Der rote Kreis (D / DK 1960) #Filmfest 70 #EdgarWallace

Filmfest 70 A "Special Edgar Wallace" (5)

Guillotine, Schlinge und die anderen Möglichkeiten

„Dieser NagelDieser Nagel kostete 8 Jahre später fünfundzwangzig Menschen das Leben.“ Mit dieser Ankündigung endet der Prolog und der Vorspann zieht vorüber.  Wir schreiben das Jahr 1952, als es bei der Guillotinierung zum erwähnten Malheur kommt. Sodann sehen wir qualitativ nicht sehr beeindrucktende Archivbilder aus London – bevor die eigentliche Handlung startet. Beim ersten echten, mit einer Darstellerin des Films besetzten Auto, welches in England umherfahren soll, handelt es sich um einen linksgelenkten Jaguar der MK-Serie.

Die Arbeit zu „Der rote Kreis“ ist eine Neurezension für den „zweiten“ Wahlberliner, basierend auf einem Mietvideo, das wir uns gestern angeschaut haben – nach dem Entschluss, die „klassische Phase“ der Edgar-Wallace-Produktionen, die wir mit dem Jahr 1965 als beendet ansehen, möglichst vollständig besprechen zu können und dafür alle derzeitigen Möglichkeiten nutzen, an die Filme heranzukommen (siehe auch Update des Begleitartikels zur Werkschau).

Zur Standardisierung der Edgar-Wallace-Rezension nach einem speziellen Muster siehe „Der Frosch mit der Maske„. 

Handlung mit Auflösung (Wikipedia)

Im Zuchthaus von Toulouse soll der wegen gemeinen Raubes und Mordes verurteilte Henry Charles Lightman hingerichtet werden. Aber durch einen Nagel, den der offensichtlich betrunkene Henker in die Guillotine eingeschlagen hat, wird das Fallbeil aufgehalten und der Verurteilte entkommt seiner Strafe.

Acht Jahre später versetzt der „rote Kreis“ – der maskierte Chef einer brillant geführten Verbrecherorganisation – die britische Hauptstadt London in Angst und Schrecken. Immer wieder werden wohlhabende Bürger erpresst. Jeder, der den Zahlungsaufforderungen nicht nachkommt oder die Polizei aufsucht, wird ermordet. Am Tatort findet man stets das Symbol des unheimlichen Syndikats, einen roten Kreis. Auch Lady Doringham wird von dem skrupellosen Verbrecher erpresst. Sie soll das berühmte Doringham-Collier, das sich in Besitz ihres Mannes befindet, durch eine Kopie ersetzen.

Mr. Beardmore, der ebenfalls Drohbriefe erhalten hat, wendet sich an den erfahrenen Detektiv Derrick Yale. Unter dem Druck der Öffentlichkeit beschließt Scotland-Yard-Chef Sir Archibald, Chefinspektor Parr, der in Sachen „roter Kreis“ kaum weiterkommt, den Privatermittler an die Seite zu stellen. Wenig später muss auch ein gewisser Sir David sterben und Parr selbst entkommt nur knapp einem Mordanschlag.

Auf dem Anwesen von Mr. Beardmore treffen Yale und Parr auf dessen Neffen Jack und seinen Schwarm, die geheimnisvolle Thalia Drummond, die bei Scotland Yard als Diebin aktenkundig ist und bei dem undurchsichtigen Mr. Froyant als Sekretärin arbeitet. An der Villa Beardmore taucht ein Franzose auf, der sich Felix Marles nennt und an Beardmores leerstehendem Lagerhaus an der Themse interessiert ist. Obwohl Sergeant Haggett die erpresste Lady Doringham nicht aus den Augen lassen soll, gelingt es dem roten Kreis am Abend, auch diese Zeugin für immer verstummen zu lassen. In der Nacht fällt dann der von Yale und Parr bewachte Mr. Beardmore dem unheimlichen Phantom zum Opfer und am Morgen wird ein Mitglied der Verbrecherorganisation im Gefängnis vergiftet.

