Tatort 517 – Fakten, Fakten #Crimetime 522 #Tatort #Münster #Thiel #Boerne #WDR #Fakten

Crimetime 522 - Titelfoto © WDR, Michael Böhme

Vorwort 2019

Die Rezension zum zweiten Thiel-Boerne-Fall aus Münster zeigen wir heute zur Abwechslung wieder einmal „im Original“. Textlich gilt das für alle Wiederveröffentlichungen bisher weitgehend, aber manchmal, vor allem bei den ältesten Kritiken, behalten wir auch die Optik, um unseren Leser*innen die Anfangszeit unserer Rezensionstätigkeit möglichst authentisch zu vermitteln –  bis auf ein paar kleine notwendige Anpassungen wie die Nennung der Urheber der Titelbilder und die Setzung unseres eigenen Copyrights am Ende des Artikels. Im Jahr 2011 war die folgende Rezension die Nr. 27 der TatortAnthologie, geschrieben für den „ersten Wahlberliner“.

I. Inhalt

Professor Bernhard Dreiden steht unter Verdacht: Jürgen Wilken, der Lebensgefährte seiner (Ex)-Geliebten, wurde erschossen. Der Mord ereignete sich direkt vor Dreidens Haustür. Ein Eifersuchtsdrama? Dreiden beteuert, er habe mit dem Mord nichts zu tun. Hauptkommissar Frank Thiel und Staatsanwältin Wilhelmine Klemm zweifeln an der Unschuld des attraktiven Professors.

Doch der Rechtsmediziner Prof. Karl Friedrich Boerne glaubt an Dreidens Unschuld, nicht nur weil der Professor für Friedensforschung sein langjähriger Freund ist. Die rechtsmedizinischen Indizien geben einfach seiner Einschätzung recht.

Kein Hauptverdächtiger, kein Tatmotiv. Thiel und Boerne stehen bei ihrem Fall wieder ganz am Anfang. Die Ermittlungen führen den Hauptkommissar zu Wilkens Lebensgefährtin Juliane Kraft. Als sie kurz darauf verschwindet, steht das Ermittlerteam vor einem neuen Rätsel. Alles deutet wieder auf eine Gewalttat hin, aber es gibt keine Leiche. 

II. Kurzrezension

Der zweite Fall des Traumduos Thiel / Boerne ist ein besonders guter. Der Grund ist ebenso simpel wie in dieser Form in einem Tatort selten anzutreffen: Vor allem Boerne fährt ein ermittlungstechnisches Highlight nach dem anderen auf. Ein richtiger Lehrfilm für angehende Kriminalisten.

Der Humor ist noch nicht ganz so skurril wie in mancher späteren Folge, was der Konzentration auf den Fall keineswegs schadet.

Außerdem hat der Film einen emotionalen Anstrich wie kaum ein anderer Münster-Tatort. Beinahe wird Frank Thiel zum Ersatzvater für den kleinen Max, der mitten im Film seine Mutter durch einen Mord verliert.

Ausgezeichnete Schauspielleistungen runden das Ganze ab. Einer der besten Münster-Tatorte.

III. Rezension

  1. Ein Hauch von Klassiker und warum der Humor hier noch nicht so extrem ist wie später

Da wir jetzt beinahe alle Münster-Tatorte gesehen haben und die ersten drei nun auch rezensiert, kann man sagen, es gibt eine Auffälligkeit. In 517 und in 511 (Rezension hier) war man vorsichtiger mit den verrückten Sprüchen und dem Ausleben der Hassliebe zwischen Thiel und Boerne als später. In 511 und 517 sind die Figuren noch etwas zurückhaltender inszeniert. In 543 (Rezension hier und grundsätzlich zum Team Thiel / Boerne) hingegen ist mit einem Mal dieses Szenario schon zu voller Blüte gebracht.

Der Grund dafür ist wohl relativ einfach. Man hatte erst einmal abwarten wollen, wie die Sache mit den beiden sich anlässt und noch Luft nach oben lassen wollen. Da 517 bereits gedreht war, bevor 511 gesendet wurde, konnte man Zuschauerreaktionen aus dem ersten Münster-Tatort mit Thiel / Boerne noch nicht beim Dreh von 517 einbauen. Bei 543 allerdings schon, der Abstand war groß genug. Man wusste damals schon, diese Figuren werden vom Publikum begeistert aufgenommen und man kann noch etwas mehr wagen.

