Lola rennt (D 1998) #Filmfest 75

Filmfest 75 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftSchon ganz schön lange gerannt

Und jetzt, nach viel Edgar Wallace, zu etwas vollkommen anderem: Zur 75. Rezension des Filmfests und einem Vorweihnachtsgeschenk.

Zu einem der deutschen Filmhöhepunkte kurz vor der Millenniumwende. Je nach Version in 75 bis 81 Minuten erzählt „Lola rennt“ die Geschichte der Titelheldin, die 20 MinutenZeit hat, ihren Freund Manni zu retten. Der hat sich in die Scheiße geritten, indem er auf wirklich blöde Art Geld an einen Trippelbruder verloren hat, das er einem Gangster übergeben sollte.

Franka Potente als rennender Rotschopf im Nachwende-Berlin und Moritz Bleibtreu als Parodie eines Kleingangsters geben ein tolles Paar ab und der Film reflektiert hervorragend den Zeitgeist. Vor allem aber ist er Bewegungskino, Reflektion seines eigenen Mediums und man spürt die Faszination, mit der Regisseur Tom Tykwer eine bekannte Konstellation neu erzählt hat – dreimal grüßt in diesem Fall das Murmeltier.

International ist der Film hoch gelobt worden, vielleicht auch, weil man so etwas aus Deutschland nicht erwartet hat, die nächsten Oscars nach „Die Blechtrommel“ von 1979 waren noch eine Zeit voraus. Wir haben ihn vor allem filmisch betrachtet, weniger in emotionaler Verbundenheit mit den Figuren. Das hat wohl die Konstruktion verhindert, die so deutlich auf formalen Prinzipien  aufgebaut ist, der zudem mehr zur Entschlüsselung als zur Identifikation reizt und nicht die sehr einfache Story und die Figuren als solche in den Mittelpunkt stellt.

Natürlich ist der Film auch ein Berlin-Dokument und immerhin schon der zweite von uns rezensierte Berlinfilm, der in der Nachwendeära (nach „Sommer vorm Balkon“ von 2005) spielt – die Rezensionen derjenigen Folgen aus der TatortAnthologie, die in Berlin spielen, sehen wir getrennt. Hier ein Vorgeschmack auf den Stil des Films – der Trailer pointiert diesen sehr gut.

Handlung

Die Geschichte spielt in Berlin. Lolas Freund Manni, der als Kurier für einen Hehler arbeitet, lässt versehentlich eine Plastiktüte mit 100.000 Mark in der U-Bahn liegen. Nun hat er noch 20 Minuten Zeit, bis sein Auftraggeber kommt, um das Geld abzuholen. Das sind auch 20 Minuten für Lola, um ihrem Freund aus der Patsche zu helfen. Der Zuschauer verfolgt, wie Lola durch die Stadt rennt und versucht, das Geld zu beschaffen. Sie hetzt durch die Straßen zur Bank, deren Direktor ihr Vaterist, um ihn um Geld zu bitten. Als der ablehnt, überfallen Manni und Lola einen Supermarkt. Auf der Flucht wird Lola von einem nervösen Polizisten versehentlich erschossen.

In einer Zwischensequenz liegen Lola und Manni nebeneinander und rauchen. Sie stellt ihm Fragen zur Natur seiner Liebe zu ihr, und ob ihre Beziehung nicht letztlich nur ein Produkt des Zufalls sei.

Als Lola tödlich verletzt auf der Straße liegt, weigert sie sich, diesen Ausgang der Geschichte zu akzeptieren und beginnt durch ihre übernatürliche Willenskraft die Handlung des Films von vorne: Der Film springt zurück zum Ende ihres Telefonats mit Manni, und sie versucht wieder, das Geld von ihrem Vater zu bekommen. Ein Detail ist allerdings anders und führt zu einem völlig anderen Handlungsverlauf, in dem Lola mit Waffengewalt die Bank ihres Vaters beraubt. Sie bringt Manni das Geld; er wird jedoch von einem Rettungswagen überfahren, als er die Straße überquert, um zu ihr zu gelangen.

Es folgt wieder eine Zwischensequenz. Diesmal stellt Manni Lola Fragen und möchte wissen, ob ihr Leben im Falle seines Todes nicht trotz ihrer Liebe zu ihm ganz normal weitergehen würde.

