Mitgehangen – Tatort 1052 #Crimetime 526 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Mitgehangen

Crimetime 526 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Der Baggersee als Symbol des Untergangs

+++ Tauchübung im Baggersee: Feuerwehr entdeckt versenkten PKW. Im Kofferraum: eine Leiche. +++ Der Ermordete war Teilhaber eines Reifenhandels und bestens vernetzt in der Autotuning-Szene. +++ Unter Verdacht: sein Geschäftspartner, ein junger Familienvater. +++

Mehr in der Rezension!

Handlung

Ein Auto, versenkt in einem Kölner Baggersee – mit einer Leiche im Kofferraum: Die Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk ermitteln. Schnell ist die Identität des Mordopfers geklärt. Es handelt sich um den jungen Autonarr und Verkehrsrowdy Florin Baciu. Kürzlich war er als Teilhaber in die Reifenhandels-Firma von Matthes Grevel eingestiegen. Dem ehemals beschaulichen Familienbetrieb bescherte er deutlich höhere Umsätze – dank bester Kontakte zur „Raser-Szene“.

Bei den Kollegen beliebt war er deshalb nicht: Dass es bei seinen Geschäften nicht immer ganz legal zuging, gilt als offenes Geheimnis. Da macht die Spurensicherung eine wichtige Entdeckung: Baciu ist offensichtlich in der eigenen Montagehalle erschossen worden. Der Familienvater Matthes Grevel gerät ins Visier der Kommissare.

Rezension

Die Kölner haben mit dem Tatort 1052 zwar kein Jubiläum, aber lösen bereits ihren 70. Fall. Nachdem ich letzte Woche festgestellt hatte, dass der Abgang des Bremer Teams Lürsen / Stedefreund trotz eines guten Falls („Im toten Winkel“) kein riesiges emotionales Loch aufreißen wird, weiß ich schon lange, bei den Kölnern wäre das anders. Deswegen ängstigt es mich ein wenig, in welchem Tempo Ballauf und Schenk altern – vor allem legt Freddy in letzter Zeit ziemlich nach, Max wirkt eh älter, als sein Darsteller Klaus J. Behrendt tatsächlich ist. Kein Wunder, dass die Schwimmzeiten von einst da in weiter Ferne liegen. Ein bisschen kenne ich das, weil ich in ebenjenes Schwimmen nach einer Pause auch wieder eingestiegen bin, da war ich aber auch beim Wiedereinstieg wesentlich jünger und mit dem Stil, den Ballauf schwimmt, inklusive Qualität des Startsprungs, wird er die 5:58 auf 500 nicht mehr schaffen. Schon deshalb nicht, weil 500 Meter normalerweise nicht wettkampfmäßig geschwommen werden, die Staffelung lautet 50, 100. 200, 400, 800, 1500 Meter. Egal? Mal sehen, ob das Drehbuch insgesamt eher lässig geschrieben ist.

Es gibt sicher einige Fragen, die nicht beantwortet werden können, zum Beispiel die unsinnig kurze Telefonierzeit für den Verdächtigen Grevel in der U-Haft und die Ermittlungen werden auch immer praktischer, weil Familienangehörige des Täters die wichtigen Hinweise liefern, anstatt dass die Polizei observiert. Nachdem die moderne Technik eine Zeitlang für Schwierigkeiten gesorgt hat, weil man zum Beispiel immer umständlich erklären musste, warum man gerade mal wieder trotz dieser Technik von der Welt abgeschnitten war und ohne dieses abgeschnitten sein ja keine Spannung in dr Einöde aufkommen könnte, ist man nun endlich versöhnt. Alles Wichtige findet sich auf irgendwelchen Datenspeichern, Fetischfotos, Dashcams und Amateurvideos frisch vom Handy.

