamburg und Umgebung gedreht und von Rialto Film produziert. Uraufführung hatte der Film am 28. März 1961 im Turmpalast in Frankfurt am Main und im Walhalla in Wiesbaden. Bundesweiter Start war am 1. April 1961.

Mit 3,4 Millionen Zuschauern war „Die toten Augen von London“ einer der erfolgreichsten Filme der Reihe, nur „Das Geheimnis der gelben Narzissen“, der direkte Nachfolger (3,5 Millionen) und „Das Gasthaus an der Themse“, der ein Jahr später entstand (3,6 Millionen) zählten mehr Kinozuschauer.

Anfang 1961 verlegte die deutsche Rialto Film Filmproduktion und Filmvertrieb GmbH ihren Firmensitz von Frankfurt am Main nach Hamburg auf das Gelände des Realfilm-Studios. Seit einer Gesellschaftsversammlung am 13. Januar 1961 und dem Ausscheiden des Filmkaufmanns Franz Sulley war Horst Wendlandt neben Preben Philipsen Mitgesellschafter. Bei dem Film Der grüne Bogenschütze war Wendlandt „nur“ Herstellungsleiter.

Ursprünglich hatten Waldfried Barthel (Constantin Film) und Preben Philipsen (Rialto Film, Prisma-Filmverleih) als nächsten Edgar-Wallace-Film Das Geheimnis der gelben Narzissen unter der Regie von Harald Reinl geplant. Weil das Drehbuch dazu nach Ansicht der Produzenten noch überarbeitet werden musste, realisierte man zuerst Die toten Augen von London. Neben Egon Eis beauftragte man auch Werner Jörg Lüddecke, ein alternatives Drehbuch nach der gleichen Vorlage zu verfassen. Man entschied sich jedoch abermals für die Fassung von Eis, der wieder unter seinem Pseudonym Trygve Larsen schrieb. Da die bei Wallace-Filmen bewährten Regisseure Reinl und Jürgen Roland nicht zur Verfügung standen, schlug Wendlandt kurzfristig Alfred Vohrer als Regisseur vor. Dieser und Schauspieler Wolfgang Lukschy nahmen auch letzte Änderungen am Drehbuch vor.

Neben einigen in der Reihe bereits etablierten Schauspielern, darunter Joachim Fuchsberger in seiner dritten Rolle als Ermittler, sah man erstmals Karin Baal, Ann Savo, Adi Berber, Rudolf Fenner, Hans Paetsch und Dieter Borsche in einem Edgar-Wallace-Film. Diese waren später noch in anderen Filmen der Reihe zu sehen. Auch Klaus Kinski spielte zum ersten Mal in einer Wallace-Adaption der Rialto Film mit. Am 22. Februar 1961, wenige Wochen vor dem Kinostart von Die toten Augen von London, widmete Der Spiegel dem bis dahin nur einem Fachpublikum bekannten Schauspieler einen Titelbeitrag, was für den Film einen unerwarteten Werbeeffekt hatte. Sein Debüt in den Wallace-Filmen gab Kinski jedoch schon in der Kurt Ulrich-Produktion Der Rächer. Für die Rolle des Scotland-Yard-Chefs Sir Archibald war Ernst Fritz Fürbringer vorgesehen, der diese Rolle bereits in den ersten drei Filmen der Reihe spielte. Wegen seiner Erkrankung wurde die Rolle in Sir John umbenannt und einmalig mit Franz Schafheitlin besetzt.

Die Dreharbeiten fanden in Hamburg und Umgebung statt. So entstand die Eingangsszene am Sandberg in Hamburg-Altona, die Themse-Aufnahmen drehte man vor dem Fleetschlösschen in der Speicherstadt. Weitere Außenaufnahmen drehte man unweit der Schlosskirche von Schloss Ahrensburg. Für echte London-Aufnahmen konnte man auf Archivmaterial zurückgreifen. Die Innenaufnahmen entstanden im Realfilm-Studio in Hamburg-Wandsbek. Erstmals gestaltete man den Vorspann eines Edgar-Wallace-Films in Farbe, was fortan (bis auf zwei Ausnahmen) bei allen weiteren Filmen der Reihe geschah.

