Borowski und der vierte Mann – Tatort 785 #Crimetime 506 #Tatort #Kiel #Borowski #NDR #Mann #Bär #Tiger #Leopard #Schnoesel

Crimetime 506 - Titelfoto NDR, Marion von der Mehden

Pyramiden im verschneiten Norden

Der Abschied von Frieda Jung ist ein schwieriger und ihr Handeln führt zu mörderischen Konsequenzen. Ersteres war zu erwarten, aber wer hätte Letzteres gedacht? Da es zu den besonderen Merkmalen des Films gehört: Das Buch wurde nach einer Vorlage von Henning Mankell geschrieben. Ob der aber auch die Pyramide drin hatte? Die Bärenjagd? Frieda Jung ganz sicher nicht. Es ist ein Wintertatort mit richtig Schnee. Was für ein Glück, dass es den in jenem Jahr wirklich gab, mittlerweile wäre das auch in Schleswig-Holstein eher schwierig, drei Wochen am Stück mit weißer Landschaft. Mehr Überlegungen zum 785. Tatort in der -> Rezension.

Handlung

Auf einem Landgut in der Nähe von Kiel werden in einer Tierfalle Leichenteile eines Mannes gefunden, der Mitglied einer Jagdgesellschaft war. Alles deutet darauf hin, dass ein militanter Tierschützer hinter dem Mord steckt.

Aber bald findet Borowski heraus, dass die Jagdgesellschaft etwas zu verbergen hat: Ihre Mitglieder hatten das abgelegene Gut ausgewählt, um illegal Bären schießen zu können, die extra für diesen Zweck gekauft werden.

Als ein weiteres Leichenteil bei einem Gerber gefunden wird, wendet sich das Blatt erneut. Ein Serienkiller scheint mit Borowski und der Polizei ein mörderisches Spiel zu treiben. Als der Wildhüter der Jagdgesellschaft in tödliche Gefahr gerät, beginnt für Borowski ein Wettlauf mit dem Killer.

Rezension

Mindestens eine Szene kam uns bekannt vor: Der einen Joint rauchende Typ auf dem Fell eines weißen Tigers. Wir konnten uns aber an andere markante Szenen nicht erinnern. Der Film erschien 2010 und zwölf Tatorte später begannen wir mit der Kritiken-Anthologie für den „ersten Wahlberliner“. Gut möglich, dass er zu jenen Produktionen der Reihe zählte, die uns veranlassten, in dieses mittlerweile fast zehn Jahre andauernde Abenteuer einzusteigen. Es gibt ja auch einiges zu sehen, in „Borowski und der vierte Mann“. Da ist zum einen die Winteratmosphäre, Glaudia Garde hat als Regisserin wieder einen guten Job gemacht, aber es war auch schwieriger als in anderen Filmen, die sie inszeniert hat: Diese krasse Gegenwelt der versnobten Finanzakrobaten erforderte einen etwas satirischen Einschlag und der kontert zwangsläufig die düstere Stimmung – und verhindert eine perfekte Geschlossenheit des Films.

Die Episodenfiguren auf dem Landsitz mögen übertrieben wirken, aber wir tendieren dazu, solchen Typen wirklich alles zuzutrauen. Wer in Berlin lebt und den mit Immobilien spekulierenden Teil der Blase bei seinem Tun beobachtet, der geht keine Illusionen, auch nicht, was die Übertragbarkeit des geschäftlichen Verhaltens auf die private Lebensführung angeht.

„Borowski und der vierte Mann“ entstand bereits nach der Finanzkrise 2008 und echot diese auf eine sehr eloquente Weise: Menschen auf der Jagd nach Geld und nach Trophäen, das passt zusammen. Dass sie aber glauben, ihnen kann niemand was, angesichts des nach mehreren Schutzgesetzen illegalen Treibens, ist schon etwas seltsam, zumal in diesem Fall keiner dabei ist, der seine Verbindungen in die Politik nutzen kann, um sich und seine Freunde abzuschirmen – anders als in vielen anderen Tatorten, in denen dieses Milieu porträtiert wird. Susanne Wolff, die wohl die prägnanteste Leistung in diesem Film liefert, kommt in ihrer Rolle als dekadente Maja etwas auf Sophie von Kessel.

