Zwei Sekunden (Two Seconds, USA 1932) #Filmfest 68

Filmfest 68 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftEine kurze Studie über den Partner-Fail

1932 war das schwierigste Jahr der großen Depression und das zwölfte der Prohibition. Der Film wurde von First National produziert, unter der Kontrolle der Warner Brothers, und der Production Code ist noch nicht in Kraft, dies wird erst 1934 geschehen.

Bereits diese vier Fakten machen normalerweise klar, es handelt sich um einen harten, realistischen Gangsterfilm, mit einem erheblichem Maß an Gewalt, Sex und knackigen Dialogen. Es stimmt alles – bis auf eines. Ausnahmsweise ist es kein Gangsterfilm. Sondern was? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Die Hinrichtung des Nietenschlägers John Allen (Edward G. Robinson) wird erwartet. Ein junger Student der Soziologie ist anwesend und fragt den Meister der Zeremonie des elektrischen Stuhls, warum man Allen nicht antworten darf, wenn er spricht. In den zwei Sekunden zwischen dem Stromschlag und dem Hirntod wird das ganze Leben an diesem Delinquenten vorüberziehen, so der Mann von der Exekutive.

Das Brummen des elektrischen Stuhls geht über in das Hämmern eines Schlagbohrers, bedient von Bud Clark (Preston Foster), dem Freund von John Allen. Das Gerät verstummt, ist defekt. Die Freunde haben plötzlich Zeit und diskutieren, auf Stahlträgern eines Wolkenkratzers im Bau sitzend, hunderte von Metern über der Erde, über das Leben und die Frauen.

Der Realist Clark nimmt das Leben leicht und denkt an die einfachen Dinge. Allen hingegen will auch geistig hoch hinaus und ist sehr wählerisch, die Frauen betreffend. Kein Girl, das sein gut aussehender Freund Bud ihm anschleppt, ist ihm genug.

Durch einen Zufall, als eine von Buds Akquisen aus dem Ruder läuft, gerät John in eine Tanzhalle, in dem man für 5 Cent ein Mädchen zum Tanzen auffordern kann. Dort lernt er die blonde Shirley Day (Vivienne Osborne) kennen, die sofort spitz bekommt, dass John ein wenig einfältig ist und mitten in der Krise noch einen gut bezahlten Job hat.

Sie macht ihn betrunken, und schon ist er verheiratet. Sein Freund Bud giftet die Frau an und einige Wochen darauf, wieder auf der Arbeit, geraten auch John und Bud aneinander. John geht auf Bud zu – der tritt einen Schritt zurück und fällt in die Tiefe.

John hingegen fällt in eine Depression und seine Nerven spielen nicht mehr mit, er kann seinen Job nicht mehr ausüben. Shirly bleibt trotzdem bei ihm, macht aber ihr eigenes Ding. Sie schafft sogar an. Obwohl der Mann nur noch eine Last zu sein scheint, gibt ihr die Ehe eine gewisse Respektabilität. Dann zieht sie Annie, Buds frühere Freundin in ihr leichtes Leben hinein, das sie wieder aufgenommen hat.

Das ist zu viel für John. Er bringt sie um und damit schließt sich der Kreis. Allerdings hat er noch bei einer Wette gewonnen und zahlt alle Schulden eigenständig ab, für die im Grunde Shirley schon aufgekommen war.

Vor Gericht hält er sein eigenes Plädoyer, in welchem er erklärt, er sei zu spät und im Grunde für das falsche Verbrechen verurteilt worden. Der Film kehrt zur Ausgangsszene zurück. Der Hebel wird umgelegt, die Anwesenden erschauern, der Student hat Schweißtropfen auf der Stirn und John Allen stirbt.

Rezension

Ausgerechnet Edward G. Robinson, der Star von „Zwei Sekunden“, die Nummer zwei im Hollywood-Gangsterbusiness der frühen 30er Jahre hinter James Cagney, gibt in „Zwei Sekunden“ einen simplen Bauarbeiter, der täglich sein Leben riskiert. Ja, auch das gehört zu dieser Zeit. Depression hin oder her, es wurden gewaltige Wolkenkratzer errichtet, und wer so schwindelfrei war, an solch einem Bau arbeiten zu können, der verdiente nicht schlecht.

Der Film fängt realistisch an und endet expressionistisch, das ist eine hervorragende Umschreibung dessen, was sich zwischen der ersten Szene am Bau und der vorletzten vor Gericht abspielt, als Robinson sein eigenes Plädoyer hält.

