Fette Hunde – Tatort 841 #Crimetime 508 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #Hund #fett #WDR

Crimetime 508 - Titelfoto © WDR, Erik Lee Steingroever

Sie kehren heim und gehen erneut – von und nach Afghanistan

Die erste und die letzte Einstellung von „Fette Hunde“ zeigen Menschen hinter der Glasscheibe eines Flughafengebäudes. Einmal in Erwartung heimkehrender Soldaten aus Afghanistan, beim zweiten Mal beim Wieder-Abschied oder beim erstmaligen Abschied. Nur das Gesicht von Lissy Brandt (Anna Loos) bleibt traurig, wird noch ein wenig trauriger und hebt sich von den anderen ab. Eine schöne Motiv-Wiederaufnahme, die das Geschehen im 55. Tatort des Köln-Duos Ballauf / Schenk (Klaus. J. Behrendt und Dietmar Bär) rahmt. Dazu in Rückblenden, wie zerzauste Hunde sich über tote Soldaten hermachen.

So trist das Szenario, so schwer das Thema – umso mehr leuchtet warm und beinahe behaglich die kleine Insel der Revier-WG, auf der sich die Kumpels Ballauf und Schenk und eine Seele namens Franziska (Theresa Mittelstaedt) tummeln. Gerade bei „fette Hunde“ fällt auf, wie anheimelnd eine Polizeidienststelle im Vergleich zu allen anderen Örtlichkeiten bzw. Settings sein kann. Hier finden sich diejenigen ein, die von belastender Arbeit oder einem störungsanfälligen Privatleben die Nase voll haben und manch Verdächtiger oder Getriebener.

Auch der Zuschauer hat Heimatgefühle, wenn er Freddy und Max dabei zuschaut, wie sie mal wieder ein paar Monate älter geworden sind und engagiert bleiben wie am ersten Tag, wenn es um die Arbeit geht. Das Privatleben der beiden wird dieses Mal weitgehend außen vor gelassen, beschränkt sich auf die fallrelevante Verbindung zu den Brandts und den Kameraden von Sebastian Brandt (Roeland Wiesnekker). Alles Weitere zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Nach einer Willkommensparty für den aus Afghanistan zurückgekehrten Mann ihrer Ex-Kollegin Lissy werden Ballauf und Schenk zu einem Tatort gerufen. Im Bunker eines alten Truppenübungsplatzes wurde die übel zugerichtete Leiche eines jungen Mannes gefunden. Schnell ist seine Identität ermittelt.

Laut der Frankfurter Flughafenaufsicht war Milad Rahimi zusammen mit seiner Schwester Amina erst vor zwei Tagen aus Afghanistan in Deutschland eingereist. Bezahlt wurde Aminas Flug von der Stiftung Pro-Afghanistan. Doch offensichtlich waren die beiden hier als Bodypacker im Einsatz. Die Kommissare wissen, dass sie jetzt keine Zeit verlieren dürfen. Mit den Drogen im Körper ist Amina Rahimi in großer Lebensgefahr.

Bei Lissys Mann Sebastian Brandt, der für die Bundeswehr als Dolmetscher arbeitet, hat der Einsatz am Hindukusch offensichtlich tiefe Spuren hinterlassen. Der sonst so lebenslustige Familienvater scheint sich bei seinen Kameraden Thomas Klages und Matthias Jahn sicherer zu fühlen als im Kreis seiner Familie.

Ballauf und Schenk machen eine überraschende Entdeckung. Kurz vor seinem Tod hat das Mordopfer versucht, Thomas Klages auf dem Handy anzurufen.

Rezension

Nicht vor und nicht zurück. Am Ende des Films bleibt einiges im Vagen, auch wenn der Mörder des jungen Afghanistan-Flüchtlings Milad Ramini (Reza Brojerdi) ermittelt wird und es zu einem Showdown mit Schenk und Ballauf kommt (nebenbei, wir haben schon bessere und dramatischere Varianten in Tatorten erlebt, hier kommt es auch nicht zum Schusswechsel). Man weiß in der Schlussszene nicht, wie es bei den Brandts weitergehen wird, nachdem Sebastians Affäre mit Milads Schwester Amina (Maryam Zaree) für Lissy sichtbar geworden ist. Man weiß hingegen, dass die Hintermänner des Drogenkurierwesens, bei dem mit „Bodypackern“ gearbeitet wird, also Menschen, welche die  Drogen in ihrem Körper tragen, dass diese schweren Jungs gar nicht erst angetastet wurden und das böse Spiel um böses, schmutziges Geld weitergehen wird. Schenk und Ballauf ermitteln einen  Mord aus und bleiben doch an der Oberfläche, die Opfer und Opfertäter in diesem System werden getötet oder abgeführt, der OK-Hintergrund bleibt vollständig erhalten.

