Hauch des Todes – Tatort 768 #Crimetime 524 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #Tod #Hauch

Crimetime 524 - Titelfoto SWR, Krause-Burberg

Lenas großes Jubiläum unter Wasser

Ganz so spektakulär wie die James-Bond-Filme ist „Hauch des Todes“ nicht. Dies nur als Anmerkung, weil einer von ihnen dem Tatort 768 seinen Titel verliehen hat (ex Artikel vor „Hauch“): Auf seltsame Weise aufgehängt wird am Rheinhafen Ludwigshafen die Leiche einer Opernsängerin gefunden und löst eine ganze Reihe von rückwärts gewendeten Ermittlungen aus, in die Polizistinnen aus Nachbarstädten, Katzen und Lena selbst ganz schön verwickelt werden. Ob daraus ein guter Tatort wurde, verraten wir in der -> Rezension.

Handlung

Eine junge Frau liegt tot am Hafen, vergewaltigt und erstickt. Kopper erinnert sich an einen ähnlichen Fall in Mannheim. Aufgrund dieses Hinweises findet Lena weitere ungeklärte Mord in Mannheim und Ludwigshafen. Sind die Kommissare einem Serienmörder auf der Spur, der es auf selbstbewusste, sportliche Frauen abgesehen hat?

Bei ihren Ermittlungen stoßen Lena Odenthal und Mario Kopper auf ein Schiff, das sich jeweils zur Tatzeit im entsprechenden Hafen aufgehalten hat, auf ihm arbeitet Mirko Klingspohn, vorbestraft wegen Vergewaltigung. Aber Lena zweifelt: Kann es sein, dass der gesuchte Mörder so kalkuliert handelt, dass er Klingspohn als „Bauernopfer“ eingeplant hat?

Die Einbrüche in die Wohnungen der Opfer ergeben ansonsten keinen Sinn. Als Lena erkennt, dass sie genau in das Opferprofil passt, bietet sie sich als Lockvogel an.

Plusnullminus

Plus

  • Für Ludwigshafener Verhältnisse schnell, modern und kameratechnisch anspruchsvoll gefilmt. Gegenschnitte, rasche Schnittfolgen ohne Patzer, immer gleiche Unterwasserbilder, offensichtlich vom Rheinboden, effektvolle Kameraeinstellungen auch beim Draufhalten auf Figuren, die sehr suggestiv sind und besonders auf einem etwas größeren Bildschirm ihre Wirkung nicht verfehlen.
  • Team Lena und Mario. In ihrem Jubiläumsfall wirkt Lena Odenthal straight, Mario Kopper stark, wenn auch auf eine etwas unglaubwürdige Weise in eine aufgewärmte Liebesgeschichte mit einer Mannheimer Kollegin mit steifer Oberlippe verwickelt.
  • Kriminaltechniker Becker bekommt vergleichsweise viel Spielzeit und nutzt sie zu einer Darstellung mit Witz und Schlagfertigkeit und ist damit dialogtechnisch an der Spitze dieses Films. In abgeschwächter Form gilt Gleiches für Assistentin Keller.
  • Gute Täterfigur mit einem Schuss Persiflage (Täter zu Lena, als sie ihm seinen Mutterkomplex entgegenschleudert: „Küchenpsychologie“). Das leicht Satirische ist schon in den Anspielungen auf „Das Schweigen der Lämmer“ und natürlich „Psycho“ zu erkennen. Optiert man auf Persiflage, hat man nicht das Problem, den Täter und sein Handeln als zu wenig erklärt und zu oberflächlich monieren zu müssen und kann diese schrägspießige Figur genießen.
  • Bleibt man in diesem Schema ist die Theatralik mit Brahms und der Oper und den überzeichneten Figuren, die in den ersten und letzten Minuten auftauchen, stimmig.