Aber gerade, weil die beiden hier noch nicht ganz ausgeformt sind, Boerne hingegen einen sehr dezidierten Eindruck macht und tatsächlich Recht behält, weil er seinen Freund, den Professor Dreiden, für unschuldig hält und damit mal nicht der sozial Höchste im Film auch der Böseste ist, hat dieser Tatort 517 etwas Klassisches. Das wird nicht mit dem erhobenen Zeigefinger gewinkt, nicht an der politischen Bildung es Zuschauers gearbeitet, auch nicht auf die humoristische Art. Es ist ein simples Familiendrama, das sich hier abspielt, mit einem fiesen Felix Kraft, der seine Persönlichkeit vor allem daraus gewinnt, dass er eben so ist. Und dass seine Mutter eine dominante, herrschsüchtige Person ist. Kann man sagen. Es ist nicht so linear hergeleitet wie in anderen Tatorten.

  1. Die emotionale Seite

Sehr reizend der Junge, der den kleinen Max Kraft gespielt hat. Wir haben den Namen auf keiner Besetzungsliste finden können, leider. Das ist ungewöhnlich. Vielleicht wollten seine Eltern das nicht, dass er „berühmt“ wird, sondern die herrliche Natürlichkeit erhalten, die er in diesem Tatort zeigt. Und Thiel nimmt man ab, dass er mit dem Jungen umgehen kann (Axel Prahl hat ja auch zwei Kinder und ist geschieden, beinahe wie der Hauptkommissar, den er spielt).

Diese schlaue, aber keineswegs altkluge Art, die er hat, die kommt von seiner Mutter Juliana Kraft (Vasiliki Roussi), die sich nicht so leicht erschließt, wegen ihrer Affären und ihrem Suchen nach dem richtigen Mann – am Ende aber wirkt sie eher wie die etwas zu treue Person zwischen Professor Dreiden, ihrem Freund, der schon zu Anfang erschossen wird, und ihrem Mann, der keine Kinder zeugen kann.

Das Ende ist auf seltsam innige, nicht übertriebene Art emotional. Es ist nun einmal so, Max hat seine Mutter verloren. Und weiß noch gar nicht, dass in Wirklichkeit Professor Dreiden sein Vater ist und seine Lieblings-Spielkameraden, dessen Kinder, in Wirklichkeit Halbgeschwister von ihm.

  1. À la criminale

Auch wenn die Sache mit der Ladehemmung von Felix Krafts Pistole, die man konstruieren musstedamit logisch bleibt, dass er nach dem ersten Schuss, der fälschlicherweise den aktuellen Freund von Juliane trifft und nicht Professor Dreiden, den Vater der Kinder, von denen er bis vor Kurzem glaubte, er habe sie gezeugt (eines davon hatte er bereits umgebracht), nicht noch einmal schießt und den Professor dann erwischt, etwas gequetscht daherkommt, der Fall ist glänzend aufgebaut.

Da man sich viele Nebengeräusche, die in anderen Tatorten immer enorm Spielzeit kosten, hier gespart hat – zum Beispiel das Privatleben von Thiel und / oder Boerne, auch Thiels Vater Herbert, der Taxifahrer, kommt dieses Mal sehr kurz, konnte Boerne zu großer Form auflaufen. Er spielt Thiel zwar nicht an die Wand, was es in anderen Folgen auch schon gab, aber er hat eine Eigenständigkeit, die den Kommissar ganz schön fordert. Dass er so viel herumermittelt, das wird, und da gibt es dann doch einen Unterschied zum Erstling 511, hier sehr prominent.

