Mit ruhiger Hand – Tatort 739 #Crimetime 525 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #Hand #ruhig

Crimetime 525 - Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

Ruhige Hand, tote Seele

Es gibt in diesem Tatort kein Entrinnen vor dem Thema Trunksucht. Oft haben wir die Möglichkeit, uns in den Seelen der Ermittler einzunisten und in ihnen, die so stabil und gefestigt wirken, gegen die böse Welt des Verbrechens geschützt zu sein. Doch wenn es kein Verbrechen, sondern nur Verlierer in einem Familiendrama gibt und wenn man uns nicht auslässt, weil man auch den sympathischen Max Ballauf an der Grenze zum Trinker darstellt, wohin sollen wir schauen, wo es uns gemütlich machen? Worauf wir geschaut haben, darüber berichten wir in der -> Rezension.

Man kann alles abwehren, indem man auf Distanz zum Film geht und zum Beispiel seine mangelnde Spannung, die Abwesenheit von aktionsreichen Handlungselementen bemängelt. Doch das wäre gegenüber einem ernsten Tatort wie diesem nicht gerecht. Er ist fantastisch gespielt, besonders von Roeland Wiesnekker, der den cognacverliebten Chirurgen Dr. Gann darstellt. Wir haben uns gefragt, wie man sein muss, welche darstellerische Mentalität dazu gehört, um eine Rolle zu bewältigen, die den völligen Verzicht auf Eitelkeit erfordert. In Deutschland, und da hat das manchmal nervend Unamerikanische sein Gutes, gibt es aber gute Schauspieler, die das können und ihre individuellen Gesichter für derlei Figuren zur Verfügung stellen.

Hinter dieser starken dramatischen Leistung als Dr. Gann wollte Klaus J. Behrendt als Max Ballauf nicht zurückstehen. Allerdings ist er auch Polizist und muss ermitteln, daher kann die Konsequenz nicht die Gleiche sein, schließlich müsste man ihn sonst aus dem Verkehr ziehen. Das geht bei einer Serien-Hauptfigur nicht. Man stelle sich vor, ein Kommissar wird zwecks Einsatz eines neuen Teams herausgeschrieben, weil er sich dem Suff ergeben hat. Das geht bis heute nicht, obwohl so viele Tabus gefallen sind (1)

Wenngleich Ballauf als Typ in diesem Film – und nicht nur in diesem – manchmal ein wenig jungenhaft-kindisch-unreflektierte Züge trägt, wirkt auch sein Spiel beinahe erschreckend glaubhaft. Für uns bildet sich dieser Eindruck allerdings nicht nur aus dem Tatort 739, sondern aus vielen anderen mit ihm. Das ist eine Gesamtschau: Der Einsame, der Familien verliert, der die große Liebe danach durch einen Mord verliert, der unbehaust wirkt, aber gerade in „Mit ruhiger Hand“ umzieht, vermutlich in eine für ihn stabilisierend wirkende Wohnsituation, der sich hier wieder annähert an eine hübsche und verständnisvolle Frau und wir doch schon wissen, das wird nichts Dauerhaftes, bei dieser Passionsfigur unter den Tatortkommissaren.

Es liegt nah und ist geschickt gemacht, obwohl es andererseits hineingeschrieben wirkt, denn bisher hat ihn dieses Thema nicht begleitet.  Doch da ist etwas Richtiges und Wichtiges drin, ebenso wie in der Arztfamilie, in der die Frau und Mutter, die sich dem Teufelskreis nicht mehr aussetzen will und sich eigene, altruistische Ziele setzt, zu Tode kommt.

Wir folgen mit der Veröffentlichung der Spur der Kölner Tatorte weiter, die wir nach längerer Pause wieder mit der Premiere von Franziska aufgenommen haben und die uns zuletzt zu „Die Frau im Zug“ aus einer früheren Phase der aktuellen Köln-Kommissre geführt hat.

Handlung

Als Prof. Julius Gann und seine Frau von einer Charity-Gala nach Hause kommen, werden sie in ihrer Villa überfallen und niedergestochen. Ihr Sohn Jonas ist überraschend gleichgültig. Was verheimlicht er vor den Kommissaren Ballauf und Schenk?

