Der Riß – Polizeiruf 110 Fall 148 #Crimetime 523 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Halle #Hübner #Raabe #DFF #Riss

Crimetime 523 - Titelfoto © DFF / ARD

Solche Hemden tragt ihr alle in Halle?

Eines können die heutigen Polizeirufe nicht: Auf der Metaebene schon so spannend sein wie die der ersten, sagen wir, 25 Jahre. Um die Zeit nach der Pause von 1992, 1993 einzuschließen, als die Reihe im vereinigten Deutschland wieder Fahrt aufnahm. Mit den DDR-Ausgaben von 1971 bis 1990 tauchen wir in eine fremde Welt ein, mit den Wendefilmen von 1990, 1991 in die Zeit, als wir selbst dann auch mal „drüben“ waren und als alles neu gedacht und gemacht werden musste. „Der Riß“ hatte bereits einen neuen Vorspann mit westdeutschem Polizeihubschrauber, aber wenn Verdächtige ins neue Polizei-Großraumbüro von Berlin geführt werden, dann so: Erst einer von links von einem Polizisten in Westuniform, dann einer von rechts von einem Kollegen, der noch die letzte Variante der VoPo-Uniform trägt. Und sonst so, mit diesem Nachwendefilm? Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Kriminaloberkommissar Joachim Raabe ist aus Halle zur Einsatzgruppe um Kriminaloberkommissar Jürgen Hübner versetzt worden, doch kennen sich beide von früher. Solange er keine eigene Wohnung hat, darf er bei Jürgen Hübner übernachten. Eines Tages erhält Joachim Raabe von Ambulanzschwester Beate Lenz einen Anruf: Seit längerer Zeit wird ihre Chefin, Betriebsärztin Dr. Susanne Hecht, von einem anonymen Anrufer bedroht. Dr. Hecht selbst will sich nicht an die Polizei wenden, obwohl die Situation sie emotional belastet. Die anonymen Anrufe scheinen ein kleines Problem zu sein. Susanne reagiert entnervt, als Joachim Raabe bei ihr erscheint, und will nicht über den Fall reden. Auch Jürgen Hübner sieht keine Handlungsmöglichkeit, solange Susanne nicht Anzeige stellt. Dennoch versucht Joachim Raabe Hinweise zum Täter zu kriegen und hört einen der Drohanrufe ab.

Eines Tages werden die Ermittler zu einer Straftat gerufen: Im Park wird die schwer verletzte Susanne gefunden. Sie wurde bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und fällt im Krankenhaus in ein tiefes Koma. Die Ermittler erfahren nun, dass Susanne im dritten Monat schwanger ist. Durch die Tat wird sie ihr Kind verlieren. Ihr Mann Hans Hecht, der als Bäcker einen eigenen Laden besitzt, reagiert geschockt. Er zählt zu den Verdächtigen, haben die Ermittler doch erfahren, dass er zeugungsunfähig ist, das Kind also von einem anderen Mann sein muss. Tatsächlich hatte Susanne mit dem Betriebsfahrer Günter Kühne eine Affäre. Auch das Kind stammt von ihm. Hans Hecht wird auch verdächtigt, seine Frau anonym angerufen zu haben, wurden doch selbst im Urlaub der Familie Drohanrufe getätigt, die wahrscheinlich aus dem Hotel selbst abgesetzt wurden. Später stellt sich heraus, dass Hans’ langjährige Mitarbeiterin die Anrufe tätigte, weil sie schon Hans’ Vater kannte und schätzte und den Sohn vor der fremdgehenden Susanne schützen wollte.

Der Fall erscheint in einem neuen Licht, als Hans aussagt, dass er das Verhalten seiner Frau selbst unterstützt hat. Beide wünschten sich schon lange ein Kind, wussten jedoch, dass Hans zeugungsunfähig ist. Hans bat Susanne, sich einen „Ersatzmann“ zu suchen, von dem sie schwanger werden sollte. So wäre sie die leibliche Mutter gewesen und Hans hätte das Kind an Vaters statt annehmen können. Eine Adoption oder künstliche Befruchtung hatte das Paar vorher abgelehnt. Susanne wählte sich den Frauenheld Günter als Vater des Kindes, doch akzeptierte er nicht, dass sie ihn nach kurzer Zeit wieder verlassen wollte. Beim Verhör gibt Günter Kühne nun zu, dass er sich am Tattag mit Susanne aussprechen wollte. Hier warf sie ihm an den Kopf, dass sie ihn nur zur Zeugung gebraucht habe. Daraufhin würgte er sie so lange, bis sie sich nicht mehr rührte. Günter wird festgenommen.