Der Film wurde von der FSK ohne Schnittauflagen ab 16 Jahren freigegeben. 1991 folgte die Freigabe ab 12 Jahren. Dennoch wurde der Film vom Fernsehen später in einer gekürzten Fassung ausgestrahlt; inzwischen ist er wieder in der Originallänge zu sehen. Alfred Vohrer schuf mit Die toten Augen von London den bis dahin erfolgreichsten Edgar-Wallace-Film. Der Regisseur sollte mit insgesamt 14 Wallace-Adaptionen zum erfolgreichsten Regisseur dieser Reihe avancieren.

Rezension

Das ist nun also das missing Link unter den frühen Edgar Wallace-Filmen, die ab 1959 in Deutschland gedreht wurden. Ein wenig kurios ist es schon: Der erste dieser Krimis, der von Alfred Vohrer inszeniert wurde, liegt auch schon am Höhepunkt des Erfolges, zumindest die Zuschauerzahlen betreffend. Vohrer gebührt auch die Ehre, mit dem kürzlich rezensierten „Das Gasthaus an der Themse“ den erfolgreichsten Film der Reihe gedreht zu haben.

Erstmalig gibt es einen farbigen Vorspann, wobei die Farbe rein darin besteht, dass die Schrift in Rot gesetzt wurde – und es gibt zwei Splashs, welche die Vorläufer für die spätere Idee gewesen sein könnten, mehr davon auf die Leinwand zu bringen, nämlich einen für jeden Buchstaben des Namens „Edgar Wallace“. Dass dieser selbst zu sprechen vorgibt, ist hier allerdings noch nicht zu bemerken.

Irgendwann haben wir den Film schon einmal gesehen, aber nach den vielen Rezensionen, die wir für unsere bald startende Serie mit der Reihe innerhalb der FilmAnthologie des Wahlberliners vorverfasst haben, nachdem wir also das Edgar Wallace-Universum schon recht gut kennen, waren wir doch überrascht von „Die toten Augen von London“.

Ohne Zweifel ist dies eine der am meisten inspirierten und gelungensten Interpretationen von Edgar Wallace-Krimis, einer der besten von über 30 Filmen, die von 1959 bis 1972 entstanden sind und zu einer Reihe zusammengefasst wurden.

Alfred Vohrer setzt seinen exaltierten Stil noch sehr dosiert ein, der Film hat genau die richtige Mischung aus Spannung, Grusel und Humor, die Schauspieler sind überdurchschnittlich. Dieses Mal haben wir auch wenig an Joachim Fuchsbergers Darstellung zu kritisieren und sein Verhältnis zu Eddi Arendt, der dieses Mal den Assistenten gibt, ist vergleichsweise gut austariert. Es gibt eine Szene, in der es ums Stricken von Babypullovern geht, die wirkt so echt, dass wir davon ausgehen, dass die Schauspieler tatsächlich ins Lachen kamen und man die Szene in den Film aufgenommen hat, obwohl diese überbordende Fröhlichkeit wohl so nicht im Drehbuch stand. Aber das Satirische, manchmal auch Alberne späterer Produktionen findet sich hier noch kaum und schon gar keine Selbstreflexion. Es gab auch noch keine Anspielungen auf andere Krimis wie etwa auf die gerade gestartete James Bond-Reihe in „Der Hexer“ bzw. „Neues vom Hexer“, die ebenfalls von Alfred Vohrer inszeniert wurden, aber schon wesentlich launiger wirken als „Die toten Augen von London“. Die Humor-Elemente sind manchmal überraschend und pfiffig, wie etwa die Handschellen, die Assistent „Sunny“ Nora anlegt.

Vohrer hat hier noch nicht mit Peter Thomas als Komponist zusammengearbeitet, aber der Score von Heinz Funk seht den Arbeiten von Thomas kaum nach und wirkt für seine Zeit sehr innovativ. Besonders, wie das bedrohliche, monotone Thema ausgespielt wird, welches einen Mord und das Auftreten des blinden Jack, später das von dessen Auftraggeber oder Meister ankündigt, ist gut gemacht, stellenweise gibt es auch traditionellere Tonelemente.