Die Einstichwunde ist tief: Prof. Julius Gann hat viel Blut verloren. Als er und seine Frau von einer Charity-Gala nach Hause gekommen waren, hatte sie ein Unbekannter in der Villa überfallen und niedergestochen. Während für Carmen Gann jede Hilfe zu spät kam, wird Prof. Gann jetzt in seiner eigenen Privatklinik behandelt – und selbst in dieser Situation bleibt er der Chef. Bereitwillig folgen Dr. Wolf und die Krankenschwester Sylvia Keller seinen resoluten Anweisungen.

Auch daheim gab Prof. Gann offensichtlich den Ton an. Überraschend gleichgültig nimmt sein Sohn Jonas den Überfall auf seine Eltern zur Kenntnis. Was verheimlicht der Jugendliche vor den Kommissaren Ballauf und Schenk? Offensichtlich war zur Tatzeit nicht nur sein Vater, sondern auch er selber stark alkoholisiert. Wurde der Raubmord nur vorgetäuscht?

Dringend tatverdächtig ist auch Stefan Koschinski. Seine Frau war bei einer von Prof. Gann durchgeführten Operation gestorben – er verklagte den Klinikchef. Doch die Klage wurde abgewiesen. Einen treuen Partner weiß Prof. Gann in Thomas Bernstein, mit dem er die Klinik schon seit vielen Jahren zusammen leitet. Was er nicht weiß: Bernstein will seine Anteile an Prof. Ganns Lebenswerk verkaufen.

Rezension

Man kann alles abwehren, indem man auf Distanz zum Film geht und zum Beispiel seine mangelnde Spannung, die Abwesenheit von aktionsreichen Handlungselementen bemängelt. Doch das wäre gegenüber einem ernsten Tatort wie diesem nicht gerecht. Er ist fantastisch gespielt, besonders von Roeland Wiesnekker, der den cognacverliebten Chirurgen Dr. Gann darstellt. Wir haben uns gefragt, wie man sein muss, welche darstellerische Mentalität dazu gehört, um eine Rolle zu bewältigen, die den völligen Verzicht auf Eitelkeit erfordert. In Deutschland, und da hat das manchmal nervend Unamerikanische sein Gutes, gibt es aber gute Schauspieler, die das können und ihre individuellen Gesichter für derlei Figuren zur Verfügung stellen.

Hinter dieser starken dramatischen Leistung als Dr. Gann wollte Klaus J. Behrendt als Max Ballauf nicht zurückstehen. Allerdings ist er auch Polizist und muss ermitteln, daher kann die Konsequenz nicht die Gleiche sein, schließlich müsste man ihn sonst aus dem Verkehr ziehen. Das geht bei einer Serien-Hauptfigur nicht. Man stelle sich vor, ein Kommissar wird zwecks Einsatz eines neuen Teams herausgeschrieben, weil er sich dem Suff ergeben hat. Das geht bis heute nicht, obwohl so viele Tabus gefallen sind (1)

Wenngleich Ballauf als Typ in diesem Film – und nicht nur in diesem – manchmal ein wenig jungenhaft-kindisch-unreflektierte Züge trägt, wirkt auch sein Spiel beinahe erschreckend glaubhaft. Für uns bildet sich dieser Eindruck allerdings nicht nur aus dem Tatort 739, sondern aus vielen anderen mit ihm. Das ist eine Gesamtschau: Der Einsame, der Familien verliert, der die große Liebe danach durch einen Mord verliert, der unbehaust wirkt, aber gerade in „Mit ruhiger Hand“ umzieht, vermutlich in eine für ihn stabilisierend wirkende Wohnsituation, der sich hier wieder annähert an eine hübsche und verständnisvolle Frau und wir doch schon wissen, das wird nichts Dauerhaftes, bei dieser Passionsfigur unter den Tatortkommissaren.

Es liegt nah und ist geschickt gemacht, obwohl es andererseits hineingeschrieben wirkt, denn bisher hat ihn dieses Thema nicht begleitet.  Doch da ist etwas Richtiges und Wichtiges drin, ebenso wie in der Arztfamilie, in der die Frau und Mutter, die sich dem Teufelskreis nicht mehr aussetzen will und sich eigene, altruistische Ziele setzt, zu Tode kommt.

