Die Obdachlosenzählung von Berlin + 32.000 Kinder wohnungslos (Housing for All) @HousingforAll #WohnenistMenschenrecht #Obdachlosigkeit #Wohnungslosigkeit #Zwangsräumungen #eviction #Mietenwahnsinn #TagderKinderrechte

Berliner Senat macht ernst mit der Erfassung der Obdachlosen in der Stadt

Es gibt ein UPDATE zu diesem Beitrag!

„Für die Obdachlosenzählung im Januar sucht die Sozialverwaltung freiwillige Helfer. Interessenten können sich auf einer Internetseite informieren und anmelden, wie Sprecherin Regina Kneiding der Deutschen Presse-Agentur am Montag sagte. Ziel der «Nacht der Solidarität» vom 29. zum 30. Januar 2020 ist es, erstmals Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie viele Obdachlose in Berlin tatsächlich leben. Bisher weiß das niemand. Fachleute gehen davon aus, dass es mehrere Tausend sind und ihre Zahl zuletzt stetig stieg“, kann man auf Berlin.de nachlesen.

In einer Pressemitteilung der zuständigen Senatsverwaltung vom 28.10.2019 heißt es dazu:

„Die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales teilt mit:

Am 29. Januar 2020 werden nachts mehr als 1600 freiwillige Helferinnen und Helfer auf Berlins Straßen unterwegs sein, um die obdachlosen Menschen zu zählen und zu befragen, die auf der Straße schlafen. Für die Anmeldung der vielen Freiwilligen hat die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales am Montag eine Internetseite freigeschaltet, auf der sich alle Berlinerinnen und Berliner anmelden können, die in der Nacht der Solidarität aktiv werden wollen.

Die Anmeldung erfolgt unter der Adresse: www.berlin.de/nacht-der-solidaritaet

Die Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, Elke Breitenbach: „Wir erfüllen mit der Obdachlosenzählung eine langjährige Forderung von Wohlfahrtsverbänden und Sozialarbeitern. Denn je genauer wir wissen, wie viele Menschen auf der Straße leben, welche Sprache sie sprechen und welches Geschlecht sie haben, desto besser können wir die Hilfen für sie organisieren, sei es mit Dolmetschern in der Straßensozialarbeit, mit Schlafplätzen für Frauen oder mit speziellen Beratungsangeboten.

Wir bitten die Berlinerinnen und Berliner, sich an der Nacht der Solidarität zu beteiligen. Je mehr freiwillige Helfende und erfahrende Mitarbeitende aus dem Sozialbereich sich engagieren, desto erfolgreicher wird dieses Pilotprojekt sein.“

Es ist die erste Obdachlosenzählung dieser Art in Deutschland. Berlin orientiert sich bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Zählung an den Erfahrungen anderer Metropolen wie Paris, New York, Brüssel und Lissabon. Ein Beirat von Expertinnen und Experten bereitet die Zählung vor. Sie wird fachkundig begleitet, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Hilfsorganisationen und erfahrene Straßensozialarbeiter sind beteiligt. (…)“

Die taz hat darüber einen ausführlichen und sehr positiv tendierenden Artikel gebracht, Ein Argument, das gegen dieZählung  sprechen könnte, wurden kurz erwähnt: Preisgabe des Schlafplatzes. Aber ohne Begründung. Wir haben uns sagen lassen, dass es u. a. darum geht, dass sich unter die Helfer Rechte mischen, die auf diese Weise auskundschaften wollen, wo schutzlose Menschen übernachten, gegen die man gewalttätig werden kann. Gewalt gegen Obdachlose ist ein Thema und es dürfte eine hohe Dunkelziffer geben. Auch der Aspekt „Legalität / Illegalität“ des Aufenthalts könnte eine Rolle spielen. Wer ohne gesicherten Aufenthaltsstatus obdachlos wurde, dürfte sich nicht sehr gerne zählen lassen.

