Klingelingeling – Tatort 1005 #Crimetime 531 #Tatort #München #Batic #Leitmayr #BR #Klingelingeling

Crimetime 531 - Titelfoto © BR, Walter Wehner

Weihnachten mit Ivo und Franz

In ihrem 74. Tatort mit dem etwas albernen Titel „Klingelingeling“ müssen die Münchener offenbar ganz nach unten, in die organisierte Kleinkriminalität – aber auch dort warten möglicherweise Mord und Totschlag.

Der Weihnachtstatort 2016 ist noch nicht das ganz große Jubiläum des Teams mit den meisten Tatorten, der zweitlängsten Dienstzeit und dem höchsten Renommee, gemessen an Top-Tatorten (Rangliste des Tatort-Fundus). Und sie haben schon alles durchpflügt, von der Schickeria bis zu den Milieus, in denen sozialer Notstand herrscht. Sie können jede Spielart, vom Thriller bis zum Rätsel-Krimi klassischer Machart. Der Plot des neuesten BR-Tatorts klingt nach Letzterem. Ob wir damit richtig liegen und mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Während der Polizeichor in der Kantine des Präsidiums „Stille Nacht, heilige Nacht“ singt, wird in der kleinen Kirche am Alten Südfriedhof unbeobachtet ein totes Baby vor dem Altar abgelegt – mit der Bitte um Beerdigung. Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) stehen fassungslos vor der Kinderleiche. Dr. Steinbrecher (Robert Joseph Bartl) stellt Tod durch Ersticken kurz nach der Geburt fest. Am selben Tag war eine junge Rumänin (Mathilde Bundschuh), die kurz zuvor entbunden hatte und auf der Straße zusammenbrach, in eine Münchner Klinik eingeliefert worden. Doch sie verschwand, angeblich von ihrem Ehemann (Florin Piersik jr.) abgeholt.

Ungefähr zeitgleich tauchte eine andere junge Rumänin (Cosmina Stratan) völlig aufgelöst mit einem Neugeborenen in einer Arztpraxis auf, bat verzweifelt um Hilfe und flüchtete, als der Arzt die Polizei rief. Wie gehören die beiden Frauen zusammen? Was ist passiert? Batic und Leitmayr kommen bei ihren Ermittlungen einem organisierten Bettlerclan auf die Spur, der sein Lager am Stadtrand von München aufgeschlagen hat und gerade zu Weihnachten auf das große Geschäft hofft.

Rezension

War der Tatort nun für den Ausstrahlungszeitpunkt am 26.12. zu hart oder deprimierend, wie kam die Darstellung des Milieus rumänischer Bettler*innen an? Ich muss auf einer persönlichen Ebene einsteigen. Ich denke immer, ich bin politisch und die sozialen Umstände betreffend einigermaßen informiert, nehme am Geschehen Weise teil – und doch kam ich bisher nicht einmal auf die Idee, auch das Betteln in Großstädten könnte mafiös organisiert sein. Obwohl das doch für so viele andere Bereiche gilt und alle wissen, dass im Berliner Untergrund Menschenhändler- und Drogenhändler-Banden an der Substanz unseres Systems fressen, das sich ergibt anstatt etwas  dagegen zu tun. Vermutlich hat es deshalb auch nicht das weitere Überleben verdient.

Nun aber schaue ich die kleine osteuropäische, vermutlich auch rumänische Frau, die immer neben dem Eingang des kleinen Lebensmittelgeschäftes um die Ecke steht, mit ganz anderen Augen an. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich ihr noch nie etwas gegeben habe, auch, weil sie die Leute immer zwingen will, ihr „Guten Tag“ zu sagen. Ich mag so etwas nicht. Dabei ist es nur eine Form von Vertrieb, und sind wir nicht alle (Staatsdiener ausgenommen) irgendwie im Vertrieb? Und es gibt sehr wohl eine Gegenleistung. Das gute Gewissen. Die ganz kleine gute Tat, wenn wir uns ansonsten schon nur um unser eigenes Ding kümmern.

