Baranskis Geschäft – Tatort 175 #Crimetime 518 #Tatort #Hamburg #Delius #Marek #NDR #Geschäft

Crimetime 518 - Titelfoto © WDR

Vorwort 2019

Die Rezension wurde als Nr. 81 der TatortAnthologie im Jahr 2011 für den „ersten Wahlberliner“ geschrieben, optisch nur geringfügig angepasst und inhaltlich nicht verändert. Ihre Wiederveröffentlichung steht nicht im Zusammenhang mit einer aktuellen Wiederholung des Films, sondern entspricht unserer derzeitigen Linie, nach und nach alle noch nicht gezeigten Rezensionen aus dieser Phase zum Lesen im neuen Wahlberliner zugänglich zu machen.  

Als es noch klare Fronten gab

Man könnte die deutsche Geschichte auch gemäß allen Tatorten rekonstruieren und käme dabei auf ein Bild, das gar nicht so ungenau wäre.

Nur wenige Folgen aus den mauerfesten 80er Jahren sind so elegant und kinematografisch hochwertig gedreht wie „Baranskis Geschäft“, Vieles in dem Film wirkt sogar modern, zum Beispiel dadurch, dass die Mode der feinen Herren aus dem Importgeschäft für Kaviar und dem Exportgeschäft für geheime Dokumente so klassisch gehalten ist, dass sie nicht so unansehnlich wirkt wie die typischen Flatterklamotten, umgeschlagenen Ärmel und Knittersakkos, die in weniger privilegierten Kreisen in den 80ern für schick gehalten wurden. Diese zeitgenössisch bunte und sehr weit, um nicht zu sagen sackähnlich geschnittene Mode gibt es nur bei Anna, der Freundin von Baranski zu besichtigen.

Die schnurlosen Telefone waren zwar klobig, aber das Beste und Teuerste,  was es damals auf dem Markt gab. Auswärts musste man allerdings noch in die Zelle und wurde von aufgebrachten Mitmenschen angemacht, wenn man zu lange telefonierte. Das bedeutete, man fasste sich möglichst kurz und Glaswände schotteten die Inhalte von der Umgebung ab. Das hat durchaus Charme, gegenüber dem sinnlosen Dauergelaber, das die Leute sich heute am Handy abhalten und von dem sie ganz deutlich der Ansicht sind, es sei so wichtig, dass alle in bis zu 20 Metern Entfernung es verstehen müssen. Der Atmosphäre von Konspiration und Geheimnis, die für einen Agentenfilm wichtig ist, war eindeutig die ältere Technik mehr zugeneigt.

Dazu kommt, dass Wien damals wie heute eine gewisse Noblesse versprüht und der Wiener Flughafen (zumindest dessen älterer Teil, von dem wir bis ca. 2007 häufig geflogen sind) sich in den Jahren kaum verändert hat; mithin für die 80er sehr ansehnlich gestaltet war. Hamburg, von dem man ebenfalls etwas sieht, hat sich da schon mehr gewandelt – zwangsläufig, prachtvolle Altbauten sind in der Innenstadt aus bekannten Gründen eher die Ausnahme.

Schon ein oder zwei Jahre später wäre es schwierig geworden, diesen Tatort zu drehen, denn als er 1985 entstand, brach bereits die Ära Gorbatschow an und der kalte Krieg in seiner Variante der frühen 80er Jahre mit Nato-Doppelbeschluss und Raketendiskussionen im Westen und konservativer Erstarrung im Osten war kurze Zeit später zu Ende.

Aber das Leben war easy, da die Orientierung leicht. Man wusste, wo man stand. Vor diesem Hintergrund konnte man eine Geschichte inszenieren, die gut gestrickt ist und in denen die Rollen klar verteilt werden konnten.

Nostalgisch ist der Film auch wegen seiner Ermittler. Zwei Wiener Altkommissare und ein Hamburger ermitteln gemeinsam in „Baranskis Geschäf“, denn Hauptpart hat der Ex-MAD-Mann Delius (Horst Bollmann).

Handlung, Besetzung, Stab

Die Contex in Wien ist eine – zumindest von außen gesehen – normale Exportfirma für osteuropäische Delikatessen: Kaviar, Krim-Sekt und polnische Gänseleber stehen auf ihrer Angebotsliste für die westeuropäischen Länder.

Daß sie allerdings auch mit Importen beschäftigt ist, wissen nur wenige. Mit dem Import westlicher Geheiminformationen in den Ostblock. Maran Baranski ist in diesem Geschäftszweig der Conex tätig. Auch Kuriere wollen mal feiern, und einen Anlaß gibt es: Dr. Tschirwa, der Chef der Conex, hat Geburtstag. Und so bleibt ein Dossier, das gerade aus Bonn angekommen ist und eigentlich aus Sicherheitsgründen sofort an die exterritoriale Botschaft weitergeleitet werden sollte, über Nacht im Tresor.