Bahn frei also fürs Wesentliche? Das Wesentlich ist in diesem Film das Familiendrama der Grevels, das wurde sehr deutlich in den Vordergrund gerückt, schon beim Dreh hatte Regisseur Sebastian Ko darauf hingewiesen: Was passiert in der U-Haft, was macht es mit der Familie, das sollte im Zentrum des Films stehen und das tut es. Und ist es spannend, wo doch die Ermittlungen selbst so dezent verlaufen? Es ist spannend, wenn man ein Familiendrama eben spannend findet, denn das Drama selbst ist schon gut inszeniert. Stellenweise emotional etwas überzeichnet und der Regisseur hat die unangenehme Eigenschaft, die Darsteller auf eine Weise zu fordern, dass man ihre Qualitäten und Grenzen so deutlich sieht, sodass man abgestufte Noten vergeben kann. Allerdings kann ja nicht jeder Regisseur mit jedem Schauspieler gleich gut und ein bisschen kommt es gerade bei den Kommissaren auch darauf an, wie ihre Rolle im jeweiligen Film variiert wird. Beispielsweise in „Mitgehangen“ so, dass Max Ballauf dieses Mal den Unnachgiebigeren und Dickfelligeren der beiden Cops spielt, weil keine Familie.

Das erklärt alles. Nicht für ihn selbst, er versteht nicht, warum Freddy ihn deshalb angeht, aber das Drehbuch kennt keine Gnade und deshalb muss Klaus J. Behrendt ziemlich gegen den Strich spielen und Dietmar Bär, der die größere Varianz hat, kommt interessanterweise ähnlich dabei weg. Aber nun doch nicht mit exakten Punktezahlen, ich fand beide dieses Mal gut, aber nicht überragend, Bär einen Tick mehr in seiner Mitte. Bei den Episodendarstellern stechen die Frauen heraus, besonders Lavinia Wilson als Katrin Grevel. Keine einfache Figur, aber gerade in dieser Zerrissenheit in einem mehr als stressigen Alltag gut, wie überhaupt diese mittelständischen Unternehmer, die ja einem aussterbenden Typ angehören, glaubhaft wirken. Eine kleine Insel inmitten der Werkstattketten, die solche Betriebe dank ihrer größeren Einkaufsmacht an die Wand drücken, falls nicht ein Florin Dingsbums daherkommt und spezielle Kundschaft mitbringt, also von den Opa-Autos auf die getunten Kisten umstellt und daher rasch die Macht im Unternehmen übernehmen kann, zumal der eigentliche Eigentümer ein eher weicher und nervenschwacher Typ ist.

Achtung, ab hier Angaben zur Auflösung!

Der aber trotzdem den Mord am Regenmacher begeht. Damit kommen zwischenzeitlich wieder auf die Spannung zu sprechen. Dass am Ende alles ist, wie es von Beginn an wirkt, das sei nicht spannend, schrieben einige Tatortfans in einigen Foren. Das ist aber falsch gedacht, denn das kann man ja zwischenzeitlich nicht wissen, dass es so kommt – vorhersehbar ist es nämlich nicht, und Spannung lebt doch davon, dass man es eben nicht so leicht erahnen kann und wird nicht dadurch zerstört, dass am Ende das Ergebnis doch Max Ballaufs Riecher fürs Richtige spiegelt. Dadurch, dass er den Fall so schnell abschließen will, kommt allerdings ein großes Fragezeichen rein, denn er hat ja tatsächlich nichts in der Hand gegen den Werkstattbesitzer Grevel. Und ein Suizid ist ein Hinweis und wird hier als Schuldanerkenntnis gedeutet, aber was, wenn jemand die Spannung nicht mehr ausgehalten hat, dass er weg ist, seine Familie zerbricht oder infiltriert wird von einem Rivalen und er vielleicht auch noch jemanden decken will und dabei fiesen Polizeitricks ausgesetzt ist? Ja, einfach liegen die Dinge eben nicht, wenn es keine Beweise gibt, und das sollte die Staatsanwaltschaft auch so sehen. Vielleicht will die Staatsanwaltschaft auch mal in den Karnveal und ihre Ruhe haben, aber der Film spielt ja im April und wurde wohl auch im Frühjahr 2017 gedreht. Da ist Fastenzeit, da kann man sich auch in Köln mal auf den Job konzentrieren.