Die Handlung beginnt zum dritten Mal. Lola kommt zur Bank, sieht ihren Vater jedoch gerade wegfahren. Sie läuft durch die Stadt und bittet Gott um Hilfe. In einem Spielcasino setzt sie ihre letzten 100 Mark beim Roulette zweimal nacheinander auf die 20, gewinnt und steigt in einen Krankenwagen und fährt zu Manni. Der hat unterdessen sein Geld von dem Obdachlosen zurückbekommen, der es aus der U-Bahn mitgenommen hat. Die Situation ist gerettet. Der Film endet damit, dass Manni Lola fragt, ob sie gerannt sei und was sie in ihrer Tasche habe.

Lola stößt den ganzen Film über mit Leuten zusammen, spricht kurz mit ihnen oder läuft einfach an ihnen vorbei, und deren Leben verläuft ausgehend davon in jedem Durchgang der Filmhandlung völlig unterschiedlich, was in einer Abfolge von Schnappschüssen kurz gezeigt wird (In einem Szenario gewinnt eine Frau im Lotto und wird reich, in einem anderen Szenario bleibt sie arm, und Sozialarbeiter nehmen ihr das eigene Kind weg).

Rezension

  1. Der Durchbruch

„Lola rennt“ ist zunächst eines: Der Schlüsselfilm für die Karrieren von Franka Potente (Lola) und für Moritz Bleibtreu (Manni).

„Nach fünf im Urwald“ war der erste, sehr witzige Film, in dem Franka Potente auftrat, als 21jährige spielte sie eine siebzehnjährige Schülerin, die während des Urlaubs ihrer Eltern die Bude auf den Kopf stellt. Nach „Lola rennt“ rief Hollywood und sie spielte zwei herausragende Rollen in „The Bourne Identity“ (2002) und „The Bourne Supremacy“ (2004), jeweils an der Seite von Matt Damon. Viele andere, nationale wie internationale Produktionen kamen hinzu, sogar in der Kultserie „Dr. House“, die man als Starvehikel genauso hoch einschätzen muss wie einen US-Kinofilm, hat sie episodenweise mitgewirkt. Wir sind  gespannt, wie sie als Beate Uhse im gerade abgedrehten Biopic auf uns wirken wird.

Franka Potente ist damit eine der erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen dieser Jahre, international vielleicht die erfolgreichste. Ihr Filmpartner Moritz Bleibtreu ist zwar international nicht so bekannt, aber in Deutschland gehört er mittlerweile zu den absoluten Spitzenkräften. In „Lola rennt“ kommt ihm sein parodistisch-komödiantisches Talent zugute, er kann doofe Typen auf eine sehr intelligente Weise spielen, im ein Jahr älteren, bereits für die FilmAnthologie rezensierten „Knockin‘ on Heaven’s Door“ ist seine Nebenrolle als Abdul, der Araber, eine der positiven Überraschungen. Vielleicht hat ihm diese Performance die Hauptrolle in „Lola rennt“ eingebracht. In dem wunderschönen Sommermärchen „Im Juli“ (2000) an der Seite von Christiane Paul ist er ebenso brillant wie in der komplett anderen Rolle als Topterrorist Andreas Baader in „Der Baader-Meinhof-Komplex“ (2008). Obwohl seine Physiognomie immer identifizierbar bleibt, gleich, wie die Maske arbeitet, besticht er durch seine enorme schauspielerische Vielseitigkeit, die ihn für die verschiedensten Figuren geeignet macht.

Ein wenig anders sieht die Sache mit Tom Tykwer aus, dem Lebenspartner von Franka Potente zur Zeit des Drehs von „Lola rennt“. Trotz seines Talentes für visuelle Umsetzungen, das in „Lola rennt“ erkennbar ist, hat er sich nicht zu einem der Vielbeschäftigen in Deutschland entwickelt. Vielleicht ist er so kontemplativ, wie es notwendig ist, um immer wieder neu ansetzen zu können. Seine bekanntesten Filme seit „Lola rennt“ sind „Das Parfüm“ (2006), „3“ (2010) – und der nächste Film wirft seinen langen Schatten voraus. Mit „The International“ von 2009 ist er nach seiner früheren Freundin nun auch in Hollywood angekommen und wird 2012 „Der Wolkenatlas“ mit niemand geringerem als Tom Hanks in der Hauptrolle fertigstellen. Wenn dieser Film erfolgreich wird, wird er zum erlesenen Kreis der deutschen Topregisseure in Hollywood gehören, zu denen derzeit Wolfgang Petersen und Roland Emmerich rechnen.