Für Maran Baranski ist es die Chance, auf die er Monate gewartet hat. Er fotografiert die Bonner Dokumente und setzt sich ab. Geheimmaterial gegen eine neue Identität für sich und seine Freundin Anna, das soll Baranskis Geschäft werden.

Abschließen möchte er den Kontrakt mit Oberstleutnant Delius vom MAD, doch der hat vor Monaten nach Querelen mit seinen Vorgesetzten den Dienst quittiert. Delius hatte vermutet, daß in der Spitze des MAD ein „Maulwurf“ sitze, ein Verdacht, der schon die besten Geheimdienste ruiniert hat.

Doch von all dem weiß Maran Baranski nichts, als er vom Hamburger Flughafen aus Delius anruft. Zu einem Treffen kommt es nicht, denn kurz bevor der Überläufer Baranski mit Delius sprechen kann, wird der überfahren.

Delius bekommt einen merkwürdigen Auftrag aus Bonn: er soll herausfinden, was Baranski anbieten wollte, denn bei der Leiche fand sich nichts, und: warum Baranski nicht direkt zum MAD gegangen ist. Denn wenn vieles auch geheim ist, die MAD-Adresse ist es nicht. Der Pensionär Delius macht sich auf die Suche. Er geht nach Wien, findet Baranskis Freundin Anna, und sein Weg führt ihn zurück nach Bonn zu seinem Auftraggeber. Und der hat mehr mit Baranskis Geschäft zu tun, als Delius ahnt.

Besetzung:

Oberstleutnant a.D. Delius – Horst Bollmann
Maran Baranski – Knut Hinz
Anna – Nicole Kunst
Lipski – Ullrich Dobschütz
Oberstleutnant Leiss – Klaus Barner
Dr. Tschirwa – Karl-Walther Diess
Gastkommissar – Fritz Eckhardt
Gastkommissar – Kurt Jaggberg

Stab:

Buch – Jochen Wedegärtner
Buch – Friedhelm Werremeier
Regie – Jürgen Roland

Rezension

  1. Ein Routinier inszeniert einen routinierten Agentenfilm

Jürgen Roland ist im Krimigenre einer der profiliertsten deutschen Regisseure gewesen – er führte das Zepter bei den Edgar-Wallace-Verfilmungen „Der rote Kreis“ (1960) und „Der grüne Bogenschütze“ (1961), dem Gert Fröbe eine starke Eigennote verlieh; gestaltete viele Folgen von „Stahlnetz“ und anderen Krimiserien und inszenierte von 1976 bis 2001, also beeindruckende 25 Jahre lang, Tatort-Folgen. Der Serienkrimi war Rolands Geschäft.

Die große Erfahrung merkt man „Baranskis Geschäft“ an, da sind viele Details stimmig und zuschauergerecht aufbereitet. Man verliert nie den Überblick und es muss nicht jede Szene absolut schlüssig sein (zum Beispiel diejenigen zwischen dem „Amerikaner“, der ein Russe ist und Daniel Craig ziemlich ähnlich sieht, der ja auch seine Bestimmung im Agentenfilm gefunden hat – und Anna, der Freundin des mittlerweile toten Baranski, sind etwas aus der Logik), damit insgesamt ein guter Eindruck von diesem Tatort entsteht.

Die Idee, eine ahnungslose Frau mit falschen Informationen auf Delius loszulassen und sie zu erschießen, damit dieser gar nicht auf den Gedanken kommt, er könnte einem Schwindel aufgesessen sein, ist perfide und doch möglich. Ob es im MAD und in den Agentenkreisen der Zeit tatsächlich so zugangen ist, darf bezweifelt werden, zumindest waren solche Vorgehensweisen wohl nicht üblich, nicht mehr in den 80ern, als die Schlapphüte sich eher einen ritualisierten Schlagabtausch lieferten, als dass es ständig um Leben und Tod gegangen wäre. Die heutige Zeit halten wir wieder für weitaus gefährlicher, weil jede Form von Übersichtlichkeit verloren gegangen ist.

  1. Ein außergewöhnlicher Ermittler

Horst Bollmann als pensionierter MAD-Oberstleutnant Delius ist eine ungewöhnliche Figur – aber vor allem, weil er als Militär installiert ist und nicht als Kommissar. Ins Universum der Tatort-Kommissare würde er gut passen, in der militärischen Kluft hingegen können wir uns den gemütlichen, älteren Herrn mit dem  netten Gesicht nicht so gut vorstellen. Aber warum nicht, es muss ja nicht jeder Angehörige einer Zunft für seine Zunft typisch sein. Eigentlich ist Delius kein MAD-Oberstleutnant. Denn als der MAD 1984  seinen heutigen Namen erhielt, war Delius schon in Pension. Zu seiner Zeit hieß der Militärische Abschirmdienst noch ASBw (Amt für Sicherheit der Bundeswehr); war und ist aber neben dem BND (Bundesnachrichtendienst) die wichtigste deutsche Organisation für geheime Angelegenheiten.