Nach der Beerdigung von Mr. Beardmore erfahren Parr und Yale, dass Thalia Drummonds Chef, Mr. Froyant, vom „roten Kreis“ erpresst wird. Sergeant Haggett sieht sich unterdessen in einem Londoner Geschäftshaus um, das nun Beardmores Alleinerben Jack gehört. In dem Gebäude befindet sich unter anderem die Kanzlei von Leslie Osborne. Am Abend gewinnt der „rote Kreis“ mit dem bankrotten Bankdirektor Brabazon und der von Froyant entlassenen Thalia Drummond zwei neue Mitarbeiter. Brabazon soll registrierte Geldscheine unter das Volk bringen. Thalia erhält die Aufgabe, als Kassiererin Brabazons Bank auszuspionieren. Dort trifft sie unter anderem auf den Privatdetektiv Derrick Yale sowie auf den geheimnisvollen Felix Marles, der kurze Zeit später ermordet wird. Nicht besser ergeht es Bankdirektor Brabazon, der von einem Lastwagen überrollt wird.

Bei Jack Beardmore taucht plötzlich Mrs. Carlyle auf, Miterbin und Geliebte des ermordeten Onkels. Ihr Kind Dorothy wurde vom „roten Kreis“ entführt. Inzwischen reist der ebenfalls erpresste Mr. Froyant nach Toulouse und lässt sich, als Journalist getarnt, vom dortigen Gefängnisdirektor die alten Unterlagen zum Fall Henry Charles Lightman aushändigen. Auf der Rückfahrt fällt er einem Giftanschlag zum Opfer. Als Mrs. Carlyle der Forderung des „roten Kreises“ nachkommt und das Lösegeld für ihre Tochter zahlt, wird Dorothy tatsächlich freigelassen. Es stellt sich aber bald heraus, dass Rechtsanwalt Osborne die allgemeine Hysterie ausnutzte, um seine Mandantin Mrs. Carlyle zu erpressen. Derrick Yale ist „der rote Kreis“ alias Henry Charles Lightman, der in Toulouse begnadigt wurde. Thalia Drummond ist in Wahrheit die Tochter von Chefinspektor Parr, die Yale ausspionierte. Mr. Froyant, der den Giftanschlag im Zug überlebte, hatte die Unterlagen über Lightman bereits vor seiner Rückreise an Jack Beardmore geschickt. Am Ende werden Jack und Thalia ein Paar. Lightman aber steht zum zweiten Mal vor dem Henker.

Rezension

Beim zweiten Auto, das man sieht, einem Morris, klappt es dann mit der richtigen Seite des Lenkrads besser. Wie bei „Der Frosch mit der Maske“ ist auch beim zweiten Film der deutsch-dänischen Edgar-Wallace-Reihe noch keinen farbigen Vorspann, schon gar kein „Hier spricht Edgar Wallace“ und andere Erkennungsmerkmale, die sich im Lauf der Jahre heruasbildeten. Wohl aber den ansatzlosen Beginn mit dramatischer Szene, in diesem Fall formal eine Erklärung für das, was sich Jahre später zutragen wird. Um eine Deutung handelt es sich aber nicht, außerdem ist es immer wieder erstaunlich, wie lange Verbrecher in Filmen Ruhe geben, bis sie ohne erkennbaren Grund ihre großen Serien starten.

Anders als in vielen anderen Wallace-Filmen, in denen Gut und Böse klar voneinander geschieden werden, gibt es hier eine sehr zwielichtige Figur, die zu Beginn nicht im Geringsten erkennen lässt, dass sie „Der rote Kreis“ sein könnte. Es handelt sich eben nicht um eine ausgeklügelt arbeitende Verbrecherorganisation, sondern um einen intelligenten Einzeltäter, der nur hin und wieder „Mitarbeibende“ für die einfachen Arbeiten einsetzt. Nicht nur bei Edgar Wallace kommt es selten vor, dass eine Figur, die als Identifikationsfigur Nr. 1 aufgebaut wird, sich als der Schurke vom Dienst erweist. Die Maskierung des Mannes ist absolut notwendig, um die Handlung von „Der rote Kreis“ erst zu ermöglichen.

Diese Handlung ist bezüglich der Zahl der Todesopfer eine der am meisten Verluste mit sich bringenden in der Geschichte der Edgar-Wallace-Filme – vor allem im Norden Londons stehen die Fähnchen dicht an dicht, die auf den roten Kreis als Urheber eines Verbrechens deuten lassen. Ehrlich geschrieben, mit der Erfahrung aus über 800 Crinetime-Rezensionen hatten wir relativ schnell den richtigen Verdacht – den wir aber dann zur Seite legten, weil wir dachten, der Chef der Schwarzwaldklinik, der beliebte Dr. Brinkmann, wir doch nicht 25 Jahre vor seinem Einsatz im Dienste der Volksheilung einen notorischen Erpresser und Mehrfachmörder gegeben haben? Solch eine Wandlung? Jedoch ist genau dies der Fall und der alte Froyant, gespielt von Fritz Rasp, hat gleich das Gefühl, er kennt den Mann. Aber er misstraut allen und macht sich selbst auf den Weg nach Toulouse, um sich Akteneinsicht in die misslungene Guillotinierung zu verschaffen, die acht Jahre zurückliegt.