Immer kommen wieder Puzzleteile hinzu. Frieda Jung ist endgültig weg. Einmal sieht ma sie kurz, aber war es wirklich noch einmal Maren Eggert, die da für einen undeutlichen Zwei-Sekunden-Auftritt gebucht wurde? Wer die Entwicklung der Dinge zwischen Borowski und seiner Polizeipsychologin mitverfolgt hat, bekommt ein Gefühl für die Tiefe der Zeit. Irgendwer sagt im Film, er hofft, dass sie eine ebenso kapable Nachfolgerin bekommt. Wurde die Stelle überhaupt wieder besetzt? Jedenfalls zog stattdessen Sarah Brandt als zeitgemäße Co-Ermittlerin ins Polizeipräsidium ein und Borowski wurde älter und sie war zu jung, um ein politische korrektes Liebesverhältnis mit ihm eingehen zu können. Ausgerechnet ein Gutachten, das sie geschrieben hat, führt letztlich dazu, dass es nicht nur einen Täter gibt, sondern zwei und nicht nur zwei Morde, sondern drei. Gerade, weil Jung so gut in ihrem Job war, hat sie jemanden so gekränkt, dass er die Tötungshemmung verlor.

Nicht unproblematisch ist der Film vor allem bezüglich des Pyramiden-Motivs. Nicht nur, dass die „Pyramide“ hier sehr rudimentär dargestellt und die sich aus der Abzocke ergebenden Motive übertrieben wirken, weil sie nämlich so versimpelt wird, kommt es überhaupt erst zu dermaßen schnellen Reaktionen. Normalerweise ist ein Schneeballsystem, der andere Ausdruck dafür, so aufgebaut, dass am Anfang sehr wohl die Einzahler noch eine Rendite sehen, sonst würde es viel zu schnell als unseriös auffliegen – bevor es richtig ins Rollen gekommen ist und durch sehr viele Teilnehmer erst richtig Geld in die Kasse kommt.

Wer aber meint, so blöd könnten Menschen doch nicht sein, bei sowas mitzumachen: Wir sind anderer Ansicht. Das Ganze muss nur etwas variiert werden oder es ist Gras über den letzten aufsehenerregenden Fall gewachsen oder die psychische Disposition der Beteiligten passt gut (Manipulationsgeschick auf der einen, Naivität auf der anderen Seite). Derzeit sind zum Beispiel viele „Accounts“ unterwegs, die Menschen, die rein zufällig ausgewählt werden, riesige Summen aus Erbschaften versprechen – vermutlich kommt es bald an den Punkt, an dem der Begünstigte erst einmal etwas einzahlen muss. Wenn es nicht zu viel ist, wird es genug Spielernaturen geben, die darauf einsteigen – und hinterher natürlich nicht zur Polizei gehen, weil solch ein Vorgang doch sehr, sehr peinlich ist und eh nicht ausermittelt werden wird. Hierbei handelt es sich nicht um ein Schneeballsystem, aber wir zielen darauf ab, dass man Menschen immer noch gut reinlegen kann, wenn man ihre Gier entsprechend triggert.

Betrug hat ohnehin tausend Gesichter, das wird uns in letzter Zeit nochmal richtig klar- seit wir die Polizeiruf-Reihe ebenfalls bearbeiten, die sich in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens ausgiebig u. a. mit Trickbetrüger*innen und Trickdiebstahl befasst hat.

Finale

Einige Fans waren erleichtert, den Nordmenschen Borowski wieder allein durch den Winterwald stapfen zu sehen, uns hat seine Kooperation-Liaison mit Frieda Jung gefallen und wir wünschen Menschen immer, dass sie nicht einsam sind. Aber allein zwischen den Fronten, das passt auch wieder ganz gut zum Typ, den Axel Milberg hier verkörpert und das gleichermaßen forsche wie missmutige Auftreten lässt sich aus seiner Stimmung besonders gut erklären, wo doch gerade das Büro von Jung geleert wird. Durch die etwas überzogenen Typen kann man sich zur Gesellschaftskritik, der Indolenz gegenüber Menschen und Tieren und dem schnellen Geld machen wollen so oder so stellen: Besonders gelungen oder eher wie in Münster, wo die Milieus auch so dargestellt werden, dass man sie nicht recht ernst nehmen mag. Die Sache ist aber ernst und deswegen sind wir dafür, sie entweder komplett satirisch zu behandeln, also so wie in Münster, oder einen gewissen Realismus walten zu lassen. Gab es den hier etwa? Nun ja. Siehe oben. Der Bär tat uns leid und natürlich alle die Tiere, die ihr Leben lassen mussten für die Four-Couture. Ob dumme, gierige Menschen es nicht verdienen, auch mal das Fell über die Ohren gezogen zu bekommen, ist hingegen eine andere Frage, die wir nicht so eindeutig beantworten können. Es kommt darauf an, wer, wie, wo, warum und wie es gezeigt wird.