Neutal

  • Vom Whodunnit bewusst Richtung Howcatchem (besser: Wer fängt wen?) und damit Richtung Thriller gedreht. Spannend ist dieser Tatort sehr wohl und vor allem mehr als viele der noch neueren Odenthal-Filme.

Minus

  • Mächtiges Logikloch am Ende, tiefer als der Rhein: Wenn der von Lena endlich als solcher vermutete und dem Publikum längst als solcher bekanntgemachte Täter doch gemäß Lenas Anweisungen ständig observiert wird, hätte auffallen müssen, dass er Lena in seine Gewalt bringt und man hätte sofort handeln können. So wurde das Ende künstlich gedehnt und schmerzhaft für Lena. Irgendwie hat sie das allerdings verdient, weil sie wieder mal absichtlich und allein in die Höhle des Psychopathen rennt. Ist das mutig? Ist das sinnvoll? Vermutlich ähnlich sinnvoll, wie einem davonschießenden Motorboot hinterher zu springen (es sei denn, man nimmt es als missglückte Übung für die kommenden Unterwasserszenen, in denen sie nämlich gar nicht im Wasser ist).
  • Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund als Beamte rennen zu Dutzenden kreuz und quer durch die imaginäre Ludwigshafener Polizeidienststelle, dazu mit Ring oder Clip im Ohr – doppelte PC auf die besonders unrealistische Art. Wäre ja schön, aber so weit ist die Integration noch nicht einmal in Berlin. Falls das satirisch sein sollte: Nein.
  • Anspielung auf James Bonds Abenteuer „Der Hauch des Todes“. Im Gegensatz zu den Zitaten, die wir als satirisch gewertet haben, wirkt der an den 007-Film angelehnte Titel (vorsichtshalber ohne das erste Wort) gar nichts, weil er in Bezug zu diesem Film nicht ironisch, sondern nichtssagend wirkt.

Rezension

„Du bist meiner Mutter nicht nur ähnlich – du bist es.“

Schon in diesen Satz muss jedem klar werden, dass der Film die Vorbilder, die er zitiert, nicht wirklich ernst nimmt. Obwohl Lena Odenthal bzw. Ulrike Folkerts fast die Mutter von Daniel Tretschok alias Lars Eidinger sein könnte, ist das natürlich ein Gag, der auf die allzu simple Psychologie in „Psycho“ anspielt und sie noch einmal pointiert vereinfacht. Auch, dass dieser Tretschok genau nach dem Tod der Mutter anfängt, Frauen zu ermorden, die irgendwie in ihre Richtung tendieren, sei es optisch oder charakterlich oder durch ihre Interessen, ist so linear, dass es schon wieder witzig wirkt, wie hier absichtlich der Täter als Psychopathen-Klischeefigur dargestellt wird – und nicht etwa als komplexer und düsterer Charakter wie in „Das Schweigen der Lämmer“, an den sich „Hauch des Todes“ ebenfalls bezüglich der Handlung und des Tätercharakters gemütlich anlehnt und sogar das Symbolbild des sich entpuppenden Falters aufgreift und am Ende verwendet. Ansonsten gibt es nur Würmer.

Eine recht intelligente Art, sich über Filme lustig zu machen, die zu den Klassikern der Kinogeschichte zählen, aber es ist natürlich Ansichtssache, ob man das, was man sieht, so interpretiert. Tut man das nicht, kommt man ganz schnell bei einer sehr schwachen Bewertung des Odenthal-Jubiläumsfilms heraus, weil man dann nur feststellen kann, dass hier eine ungewollte Psychopathen-Karikatur geliefert wurde, nicht etwa ein stimmiges Täterprofil.

Soll man sich unabhängig von der Interpretation vom lässigen Umgang des Films mit Kindheitstraumata ärgern? Die Ironie, wenn wir bei dieser Auslegung bleiben, bezieht sich nämlich nicht nur auf die Vorbildfilme an sich, sondern konsequenterweise auch auf die psychologischen Modelle, mit denen diese operieren. Wir lassen das alles mal so stehen und verlangen nicht nach einer fundierten Studie zum Thema Triebtäter.