Der zweite Edgar-Wallace-Film wurde von Jürgen Roland inszeniert, einem Spezialisten fürs klassische Krimifach, und das merkt man dem Film an. Im Grunde ist die Handlung zu gepackt, es ist unmöglich, alle Details zu behalten, die es braucht, um „Der rote Kreis“ als Whodunit so richtig zu genießen, so viele Andeutungen in die falsche Richtung und wer ist immer vor Ort, wenn etwas passiert? Nein, nicht nur der Chefinspektor, sondern auch dessen hübsche Tochter. Aber noch jemand, und es ist ausgerechnet der Mann, der auf die anderen beiden hinweist, um den es letztlich geht.  Ein notorischer Berufsverbrecher, und „Der rote Kreis“ deutet nicht auf einen Kreis von Bandit*innen hin, sondern auf ein Würgemal am Hals des Mannes. Wieso eigentlich, wenn er guillotiniert werden sollte? Der Film endet mit einer hübsch geknüpften Schlinge, aber gab es, als es um den Seemannsknoten ging, die Info, dass dieser Lightman einen solchen Knoten hätte knüpfen können – und einge andere Dinge, die darauf schließen lassen, dass er doch etwas zu vielseitig in der Wahl seiner Mordwaffen ist, als dass sich die – sic! – Schlinge um seinen Hals durch eine immer gleiche und typische Begehungsweise hätte um seinen Hals legen können.

An den Darsteller*innen konnte man es auch nicht eindeutig festmachen. Hätte Blacky Fuchsberger den Detektiv gespielt, wäre klar gewesen, dass er nicht der Verbrecher sein kann, auch Klausjürgen Wussow spielte in einem anderen Wallace-Film mal einen der Guten – aber er war eben nicht so festgelegt. Außerdem ist da noch Fritz Rasp, der beste Schurkendarsteller, den es jemals im deutschen Kino gab – in seinen Altersrollen ist er dann aber auch mehr ins Opferfach gewechselt. Oder, wie in „Der rote Kreis“, er geht als potenzielles Opfer sehr offensiv mit der Situation um und kriegt als vorgeblicher Journalist in Frankreich sogar die Originalakten zum Fall Lightman ausgehändigt. Dieses und noch ein paar Details sind alles andere als stimmig, aber durch das sehr hohe Tempo des Films, der durch die Morde geradezu hetzt, wird auch die Beurteilung der Logik einzelner Handlungslemente schwierig.

Dann gibt es noch Eddi Arent, selbst er hat in mindestens einem Wallace-Film keinen netten Menschen gespielt, aber in der Regel tat er das. Seine Karriere im Kino begann gerade erst und es war noch zu früh, um ein Typecasting zu durchbrechen. So lockert er als Inspektor einen Film auf, der nicht zu den humorvollsten der Reihe zählt. Eine gewisse Düsterkeit ist durchaus damit verknüpft, mehr auf Spannung Grusel zu setzen als auf Humor. Leider kommen so viele Opfer und mögliche Opfer ins Spiel, dass man keine Anbindung findet, sondern sich an Detektiv Yale hält und leider enttäuscht wird. Diesen Fehler, wenn man es so nennen will, gab es in späteren Edgar-Wallace-Filmen nicht mehr zu besichtigen.