Langweilig war dieser Film nicht, dafür bietet er zu viele schräge Schnösel und ist er zu hübsch gemacht und auch der Rhythmus stimmt ganz gut. Aber es ist auch ein banaler Whodunit, der aufgrund des Knisterns in der Papierpyramide seine Tücken hat und auch der Bär ist am Ende einfach weg, weil er diesen fahrlässigen Umgang mit Geld nicht mehr mitansehen mochte. Eine der schwächsten Stellen im Plot ist die, als festgestellt wird, dass ein Polizist einfach die Anweisung von Borowski vergessen hat, den Bär zu befreien. Also wirklich. Aber wir nehmen jetzt nicht die Haltung ein, die Charlotte Lindholm, Borowskis nächste NDR-Kollegin, gegenüber vielen Kolleg*innen zeigt.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

Wir haben überrascht festgestellt, dass uns von den 32 Borowski-Tatorten noch einige in der Sammlung fehlen und einer davon ist „Borowski und der vierte Mann“. Gemäß Besetzungsliste operiert der Kieler Kommissar hier nicht mehr mit Frieda Jung, aber noch nicht mit Sarah Brandt, mithin: alleine.

„Die atmosphärisch dichte Tatort-Folge „Borowski und der vierte Mann“ beginnt mit einem Wildhüter, der eine unheimliche Entdeckung macht: er findet einen abgetrennten Fuß, der samt Schuh in einer Tierfalle steckt. Das Körperteil wurde fein säuberlich vom Bein abgetrennt. Auffällig ist außerdem der Schuh, der einen teuren, äußerst kostspieligen Eindruck macht. Von dem Rest des Körpers fehlt jede Spur. Da der grausige Fund auf einem privaten Landgut lag, nimmt Hauptkommissar Klaus Borowski hier seine ersten Ermittlungen auf. Dabei stößt er auf Maja Stevens und in ihrem Umfeld auf eine dekadente Jagdgesellschaft von schwerreichen Leuten“,  heißt es bei den Tatort Fans.

Nach Meinung der Nutzer der Plattform Tatort-Fundus wiederum ist „Borowski und der vierte Mann“ ein mittelguter Fall, er liegt auf Platz 17 von 32 (Stand 18.11.2019). Da Borowski aber zu den besonders hoch eingeschätzten Ermittlern zählt, reicht es in der Gesamtliste derzeit immerhin für Platz 301 von 1122. Die jüngsten Fälle des Nordkommissars werden nicht mehr so geschätzt, aber er hält derzeit Platz 2 hinter Lannert / Bootz aus Stuttgart. Highlights wie „Borowski und die Frau am Fenster“ und „Borowski und der stille Gast“ sind nun schon ein paar Jahre alt, aber es ist wie bei den meisten Ermittler*innen: Man darf ihm jederzeit zutrauen, wieder groß aufzuspielen, wenn er ein entsprechend gutes Skript bekommt. Diese Filme, die ihn ganz nach vorne gebracht hatten, wurden aber nach „Borowski und der vierte Mann“ gedreht und wir werden heute Abend einen Film anschauen, der ihn im Aufstieg begriffen zeigt. In den nächsten Tagen wird eine Rezension zum 785. Tatort im Wahlberliner erscheinen. Immerhin wurde er von Claudia Garde inszeniert, die ein besonderes Händchen für die Atmosphäre der Kiel-Tatorte hat.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Kriminaltechniker Ernst Klee – Jan Peter Heyne
Roland Schladitz – Thomas Kügel
Jochen Leonardt – Matthias Matschke
Dr. Stormann – Samuel Finzi
Maja Stevens – Susanne Wolff
Timo Pross – Sven Pippig
u.a.

Regie – Claudia Garde
Buch – Daniel Nocke
Kamera – Martin Kukula

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