Liebeshunger – Tatort 658 #Crimetime 514 #Tatort #Hamburg #HH #Casstorff #Holicek #NDR #Liebe #Hunger

Crimetime 514 - Titelfoto © NDR, Svenja von Schulzendorf

Scharf wie das Leben

„Investigativ“ hatten wir vor längerer Zeit schon einmal gesehen, in diesem späten Casstorff war Wanda Wilhelmi auch dabei. Aber wir haben die bisherigen Casstorff-Sichtungen eher so in Erinnerung, dass die Filme ziemlich kühl wirkten. Das kann man von „Liebesleben“ nicht behaupten. Zwar wirkt der Kommissar nach wie vor nicht sehr eingängig, aber seine Beziehung und seine Verstrickung in den Fall zerren doch sehr am Bild vom arroganten Hund. Es kommt also alles von außen, mehr oder weniger. Und wie war der Fall? Darüber steht alles in der -> Rezension.

Handlung

Der neueste Fall der Hamburger Kripo trifft Jan Casstorff unvermittelt auch persönlich: Die 45-jährige Karin Freiberg wird ermordet in ihrer „Arbeitswohnung“ aufgefunden; sie hatte so genannten „Hausfrauensex“ angeboten – Prostitution ohne Anbindung ans Milieu. Zur Überraschung seiner Kollegen kannte Casstorff die Frau, denn er hatte vor vielen Jahren eine kurze, aber intensive Liebesaffäre mit ihr. Danach sah er sie nie wieder.

Betroffen durch den Anblick der recht übel zugerichteten Leiche, beleuchtet Casstorff zunächst den familiären Hintergrund der Toten. Er trifft auf ihren im Rollstuhl sitzenden Ehemann Joachim Freiberg und deren zwölfjährigen Sohn Felix. Mit ihrer Beschäftigung als Prostituierte hatte Karin – mit Wissen ihres Mannes – der Familie das Leben finanziert, nachdem der ehemalige Autoverkäufer nach einem Unfall seinen Job nicht mehr ausüben konnte.

Holicek ermittelt parallel im Umfeld der Arbeitswohnung: Bis auf den Hausmeister Kowalski reagieren die Mieter zwar schockiert, machen aber aus der offenen Ablehnung dieses Gewerbes in ihrem Haus keinen Hehl.

Das Ergebnis aus der Pathologie ergibt, dass Karin Freiberg nicht, wie zunächst vermutet, erwürgt wurde, sondern qualvoll erstickte – unter der Decke, die auf ihrem Körper lag. Schnell bringen die Ermittlungen weitere konkrete Hinweise: Karin teilte sich die Wohnung mit einer Kollegin Christiane, für die sie an dem besagten Tag eingesprungen ist. Hatte Christiane sterben sollen? Diese weigert sich hartnäckig, etwas zu dem Fall zu sagen, auch als sie von zwei brutalen Schutzgelderpressern zusammengeschlagen wird.

Casstorff und Holicek können diese zwar schnell festsetzen, haben aber keine Beweise. Aus der Not heraus macht Casstorff einen Deal mit ihnen und nutzt deren Kontakte in die Szene. Es sind ihre Infos über Freier, die auf brutale Fesselspielvarianten stehen, die dazu führen, dass ihnen Philipp Kochbeck ins Netz geht. Der unter seinen Neigungen leidende Kochbeck gibt zu, Karin Freiberg gegen ihren Willen für seine Spiele gefesselt zu haben, bestreitet aber den Mord.

Weitere Spurenabgleiche führen zurück in das Umfeld einzelner Hausbewohner, die weit mehr Kontakt zu den beiden Prostituierten hatten als zunächst zugegeben. So gerät Casstorff immer tiefer in die Beziehungswelt, die Karin Freiberg umgab, und gestützt von einer verständnisvollen Wanda Wilhelmi gelingt es ihm, die tragischen Zusammenhänge des Falles zu klären.

Rezension

Bezüglich „Investigativ“ ist unsere Erinnerung leider verblasst, aber Ursula Karven macht als Wanda Wilhelmi auf jeden Fall eine Sache sehr gut: Sie bringt mehr Wärme rein. Was Casstorff selbst aufgrund Robert Atzorns Spiel nicht kann, wird ihm also beigestellt. Das war wohl programmatisch, sonst hätte man die Staatsanwältin 2005 nicht „erfunden“, um das bisherige Gepräge der Casstorff-Krimis zu korrigieren. Nordkrimi trifft Rosamunde Pilcher oder so ähnlich. Das ist, Karven betreffend, nicht negativ gemeint. Natürlich finden das einige Fans mal wieder nicht gut, aber wir gönnen einem Kommissar eine Beziehung, die passt oder wenigstens nicht nur dissonant ist. Wenn das bei Casstorff möglich ist, dann haben die anderen auch noch Perspektiven. Außerdem arbeiten die beiden dienstlich auf eine Weise zusammen, die der Staatsanwältin emotional nur Pluspunkte bringt. Sie ist zwar nicht begeistert von manchen kippeligen Methoden des Kommissars, etwa, einen von zwei Luden bzw. Schutzgelderpressern als Rechercheur im Milieu einzusetzen, die ohne Deal hinter Gitter gehören würden, weil sie berufsmäßig Frauen bedrohen und misshandeln. Doch Wanda zieht loyal mit, weil sie Casstorffs Fähigkeiten als Ermittler vertraut.

In einem heutigen Tatorten hätten die Ermittler das Recht, die beiden Typen zu linken, da sind wir uns ziemlich sicher. Casstorff macht das hier nicht und hält sich seinerseits an die Absprache. Man wird sich wohl wieder begegnen.

Sehr schön ist die Einleitung des Films, in der Frau Freiberg das Haus verlässt, durch ihr Viertel fährt, alle grüßen sie und sie zurück, wie in einem freundlichen Vorstadtkokon – und dann kommt sie im Haus mit den gelben Türen (Alarm!) an und dort wird sie gar nicht gerne gesehen. Von anderen Frauen. Männer hingegen finden sie wundervoll und es muss passieren, dass sie in ihr nicht nur die Hure sehen, sondern jemanden, dem man verfallen kann. Besonders deutlich wird das beim nunmehr Geschäftsführer des Hauses, das klassische Kraftfahrzeuge verkauft. Wie der sich auflöst, als er vom Tod der Frau erfährt – da weiß Casstorff gleich, der war’s sicher nicht. Schade, dass man damit einen potenziellen Verdächtigen gleich aus dem Spiel nimmt, nachdem man im Hintergrund einige schicke Autos gezeigt hat und ihn dann noch einmal auftreten lässt, als er Herrn Freiberg auftreten lässt.

Ziemlich übel ist die ständige Einspielung dieser ledernen Aktentasche. Jeder muss davon ausgehen, dass sie mit dem Mord etwas zu tun hat. Und dann hat sie es und doch nicht. Ein Banker, der auf Fesselspiele steht – klar. Banker sind entweder sado oder maso oder beides, aber nie normal. Nach der Bankenkrise müsste das auch dem letzten Normalbürger klar geworden sein. Diese zeichnet sich in einem Tatort aus 2005 schon auf sehr subtile Weise ab. Aber dann die Auflösung. Selbstverständlch hat der mehrfach sorgsam abgefilmte Sohn von Frau Freiberg etwas mit der Sache zu tun, warum sonst hebt man ihn heraus?

Aber dann ist dieses „Decke-aufs-Gesicht-legen“ bei aller Verwirrung, die in dem Moment entstehen kann, Abwehrreaktion, dieses furchtbare Bild abdecken wollen etc. – schwierig. Entscheidend ist das Alter des Jungen. Er ist jedenfalls noch nicht strafmündig (daher auch kein „Freispruch“ am Ende, wie man es Wanda Wihelmi in den Mund legt – immer diese Obeflächenfehler; redigiert wirklich nie jemand die Drehbücher? – sondern gar kein Verfahren gegen ihn), aber wir schätzten ihn nicht als so jung ein, dass er nach dem ersten Schock nicht reflektieren, nochmal reingehen oder sich wenigstens jemandem mitteilen könnte. Ja, er ist sensibel, aber die Sensiblen sind in der Regel auch intelligent und können einen Schritt weiterdenken.

Trotzdem ist der Film insgesamt psychologisch stabil aufgebaut. Der Mann, der den vermutlich selbst verschuldeten Autounfall nicht verkaftet, keinen Sex mehr haben kann, da querschnittsgelähmt, dadurch wird auf den ersten Blick das Arrangement für ihn leichter, dass seine Frau die Haushaltskasse – erheblich – durch eine Tätigkeit als Prositutierte aufbessert. Der Sohn weiß davon bisher nichts, natürlich nicht, sondern spielt Violine. Ein schwieriges Instrument. Und so recht paganinimäßig klingt das, was Freiberg junior spielt, noch nicht, als er zuhause übt. Im Orchester der Musikschule muss er ja gleich aufhören, weil Casstorff reinkommt und ihn befragen will. Schön, so eine Musikschule. Besonders in der gezeigten Umgebung. Da macht es Spaß, den Bogen zu schwingen oder ins Mundstück zu blasen.