Außerdem verfügt „Die toten Augen von London“ über eine der gelungensten Mörderfiguren innerhalb der Reihe, sofern man den blinden Jack nicht mit einem Anflug von Mitleid mehr als Werkzeug der bösen Gebrüder Judd ansieht. Seine Armbehaarung ist etwas übertrieben, aber dafür wirkt es umso ekeliger, wenn Karin Baal ihm in die Finger beißt, um sich aus seiner Umklammerung zu befreien.

Visuell sind die assoziativen Überleitungen zwischen einigen Szenen richtig gekonnt und unterstützten den Rhythmus des Films, an dem es nichts zu tadeln gibt. Stringent und ohne wesentliche Mätzchen wird der Zuschauer durch eine Handlung geführt, deren Mordelemente teilweise zu den brutalsten und offensivsten der Reihe zählen; passend dazu sind einige Schauplätze  mit ihrer Tristesse oder dem Morast, den sie aufweisen, ausgewählt worden, um das Schaurig-Verdorbene zu stärken, das wir vor uns sehen. Die Waschmaschine in der Wäscherei hat man offenbar für „Der Gorilla von Soho“ sechs Jahre später wiederverwendet, möglicherweise auch die gesamte Location, die in Hamburg angesiedelt ist. Wie die meisten Edgar Wallace-Filme hält „Die toten Augen von London“  die Stadt, die Bestandteil des Titels ist, nur als Archivmaterial vor.

Die Handlung weist auch dieses Mal Unstimmigkeiten auf. Dass zum Beispiel Nora Ward in Wirklichkeit Eleonor Finlay ist und man darauf nicht kam, darf man sich der eigenen logischen Herangehensweise gutschreiben: Der Tod ihrer Mutter bei der Geburt von Zwillingen wird nämlich auf 22 Jahre zurückdatiert, während Nora früher im Film angibt, schon zehn  Jahre als Krankenschwester mit dem Spezialgebiet Blindenpflege zu arbeiten, und das tut sie, wie sie sagt, seit sie sechzehn ist. Auch ihre Bemerkung mit dem Aussuchen der falschen Eltern lässt überhaupt nicht erkennen, dass sie fremd aufgezogen wurde, obwohl sie das offensichtlich wusste. Durchaus möglich, dass man hier ganz bewusst mit falschen Fakten gearbeitet hat, um keine zu starken Fährten zu legen. Dass hingegen der Versicherungsmakler Judd diesen schrägen Totenkopf-Zigarettenaufbewahrer auf dem Schreibtisch seines sonst so konservativ wirkenden Büros stehen hat, weist schon darauf hin, dass mit dem Mann etwas nicht stimmt.

Der Schluss ist ein wenig over the Top, wie so oft in den Edgar-Wallace-Filmen und, das Krimi-Genre betreffen, nicht nur in diesen. Um die Action am Ende glaubhaft zu machen, wird sie so gefilmt, dass man nicht groß über die physischen Abläufe nachdenkt und ob diese stimmig sind. Sind sie nicht, aber das wollen wir jetzt nicht detailliert erläutern. Das große Finale ist als Klimax ein wenig unterrepräsentiert, weil die Spannung schon verpufft ist. Man weiß nun um das Spiel der Bösewichte Judd und es ist höchstens noch zweifelhaft, ob sie arrestiert werden oder zu Tode kommen. Für das damalige Publikum war es eine Überraschung, dass Dieter Borsche hier eine Verbrecherfigur spielt, weil er in den 1950ern als Held in vielen Romanzen, insbesondere mit Ruth Leuwerick als Partnerin, zu sehen war und als einer der Stars seiner Zeit galt. Er hat noch in zwei weiteren Filmen der Wallace-Reihe ähnliche Figuren gespielt wie in „Die toten Augen von London“, doch der Überraschungseffekt, der war dabei selbstredend nicht mehr gegeben.