Es gibt nämlich in Wirklichkeit nicht so viele Serienmörder, die gestrickt sind wie der Herr Tretschok. Schon aus dieser Tatsache der ungeklärten drei oder vier Frauenmorde in Mannheim und Ludwigshafen wird klar, dass hier übertrieben wird. So viele in dieses Schema passende Morde hat es in beiden Städten sicher nicht im Ganzen gegeben und schon gar nicht in wenigen Jahren, und alle wurden nicht aufgeklärt. Zwar werden zwecks Authentizitätsvermutungssteigerung andere Serienmörder erwähnt, aber das Augenzwinkern bleibt doch. Deswegen kann man auch so schön damit spielen, wie der Täter sein Muster ändert und wie Lena und Mario  sich so wunderbar in das alles hineinphilosophieren und Lena dann doch ewig braucht, bis sie dahinter kommt, dass der Schiffsdisponent Tretschok einen hervorragenden Serienmörder abgeben könnte.

Beeindruckend aber, wie Lars Eidinger, den wir in „Was bleibt“ gesehen haben, diesen Typ spielt. So durchsichtig und so fies. Erst, als er Lena mit Psychosprech provoziert hat, wussten wir, warum uns der Mensch tatsächlich involviert und wir ihn hassen. Weil er so lange ohnmächtig war, lässt er andere nun ohnmächtig sein. Vielleicht hat der Impact auch damit zu tun, dass wir jemanden kennen, dem wir als einzigen Menschen in unserem weiteren Umfeld ein Kapitalverbrechen zutrauen – und derjenige ist genauso manipulativ und hat auch noch eine verblüffende optische Ähnlichkeit mit Eidinger / Tretschok. Hinzu kommt, wenn wir darüber nachdenken, dass wir wissen, dass es eine seltsam, ja bedenklich enge Beziehung dieses erwachsenen Mannes zu seiner Mutter gibt, die andere Beziehungen weitgehend ausschließt. Wir werden auf uns aufpassen, obwohl gemäß Schema ja eher Frauen als potenzielle Opfer in Frage kommen.

Dieser Einbruch der Wirklichkeit in eine ziemlich hanebüchene Fiktion hat sicher dazu beigetragen, dass uns dieser Tatort etwas gesagt hat und wegen dieses Vergleichs einer realen Persönlichkeit mit dem Täter sind wir der Ansicht, dass dieser Typ gar nicht erklärt und zu sehr hinterleuchtet werden muss, weil er so hervorragend knapp und meisterhaft gespielt ist, dass man die gestörte Persönlichkeit sofort erkennt – allerdings ist Voraussetzung dafür vermutlich doch, dass man diesen Vergleich ziehen kann. Wer das nicht kann, dem erschließt sich die Leistung, die in dieser knappen Darstellung liegt, möglicherweise nicht gänzlich.

Finale

Für uns ist „Hauch des Todes“ trotz einiger Schwächen ein guter Odenthal-Fall mit Tempo, hintergründigem Witz, einer sehr guten Bilderwelt und damit einer der besten der jüngeren LU-FO-Geschichte. Allerdings unter der Prämisse, dass man Vieles, was uns, insbesondere die Täterfigur betreffend, gezeigt wird, als satirisch gemeint versteht. Tut man das nicht und nimmt alles ernst, ist allerdings viel zu bemängeln. Wir können daher nachvollziehen, dass viele Tatort-Fans die Nummer 768 nicht sehr hoch einschätzen. Einige Abzüge haben wir  trotz unserer dem Film freundlich gesonnenen Deutungsprämisse ebenfalls zu vermelden, und die führen letztlich dazu, dass wir Lena Odenthals großen Jubiläumsfall nicht zu den Top-Tatorten rechnen, denen wir bisher 8,5/10 oder gar 9/10 gegeben haben. Also: 8/10.

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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