Durch den Jungen wird der Plot erst originell, gleichzeitig hat er aber bezüglich des Endes den fragwürdigsten Part inne. Auf jeden Fall hat er ein beachtliches natürliches Schamgefühl, das leider zum Tod seiner Mutter führt. Das kann man von Casstorff und Holicek so nicht behaupten. Schon seltsam, zu welchen Bekenntnissen der Besuch eines Bordells führen kann. Es gab Zeiten, da haben wir Filme abgeschaltet, wenn Szenen zu peinlich wurden. Aufgrund des Schreibens über geht das nicht mehr und wir müssen sogar drüber schreiben – wie Holicek sein Einstieg ins Sexualleben outet. Schräg wirkt das besonders deshalb, weil kein normaler Mensch gegenüber einem Womanizer wie Casstorff zugeben würde, dass er für die erste Liebe zahlen musste. Außer vielleicht in Berlin. Das sich innerlich entblößen, aber nicht entblöden, hat hier durchaus einen gewissen Kultstatus.

Finale

Vieles an dem Film ist schön, anziehend, anderes abstoßend und wir glauben schon, dass dieser Kontrast beabsichtigt ist. Sprachlich wäre mehr drin gewesen, vor allem ist „Liebeshunger“ sehr zeitgebunden im Duktus, wäre zehn Jahre zuvor so nicht denkbar gewesen und wirkt heute schon wieder ein wenig antiquiert. Vor allem das Beziehungsleben wird aber auch insgesamt im typischen 2000er-Stil inszeniert, die Parität, das Mal-ich-mal-du, immer auf Geben und Nehmen und Perfektionierung ausgerichtet. Man hat, um dies passend zu verbalisieren, viel Wert auf Modewörter gelegt, aber die Mode ist eben vergänglich. Trotzdem hat „Liebeshunger“ emotionale Qualitäten, mehr jedenfalls als einen großartigen Plot, aber auch dieses Fazit ist ja bei uns nicht neu: Spiel, Atmosphäre, Inszenierung schlagen Handlung. Man hat aber auch diesbezüglich etwas versucht und immerhin teilweise ist es geglückt, eine Situation zu zeigen, in der die Dinge einfach passieren, weil irgendwann ein Ereignis geschah, das eine solche Kausalkette in Gang setzte, die auch nicht unwahrscheinlich wirkt. Musste man unbedingt Casstorff die Frau Freiberg kennen lassen, damit Wanda Wilhelmi ein wenig eifersüchtig sein darf, bevor sie genauer Bescheid weiß? Aber loyal ist sie immer. Famos. Kommissar in Hamburg, anno 2005 müsste man sein. Zu spät. Und nachträglich gönnen ist einfacher, mit dem Wissen nämlich, dass Casstorff trotz Wanda drei Jahre später dem Cenk Batu weichen musste.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

Die Casstorff-Filme sind für uns von allem, was für die Reihe nach 2000 gedreht wurde, am meisten das, was man als „Terra incognita“ bezeichnen kann. Es gibt auch nie eine Retrospektive, wie der NDR sie für Casstorffs Vorgänger Stoever und Brockmöller schon mal anlegt. Vielleicht liegt es wirklich daran, dass der Mann mit dem etwas künstlich geschärft wirkenden Namen, der Programm für seinen Charakter ist, keine Ära geprägt hat. Die Filme mit ihm waren zwar moderner als die der berühmten Vorgänger, aber als er 2002 begann, war es noch nicht so gängig wie heute, dass Polizisten sonderbar sind. Außerdem kommt es darauf an, wie „sonderbar“ ausgelegt wird. Mittlerweile darf man ein Freak sein (Dortmund, Faber) oder eine Comicfigur (Lessing, Dorn, Weimar) oder vollkommen unglaubwürdig im Einzelnen wie als Team (Münster), aber nicht sackig, zumindest nicht als Leitender, auf den die Zuschauer sich fixieren. Seltsam in allen Facetten, aber nicht – naja. Eben so. So, wie wir Casstorff in den wenigen bisher gesehenen Fällen wahrgenommen haben.

Zumindest ein Bild der Auswahl zu „Liebeshunger“ zeigt, dass Casstorff sogar selbst eine Liebesbeziehung zu haben scheint, wir haben das Bild aber nicht verwendet. Einen Sohn hat er, die Mutter ist von ihm geschieden. Das wissen wir bisher. Und darüber gehen wir in der Vorschau nicht hinaus. Wir haben einen weiteren Film mit ihm aufgezeichnet („Verlorene Töchter“), das heißt, wir werden demnächst etwas mehr über ihn wissen.

TH

Besetzung und Stab

Jan CasstorffRobert Atzorn
Eduard HolicekTilo Prückner
Wanda WilhelmiUrsula Karven
Joachim FreibergNils Düwell
Felix FreibergJannik Schümann
Karin FreibergNatascha Bub
Musik:Jan Kazda
Kamera:Clemens Messow
Buch:Rafael Solá Ferrer
Regie:Thomas Bohn

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