Klaus Kinskis Auftritt ist noch etwas gemäßigter und weniger auf irre angelegt als später und trägt zum Eindruck eines noch überwiegend gewahrten Realismus bei. Natürlich ist das Blindenheim mit seinen Figuren überzeichnet und die kleine Verbrecherorganisation, die sich dort eingenistet hat, eine typische Wallace-Konstruktion, die vor allem belegt, dass der Mann einen Hang zum gleichermaßen Umständlichen wie Verschrobenen hatte und weniger auf Logik setzte als die klassischen Rätselkrimi-Autoren englischer Prägung. Aber es macht ja diese heutigen Kultfilme aus, dass sie mit Figuren arbeiten, die, besonders im Fall von „Die toten Augen von  London“, auch von Fritz Lang für seine Mabuse-Filme geschaffen worden sein könnten. Und diese Verbrecher gehören doch eindeutig zu den unheimlichsten der Filmgeschichte.  

Typische Merkmale von Edgar Wallace-Filmen gemäß Wikipedia (kursiv) und unsere Anmerkungen zum jeweiligen Film:

  • Regie: Kein Regisseur hat den Stil der Edgar-Wallace-Filme mehr beeinflusst als Alfred Vohrer. Der erfahrene Synchronregisseur inszenierte 14 Filme der Serie, darunter Klassiker wie Die toten Augen von London, Das Gasthaus an der Themse und Der Hexer. Die leicht übertriebene Schauspielführung und die pointierte Schnitt- und Zoomtechnik sind für praktisch alle Film- und Fernseharbeiten Vohrers typisch.
    • Auch wenn Vohrer sich in „Die toten Augen von London“ etwas zurückhält, als Neuling, welcher er damals war, die Szenenübergänge sind oftmals originell, die Einstellungen variantenreich und von spielerischer Beherrschung des Metiers geprägt, es gibt einige visuelle Gags wie die von „innen“ gefilmten Zähne, die ein baldiges Mordopfer mit einer Munddusche spült, insgesamt aber vor allem ein Gespür für das, was die Wallace-Filme ausmachen könnte und was stilistisch übers Althergebrachte hinausweist.
  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).
    • Wichtig für den Film ist zweifellos das Trio Fuchsberger-Arendt-Kinski. Einzig Fuchsbergers Rolle hätte auch von Heinz Drache gespielt werden können und es gibt noch nicht den unvergleichlichen Siegfried Schürenberg als Sir John, der allerdings in seinen Auftritten ab „Der Hexer“ auch dafür sorgt, dass das Ganze etwas sehr ins Humoristische kippt. Unersetzlich für ein formidables Edgar Wallace-Gesamtpanorama sind aber Eddi Arendt und Klaus Kinski als die beiden Pole, die der Globus der schrägen Vögel im deutschen Kino damals vorzuweisen hatte. Arendt hat viel Spielzeit und trägt auch zur Falllösung bei, Kinski ist ein schattiger Typ, sein Auftreten weist aber noch nicht zwangsläufig auf eine Mörderrolle hin.
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).
    • Erst kommt ein Stück Handlung, dann erst der Vorspann. Sehr modern und selbst in Hollywood damals noch kaum eingesetzte Variante, mit der man das Publikum gleich in die Handlung ziehen kann.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    • Es ist mal wieder die gute alte Habgier, besonders krude umgesetzt und nicht ansatzweise durch irgendwelche biografischen Hintergründe der Verbrecher erklärt, was es in anderen Filmen doch immer mal wieder gibt, u. a. als Rache der zu Recht oder Unrecht Enttäuschten.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
    • Hamburg, besonders die Speicherstadt in ihrem damals noch weniger hippen Zustand waren die Hauptdrehorte, und die örtlichen Studios der Real-Film. London kommt wahrlich nur einmal ins Bild, und da schlägt immerhin der Big Ben. Was er damals auch in vielen deutschen Wohnzimmern tat, wo er in Standuhren untergebracht war, welche auf Anrichten und anderen Möbelgegenständen platziert waren. Vielleicht kam dieses „Britisch-ist-Cool“ sogar durch die Edgar Wallace-Filme auf. Nein, das wäre doch zu viel des Einflusses, den wir dieser Kinofilmreihe damit zurechnen würden.
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. (…)
    • Eine Zwischenstufe. Erstmals farbig, zwei Splashs, aber keine Stimme aus dem Off – das Styling der Vorspanne hatte noch einen Weg zu gehen, bis zu seiner Vollendung, wirkt aber doch schon recht typisch und angemessen.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war. Während die Soundtracks von Martin Böttcher (fünf Filme), Willy Mattes (zwei Filme) oder Peter Sandloff (ein Film) eher aus zeitlosem Orchestersound mit Easy-Listening-Charakter bestanden, griffen Heinz Funk (drei Filme) und Oskar Sala (ein Film) auch auf neue Techniken der elektronischen Musik und experimentelle Kompositionen zurück.
    • Eine der besten Musiken, die für einen Edgar Wallace-Film komponiert wurde. Die Eindringlichkeit des „Hier ist die Gefahr-Themas“ kann man, wenn man auch als aufdringlich bezeichnen, wenn man den Stil der Wallace-Filme generell nicht so mag, aber dieser bedrohliche, mächtige Typ „mit dem Gemüt eines Kindes“ (eines boshaften Kindes, sollte man hinzufügen), wird von der düsteren, eintönigen Musik perfekt gecovert.