Was wir ebenfalls sehen, sind Aspekte der Menschenwürde. Es ist ein Unterschied, ob ein erfahrener Straßensozialarbeiter sich einem / einer Obdachlosen in Not annähert, den / die er in den meisten Fällen schon kennen dürfte, oder ob ein Dreierteam aufkreuzt und Fragen stellt, in dem mindestens eine Person kein Profi und dem / der Obdachlosen unbekannt ist. Dass in Berlin die Helfer*innenzahlen so zögerlich anwachsen, Paris wird hier als positives Gegenbeispiel benannt, liegt vielleicht nicht an mangelndem sozialem Engagement der Menschen hier, sondern an einer gewissen Scheu, die durch Einfühlung in die andere Seite begründet ist.

Wir glauben nicht, dass in der Nacht der Solidarität – annähernd – alle Obdachlosen Berlins erfasst werden können, also müsste die Zählung mit einem Faktor versehen werden, der wiederum nicht genau sein kann. Die Schätzungen der Zahl der Obdachlosen in Berlin liegen gemäß taz weit auseinander, zwischen 2.000 und 20.000. Nach unseren subjektiven Eindrücken ist die erste Zahl zu niedrig angesetzt.

Einen weiteren, kürzeren Beitrag der taz gibt es hier. Interessant ist, dass das Thema gerade jetzt in die Presse gelangt, nachdem der Senat seine Mitteilung bereits am 28.10.2019 erstellt hat.

FireShot Capture 155 - Sebastian Czaja auf Twitter_ „Dass sich @ElkeBreitenbach entschieden _ - twitter.comSogar die FDP findet die Zählung eine gute Sache. Das lässt aufmerken. Vor allem, wenn man beobachtet, wie die FDP massiv unablässig gegen den Schutz von Mieter*innen in der Stadt agitiert. Deren Fraktionsvorsitzender im Abgeordnetenhaus, Sebastian Czaja, stellt sich dabei immer in die erste Reihe und kann das  das nächste neoliberale Berlin (siehe Startseite seines Profils) kaum abwarten.

Was dieses Verhalten signalisiert: Der FDP ist es ziemlich egal, dass die Verdrängten von heute die Wohnungs- und Obdachlosen von morgen sein können.

Wir können nur hoffen, dass die FDP die Zählung nicht instrumentalisieren möchte, um die zweifellos hohen Obdachlosenzahlen als Folge der Politik von R2G darzustellen. Das wäre genau so niederträchtig und falsch, wie den Mietenwahnsinn, der seinen Teil zur Obdachlosigkeit beiträgt, einer Stadtregierung anzulasten, die erst seit knapp drei Jahren in der aktuellen Zusammensetzung besteht.

Wir schieben noch eine Meldung ein, die gerade passt: Berlin ist Spitzenreiter bei den Zwangsräumungen (pro Einwohner) – in Städten wie Paris hingegen, das hier wirklich ein positives Gegenbeispiel darstellt, wird wenigstens im Winter gar nicht geräumt. Noch gestern Abend bekamen wir durch den Livestream von einer BVV-Sitzung wieder bestätigt, dass z. B. CDU-Lokalpolitiker gerne darauf hinweisen, dass Zwangsräumungsaufträge rechtlich abgesichert sind – auch wenn die Lagen, aus denen sie entstehen, selbstverständlich sehr verschieden sind.

Wir hatten gestern noch eine Diskussion zum Thema, in der wir uns ähnlich äußerten, wie es im nebenstehenden Thread die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen getan hat.

Andererseits rechnen wir der Sozialsenatorin zu, dass sie ernsthaft an einer Verbesserung der Lage der Obdachlosen in Berlin interessiert ist.