  1. Klassische Variation

Auch wenn man den Film deshalb so gepriesen hat, weil er undeutsch in seiner reinen Bildorientierung wirkt, weil er nicht doziert, erklärt, gründelt oder andererseits vollkommen platt ist, muss man sagen, dass er auf einem sehr bekannten Prinzip fußt, das schon sehr, sehr oft und variantenreich angewendet wurde.

Manchmal werden Stories in drei Teile oder Akte zerlegt, in denen es jeweils motivische Wiederholungen gibt. Wir mögen diese Form der Erzählung sehr, vor allem in der Literatur. Und es gibt Vorbilder für „Lola rennt“ wie „Täglich grüßt das Murmeltier“, in dem ein Tag immer wieder neu beginnt und anders endet – so, wie die hier entscheidenden zwanzig Minuten vom Telefonat zwischen Lola und Manni bis zum „Showdown“. Und die Zahl drei hat dabei eine besondere Magie, sie scheint am besten mit der kognitiven Dispostion, mit der Aufnahmefähigkeit des Menschen für Wiederholungen zu korrespondieren.

Eine weitere Rolle spielt die Zahl 20. Zwanzig Minuten Spielzeit und beinahe auch dieselbe Anzahl von Minuten gespielter Zeit im Film harmonieren wiederum mit der Länge eines recht kurzen Spielfilms. Auch wenn dieser nicht 60, sondern ca. 80 Minuten dauert, die Rennszenen von Lola und die kurzen Unterbrechungen zwischen den Rennphasen ergeben zusammen jeweils etwa 20 Minuten. Der Rest ist den beiden roten Nachtszenen zwischen ihr und Manni, den Polaroid-Lebensläufen der Nebenfiguren und dem Beginn des Films geschuldet, in dem die Ausgangslage erklärt wird, indem Manni sie Lola gegenüber ins Telefon schreit. Dieser Part wird sinnvollerweise nicht wiederholt.

Die Zahl 20 wiederholt sich noch beim Roulette, wo Lola zweimal auf diese Zahl setzt und aus schlappen 100 Mark, die sie noch gerade übrig hat, 100.000 macht und damit Manni retten könnte – wenn er sich nicht schon selbst wieder zurück ins Spiel gebracht hätte, indem er dem Obdachlosen Norbert von Au (Joachinm Król in einer Rolle, in der man ihn nicht ohne Weiteres erkennt) das Geld in der Tüte, das er in der U-Bahn hatte liegen lassen und das Norbert dort fand, wieder abnimmt. Am Ende der dritten Variante hat Manni sich nicht nur einen Backenkneifer seitens des Gangsterbosses verdient, sondern Lola hat auch noch legal gewonnene 100.000 Mark in der Tasche. Ein schönes, wirklich gut gemachtes Happy-End.

  1. Wenn der Postmann zweimal klingelt und beim dritten Mal der Strom abgestellt ist

Bis es zu diesem Finale kommt, haben Lola und Manni aber jeweils einmal die tödliche Variante durchzuspielen. Beim ersten Mal ist er es, der nach einem Supermarktüberfall kopflos auf einen Krankenwagen zurennt und von diesem überfahren wird, beim zweiten Mal stirbt Lola auf derselben Straße, weil sie von einem nervösen Polizisten versehentlich erschossen wird. 

Wenn man so will, kommt der Film sehr moralisch daher, ernst nehmen darf man das aber nicht unbedingt: Die beiden ersten Lösungen des Falles enden tragisch. Derjenige der beiden, der jeweils illegal handelt, kommt auch zu Tode. Beim ersten Mal ist es Manni, der den Supermarkt überfällt, in der zweiten Version Lola, die ihren eigenen Vater in dessen Bank als Geisel genommen hat und damit 100.000 Mark erpressen konnte. