Rundfunkgebühren. Wir, der Nicht-Mainstream. Umfrage + Kommentar. #ARD #ZDF #Rundfunk #öffentlichrechtlich

Heute haben wir uns mal wieder selbst zensiert. Wir hatten gleich den Verdacht, dass wir bei der Minderheit angesiedelt sind. Also sollte es wenigstens nicht die extreme Minderheit sein, nachdem uns das bei Civey-Umfragen immer häufiger passiert. Dass wir nicht auf einem Kurs mit der Mehrheit liegen. Was war geschehen?

Bzw.: Was geschieht noch? Denn die Umfrage dauert noch an. Sie lautet: Halten Sie die empfohlene Anhebung des monatlichen Rundfunkbeitrags auf 18,35 Euro für gerechtfertigt? Hier kann man abstimmen. Aber vielleicht doch bitte erst unseren Artikel lesen.

Der Rundfunkbeitrag beträgt derzeit 17,50 Euro pro Monat. Er lag vor einigen Jahren schon etwas höher, bei 17,98 Euro. Jetzt soll er auf 18,35 (andere Quellen: 18,36) Euro steigen. Wir haben es also befürchtet. Mit unserer Meinung, dass das eher gerechtfertigt ist, stehen wir nur mit 11,7 Prozent der Abstimmenden auf Gleich, nur etwas mehr als 7 Prozent finden sagen, die Anhebung von fast 5 Prozent nach ca. 5 Jahren Stillstand sei gerechtfertigt. Eigentlich denken wir aber auch so, wir haben uns nur von unserem eigenen Wunsch, nicht zu weit weg vom Mainstream zu sein, überrumpeln lassen. Aber wie soll man den erreichen, wenn nicht weniger als 55,9 Prozent komplett gegen die Erhöhung sind? (Stand 01.12.2019, ca. 15:30 Uhr).

Natürlich. Die Rechten sagen: Lügenpresse. Die Linken sagen, vielleicht ein bisschen verklauselter ausgedrückt: Lügenpresse. Wobei ARD und ZDF ja keine Pesse, sondern eben Rundfunkanbieter sind. Aber die massiven Kampagnen gegen die Öffentlichrechtlichen wirken natürlich. Viele freuen sich einfach, dass es kein „Meinungsmonopol“ mehr gibt, das vor dem Privatfernsehen diesen Anbietern zugerechnet haben. In der Presse gab es aber immer schon ein Gegengewicht. Manche haben auch viel weitergehende Absichten, die schlicht destruktiv sind. Sie alle werden natürlich jetzt gegen die Rundfunkgebührenerhöhung gestimmt haben. Zum Glück stand „Abschaffung“ nicht als weitere Möglichkeit zur Verfügung, sonst wäre die Mehrheit wohl zu dieser Antwort gewandert.

Es ist so, wir müssen erst das Grundsätzliche klären, nämlich ob der öffentlichrechtliche Rundfunk einen Wert hat. Ja, er ist politisch beeinflusst, die Zusammensetzung der Rundfunkräte sorgt immer wieder für Diskussionen. Und Journalisten schreiben nicht „neutral“ und Nachricht und Kommentar sind heute kaum noch voneinander zu unterscheiden. Und das Selektive kommt hinzu. Jeder, der eine dezidierte politische Meinung hat, behauptet, dies und jenes werde „verschwiegen“, nach dem Motto, wer nicht jede Nachricht, die auf der Welt entsteht, gleichermaßen aufgreift, lügt schon, indem er totschweigt. Vielleicht ist es aber manchmal auch so, dass Menschen mit extremen Ansichten andere Prioritäten setzen als der „Mainstream“, für den ARD und ZDF aus nicht ganz unlogischen Gründen in dem Maße arbeiten, wie dieser eben in der Bevölkerung dominiert.

Wir haben in vielen Jahren gelernt, die „Mainstream“-Medien mit Filter zu lesen. Wir ziehen zusätzliche Informationen und andere Meinungen zu Rate. Aber wir wären schlecht beraten, wenn wir bei den „Alternativmedien“ nicht ebenfalls darüber nachdenken würden, was als Wahrheit verkauft wird und in Wirklichkeit Gegenpropaganda ist. Sogar mehr als das, denn die propagandistische Absicht tritt bei den „Alternativen“ dadurch stärker hervor, dass deren Raison d’être nach Eigendarstellung darauf basiert, dass man dem Mainstream etwas entgegenhalten müsse. Das Dagegen muss zwangsläufig sehr meinungsstark sein, während sich ARD und ZDF zumindest in machen Bereichen um einen halbwegs neutralen Ton bemühen.

Und sie haben nun einmal die meisten Mittel zur Recherche, daran führt nichts vorbei. Wir finden es immer kurios, wenn z. B. ständige Studios in anderen Ländern, die von der ARD unterhalten werden, etwas von dort berichten und auch kommentieren – und wenige Tage später erscheint ein Alternativartikel, der etwa so geht: „Mein Freund XY war gerade für zwei Wochen am Standort Z und ich schreibe euch, es ist alles ganz anders, diese Mainstream-Medien erzählen nur Lügen!“. Manchmal finden wir ideologische Verbohrtheit süß, weil sie so menschlich ist, aber wir wissen auch um ihre Gefahren. Klar sind Topjournalisten auch arrogant und die Nähe zur Macht ist zu groß, aber eines muss man ARD und ZDF lassen: Sie sind die einzigen, die überhaupt ein Bild liefern können, das wenigstens inklusive „gefiltertes Lesen“ einen gewissen Gesamtüberblick liefert. Wir möchten eindeutig nicht von privaten Kleinmedien abhängig sein, wenn es um die Informationsbeschaffung geht. Nicht von den rechten Meinungsmachern, selbstverständlich, zu denen auch große private Publikationen zählen, aber auch nicht von den extrem linken Clustern, die sich dann am hinteren Ende der Argumentationskette mit den rechten erstaunlich oft in Einklang befinden.

Wir mögen es nicht, wenn Medien die Wahrheit für sich allein beanspruchen. Deswegen sehen wir es auch kritisch, wenn Korrekturmodule ständig und mit wirklich fiesen Spins über „Verschwörungstheoretiker“ etc. herziehen und jeden diskreditieren wollen, der eine Lücke in einer offiziellen Darstellung entdeckt. Aber wir folgen auch nicht Theorien, die das Eigentliche zuschütten: Wer zu sehr alles, was geschieht, an bestimmten Personen festmacht, der verkennt die Relevanz der Systemkritik. ARD und ZDF erlauben in der Regel eine systemkritische Lesart, gerade, weil sie das Handeln von Personen und Gruppen eher singulär darstellen. Wir haben als Rezipienten die Aufgabe, die Zusammenhänge für uns selbst herauszuarbeiten. Das erlauben viele „Alternative“ nicht, die verknüpfen nämlich nicht nur, sondern bauen Feindbilder gegen Menschen auf, wo in Wirklichkeit Systemhinterfragung angebracht ist.

Ohne die recherchestarken und in ihrer politischen Berichterstattung vor allem durch Liveformate durchaus ein aussagekräftiges Bild vermittelnden öffentlichrechtlichen Medien hätten wir erheblich mehr Einordnungsprobleme, wenn es um Vorgänge geht, die sich überall auf der Welt zutragen. Versöhnlich geschrieben: Das eine bedingt das andere. Denn was wären die „Alternativmedien“ ohne die „Mainstreammedien“ als Gegner? Der Mainstream natürlich, aber das wäre kein Sieg der Meinungsfreiheit, sondern der Einseitigkeit. Nicht unbedingt der einheitlich gelenkten Einseitigkeit, aber wir sehen ja auch, wie sehr sich dort alle immer gegenseitig zitieren, um den Eindruck zu erwecken, sie seien sehr viele. Gerade die Arbeit mit dem Wahlberliner hat uns in eine gesunde Distanz zu allen gehen lassen, aber wir möchten auf die öffentlichrechtlichen Medien nicht verzichten.

Dass die Rundfunkgebühren auch von denen erhoben werden, die das anders sehen, ist ein anderer Aspekt. Aber den können wir schnell abhandeln: Wenn wir nur für das Steuern zahlen würden, was uns persönlich taugt, wäre das nicht demokratisch, sondern feudalistisch. Selbstbestimmung als Außerkraftsetzung von Regeln, die für alle gelten. Und der Medienbetrieb gehört zur Grundversorgung, nicht zu den frei verfügbaren Gütern. Nicht zuletzt bieten ARD und ZDF für ihr Geld relativ viel. Vergleichen Sie mal den Abopreis für eine einzige Zeitung mit den Gebühren für dieses riesige, regional sehr ausgefächerte Programm. Der Vergleich hinkt etwas, aber es geht um die Richtung, um die gedacht wird.

Es gibt noch einen Aspekt, den wir nicht unerwähnt lassen dürfen, wenn es ums Grundsätzliche geht: Formate wie Panorama oder Kontraste oder auch die Satireshows der Öffentlichrechtlichen werden von den Alternatien sehr gerne zitiert und als Belege hergenommen. Es muss nur ins eigene Weltbild passen, dann sind auch ARD und ZDF gute Kumpels. Damit solche Features erstellt und werbefrei gesendet werden können, sind aber Einnahmen notwendig und die kritische Berichterstattung fußt außerdem auf dem, was in den Nachrichtenredaktionen erarbeitet wird – manchmal wird es auch von der dpa oder anderen Presseagenturen übernommen, aber die Mittel sind nicht unendlich und wachsen außerdem seit vielen Jahren nicht mehr, wie wir in der oben eingefügten Grafik gesehen haben.

Was wir wirklich nicht mehr lesen mögen, sind Angriffe auf Produktionen aus dem Fiction-Bereich wegen der Qualität der Ausführung etc. Wir machen das an einem Format fest, das wir ganz gut beurteilen können, dem Tatort. Die Produktionsbudgets stagnieren seit Langem, die Personalkosten steigen aber unaufhörlich und zudem gibt es gewisse Ungerechtigkeiten bei deren Verteilung. Letzteres soll hier nicht thematisiert werden. Wenn der Anspruch solcher Filme aufrecht erhalten werden soll, muss endlich wieder mehr für Außenaufnahmen, Einsatz von Technik usw. ausgegeben werden können. Ansonsten müsste man alles auf Privatfernsehniveau reduzieren und gerade die, die gegen vernünftig ausgestaltete Rundfunkgebühren sind, würden wieder am meisten gegen de qualitativen Notstand wettern. Wofür man Geld einsetzt, ist sowieso Ansichtssache, aber wir wollen uns hier explizit für die Stärkung der großen Krimi-Reihen stark machen, die mehr Menschen hinter den Fernsehern vereinen als irgendetwas anderes, als irgendeine private Sendung oder ein Streamingdienst. Von Sondererfällen we großen Sportereignissen abgesehen, sofern Private die Rechte dafür ersteigert haben. Wir sehen diese Rechte ohnehin lieber bei den Öffentlichrechtlichen, (überwiegend) werbefrei hat für uns durchaus noch einen Wert.

Für uns schließt dieses Plädoyer auch ein, dass in diese Produktionen der Bildungsauftrag der Öffentlichrechtlichen einfließt und dass sie nicht politisch neutral sind, oft aber politisch korrekt sein müssen. Auf diese Weise bieten sie Stoff zum Nachdenken und auch zum Streiten.

Wir haben die Beitragssummen, die jährlich eingenommen werden, oben dargestellt. Die nebenstehende Grafik weist nun aus, dass die Einnahmen aus Rundfunkgebühren seit zehn Jahren fast gleich geblieben sind, während natürlich die Geldentwertung voranschreitet.

Deshalb hat die ARD es sich nicht nehmen lassen, verschiedene Preisentwicklungen gegenüberzustelle.Real ist der Rundfunkbeitrag in den letzten Jahren also stetig gefallen, die Linien geben nominale Werte an. Wir betrachten das Medienangebot von ARD und ZDF (und Deutschlandradio, haben wir bisher nicht erwähnt) als Teil der Daseinsvorsorge. Und die gehört, da sind wir ganz bei allen, die Gemeinwohlaspekte in den Vordergrund stellen, nicht ausschließlich in private Hand.

Und weil wir kritisch sind und bleiben werden: Wir haben nicht den Eindruck, dass die Strompreise sich seit 2012 kaum verändert haben und auf Basis 2009 = 100 nun kaum noch einen stärkeren Anstieg zeigen als die Nominallöhne.

Aber es macht ja auch Spaß, solche hintergründigen Suggestionen, in dem Fall „Die Energiewende ist gar nicht so teuer“ zu entdecken und bei Zweifeln zu recherchieren. Wieso zum Beispiel wird für die Strom- und Wasserpreise eine andere, unternehmensnahe Quelle verwendet als für die übrigen Preisentwicklungslinien? Bietet das statistische Bundesamt zum Strom nichts an? Können wir uns kaum vorstellen, denn es hat diese Güter doch bei der Berechnung der Inflation einzubeziehen.

So gehen wir mit dem Informationsangebot der Öffentlichrechtlichen um, um das tun zu können, brauchen wir dieses Angebot aber auch – und dafür sind nun 18,35 Euro im Monat nach vieljähriger Stagnation allemal angemessen. Wir mögen uns auch nicht vorstellen, über wie viele Paywalls wir steigen müssten, um dieses breit gefächerte Grundangebot durch Online-Publikationen zu ersetzen.

TH

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s