  1. Schleichwerbung und ein Schmankerl

Delius lebt zum Zeitpunkt seiner Reaktivierung in Hamburg, wo er bevorzug den Kicker liest. Auch darin liegt ein Stück Nostalgie. Nicht, weil es den Kicker nicht mehr gäbe, sondern, weil diese Art von Schleichwerbung, wie man sie im Film sieht, heute nicht mehr erlaubt wäre. Einige Tatorte wurden sogar gekürzt oder auf elektronischem Weg verändert, um die schärferen Richtlinien umzusetzen, heutige Folgen haben dadurch allerdings auch an Sterilität gewonnen. Natürlich ist es auch wieder Historie, gehört zum Zeitgeist, den die Tatorte ausstrahlen, wenn man sogar Tankstellen krampfhaft mit Kunstnamen versieht, weil man keine von Shell oder Aral zeigen darf, aber wir meinen, man kann’s auch übertreiben.

Die Folge „Baranskis Geschäft“ hat man erkennbar nicht geändert, es wäre auch zu viel geworden, vor allem wegen der Nennung der Fluggesellschaften, und die sind ja für einen Abschnitt des Filmes wichtig. Zudem ist „Baranskis Geschäft“ ein echtes Event.

Erst drei Mal seit seiner Erstausstrahlung wurde der Film wiederholt – 1989, 2003 und jüngst vom WDR. Wir danken herzlich für dieses Schmankerl und hätten den Film um nichts in der Welt verpassen wollen. Natürlich liegt die seltene Wiederholung in seinem Thema begründet. Er ist zwar in Farbe gedreht, malt aber doch sehr schwarz-weiß und ist natürlich nach den starken politischen Veränderungen, die sich schon anbahnten, als er zum ersten Mal gezeigt wurde, inhaltlich schnell fragwürdig oder veraltet gewesen. Wir meinen aber, das spielt keine große Rolle. Viele hervorragende Agentenfilme, eigentlich fast alle, behandeln den Kalten Krieg. Er hat dieses Genre zur Blüte entwickelt und somit einen Kulturbeitrag geleistet. Es wäre keine gute Idee, diese Filme nicht mehr zu zeigen, nur, weil der kalte Krieg in seiner früheren Form nicht mehr besteht.

  1. Zufälle gibt’s auch hier

Dumme Zufälle gibt es aber auch in einer abgezirkelten Welt von Strippenziehern, die jede Aktion planen und im Grunde nichts dem Zufall überlassen wollen. Dass Baranski überfahren wird, bevor er sich  mit Delius treffen kann, ist etwas rabulistisch, so ein Pech und so viel  Ermittlungsarbeit, die dadurch für Delius entsteht. Aber es lohnt sich, die Szenen, in denen er in Wien die ihm bekannten Kommissare Fritz Eckhardt, damals auch schon inaktiv, und Kurt Jaggberg, damals aktuell, trifft, sind nett und auf eine Weise familiär, auch wenn man noch gar keine der Folgen gesehen  hat, in denen sie die Ermittler-Hauptfiguren sind.

Delius wirkt sicher und präzise, von seiner Art eher Kommissar, aber in den Handlungen durchaus agentengemäß, bewegt sich unauffällig und diskret auf die Lösung zu und der Film ist sehr flüssig erzählt, kennt keine unnötigen Abschweifungen und ist hinreichend spannend, um einen späten Fernsehabend angemessen zu gestalten.

Finale

Wir reihen wieder eine Perle in die Kette der Tatortrezensionen ein, ein Sammlerstück, auf das wir ein wenig stolz sind, weil dieser Film so selten gezeigt wird. Mehr davon, möchten wir den Sendeanstalten der ARD zurufen. Denn es sollte dem Zuschauer überlassen bleiben, wie er heute zu diesen alten Folgen steht. Und es muss gerade für den Tatortfan interessanter sein, hin und wieder einen solchen Film gezeigt zu bekommen als die vierte Wiederholung eines noch beinahe aktuellen Tatortes aus München oder Münster innerhalb eines Jahres. Der vorherige Satz war kein Votum gegen diese Tatortstädte und ihre Folgen, sondern nur des Sprachklanges wegen so gestaltet.

Baranskis Geschäft ist für ihn gründlich schiefgegangen, der Tatort, der sich damit befasst, hingegen gelungen und erhält auch 26 Jahre nach seinem Entstehen von uns noch 7,5/10.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

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