Interessant, wie häufig dieser Film im deutschen Fernsehen schon gezeigt wurde – das kann nicht nur daran liegen, dass er vor langer Zeit in einem dieser großen Filmpakete enthalten war, die damals von den US-Studios erworben wurden. Jetzt ist er reif für eine Rezension und es gibt viel Interessantes zu berichten.

  1. Eine Menge Schlagwörter für einen einzigen Film

Alles ist Geschichte. Und demgemäß gibt es viele Begriffe der Filmgeschichte, die hier eine Bedeutung bekommen. Zum Beispiel kann man „Zwei Sekunden“ als frühen Film noir ansehen. Da ist viel Schicksal drin und es erfüllt sich gnadenlos.

Natürlich ist der Film auch den Gangstermovies der frühen 30er Jahre angenähert. Edward G. Robinson hat viele Gangster porträtiert, im Jahr 1930 zum Beispiel „Little Caesar“, vielleicht seine bekannteste Rolle.

Die amerikanische Geschichte, speziell die der 20er und 30er Jahre, muss man ein wenig kennen, wenn man den Film verstehen will. Man muss wissen, dass die Metaphern daran viel mit der Großen Depression zu tun haben. Ausgelöst durch den Börsencrash im Oktober 1929, erreichte sie 1932 ihren Höhepunkt.

Die Politik war unfähig, die Wirtschaftslage in den Griff zu bekommen. Ein Jahr später wurde Franklin D. Roosevelt Präsident der Vereinigten Staaten und die Zeiten besserten sich allmählich, die Filme und das Leben im Allgemeinen wurden sauberer. In Deutschland führt eine ähnlich desaströse Wirtschaftslage ebenfalls zu einem Machtwechsel, im selben Jahr 1933. Aber hier wandelten sich die Dinge zu einem Alptraum. Man meint, im schlussendlichen, wahnhaften Untergang des John Allen mehr Metaphorik deutscher als amerikanischer Geschichte zu erkennen.

Trotz Wirtschaftskrise wird  im Film wie in der Wirklichkeit am Empire State Building geschraubt und gehämmert. Ein gigantisches Projekt. Das damals höchste Gebäude der Welt wurde zwar schon 1931 fertig, aber im Film dient es, ohne genannt zu werden, als Arbeitsplatz der beiden Freunde John und Bud. Der Arbeitsplatz nah dem Himmel symbolisiert etwas von Johns Träumen und hohen Zielen, er sagt es auch selbst. Es mag die tägliche Gefahr dieser Arbeit auf blanken Stahlträgern sein, die den einen Mann (Bud) dazu bringt, den Tag zu leben und nichts anbrennen zu lassen und den anderen (John) in seinem Idealismus beeinflusst, der offenbar ziemlich unvermittelt aufgekommen war. Menschen gehen verschieden mit Ausnahmesituationen um.

Und von ganz oben kann man tief stürzen. Die hybriden 20er und der schreckliche Crash mit seinen sozialen Folgen spiegeln sich in diesem Projekt, das in den Himmel ragt. Das Haus bleibt stehen, aber viele Menschen stürzen auf die eine oder andere Weise aus dem Leben oder in bodenlose Tiefen, erholen sich seelisch nicht mehr – wie der Bauarbeiter John Allen.

Dass der Film auch in der Prohibitionsära spielt, ist auch hier wieder deutlich, auch wenn die Story nicht vom Alkoholschmuggel getrieben wird, wie viele Gangsterballaden dieser Zeit und über diese Zeit. Aber dass man Hochprozentiges aus Teetassen und -kannen in zweitklassigen Revue-Nachtclubs trinkt – das gab es zuvor nie und niemals wieder. Filme sind eben auch Zeitdokumente. Außerdem hat das Alkoholverbot durchaus inhaltliche Relevanz für den Film. John Allen als Idealist trinkt wohl selten und verträgt demgemäß nichts. Dadurch kann ihn das blonde Gift so leicht betrunken machen und den Mann, der das in nüchternem Zustand wohl vermieden hätte, in eine Ehe treiben. Anständig, wie er ist, versucht er nicht, diesen Zustand zu revidieren.

  1. Raue Zeiten, gute Freunde und wilde Frauen

In keiner anderen  Zeit der Filmgeschichte war das Zelluloid so pur wie im frühen Tonfilm amerikanischer Machart. Besonders die Warner Brothers taten sich in ihren Produktionen durch ein erhebliches Maß an spektakulärem Sex & Crime hervor. Die gewalt ist in heutigen Filmen noch erheblicher, aber man muss sehen, wo alles herkam und wie schockierend die Darstellungen auf den damaligen Zuschauer gewirkt haben müssen. Sicher hatten sie aber auch einen kathartischen Effekt, zumindest in den USA.