Die Polizei hingegen braucht in Großbritannien immer Hilfe von außen, da macht der berühmte schottische Hof keine Ausnahme. Sollte man meinen. Denn hier ist es tatsächlich so, dass ein Polizist den Fall löst, inklusive dem Problem, dass ein Privatdetektiv, der ihm zur Seite gestellt wird, sich als der Täter entpuppt. Der Polizist wird von Karl Georg Saebisch gespielt. Wer den Namen nicht kennt, dem geht es so wie uns bis zum Anschauen von „Der rote Kreis“. Denn Saebisch spielt in seiner leisen Art sehr prägnant und hat uns ein wenig an den bekannteren O. E. Hasse erinnert. Ebenso, wie wir zunächst dachten, Karin Dor hätte doch schon im zweiten Wallace-Film einen Auftritt gehabt, und das gleich in einer wichtigen Rolle. Aber es ist Renate Ewert, die hier sogar „first billed“ ist und eine zunächst zwielichtig erscheinende junge Frau spielt. Sie macht das gut, kess und humorvoll zugleich, sodass man sich fragt, warum es bei ihr alsbald einen Karriereknick gab. Vermutlich das Privatleben. Es sit schon recht oft das Privatleben.

Der Blutzoll in diesem Film ist hoch, siehe oben, die meiste Gewalt sieht man aber, wie damals üblich, nicht direkt. Mit einer signifikanten Ausnahme. Die Würgeszene. Sie musste gekürzt werden, damit der Film eine Altersfreigabe ab 16 erhalten konnte, heute zählt er zu den vielen Wallace-Filmen, die sich mehr abgehärtete Kids schon ab 12 anschauen dürfen.

Nicht nur die Schauspieler*innen, die jeder Fan alten Kinos, Filmhistoriker oder Hobby-Filmhistoriker kennt, sondern auch diejenigen, die jenen sehr ähnlich sehen und jene, die eher selten im Kino zu sehen waren, machen ihre Sache unter der Regie von Jürgen Roland ausgezeichnet. Ihre engagierte Darstellung trägt erheblich dazu bei, dass die Figuren genauso schräg wirken wie das, was sich auf dem Bildschirm während ca. 93 Minuten zuträgt. Vermutlich ist die Version, die wir uns angeschaut haben, auch nicht so gekürzt worden, wie es manchmal der Fall war bei jenen Filmen, die zum „Kanon“ zählen und im Fernsehen der 1980er schon für Thrill und Amüsement sorgten. Am besten erinnern wir uns an „Das indische Tuch“, es war wohl auch der Wallace-Film, den wir als ersten angeschaut haben.

Typische Merkmale von Edgar Wallace-Filmen gemäß Wikipedia (kursiv) und unsere Anmerkungen zum jeweiligen Film:

  • Regie: (…) Nicht viel weniger Einfluss auf die Serie (als Alfred Vohrer mit seinem eher ekstatischen und effektvollen Stil, A. d. Verf.) hatte Harald Reinl, zu dessen fünf Edgar-Wallace-Filmen das erste Werk zur Reihe Der Frosch mit der Maske sowie die Höhepunkte Die Bande des Schreckens und Der unheimliche Mönch zählen. Typische Merkmale der Filme des einstigen Heimat- und Bergfilm-Regisseurs sind stimmungsvolle Außenaufnahmen mit langen Kamerafahrten und -schwenks. Stilmittel, die Reinl vor allem auch in den durch ihn geprägten Karl-May-Filmen angewendet hat. (…)

    • Jügen Roland war der versierteste Krimispezialist aller Regisseure, die für die Wallace-Reihe arbeitete, als diese startete. Er war eine logische Wahl, als man mit dem zweiten Film die Reihe auf sichere Füße stellen wollte:

      Ab 1953 gestaltete er die FernsehserieDer Polizeibericht meldet … Hier wurden aktuelle Kriminalfälle journalistisch aufbereitet. Von 1958 bis 1968 führte er Regie bei den 22 Folgen der Krimiserie Stahlnetz, welche die Zuschauer durch ihre semidokumentarische Form stark beeindruckten und dadurch zu Straßenfegern wurden. Von 1967 bis 1973 war er Regisseur und Moderator der Krimi-Rate-Serie Dem Täter auf der Spur. Darin mussten prominente Gäste versuchen, durch Kombinieren oder Raten den Täter eines Kriminalfalls zu ermitteln. Die Zuschauer und das Rateteam erhielten genau dieselben Informationen wie die ermittelnden Beamten, dargestellt von Günther Neutze und Karl Lieffen. Die Sendereihe erfreute sich beim Publikum großer Beliebtheit.