Er hat ja in 517 auch einen Grund, nämlich, seinen Freund zu entlasten. Später entwickelt sich dieser kriminalistische Zug dann zum Allgemeinmerkmal und wird immer wieder Anlass zur Reibung zwischen den beiden sein. Man hat also in den beiden ersten Münster-Tatorten zwei Stufen für Boerne entwickelt, was dessen Einbindung in die Ermittlung angeht, den Humor in beiden aber noch einigermaßen im Rahmen gehalten. Nachdem sowohl der Humor als auch die unrealistische Allgegenwärtigkeit des Dr. Boerne als Ermittler gut aufgenommen worden waren, konnte man auf beiden Schienen in der Folge richtig Fahrt aufnehmen.

Allerdings zeigt Boerne in 517 auch so sehr wie in keinem der anderen Münster-Tatorte etwas von seiner wirklichen Arbeit – allerdings nicht nur als Pathologe, sondern auch als Kriminaltechniker. Der Mann ist wirklich versiert und kann ein ganzes KTU-Team ersetzen.

  1. Spannung oder nicht Spannung, das ist die Frage

Der Tatort 517 ist sicher kein Reißer und auch kein Thriller. Er ist ein Whodunit mit deutlicher Tendenz dazu, den Fall schon etwa ab dem Moment, in dem Felix Kraft ins Visier der Ermittler rückt, als gelöst in beiden Mordfällen zu betrachten. Eigentlich in dreien, wenn man seine kleine Tochter mitrechnet, die sein erstes Opfer war. Da hat der kleine Max richtig Glück gehabt, trotz des Todes seiner Mutter – man fragt sich allerdings für einen Moment, warum. Vielleicht, weil Unfälle von beiden Kindern in kurzen Abständen, doch auffällig gewesen wären.

Am Ende geht es nur noch darum, ob man ihm die Morde nachweisen kann. Da er aber so schön fies gezeigt wird, gibt es keine Zweifel daran, dass den beiden Ermittlern dies gelingen wird, gleich, ob er ein Geständnis abliefert – oder ob Boerne wieder einmal einen Geistesblitz hat und darauf kommt, dass Kraft die Leiche seiner Exfrau Julia ins Krematorium eingeliefert hat. Da sieht man dann noch einmal ihre lackierten Fußnägel, sonst nichts, als sie auf dem Tisch von Boerne liegt, tot. So, wie schon einmal, noch sehr lebendig, mit Thiel neben sich auf einer Parkbank.

Die Spannung ist also nicht das dominierende Element, aber das kann man von vielen Münster-Tatorten sagen, weil sie zu sehr vom Humor dominiert sind, das schadet ihnen aber auch kaum, weil sie eben andere Qualitäten haben.

  1. Fokus auf Thiel und Boerne

Nachdem in 511 alle Figuren eingeführt werden mussten, die das Münster-Polizeibiotop künftig bevölkern sollen und daher auch die Nebenrollen weit ausgebaut wurden, ist hier genau das Gegenteil der Fall. Die Einführung ist erledigt, die Show gehört den beiden ungleichen Partnern. Vor allem Dr. Karl Friedrich Boerne. Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) hat vergleichsweise viele Szenen und kommt als erfolgsorientiert, formal und opportunistisch gleichermaßen rüber.

Eine Karriere-Juristin eben, trotz ihrer rauen Art. Nach den schnellen Anfangserfolgen, nachdem der erste Mord schon nach zehn Minuten gelöst und Professor Dreiden aufgrund von (allerdings nicht sehr starker) Indizien überführt schien, lobt sie Thiel in den Himmel, als die Sache komplizierter wird, weil Boerne sich nicht zufriedengibt, wird sie zickig – und am Ende ist Thiel wieder bei ihr obenauf: „Gut, dass Sie nach Münster gekommen sind.“

Schön aber, wie Boerne sich zurückhält und auf Team macht, als sie die beiden fragt, wer den Fall denn nun gelöst hat. Natürlich war es letztlich Boerne. Im Grunde hat er sich selbst etablier und man müsste ihn für die kommenden Folgen zum Kommissar ehrenhalber befördern. Das wäre aber schlecht für Thiel, also geht es später so weiter, als ob es die überragene Spürnase von Boerne in 517 nicht gegeben hätte und er muss sich bis heute, beinahe zehn Jahre später, immer wieder dafür rechtfertigen, dass er selbst ermittelt. Das gehört aber zur Serienlogik und die weicht hin und wieder von der Wahrnehmung im realen Leben ab.