Das alles wirkt unbefriedigend und realistisch und macht „Fette Hunde“ beinahe unerträglich düster. Soldaten sind in den Drogenhandel verstrickt, Flüchtlinge werden erpresst, sich Kondome mit Schnee hineinzustopfen und damit nach Deutschland zu fahren, indem man ihren Angehörigen in Afghanistan mit dem Tod droht. Jeder Bauer verdient dort mit dem Opiumanbau zehnmal mehr als mit legalem Getreide. Fair trade ist hier keine Option. Mitleid ist auch keine. Seltsam, wie wenig Mitleid man mit irgendwem in diesem Krimi empfindet. Liegt es an der kühlen Inszenierung und dezenten Schauspielkunst der Soldaten und afghanischen Opfer, an der recht unzugänglichen Figur von Lissy Brandt, dass wir uns nur an die Drei von der Dienststelle halten können, wenn es ums emotionale Aufwärmen geht?

So wird es wohl sein und dem mehrfachen Grimme-Preisträger Andreas-Kleinert, der für die Regie zuständig war, trauen wir zu, dass dies auch so gewollt ist. Nach ordentlichen und weniger guten Erstlingen aus Köln in den letzten Jahren ist „Fette Hunde“ für uns zwar ein Schritt Richtung Abgrund menschlicher Existenzen, filmisch weder ein „Vor“ noch ein „Zurück“. Keine neuen Dimensionen oder Ideen, aber technisch sauber gearbeitet.

Der Plot und neue Infos für Laien. Ist die Handlung auch auf hohem Niveau? Es gibt einige Schwachstellen, wie zum Beispiel, dass nicht gezeigt wird, wie der Ort entdeckt wird, an dem Milads Leiche doch sehr gut versteckt scheint, nämlich tief in den Tiefen der Kanalisation. Es gibt eine Zugfahrt mit offenbar historischem beweglichen Material auf der Schiene, weil man sich in diesen altmodischen Abteilwagen gut verstecken kann, im Gegensatz zu einem modernen Großraumwaggon. Eine Werbung für die Bahn AG des Jahres 2012 sind rollendes Gerät und auch die Typen, die darin arbeiten (hier: der Fahrkartenkontrolleur) nicht unbedingt. Selbst diese Ausgestaltung einiger früher Szenen im Film trägt zur tristen Atmosphäre des Films bei.

Dass Max und Freddy am Ende genau im passenden Moment auf dem alten Truppenübungsplatzerscheinen, auf dem just ein Grab ausgehoben wird, ist hingegen üblich, man verpasst im Tatort einander und damit die mögliche Dramatik viel seltener als im wirklichen Leben (sofern man nicht verabredet ist).

Kein Problem hingegen mit einer nicht direkt erklärten Szene, in der Sebastian Brandt sich als Übersetzer / Dolmetscher bei einem Privatunternehmen bewerben soll und entmutigt umkehrt, bevor er überhaupt im Gebäude ist. Das passt zu den Aussagen der Kumpels, die darüber reflektieren, dass sie im Zivilleben nicht gebraucht werden. Da bleibt der ohnehin in Nöten steckende Sebastian lieber gleich draußen, weich, wie er ist, und – geht am Ende wieder nach Afghanistan. Ganz so dramatisch ist die Wirklichkeit nicht: Die Soldaten, die aus der Bundeswehr ausscheiden, werden intensiv betreut und aufs Zivilleben vorbereitet und wenn sie psychisch intakt genug sind, landen sie nicht selten auf sicheren Posten im Öffentlichen Dienst. Sie könnten, wenn sie jung genug sind, auch zur Polizei gehen und Kollegen von Freddy und Max werden.

Gut im Sinn von lehrreich dargestellt wurde das Bodstuffing, also die Gefahr, dass der Bodypacker gesundheitliche Schäden davonträgt oder gar stirbt, wenn eines der verschluckten Drogenbehältnisse reißt, platzt, von Magensäure angegriffen oder aus anderen Gründen. Milad wäre auch ohne den finalen Todesschuss wenig später am Bodystuffing gestorben, Amina ergeht es ähnlich. Wer also bisher nicht mit dieser Form des Drogenschmuggels vertraut war, die auf bestürzende Weise dem Attentat per Selbstmord ähnelt, das im Nahen Osten ebenfalls weite Verbreitung gefunden hat, der bekommt neue Informationen in angemessen dramatischer und hinreichend distanzierter Aufbereitung. Das Gefühl beschleicht den Zuschauer, dass alles immer drängender und existenzieller wird und führt dazu, dass wir diese Art des Drogentransport, die körperlich so gefährlich ist wie keine andere, mit der Art, Anschläge zu begehen vergleichen, die so sicher tödlich für den Täter selbst ist wie keine andere.