Wir folgen mit der Veröffentlichung der Spur der Kölner Tatorte weiter, die wir nach längerer Pause wieder mit der Premiere von Franziska aufgenommen haben und die uns zuletzt zu „Die Frau im Zug“ aus einer früheren Phase der aktuellen Köln-Kommissre geführt hat.

In manchen Tatorten sterben Menschen klanglos und diejenigen, die sie umbringen, sind bereits tot. Sie haben schon alles verloren, was das Leben schön und reich macht. Wenn die Gitter vor den Fenstern der Villa Gann weiß getüncht sind, dann sind sie umso sichtbarer. Ein interessanter Flachbau aus den 1960ern, immer instand gehalten und dann und wann renoviert.

Der Wohlstand der Ärzte ist weniger als der anderer Berufe auf der Ausbeutung Dritter aufgebaut, zumindest, wenn es sich um Klinikchirurgen handelt und selbst dann, wenn sie sich ein eigenes, privates Reich geschaffen haben, in dem vielleicht nur oder überwiegend Privatpatienten behandelt werden.

Ausnahmen sind Notfälle. Dass diese Notfälle einem Berufsfanatiker ausgeliefert sein könnten, der längst Alkoholiker und außer Kontrolle ist, lässt das ohnehin vorhandene Gefühl der Weltunsicherheit wachsen und wir werden dabei so unruhig wie die ständig sich bewegende Kamera in diesem Film, die mit dem präzisen und  bewusst langsamen Erzählstil auf den ersten Blick keine Einheit zu bilden scheint. Dass man damit aber andeuten wollte, dass die Menschen hier auf schwankendem Grund stehen, wiewohl sich ihr Drama mit eiserner Konsequenz, linear und ohne Tricks und billige Effekte vollzieht, ist anzunehmen.

Ärzte sind sehr speziell, das ist auch unsere Wahrnehmung in der Wirklichkeit. Sie sind überdurchschnittlich ernst und die Mission ist ihnen heilig. Besser, als wenn wir Scharlatanen ausgeliefert wären. Aber das Selbstbild und der gerade bei Chirurgen einleuchtende Zwang zur Perfektion können zu einer überhöhten Sichtweise führen und nicht selten werden auch Menschen Medizin studieren, die ein solches Verständnis von sich und ihrer Aufgabe schon mitbringen. Schließlich muss man ja schon ein Musterschüler gewesen sein, um ohne Umweg einen Studienplatz in diesem Bereich zu erhalten.

Da kann es Momente im Leben geben, in denen Disposition oder Entwicklung dazu führen, dass eine ohnehin immer sehr fest angezogene Schraube das Gewinde sprengt.

Persönliches. Es gibt für beinahe jeden Seelenmoment den richtigen Tatort, deswegen ist es manchmal von Nachteil, dass wir die Premieren aus Aktualitätsgründen immer schon Sonntagsabends, spätestens aber Montagsabends rezensieren, dadurch sind wir im wörtlichen Sinn festgeschrieben auf eine unter Zeitdruck zu referierende und manchmal gegen die Stimmung laufende Inszenierung. Bei den Wiederholungen können wir aber mit ruhiger Hand arbeiten, zumal in einem Fall wie diesem, den wir schon einmal gesehen haben und von dem wir daher wissen, wann sich das nochmalige Anschauen zwecks Rezension anbietet.

Das deprimierende Trinkerdrama um einen Chirurgen, seinen Sohn, seine Frau und den Kriminalhauptkommissar Max Ballauf ist mehr Fallstudie zum Thema Alkoholismus als Kriminalfilm, und doch ist daraus kein schlechter Tatort geworden. Nicht, dass das Thema neu wäre, vor allem in diesen Zeiten, die insgesamt etwas Lethargisch-Deprimierendes haben, passt es eigentlich sehr gut und wenig später wurde es auch in Leipzig („Schön ist anders“, Rezension) gut umgesetzt.