Rezension

Als der Film im April 1991 erstmals ausgestrahlt wurde, gab es die unterschiedlichen Uniformen vermutlich nicht mehr. Aber war das noch der Fall bei Drehbeginn in November 1990 und im Verlauf der Dreharbeiten oder wollte man einen vereinigungsfördernden Gag platzieren? Einen Vorteil hatten die Macher dieses Werks auf jeden Fall gegenüber anderen, welche die „140er-Nummern“ der Reihe zu inszenieren hatten. Sie wussten schon, wie’s weitergeht. Ihre Arbeit fand bereits nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 statt.

Das merkt man dem Film auch an. Stilistisch ist er ziemlich den damaligen Tatorten angenähert – aber nicht von der Plotgestaltung. Die folgt noch bisherigen Mustern der Reihe, und das leider ziemlich krampfhaft. Nicht nur Hübner fragt sich, warum Raabe überhaupt einen Fall aus den Droh-Telefonaten machen will, welche die Betriebsärztin Dr. Hecht erhält. Sie will doch selbst nicht, dass ermittelt wird, er hängt sich aber dran, als ob er ein persönliches Interesse an ihr hätte. Und das mitten in der wilden Wendezeit, als Vorgänge ganz anderer Dimension zu bearbeiten waren. Überlebt sie am Ende? Wir wissen es nicht genau. Und damit zu den positiven Seiten des Films.

Die Atmosphäre ist grandios, dank der für damalige Verhältnisse ungewöhnlich versierten Kamera-Arbeit und einer teilweise suggestiven Bildgestaltung, die den oben beschriebenen Würgevorgang sogar auf surrealistisch angehauchte Weise darstellt. So kann man einen Moment, in dem Liebe in Hass umschlägt, Demütigung zur Wut wird, Klimax eines Films werden lassen. Was allerdings dazu nicht passt: Dass die Ärztin sich plötzlich so fies verhält, wo sie bisher die Beziehung zum „Ersatzvater“ nicht ohne Weiteres beenden konnte und wirkt, als ob sie echte Gefühle für ihn entwickelt hätte. Da wird wieder einmal das Motiv für eine Tötungstat (oder, hier, möglicherweise einen Versuch) dadurch konstruiert, dass eine Figur plötzlich die für sie entwickelte Bandbreite von Charaktereigenschaften verlässt und von einem Moment zum anderen auch jede Sympathie des Zuschauers aufgeben muss. Das wiederum wirkt sich in der Schlussszene aus, als Dr. Hecht, erschöpft und mit geschlossenen Augen im Krankenbett liegend gezeigt wird. Wir haben genau hingehört? Stoppte der durch die Pieptöne angezeigte Herzschlag oder wird er ausgeblendet, weil der Film zu Ende ist?

Dafür setzt diese Musik wieder ein, die schon den Anfang des Films so emotional macht – woher ist die bloß übernommen, es fiel uns leider nicht ein. Für ein Original aus jener Zeit ist sie eigentlich zu kinohaft und gibt auch dem Film dadurch eine kinohafte, melodramatische Anmutung. Ganz im Gegensatz zu der witzig-sparsamen und rhythmischen Untermalung der Sexszenen, die das – sorry – Poppen unterstreicht und auch, was den Sex mit zwei verschiedenen Männern miteinander verbindet, von denen einer kein Kind zeugen kann: Der Spaß an der Körperlichkeit.

Dadurch bekommt das Projekt Fremdvater etwas Banales und es ist auch banal. Denn warum haben die Hechts kein Kind adoptiert oder Frau Dr. Hecht es mit einer künstlichen Befruchtung versucht? Weil sie den Fahrer im Betrieb, der sozial weit unter ihr steht, als Sexualpartner ausgeguckt hatte. Auch die ungewöhnliche Verbindung Ärztin-Bäcker wird von der Verkaufshilfe des Bäckers thematisiert. Wobei der Mann, zumindest wenn er auf der Polizei auftritt, edler und zeitloser angezogen ist als alle anderen Figuren im Film. Die frühen 1990er und die modischen Verirrungen, die man durchaus an den spacigen Klamotten der Ärztin, wenn sie keinen weißen Kittel trägt, ebenfalls bestaunen kann – und von denen sich ihr Backwaren-Ehemann wohltuend abhebt. Offenbar kommt nicht nur Raabe, sondern auch jener andere Mann, der später würgt, aus Halle. Diese seltsam gemusterten Hemden, oft in Seide ausgeführt, oft noch eine Ecke bunter als hier gezeigt, waren aber kein Ostmerkmal, eher im Gegenteil. Immerhin war die Idee, in der Mode nochmal was Neues zu machen, in einer neuen Zeit, die manche fälschlicherweise als letzte Epoche, als Ende der Geschichte deuteten, spürbar.