Theoretisch noch 15 Jahre. So lange dauert es noch, bis Max Ballauf pensioniert wird, wenn alles normal läuft und keine Frühverrentung eintritt. Bei Fortführung des jetzigen Tempos hätten er und sein Kollege Fredd Schenk dann weit über 100 Fälle gelöst, eine unglaubliche Zahl. Und man traut den beiden durchaus zu, dass sie das schaffen. Einzelne Rufe aus der Tatort-Fangemeinde nach einem Ende dieser überaus erfolgreichen Zusammenarbeit lassen wir außer Acht und befinden, dass die beiden noch allerhand anstellen können, sogar dann, wenn sie erkennbar zu alt sind, um in beinahe jedem Fall (und manchmal recht tollpatschig) in die Zu-Fuß-Verfolgung flüchtiger Verdächtiger einzutreten.

Manch Thema wird noch kommen, manche These erstellt und mit Gegenthese beantwortet werden. Dass diese Form der Interaktion zwischen Ballauf und Schenk in „Fette Hunde“ quasi ausfällt, wirkt nicht nur entspannend, es ist auch logisch. Denn es gibt nichts, was man kontrovers diskutieren könnte. Und wenn doch, wie die Frage, ob Soldaten Arschlöcher sind oder auch Opfer der Verhältnisse in Afghanistan und der Politik, welche die ISTAF-Einsätze genehmigt hat, dann wird das Thesenkrimimäßige ausgelagert in einen eher rudimentären Generationenkonflikt – der für uns zu den Schwachpunkten in „Fette Hunde“ zählt, weil er mal wieder so lehrbuchhaft und plakativ ausgetragen wird. Hier wird ein bekannter ehtischer Konflikt auf dem Reißbrett skizziert, weil’s halt dazugehört. Das nimmt dem Film einiges an Glaubwürdigkeit und Tiefe.

Da wirkt dann ein Junge, der im Grunde die richtigen Fragen stellt, unsympathisch, weil er mit Attitüde gezeigt wird und sich gegen den eigenen Vater wendet, was jedem Vater, der versucht, seinen Job so anständig wie möglich zu machen, ungerecht vorkommen muss. Dass die Soldaten, also auch der Vater, der ja nicht einmal kämpft, sondern Übersetzer ist, in die Drogendeals verstrickt sind, weiß der Junge ja noch nicht, das wird ihm erst am Ende klar, als er ein oder sein Grab schaufeln soll. Aber es gibt auch eine Szene, wo dieser Junge für sich und seine Freundin Drogen besorgt. Das haben wir schon so ähnlich gesehen, das macht es schwierig und lässt einfache Parolen auf den Lippen ersterben (sollte es jedenfalls bei denjenigen tun, die zu pointierter Vereinfachung neigen).

Finale

„Fette Hunde“ ist kein herausragender Tatort geworden, die Inszenierung klassisch und sehr zurückhaltend, aber er wendet sich dem schwierigen Thema mit Ernsthaftigkeit zu, zeigt dementsprechend schauspielerische Leistungen ohne Mätzchen. Ob hier etwas mehr Wucht und mehr Spannung wichtig und richtig gewesen wäre? Spannung kann in einem Krimi niemals schaden und andere Tatorte haben gezeigt, dass man soziale Dramatik, internationale Sujets in Sondermilieus wie dem der Drogenkriminellen, dass man jedwedes Thema so bearbeiten kann, dass die Zuschauer nicht nur informiert und angemessen unterhalten, sondern mitgenommen werden und beinahe Stellung beziehen müssen.

Dass man dies in „Fette Hunde“ nicht tut, liegt an der erkennbar gewollten Ausgewogenheit, die überraschend gut ins Schema der Köln-Tatorte passt, auch wenn These und Antithese dieses Mal nicht von den beiden Kriminalhauptkommissaren Max Ballauf und Freddy Schenk vorgetragen werden. Hätte man hier anders optiert, hätte es Kritik wegen einseitiger Darstellung gegeben. In mancher Tatortstadt gibt es Macher, die sich eine einseitige Darstellung zutrauen, die eine subjektive Sichtweise wagen. Etwas mehr davon würde Köln manchmal guttun. Oder hebt sich der WDR das für die Münster-Folgen auf, die ebenso erkennbar gegen die political correctness gebürstet sind wie Köln diese nicht verlassen soll? Das Dilemma, das wir in der Vorschau beschrieben haben, bleibt den Domstädter Sympathen Ballauf und Schenk auch nach „Fette Hunde“ erhalten.

7,5/10 

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk | Dietmar Bär
Franziska Lüttgenjohann | Tessa Mittelstaedt
Dr. Joseph Roth | Joe Bausch
Lissy Brandt | Anna Loos
Sebastian Brandt | Roeland Wiesnekker
Amina Rahimi | Maryam Zaree
Matthias Jahn | Wanja Mues
Thomas Klages | Godehard Giese
Rüther | Max Hopp
Milad Rahimi | Reza Brojerdi
Christoph Wieland | Oli Bigalke
Schaffner | Rainer Galke

Regie | Andreas Kleinert
Buch | André Georgi
Kamera | Johann Feindt
Ton | Michael Felber, Bennet Switala
Musik | Daniel Dickmeis

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s