Aber nach dem Tatort habe ich jetzt, wie alle geizigen Leute, eine hervorragende Rechtfertigung, nichts zu geben: Ich unterstütze damit ja eh nur die Hintermänner, die Mafia. Die armen Menschen, die jeden Tag den ganzen Tag im Freien aushalten, die müssen (fast) alles abgeben und dann wandert es durch solche coolen Kleingeldzählmaschinen. Nee, das wollen wir doch nicht.

Immer schon habe ich mich auch gewundert, wie die Bettler das physisch durchhalten mögen, diesen vielleicht härtesten Job unserer Zeit auszuüben – jetzt weiß ich auch das. Indem sie von ihren Bossen mit Drogen vollgepumpt werden.

Und was mache ich mit den schrägen Vögeln, die mich in der U-Bahn anhauen, denen ich ja doch immer mal wieder einen Euro zustecke, oder gar mit meinem Lieblingsmusiker in der Heimatstation, der so schön Akkordeon spielt und ein so netter Typ ist? Der ist doch auch Rumäne, zumindest sieht er so aus. OMG, hoffentlich muss der seine Einnahmen, die auch aus meinen bei besonders guter Laune an ihn überreichten Zuwendungen bestehen, hoffentlich muss er die nicht auch abdrücken. Dem dürfte ich eigentlich schon präventiv auch nichts mehr geben. Aber ich könnte ihn mal fragen, ob er wirklich Rumäne ist. Das wäre doch mal ein Ansatz, um mit diesem hart arbeitenden Menschen ins Gespräch zu kommen. Vielleicht nicht der beste Ansatz, aber mehr als immer nur vorbeizurennen und einander dabei kurz anzuschauen und anzugrinsen. Wieso eigentlich dieses Grinsen? Weil er einfach nett ist und, wenn ich vorbei bin, immer noch einen Akoord drauflegt. Wenn ich ihm seine Arbeit vergütet habe, natürlich nur. Ansonsten kann es schon sein, dass er einfach in der Melodie bleibt, die er ohnehin gerade spielt.

Setzt der Film also falsche Akzente? Ich kann mir gut vorstellen, dass jetzt viele, die eh nie was abdrücken, genau so reagieren werden. Hab ich ja immer gewusst oder auch nicht, aber mein Gefühl, dass man nie die Tasche aufmachen darf, war auf jeden Fall richtig. Und wenn man den Film so interpretiert, ist man wirklich ein Arschloch. Anders kann ich das nicht ausdrücken. Aber ich weiß mir auch keinen Rat. Mir tun die Leute wirklich leid, Gottseidank dürfen sie wenigstens nicht mehr Kinder im Arm halten oder neben sich sitzen haben. In Berlin ist das verboten worden, vor ein, zwei Jahren, in München offensichtlich auch, wie uns unsere Kommissare erläutern. Und kann man hingehen und sagen, weil du für die Mafia arbeiten musste, du armes Mensch, missachte ich dich noch mehr als ohnehin? Würde ich das bei einer Prostituierten tun oder wenn ich mir Drogen beim Dealer an der Ecke besorge? In beiden Bereichen bin ich nicht Kunde, aber ich glaube, besonderes bei Letzterem wäre mir das im wörtlichen Sinn shitegal, denn ich muss meine Sucht befriedigen, da frage ich nicht lange nach Strukturen und moralischen Grundsätzen im Multilevel-System des Drogenbusiness.

Ich komme nicht zu einem Schluss, ob es falsch ist, quasi dazu aufzufordern, dass man an die osteuropäischen Bettler kein Almosen geben soll. Ich habe politisch-ökonomisch gewiss auch Dinge, mit denen ich noch nicht durch bin, die ich immer hinterfrage, aber dass ich auf einen so einfachen Tatbestand keine Antwort weiß, macht mich sehr nachdenklich. Vielleicht ist er auch nicht einfach. Vielleicht rekurriert er auf Grundprinzipien, mit denen die meisten von uns immer wieder kämpfen oder zwischen ihnen wenigstens immer wieder eine Abwägung treffen müssen.