Das war eben irritierend. Dass Max Ballauf, der Nachdenkliche und Gründliche, so über die Sache drüberrutscht und offenbar gegenüber dem Tatverdächtigen eine persönliche Aversion entwickelt. Bei Max kann man sowas immer verstehen, wenn es zum Beispiel um Verbrechen gegen Kinder geht, aber ein Werkstattbesitzer, der seinen Teilhaber auf dem Gewissenhaben könnte, naja. Welche emotionalen Aktien sollte Max bei einer solchen vermuteten Konstellation besitzen? Und was verursacht seine harte Art der Verhörführung und der gesamten Vorgehensweise in diesem Fall, wo er doch sonst eher auf der Bremse steht, wenn Freddy den Fall als zu klar ansieht oder das Opferumfeld zu robust angeht. Und die Glaubwürdigkeit des Verhaltens, wie es vom Drehbuch vorgegeben wird und von der Inszenierung allenfalls akzentuiert oder in Maße korrigiert werden kann, wirkt sich eben immer auf das aus, was man den Darstellern an Authentizität zurechnet.

Denn sie sind ja für uns Familie, nach 70 Filmen, nicht etwa die Episodendarsteller, die hier so einen Cluster aufgebaut haben, wie er wohl ziemlich typisch ist für diese Form des handwerklichen Mittelstands, bei dem ich mich frage, wie er unter heutigen Bedingungen überhaupt noch funktionieren kann. Naja, etwa so wie beschrieben – und damit, auch wenn es nicht ausgesprochen wird, eben doch an die illegalen Wege dieser Welt angedockt. Nicht etwa durch eigene falsche Abrechnungen oder Schwarzarbeit, sondern, weil die Kunden aus Milieus stammen, deren Geldquellen zu hinterfragen vermutlich eine Sache fürs Wirtschaftsdezernat wäre. Auffällig übrigens in dem Zusammenhang, dass es wieder eine klare ethnische Zuschreibung bezüglich des Opfers gibt, das, so kann man Ende die Moral des Films zusammenfassen, seinen Tod als Erpresser vom Dienst, welcher er ist, auch verdient hat.  Diese ethnischen Verortungen kommen in letzter Zeit immer häufiger. Realität vor PoC?

Finale

„Mitgehangen“ ist im Prinzip der richtige Film für die Kölner und am Schluss wird die Frage aufgeworfen, wie es ist, wenn jemand als Polizist über Jahrzehnte nur mit negativen Dingen konfrontiert wird – und natürlich ist Max Ballauf der richtige Typ, um darüber nachzudenken. Der Stil ist interessant, sehr rhythmisch und einige Spannung resutiert aus diesem Stil, der ein sehr theaterhaftes Spiel der Darsteller ebenso umschließt wie eine sehr gute Schnitttechnik und musikalische Untermalung. Letztere erinnert ein wenig an ältere Tatortzeiten, in denen einzelne Instrumente im Jazzmodus Tristesse verbreiten – gerade Fans der Berlin-Tatorte mit Franz Markowitz als Kommissar werden sich vielleicht erinnern. Aber die Akzentuierung ist stärker und damit dem sonstigen Stil von „Mitgehangen“ entsprechend. Die Prämisse des Films ist in etwa, zu viel Druck auf einen Verdächtigen erzeugt Suizid in U-Haft, allerdings kann es auch mal den Täter treffen, der ist aber dann doch nicht die richtige Person, gefühlt, moralisch. Dass der vorhergehende Satz nicht so kurz ist, besagt, dass der Film nicht so einfach ist. Aber es ist auch kein schlechter.

7,5/10

© 2019, 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Assistent Norbert Jütte – Roland Riebeling
Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Reifenhändler Matthes Grevel – Moritz Grove
seine Ehefrau Katrin Grevel – Lavinia Wilson
Simon Grevel, Sohn des Ehepaars – Alvar Goetze
Luzi Grevel – Letizia Caldi
Otto Ziemer – Sebastian Hülk
Anwalt von Matthes – Jochen Kolenda
Florin Baciu – Kristijan Rasevic
Astrid Seibert, Unternehmerin für Baumaschinen – Lana Cooper
Ilkay Yildiz – Mateusz Dopieralski
Wachtmeisterin – Stephanie Kämmer
Alex – Miguel Abrantes Ostrowski
u.a.

Drehbuch – Johannes Rotter
Regie – Sebastian Ko
Kamera – Kay Gauditz
Schnitt – Doro Vajda
Szenenbild – Frank Polosek
Ton – Wolfgang Wirtz, Sebastian Leukert
Musik – Olaf Didolff

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