Die berühmteste aller Szenen, in der James Cagney in „The Public Enemy“ 1931 seiner Filmpartnerin eine Orange ins Gesicht drückt, wird in „Zwei Sekunden“ zitiert – und hier gibt es den weniger berühmten, aber mindestens so üblen Moment, in dem gute Bud der miesen Shirley eine brennende Zigarette auf den blanken Rücken wirft, bevor er die ehedem gemeinsame Wohnung der beiden Bauarbeiter und damit den bevorzugten Platz an Johns Seite räumt.

Auch die Charaktere sind hart, besonders der von Shirley. Einseitig und durchaus konsistent, aber auch Bud als der Gute ist eher zweidimensional. Der Film hat nur 67 Minuten Spielzeit, da muss die Differenzierung begrenzt sein. Aber die kurze Dauer war damals normal, auch für ein A-Movie. Dazu noch für eines aus einem Studio, das nicht das Budget für ausufernde Epen hatte. Ob der Begriff „Buddy-Movie“ für einen Film über zwei Freunde als eine Art Sondergenre hier geboren wurde? Wir haben es nicht recherchiert, aber Bud Clark ist der Prototyp dieses loyalen, bewundernden Freundes, der mit dem Protagonisten durch dick und dünn geht – wenn dieser ihn lässt. Meist ist der Buddy aber nicht der physische attraktivere der beiden Freunde, insofern bildet „Zwei Sekunden“ eine Abweichung zum eigenen Schema heraus.

Frauen hingegen steht „Zwei Sekunden“ eher negativ gegenüber. Auch wenn die beiden Männer sie als essentiell ansehen, sind sie eher Metaphern. Sie kommen vor als verhärmte Putzfrauen, als Matronen in Form von Vermieterinnen und Dates und als kichernde Nachtschwärmerinnen, als Reveugirls und 5-Cent-Tänzerinnen, angedeutet auch als Prostituierte. Und als Verhängnis auf zwei Beinen. Viele Filme sind so angelegt, und zwar bis heute. Aber diese unabhängigen und gleichzeitig moralisch verworfenen Typen wie Shirley Day waren Ausgeburten einer entfesselten Zeit. Sie entstiegen den libertinösen 20ern und schlugen und bissen sich durch die frühen 30er. Gleichzeitig transportieren sie männliche Urängste und sind als Figuren zeitlos. Wenn diese Shirley auch nicht den diabolischen Glanz einer Phyllis Dietrich aus „Frau ohne Gewissen“ / „Double Indemnity“ (1944) ausstrahlt, wenn auch der Film Noir hier noch eher ein Film der rauen Art ist, so ist Shirley doch die typische Femme fatale. Der dunkle Engel, auf dessen Schwingen das unerbittliche Schicksal reist und seinen  Mann findet.

  1. Filmstile in der Wendezeit vom Stumm- zum Tonfilm

Im Grunde war 1932 die technische Umstellung auf den Tonfilm abgeschlossen, zumindest in den USA. Die frühen Hürden waren überwunden, die Kameras konnten wieder Fahrt aufnehmen, die Schauspieler sich bewegen. Sie mussten sich nicht mehr dort versammeln, wo gerade das Mikrofon im Blumentopf versteckt war. Das kommt den Filmen aus 1931, 1932 schon zugute. Gleichwohl ist „Zwei Sekunden“ im Wesentlichen ein Kammerspiel, er basiert ja auch auf einer Bühnenvorlage.

Die Szenen auf dem Bau sind gar nicht so schlecht, aber doch erkennbar in einem gemütlichen Studio gedreht. Kein Haar bewegt sich, wenn die Männer in hunderten von Höhenmetern auf einem Stahlträger sitzen und philosophieren, Gleiches gilt für die Kleidung. Ruhig kräuselt sich der Rauch von Johns Zigarette deckenwärts. Trotzdem kommt ein Gefühl von Spannung auf, als sei alles echt. Die Szene, in der Bud in die Tiefe stürzt, die ist gar nicht übel gemacht und hat uns an „Vertigo“ erinnert.