Offensichtlich hat der Film seinen Zweck also erreicht, zum Nachdenken zu animieren? Unbedingt. Und das, obwohl ich emotional nie so richtig eingestiegen bin. Obwohl der Film absolut darauf angelegt war, emotional einzusteigen, denn das Schicksal der beiden jungen rumänischen Frauen ist herzerweichend. Objektiv betrachtet, sozusagen. Ich glaube, dass ich mit den beiden nicht so richtig mitgehen konnte, liegt daran, dass der Schock das Mitleid überwog – vor allem aber daran, dass der Film oft den richtigen Ton nicht trifft. Entweder nimmt man sich dieses Themas der Menschen auf der alleruntersten Stufe der Gesellschaft, eigentlich außerhalb ihrer, bedingungslos an, oder man lässt solche Themen sein. Aber den Zuständen bei der Bettlermafia die bräsige Art von Humor, die unsere Kommissare Batic und Leitmayr oftmals und auch hier zeigen, gegenüberzustellen, wertet diesen Film ab. Mag sein, ich bin mir sogar ziemlich sicher, es war Absicht, dieses blöde Weihnachtsgetue bei der Polizei den Zuständen bei den Bettlern gegenüberzsutellen, aber es funktioniert als Konstrast nicht so richtig. Und auf die Idee, dass man mit dem Film auch die zunehmende Vereinsamung von Batic und Leitmayr im Laufe langer Dienstjahre darstellen wollte, die in materieller Sicherheit, aber nicht in emotional abgesicherten Umständen leben, hat mich erst ein Nutzerkommentar auf der Plattform Tatort-Fundus gebracht. Am Ende fahren sie nach Rumänien, bringen die beiden jungen Frauen nach Hause und das tote Kind und sogar die Gans.

Wie war dieses Ende? Es gab einmal Zeiten, da waren die Endings in Tatorten ungeheuer lakonisch, trotz Ausermittlung und Täterfestnahme oder -tod in gewisser Weise offen. Der Kommentar lag darin, nicht zu kommentieren. Das ist lange vorbei. Mittlerweile müssen Tatorte immer einen Knaller am Schluss haben, auch wenn er noch so unlogisch daherkommt und in manchen Fällen schon den ganzen Film durch seine Übertriebenheit beschädigt hat. Hier ist es anders, hier wird durch den Matsch in ein abgelegenes rumänisches Dorf gefahren, dorthin, wo die Bettelmafia ihre Arbeiter*innen rekrutiert. Wie die Gans ins Auto verladen wird, das steht leider symbolisch für vieles im Film: Knapp an der richtigen, würdevollen Darstellung vorbei. Immer an der Grenze zum Blödeln, ähnlich wie die Szenen auf dem Friedhof mit den Aristokraten unter den Obdachlosen, wie sie in Berlin zu Tausenden die Straßen und die nachtwarmen Plätze in Straßennähe bevölkern. Vielleicht sind sie auch alle große Philosophen. Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß jetzt, dass der Schweizer Regisseur Markus Imboden ganz unterschiedlche Filme machen kann, denn „Wendehammer“ aus der Vorwoche stammt ja auch von ihm. Und der war sehr auf stylisch und cool gefilmt, gemäß dem ganz anderen Thema. Manchmal rutscht die Affektiertheit aber auch in einen Sozialtatort, wie zum Beispiel anhand der Untertitel sichtbar.

Was ist mit den Untertiteln? Es wird zu viel rumänisch gesprochen, und die Untertitel verschwinden so schnell wieder, dass man sie nicht zu Ende lesen kann. Was auch daran liegt, dass sie viel zu klein und schmal sind und zudem teilweise helle Schrift über hellen Bildstellen liegt. Die Untertitel so zu gestalten, dass ersichtlich wird, es ist den Filmemachern wurscht, ob man sie aufnehmen kann, das ist affektiert. Und es entspricht leider den Szenen, in denen die Polizei ihre marginalen Weihnachtssorgen zeigen darf. Wie cool, der Baby-Aufschneider referiert über – welche blöde Ferieninsel war es noch, wo er unbedingt bald hin muss? Diese Gegenüberstellungen, die sind auch viel zu überdrüber, es mangelt ihnen aber an wirklich gutem Humor, und es kann auch kaum anders sein. Hätte man die Münchener richtig loslegen lassen, hätte das vielleicht noch schräger gewirkt, aber man hat sich auch nicht getraut, ganz ernst zu bleiben. Also kommt sowas Halbschariges dabei heraus.