Heute kann jeder verstehen, wie es passiert, dass Menschen von der Flasche abhängig werden. Aus Protest und bedenkenlosem Umgang mit sich selbst, verführt durch oder beeinflusst von schlechten Vorbilder bildet sich die junge Generation Komasäufer heraus, die Vorbilder saufen wegen ihrer Leistungsdämonen oder ihrer Einsamkeit oder aus beiden Gründen zusammen, wie Dr. Gann.

Außerdem muss es nicht der Alkohol sein. Wir bilden uns gar nichts darauf ein, dass wir eine tiefe Apathie gegen zu viel trinken und den damit verbundenen Kontrollverlust und wohl auch kein entsprechendes Gen haben (falls es ein solches gibt). Jeder hat andere Wege, die schwierigen Momente zu bewältigen oder mit ihnen umzugehen oder dem Druck, wenn er zu groß wird, auszuweichen. Wohl dem, der sich beim Schreiben von der eigenen Welt entspannen und dabei die Seele auf eine Reise in die Welt anderer schicken kann.

Nach Tatorten wie der Nummer 739 ist es an der Zeit, diesen persönlichen Satz an den Großen Weisen zu schicken, dass er uns etwas gegeben hat, das nie komplette Leere aufkommen lässt und auf diese Weise den Gebrauch von Drogen, sich festfressende Depressionen und was es sonst noch in dieser insgesamt nicht sehr gesunden Gesellschaft als Ventile gibt, nicht zulässt. Das funktioniert aber auch deswegen, weil wir bei dieser Tätigkeit keinen kommerziellen Druck haben, sondern ein Hobby ausüben. So können Alleinabende sich zu schriftlichem Nachdenken verdichten, anstatt einsame Rennen gegen die  Zeit zu werden.  Dann holt man aus dem Archiv oder von der Festplatte einen Tatort wie „Mit ruhiger Hand“, dem man sich bei anderer, eher extrovertierter Stimmung, nach einem Abend mit Freunden oder in Anwesenheit einer Partnerin nicht widmen würde.

Fazit

Ein klassischer, sauber auf Logik geschriebener Krimi ist „Mit ruhiger Hand“ nicht, das hat er aber mit vielen Tatorten gemeinsam. Die Serie ist mittlerweile ein sehr großes Gefäß, in das sperrige Themen ebenso hineinpassen wie die Bühnen für die große Oper oder die Manegen, in denen sich Clowns tummeln und Sensationen dargeboten werden.

Bei der Punktevergabe waren wir uns zwischenzeitlich ein wenig unschlüssig – aber wenn man dem Film das belässt, was er sein will, nämlich eine ambitionierte Studie im Tatortgewand, wenn man ihm nicht mit Gewalt überhäufen mag, dass er auch noch ein mitreißender Fall sein muss und damit genau in dieses übersteigerte Perfektionsdenken verfiele  wie die Figur des Dr. Gann, dann kann man mit ruhigem Gewissen 8/10 und damit gut über dem Durchschnitt werten. Es gibt in „Mit ruhiger Hand“ nichts Schlechtes oder Falsches, allenfalls über die Akzentuierung aufs menschliche Elend kann man streiten. Am Ende gibt es einen Hoffnungsschimmer für die junge Generation, und das ist gut so.

(1) Nachtrag am 18.01.2014: Es geht doch, wie wir an Frank Steiers „Der Pinguin“ sehen, dem allerdings noch ein weiterer Allein-Tatort aus Frankfurt mit Joachim Król als trinkendem Kommissar folgen wird, bevor die Nachfolger ihren Dienst antreten.

© 2019, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Staatsanwalt von Prinz – Christian Tasche
Prof. Julius Gann – Roeland Wiesnekker
Sylvia Keller – Maria Simon
Dr. Wolf – Fabian Hinrichs
Stefan Koschinski – Robert Gallinowski
Marija Endreescu – Kathrin Wehlisch
Jonas Gann – Vincent Redetzki
Thomas Bernstein – Bernhard Schütz
Lydia Rosenberg – Juliane Köhler
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
u.a.

Drehbuch – Jürgen Werner
Regie – Maris Pfeiffer
Schnitt – Dora Vajda
Musik – Jörg Lemberg

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