      Roland inszenierte auch Kinofilme wie die Edgar-Wallace-Filme Der rote Kreis (1960) und Der grüne Bogenschütze (1961), den Antikriegsfilm Der Transport (1962) oder die Krimis Polizeirevier Davidswache (1964, der einzige Film, in dem die Neutze-Brüder Hanns Lothar, Horst Michael Neutze und Günter Neutze zusammen spielten) und 4 Schlüssel (1965). Später folgten Regiearbeiten beispielsweise für die Reihe Tatort. Bis zu seinem 65. Lebensjahr war Roland beim NDR angestellt, danach war er freiberuflich tätig. Von 1976 bis 1997 inszenierte Roland nicht weniger als 12 Tatorte und zählt auch bei diesre immer noch laufenden Reihe zu den führenden Regisseuren über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren hinweg.

      Rolands Regie ist durchaus progressiver als die von Harald Reinl, wir werden weiter unten noch schreiben, dass „Der rote Kreis“ einer der härteren und vergleichsweise düsteren der Wallace-Film ist.

  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).

    • Eddie Arent muss nun ohne Joachim Fuchsberger auskommen, mit dem er in „Der Frosch mit der Maske“ ein hübsch asymmetrisches Gespann gebildet hatte. DIeses Mal ist die zentrale Figur des Films nicht diejenige, die am Ende das Mächen kriegen kann, denn sie ist ja der böse Mann mit dem Würgemal (das im Original übrigens „scarlet“ ist, also scharlachrot, in Anspielung auf „The Scarlet Pimpernel“), der sich demnach hinter dem sympathischen Gesicht von Klausjürgen Wussow versteckt. Wenn hingegen Fritz Rasp in einem Film nur einen Kurzauftritt hat, werden Erinnerungen an das Weimarer Angstkino wach, das er in seiner Person verkörpern konnte wie kaum ein anderer Darsteller. Seinem Spiel zuschauen und den Blick nicht mehr wenden können, das ist bei uns die Standardreaktion auf diesen Akteur. Er spielte bereits in „Der Frosch  mit der Maske“. Dass Renate Ewert auf Karin Dor kommt, gereicht dem Film ebenfalls nicht zum Nachteil, wobei sie eindeutig mehr Humor hat und eine der aktivsten Frauenrollen spielt, die es in den Wallace-Adaptionen der klassischen Phase zu bestaunen gibt. Die FIguren sind alle sehr dezidiert, aber noch nicht so überdreht, wie insbesondere Alfred Vohrer, am liebsten im Verein mit Klaus Kinski, sie etwas später geformt hat.

  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).

    • Dieses Muster wurde schon in „Der Frosch mit der Maske“ angewendet, der als Starter bereits wichtige Elemente der Serie aufwies und trifft auch auf „Der rote Kreis“ zu – allerdings mit dem Unterschied, dass man angesichts der Verbrecherbanden, die in vielen Wallace-Filmen ihr Unwesen treiben, nicht an einen einzelnen Menschen mit einem besonderen Merkmal denkt, sondern eben an eine solche Organisation. Die Handlungsbeschreibung suggeriert das ebenfalls an einer Stelle.

  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.

    • So richtig klar wird das Motiv dieses Mal nicht, und das ist sicher eine der Schwächen des Films. Habgier allein wirkt für diese rabiate Vorgehenesweise des Mannes mit dem roten Würgemal zu wenig schlüssig, aber von Rache ist auch nicht die Rede. Eher hat man den Eindruck, dass jemand dadurch, dass er nicht rechtzeitig mit dem Fallbeil zu Tode gebracht werden konnte, erst richtig viel Schaden anzurichten in der Lage war. 

  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.

    • Der Film wurde in Dänemark gedreht, wie schon „Der Frosch mit der Maske“, die wenigen Szenen, di erkennbar die Stadt London zeigen, sind Archivaufnahmen, die nicht einmal besonders neu wirken – und in denen keine Darsteller*innen des Films zu sehen sind, sondern nur Straßenszenen bei Nacht. Später hat man hin und wieder etwas mehr investiert und tatsächlich für kurze Zeit ein Kamerateam noch London geschickt.

  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. (…)

    • Anders als „Der Froch mit der Maske“ beginnt „Der rote Kreis“ bereits mit einer markanten Szene, nämlich mit dem Prolog in Toulouse und endet mit der eingangs erwähnten Bemerkung. Dann erst folgt der Vorspann. Dieses Schema wurde bekanntlich zu einem der Kennzeichen der Wallace-Filme und machte Schule. Der Vorspann war freilich noch in Schwarz-Weiß gefilmt, es gab noch nicht die vorgebliche Stimme von Edgar Wallace und nicht die sechs Schüsse, die man als farbige, ausgefranste Schusslöcher auf dem Bildschirm sieht, die ab einem bestimmten Punkt der Reihe ebenfalls zum Standard werden.