Ein weiterer Aspekt, der mich zwiespältig zurückließ, ist, dass die Mafia mit ihren Hintergründen überhaupt nicht erläutert wird. Ich weiß durch meine Vorfeldlektüre, dass die Polizei offenbar nicht genau über diese Strukturen Bescheid weiß, was auch bedeutet, dass es keinen Polizisten gibt, der Zugang zu den Bettlern in der Form hat, wie es im Film gezeigt wird. Dass er ihr Versteck nicht nur kennt, sondern es auch organisiert hat. Nach meiner Ansicht war das eine Form von Begünstigung, denn dieser Polizist kannte sehr wohl die Strukturen und man hätte sehr wohl etwas gegen sie unternehmen können. Hier werden also trotz eines nicht sehr gut durchleuchteten Hintergrundes Behauptungen aufgestellt, die ich so nicht einfach kaufe.

Immerhin durfte am Ende die junge Frau, in deren Armen das Baby starb, überleben. Das war ein wenig tröstlich. Wie aber Batic und Leitmayr am Schluss es hinbiegen, dass sie nicht für ihre mögilcherweise tödliche Handlung belangt werden kann, ist wieder so nett verschwurbelt, wie es im postfaktischen Zeitaler nur sein kann. Aber ich habe verstanden. Ihre Handlung war möglicherweise nicht conditio sine qua non für den Tod des Kindes. Das aber hätte ein Gericht feszustellen gehabt, nicht die Polizei. Auf emotionaler Ebene ist es aber okay. Wer verlangt schon einen Tatort, bei dem die Emotionen trotz klarer Faktenlage angesprochen werden?

Finale

Nachdenken über ist auch ein gutes Ergebnis. Vielleicht ein besseres, als erst die Kullertränchen über die Wangen rollen zu lassen und dann zur Tagesordnung überzugehen. Bei mir hat dieser Tatort eher bestimmte Überzeugungen verstärkt, die sich in mir im Lauf der Jahre ohnehin immer mehr herausgebildet und meine Weltsicht deutlich verändert haben. Ich glaube, es ist richtig, die Zustände insgesamt nicht einfach hinzunehmen, denn auch die Bettelmafia ist Ausdruck negativer Entwicklungen ist, die eben nicht zwangsläufig sind. An die wir uns nicht gewöhnen müssen und nicht gewöhnen dürfen. Und weil diese Vergewisserung wichtig ist und weil der Tatort „Klingelingeling“ trotz seines albernen Titels und vieler Macken kein falscher Film zum falschen Zeitpunkt ist, eine gemessen an den Maßstäben dieser Tatort-Anthologie noch durchschnittliche Wertung von 7/10.

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Miroslav Nemec (Ivo Batic), Udo Wachtveitl (Franz Leitmayr), Cosmina Stratan (Anuschka Dablika), Mathilde Bundschuh (Tida Dablika), Florin Piersic jr. (Radu Stelica), Florian Karlheim (Klaus Bernauer), André Szymanski (Alexander Gastner), Alexandru Cirneala (Calin Stelica), Ferdinand Hofer (Kalli Hammermann), Robert Joseph Bartl (Matthias Steinbrecher), Attila Georg Borlan (Josef Waducek), Oana Solomon (Liana), Doris Buchrucker (Flaschensammlerin), Ferdinand Dörfler (Andy), Wolfgang Pregler (Werner), Moritz Katzmair (Uniformierter Huber)

Regie: Markus Imboden
Drehbuch: Dinah Marte Golch
Musik: Verena Marisa
Produktion: Ronald Mühlfellner

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