Fazit

Zwei Jahre nach dem Start der dänisch-deutschen Wallace-Reihe war man schon hübsch weit gekommen mit der Stilistik und dem Personaltableau. Und der Erfolg gab „Die toten Augen von London“ recht – das Publikum war bereit für grausige Mordtaten und Figuren aus dem Gruselkabinett. Gerade der grobschlächtige, irgendwo zwischen Quasimodo und Frankensteins Monster angesiedelte Kind-Killer, der nur eine Kreatur ist, von einem bösen Menschen beherrscht, und die Grausamkeit der Taten, reflektieren nach den harmoniesüchtigen 1950ern aber auch, dass etwas begann, aus dem kollektiven Unterbewusstsein der Deutschen hervorzubrechen: Die Dämonen der jüngeren Vergangenheit (das erste Anzeichen dafür war „Nachts, wenn der Teufel kam“ aus dem Jahr 1957). Die unermessliche Skrupellosigkeit und Gier der Verbrecher, die hier von den zivil, ja sogar als Gottesdiener auftretenden Judd-Brüdern symbolisiert wird, rekurriert ganz deutlich auf dieRolle, die die Deutschen sich selbst zudachten: Als naive Werkzeuge diabolischer Verführer, die von diesen quasi im eigenen Land eingekerkert und zu schändlichsten Verbrechen gezwungen wurden. Und wer hätte ahnen können, dass diese Menschen so sind, wie sie nun einmal waren? Doch, hätte man, denn so bürgerlich oder gar sakral orientiert wie die Judd-Brüder traten sie ja gerade nicht auf. Insofern liegt in der Darstellung der Verbrecher in Filmen wie diesem auch eine gewisse Beschönigung.

Alfred Vohrer, der selbst beim Einsatz im Zweiten Weltkrieg verletzt wurde und einen Arm verlor, konnte wie wohl kein anderer Regisseur der Reihe diese Dämonen, die ans Tageslicht und zur Aufarbeitun drängten, bildlich einfangen und sie dazu bringen, dass sie etwas triggerten, was für kurze Zeit verdrängt worden war und nun den Weg in die Freiheit suchte. Und selbstverständlich war das Ende eines Verbrecherimperiums oder einer kleinen Schar von ruchlosen Typen immer mit er kathartischen Wirkung verbunden, die es braucht, um das Ende der Figuren, die bisher immer gesagt hatten, wo’s lang ging, als Befreiung zu empfinden. Aber: Der Handlanger der beiden wurde von ihnen geopfert, ja sogar selbst umgebracht. Das ist sogar für einen Wallace-Film ungewöhnlich und verstärkt noch den Eindruck, dass es sich hier um eine Allegorie handelt.

76/100 

© 2020, 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Alfred Vohrer
Drehbuch Trygve Larsen
unter Mitarbeit von Gerhard F. Hummel
Dialogmitarbeit Wolfgang Lukschy
Produktion Horst Wendlandt,
Preben Philipsen
Musik Heinz Funk
Kamera Karl Löb
Schnitt Ira Oberberg
Besetzung

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