Sehr schön hat Edward Copeland (Edward Copeland on Film) die Stile von „Zwei Sekunden“ definiert – von einem starken – wir meinen: überwiegenden – Realismus wandelt er sich zu einer expressionistischen Seelenfahrt, der etwas Abstraktes innewohnt. Die Szene vor Gericht, in der John Allen sich in den Wahnsinn hinein redet, ist zweifelsrei expressionistisch gefilmt. Der Gerichtssaal ist eine Bühne, auf John Allen ist ein Spot gerichtet, sonst ist es beinahe komplett dunkel. Nur das Gesicht des Richters, der vor Allen spricht, ist ähnlich angeleuchtet. Aber man muss sich fragen, ob dieser Expressionismus mehr sein will als eine dramatische Verstärkung. Damals war sicher noch nicht komplett entschieden, wo sich die amerikanische Filmsprache hin entwickeln will und da war Raum für solche Momente.

Auch wenn diese Sequenz noch Symbolik beinhaltet; der Mann, der sich mit einem Mal von jemandem, der seine Ehre zurückgewinnen wollte zu jemandem wandelt, dessen Seele sich im grellen Licht entblößt, ohne dass John noch etwas steuern oder zurückhalten könnte, so macht die Stilvermischung doch auf etwas aufmerksam: Dass der Film alles andere als formal einheitlich ist. Dabei bemerkt man auch, dass die Fertigung der Handlungselemente nicht heutigen Standards entspricht. Wir würden, hätten wir einen modernen Film zu rezensieren, von rohem  Zusammenzimmern unglaubwürdiger Einzelteile schreiben. Da gab es zur Stummfilmzeit, da gab es sogar in der technisch eingeschränkten frühen Tonfilmzeit, aber vor allem wenige Jahre später Filme von ganz anderer Drehbuchqualität und viel flüssigerer Handlungsführung. Auch der damals junge Regisseur Mervyn LeRoy hat im Lauf seiner Karriere noch viel dazugelernt.

  1. Edward G. Robinson

Auch wenn man ihn damals eher in Gangsterrollen sah denn als unbedarften jungen Mann, der naiv vom sozialen Aufstieg träumt und einem gerissenen Luder ins Netz geht, die Rolle steht ihm. Gar keine Frage, dass Robinson einer der profiliertesten Filmschauspieler seiner Zeit war. Außerdem hat ihn seine wenig attraktive Physis davor bewahrt, auf Rollenklischees festgelegt zu werden. Das mag seltsam klingen, wenn man nur die Gangsterrollen sieht, aber auch die sind durchaus differenziert und er hat sie später nicht nur variieren können, sondern war in interessanten Parts diesseits, jenseits des Gesetzes, in Grauzonen und vielen wunderbar ausgestalteten Rollen als distinguierter Mann mit einem Innenleben zu bewundern.

In jenen frühen 30er Jahren war Overacting noch kein Buhwort, die reduzierte Art späterer Stars, die mit kleinen Gesten viel ausdrücken konnten, noch kein Thema. Theatralik beherrschte das Feld, und „Zwei Sekunden“ ist ein besonders gutes Beispiel dafür. Allerdings führt das auch zu klasse Dialogen, die man nach Laune als klischeehaft oder als für die Ewigkeit gemacht bezeichnen kann. Besonders die Gespräche von Bud und John verraten viel über das Wesen von guten Männerfreundschaften und sind alles andere als unmodern. Dies trägt vor allem zu Anfang des Films dazu bei, dass man gar nicht das Gefühl hat, ein etwa 80 Jahre altes Kinostück zu betrachten.

Als die Welt und die Mimik von Robinson dann immer mehr an Dramatik gewinnen, merkt man, wie präsent er als Schauspieler ist. Er kann seiner Figur John Allen Glaubwürdigkeit vermitteln, und das ist nicht so einfach, denn es gibt durchaus Entwicklungssprünge, die – siehe oben – zu abrupt geraten sind. Die Art, wie John erst zögert, sich nicht einwickeln lassen will, aber kurz darauf die Frau, die ihn hereingelegt hat, gegenüber seinem Freund verteidigt, das ist alles andere als einfach zu spielen, weil realitätsfern – oder deutet sich der Wahnsinn bei John bereits an? Man kann gar nicht anders, als Robinson fasziniert zuzuschauen, wie er agiert und nach und nach alles verliert.

Finale

Nach den Maßstäben des frühen 21. Jahrhunderts ist „Zwei Sekunden“ kein guter Film, zu disharmonisch in Gestaltung und und Handlungsführung, ein wenig billig gemacht wirkt er stellenweise auch. Aber ein großartiger E. G. Robinson kann immer noch in den Bann ziehen und selbstverständlich ist dieses Drama film- und allgemeinhistorisch von Bedeutung. Wenn man das alles in Betracht zieht, den Film in seine Zeit stellt, aber auch das Bleibende bewertet:

69/100

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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