  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war. Während die Soundtracks von Martin Böttcher (fünf Filme), Willy Mattes (zwei Filme) oder Peter Sandloff (ein Film) eher aus zeitlosem Orchestersound mit Easy-Listening-Charakter bestanden, griffen Heinz Funk (drei Filme) und Oskar Sala (ein Film) auch auf neue Techniken der elektronischen Musik und experimentelle Kompositionen zurück.

    • In der Tat wirkt der Score zwar schön krimimäßig, aber nicht so expressionistisch wie etwa der von Peter Thomas in „Der unheimliche Mönch“. Er prägt den Film noch nicht so, wie einige spätere Kompositionen die für sie geschriebenen Werke geradezu dominierten. Diese Sätze hatten wir in der Rezension von „Der Frosch mit der Maske“ geschrieben. Sie treffen im Wesentlchen auch auf den direkten Nachfolger zu. Allerdings ist die Musik von Willy Matthes recht abwechslungsreich und kennt neben thrilligen auch sanftere Elemente. Progressiv ist sie nur in Ansätzen.

Finale

Wir wollten doch klären, warum „Der rote Kreis“ nicht zum Kanon zählt, also kaum wiederholt wird. Ehrlich geschrieben: Keine Ahnung. Kann es rechtliche Gründe geben? Nicht, soweit es die Deutsche Telekom betrifft, denn in deren Mediathek „Videoload“ haben wir den Film gefunden. Aber vielleicht haben die öffentlichrechtlichen und privaten Sender (die Pro7Sat1-Gruppe) die Rechte an diesem Fiilm nicht erworben.

Sicher enthält er einige recht dezidierte Mordszenen, aber im Vergleich zu Quentin Tarantino – gut, der Vergleich verbietet sich schon wegen der Tatsache, dass in den frühen 1960ern in den USA noch der Production Code galt und Filme wie die seinen damals nicht möglich gewesen wären. Sicher ist „Der rote Kreis“ einer der härteren Filme der klassischen Phase, aber dieses Merkmal ist nicht so hervorstechend, dass man ihm dem Fernsehpublikum heute noch nicht zumuten könnte.

Die Ideologie der Wallace-Filme hatten wir bereits in „Der Frosch mit der Maske“ besprochen, es gibt von „Der rote Kreis“ nicht viel Neues zu berichten. Es ist sogar so, dass es sich hier um einen Einzeltäter handelt, nicht um die „OK“, um einen Mann, der sich hin und wieder weiterer Personen bedient, um seine Verbrechen ausführen zu können. Dass sich hinter einer netten Fassade das Böse verbergen kann, ist kaum politisch auswertbar und leider auch wahr, zudem ist der Chefinspektor, den wir hier sehen, eine dezente, beinahe melancholisch wirkende Figur, die mehr ironisch das „ganze Besteck“ verwendet, als dass er davon überzeugt wäre, dass eine Großfahndung etwas bringen könnte. Letztlich trägt seine undercover eingesetzte Tochter viel zur Lösung des Falles bei.

Einzig eine klare Bejahrung der Todesstrafe, die es damals in Frankreich und England, den beiden Schauplätzen des Films, wirklich noch gab, kann man dem Film unterstellen. Mr. Lightman endet wieder dort, wo er acht Jahre zuvor schon einmal zugegen war: Bei seiner eigenen Hinrichtung. Angeblich sind heute 60 Prozent der Franzosen und Französinnen für eine Wiedereinführung der Todesstrafe, das will eine gerade erst durchgeführte Umfrage uns wissen lassen. Da kann man nur froh sein, dass dem Volk doch nicht bei jeder seiner primitiven Regelungen nachgegeben wird. Und wie würde es bei uns aussehen? Civey wird sich des Themas sicher noch annehmen.