Sehr wenig kommen neben Vater Thiel (der hier noch nicht Vaddern genannt wird) auch Alberich (Christine Ursprung) und die Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) zu Wort, das wird sich, vor allem Alberich betreffend, in kommenden Folgen ändern.

IV. Fazit

„Fakten, Fakten“ ist ein schöner, harmonischer Tatort, beinahe old-fashioned, wären da nicht die Abenteuer und die ritterliche Freundestreue des persönlich involvierten Dr. Boerne. Man merkt auch nach etwa acht oder neun gesehenen Münster-Tatorten und vier Münster-Rezensionen, dass er immer die Verdächtigen persönlich kennt, weil aus seiner gesellschaftlichen Schicht und, wie er, alteingesessene Münsteraner. Das ist nicht etwa unrealistisch in dem Sinn, dass man hier abgedriftet wäre. Nein, das ist genau konzipiert und man darf man einfach nicht ernst nehmen –  es ist gewollt, ein running gag über alle Folgen hinweg. Nimmt man es mit so viel Humor, wie die Figur Boerne selbst die Welt mit Humor nimmt, dann hat man den vollen Spaß und kann genießen, wie all diese Bekannten von Boerne entzaubert werden – oder auch mal nicht so ganz, wie in 517, der es sich leistet, damit gegen Teile der Lex Tatort Münster zu verstoßen.

Zudem ist es einen Art Wohlfühl-Tatort, wegen der herrlichen Erklärungen der Kriminalarbeit und obwohl die hübsche Juliane von ihrem echt fiesen Exmann umgebracht wird. Dass man so ein gutes Bauchgefühl hat, liegt an der formidablen emotionalen Interaktion zwischen Thiel und Boerne und – an dem kleinen Max, den man einfach als Kinderfigur ins Herz schließen muss.

8,5/10

Vorschau 2011

So schön aufgereiht sieht man sie selten, die Staatsanwältin Klemm, Alberich, Boerne und Thiel – wie im Angesicht dieser Leiche auf Boernes Tisch in der Pathologie.

Fakten, Fakten, Fakten! ist der zweite Münster-Tatort mit Thiel und Boerne, kurz nach dem ersten gezeigt (Der dunkle Fleck).
Auf die Nr. 2 oder 517, wie man will, freuen wir uns wieder besonders, und das aus mehreren Gründen.
Er wird derzeit unter den 10 % besten Tatorten aller Zeiten gelistet.
Er schließt sich zeitlich an 511, den ersten Thiel / Boerne an, den wir schon rezensiert haben, so dass wir die Münster-Chronologie von alt nach neu langsam auffüllen können (zu 543 gibt es ebenfalls hier eine Rezension).
Er ist einer der wenigen Thiel / Boerne-Tatorte, die wir noch nicht gesehen haben. Also eine Premiere.

Gezeigt wird er am 24.05.2011, 20:15 Uhr auf SW3.

Generell bleibt es dabei: Keine Vorschauen für Wiederholungen von Tatort-Krimis. Aber ein wenig opportunistisch sind wir natürlich auch. Bei dem Team, das zuletzt wieder beinahe 12 Millionen Zuschauer auf sich zog (Tatort 799, Herrenabend), machen wir auf jeden Fall mal eine Ausnahme. Zudem bei Klassikern. Und wenn besonders hoch bewertete Tatorte wiederholt werden. Also doch hin und wieder mal wieder.

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Professor Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Silke Haller („Alberich“) – ChrisTine Urspruch
Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Agatha Dreiden – April Hailer
Felix Kraft – Michael Schiller
Großmutter Kraft – Gudrun Ritter
Großmutter Retzlaff – Gertrud Roll
Bernd Bulle – Oliver Bokern
Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Juliane Kraft – Vasiliki Roussi
Professor Bernhard Dreiden – Oliver Stritzel

Regie – Susanne Zanke
Kamera – Tamas Ujlaki
Buch – Wolfgang Panzer
Musik – Rainer Michel

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