Es kam im vergangenen Winter zur „Schließung“ fast aller Berliner U-Bahnhöfe in dem Sinne, dass Obdachlose sie nicht als Schlafplätze nutzen konnten, Container, die für Geflüchtete errichtet wurden und leerstehen, dürfen nicht von Wohnungslosen bewohnt werden, spekulativer Leerstand kann ebenfalls nicht für Obdachlose zugänglich gemacht werden. Das klingt alles restriktiv und trotz aller Gründe sehr ausgrenzend. Gerade deswegen ist es wichtig, Angebote zu spezialisieren und sinnvoll zu erweitern. Wir dachten bisher, die Hilfsdienste, die Sozialarbeiter*innen, die Betreiber von Kältebussen etc. seien doch in der Lage, ein realistisches Bild zu vermitteln.

Wir meinen, es kommt darauf an, wie Betroffene selbst es sehen.

Wenn sie sagen, der solidarische Aspekt ist wichtig und jetzt kann niemand mehr wegschauen, wir wollen auch unsere Geschichten erzählen oder wenigstens in Kontakt mit anderen Stadtbewohner*innen kommen,  unterstützen wir die Zählung ebenfalls.  Es muss aber unabhängig davon mehr für Obdachlose getan werden, womit wir gerade nicht die von Frau Breitenbach erwähnte Unterbringung in Notunterkünften meinen, sondern gezielte weitere und bessere Angebote für diejenigen, die zurück in eine Behausung wollen, die weitere Schritte gehen möchten und auf Unterstützung durch kompetente Ansprechpartner*innen setzen. Zumindest für diejenigen unter ihnen, die behindert / psychisch erkrankt sind, könnte u. a. das neue BTHG (Bundesteilhabegesetz / Bundes-Teilhabe-Gesetz) Verbesserungen bringen.

2019-11-20 Housing for all 32.000 Kinder auf der StraßeWir leiten heute auch wieder einen Beitrag von Housing for All weiter, nachdem wir zuletzt ihren Artikel über 52.000 Obdachlose in Deutschland hier vorgestellt hatten. Obdachlose sind nicht mit Wohnungslosen zu verwechseln, deren Zahl soll sogar bei knapp 680.000 liegen.

Wohnungslosigkeit umschließt Obdachlosigkeit als „Teilmenge“:

„Laut der offiziellen Definition der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe in Deutschland sind Menschen wohnungslos, wenn sie über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügen und auf ordnungs- oder sozialrechtlicher Grundlage in eine kommunale Wohnung oder in ein Heim der Wohnungslosenhilfe eingewiesen werden.

Darüber hinaus besteht Wohnungslosigkeit auch, wenn die Betroffenen in einer Notunterkunft oder als Selbstzahler in einer Billigpension leben. Wohnungslos sind zudem jene Personen, die „Platte machen“ (BAG-W 2006). Dies ist ein szeneüblicher Ausdruck und bedeutet, ohne jede Unterkunft auf der Straße leben.“

Wir geben den Artikel von Housing for All hier auch im Text wieder:

„Immer öfter haben ganze Familien kein eigenes Dach über dem Kopf. Expert*innen schätzen, dass alleine im EU-Mitgliedstaat Deutschland rund 32.000 Kinder von Wohnungslosigkeit betroffen sind. In Berlin sind bereits ein Fünftel aller Wohnungslosen Eltern mit ihren Kindern.
Kinder haben das Recht auf eine faire Chance für ein sicheres Leben. Nicht nur am heutigen #WelttagderKinderrechte! Aber das ist ohne ein stabiles Zuhause für alle Familien nicht möglich. Ohne Wohnen keine Zukunft! 
Einer der Hauptgründe für Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist das unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum. Immer mehr Menschen leiden darunter – in ganz Europa! So kann es nicht weitergehen!
DU kannst etwas tun!
Wir brauchen nur 1 Million Unterschriften, um den Wohnungsmarkt in Europa in eine bessere Richtung zu bringen. Zeigen wir der Welt, dass wir es alle gemeinsam schaffen, bezahlbares Wohnen in Europa wieder möglich zu machen!“
Wir unterstützen „Housing for All“ als auf EU-Ebene angesiedelte Initiative, die sich fürs Wohnen für alle einsetzt, hier geht es zu deren Hauptseite.
TH

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