Was diesem Film fehlt, sind szenische Höhepunkte – aufgrund der enormen Handlungsdichte ist das Tempo für einen deutschen Krimi jener Jahre geradezu atemlos zu nennen, dafür fehlt es an der Heraushebung einzelner Momente und die Vielzahl der Verbrehen bewirkt, dass man keine Zeit hat, von einem der Fälle besonders betroffen zu sein oder ihn als zentral zu erkennen – ebenso, wie man höchstens erahnen kann, warum jemand umgebracht wird, der ein Lagerhaus an der Themse anmieten will. Auch eine typische Begehungsart oder Verbrechensklasse kann man Lightman nicht zurechnen, er entführt und erpresst im Wesentlichen, aber auf sehr unterschiedliche Weise und trotz der Gemeinsamkeit, dass alle vorgesehenen Opfer einen Zettel mit einem roten Kreis darauf erhalten – sodass wirklichi  nur das Einkreisen mit Undercover-Aktion zu seiner Enttarnung innerhalb von 90 Minuten führt.

Aber wir können uns vorstellen, wie das Kinopublikum jener Zeit von ebenjenem Tempo und der Exploitation des Verbrechens, die alle Wallace-Filme kennzeichnet, fasziniert war.

Zusätzliche Infos

Noch bevor Der Frosch mit der Maske ab September 1959 erfolgreich in den Kinos laufen sollte, bereitete Rialto Film mit Der rote Kreis die zweite Wallace-Verfilmung vor. Der Roman war erstmals 1922 unter dem Originaltitel The Crimson Circle veröffentlicht worden. 1927 erschien die deutsche Erstausgabe im Wilhelm Goldmann Verlag, seit 1954 war das Werk als Goldmanns Taschen-Krimi Band 35 erhältlich.[2] Es handelte sich um die zweite Verfilmung des Romans mit deutscher Beteiligung. Schon 1929 war unter der Regie von Friedrich Zelnik der Stummfilm Der rote Kreis entstanden.

Da Egon Eis unter dem Pseudonym Trygve Larsen für Der Frosch mit der Maske ein gelungenes Drehbuch verfasst hatte, verpflichtete man ihn erneut als Autor. Von Anfang an auf Abwechslung bedacht, verpflichtete man für den zweiten Edgar-Wallace-Film den Nachwuchsregisseur Jürgen Roland, der ein Jahr zuvor durch die Fernsehserie Stahlnetz bekannt geworden war. Der damals 34-Jährige sollte mit Der rote Kreis seinen ersten abendfüllenden Kinofilm inszenieren. Die erste Drehbuchfassung wurde von dem mit Roland befreundeten Autor Wolfgang Menge überarbeitet.

Der rote Kreis sollte ursprünglich im Filmatelier Göttingen mit Außenaufnahmen in Hamburg gedreht werden. Die Dreharbeiten für den im Breitwandformat 1:1,66 produzierten Schwarzweißfilm fanden im November und Dezember 1959 jedoch abermals in Kopenhagen und Umgebung statt. Auch die Atelieraufnahmen filmte man wie beim Vorgänger in den Palladium-Studios in Hellerup (Dänemark). Die London-Aufnahmen waren schon als Stockmaterial für den Vorgänger Der Frosch mit der Maske entstanden. Für die Filmbauten war Erik Aaes, für die Kostüme Lilo Hagen verantwortlich.[3]

In Anspielung auf die von Jürgen Roland inszenierte Fernsehserie ist im Hintergrund des Filmvorspanns ein Stahlnetz zu sehen. Der Regisseur hat außerdem am Ende des Films einen Cameo-Auftritt als Polizist. Es handelte sich um die zweite und letzte Wallace-Verfilmung, die von der dänischen Rialto Film Preben Philipsen S/A produziert wurde. Noch im Jahr der Uraufführung gründete man das deutsche Tochterunternehmen Rialto Film Preben Philipsen Filmproduktion und Filmvertrieb GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main, das die weitere Produktion der Filmreihe übernahm.

Nach Kürzung der Szene, in der Lady Doringham (Edith Mill) erwürgt wird, gab die FSK den Film am 2. März 1960 ab 16 Jahren frei. Mit 1,9 Millionen Zuschauern konnte das am 2. März 1960 in Stuttgart uraufgeführte Werk seine Herstellungskosten von rund 600.000 DM (aktuell etwa 1.420.834 Euro) mehrfach wieder einspielen. Am 25. Juni 1960 hatte Der rote Kreis im Zoo Palast im damaligen West-Berlin Premiere.

69/100

© 2020, 2019 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Jürgen Roland
Drehbuch Trygve Larsen,
Wolfgang Menge
Produktion Rialto Film (Preben Philipsen)
Musik Willy Mattes
Kamera Heinz Pehlke
Schnitt Margot Jahn
Besetzung

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