Ein Plus des Films ist sicher der damals neu installierte Kommissar Raabe aus Halle, von Michael Kind gespielt, der wirklich aus Halle kommt und der ein deutliche Dialektfärbung – zeigt oder zeigen muss, das ist die Frage. Seine spitzbübische Art kontrastiert schön mit dem gutmütigen Hübner, der hier fast nur noch als Stichwortgeber agiert und das Kontinuum aus der Vorwendezeit darstellt. Das wusste er wohl auch und nimmt’s im Film mit Humor und einem Whisky und bezogen, auf seinen Darsteller, vermutlich auch in der Realität mit einem geringen Alkoholkonsum. Dieser war schon während seiner DDR-Zeit erkennbar, aber hat Jürgen Frohrieps Popularität offenbar keinen Abbruch getan. Uns erinnert das an Harald Juhnke, aber der hatte seine Sucht geradezu zelebriert und war wohl überhaupt ein wesentlich exzessiverer und extrovertierterer Typ als der Kommissar mit den großen, wissenden, oft traurig wirkenden Augen, der für einen Teil der DDR-Identität steht, ebenso wie der stets kompakt wirkende Kollege Fuchs für einen anderen.

Finale

Mit 92 Minuten hat der Film Tatortformat, sogar ein paar Minuten mehr, aber die Zeit wird durch interessante und intensive Szenen in „Original-Locations“ gut gefüllt, die Darsteller können Szenen gestalten, die ziemlich ausgespielt sind, langsamer gefilmt als heute, aber eben in einem Stil, der nicht dröge wirkt. Von jeder Form der Gesellschaftskritik in irgendeine Richtung hält der Film sich konsequent fern, es sei denn, man identifiziert sie im Verhalten von Dr. Hecht, die eine emotionale „Nehmerin“ zu sein scheint, die andere Personen von ihr abhängig macht, inklusive der Ambulanzschwester, für die sie erkennbar mehr ist als eine Kollegin bzw. Vorgesetzte. Das vitale Polizeirevier, in dem immer das pralle Leben tobt, mit seinem sehr subjektiven Getränke-Automaten ist eine schöne Reminiszenz an amerikanische Polizeifilme, wirkt mit seinen vielen Stellwänden provisorisch und deutlich abgegrenzt von den Orten, an denen sich die zwischenmenschlichen Dramen abspielen.

In einer Sache haben wir uns mehr oder weniger selbst reingelegt. Wir hatten die andere Frau im Arztzimmer hinter der Bedrohung vermutet. Und zwar in der Form, dass jeden Tag um die gleiche Zeit ein vorbereiteter Text anspringt und das Telefon irgendwie automatisch in Gang gesetzt wird. Kompletter Unsinn, aber die Bäckereigehilfin, die vom Fremdgehen der Frau des Chefs weiß und ihre Art, mit ihm umzugehen, missbilligt, die war uns als Lösung wohl zu simpel; immerhin hatten wir richtig getippt, dass es nicht einer der beiden Männer war, der sich auf diese Weise artikuliert hat.

8/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Jan Růžička
Drehbuch Jürgen Wenzel
Produktion Jutta Henning
Musik Laurie Anderson, Hans-Jürgen Gerber
Kamera Matthias Tschiedel
Schnitt Susanne Carpentier

Jürgen Frohriep: Kriminaloberkommissar Jürgen Hübner
Michael Kind: Kriminaloberkommissar Joachim Raabe
Ulrich Voß: Kriminalrat Meier
Peter Wohlfeil: Kriminalkommissar Beier
Kirsten Block: Dr. Susanne Hecht
Florian Martens: Hans Hecht
André Hennicke: Günter Kühne
Annett Kruschke: Beate Lenz
Hans-Uwe Bauer: Werner Preuße
Siegfried Worch: Chefarzt Wegner
Ingrid Rentsch: Frau Lorenz
Simone Bicking: Kriminalistin
Manuel Soubeyrand: Gynäkologe
Gertraud Kreissig: Verkäuferin
Torsten Bauer: Unfallarzt
Klaus-Jürgen Steinmann: Meister
Gerd Klotzek: Stationsarzt
Romeo Riemer: Pförtner
Petra Stelzer: Frau am Tresen
Dorothé Reinoss: Krankenschwester
Frank-Burkhard Habel: Kriminalist im Großraumbüro

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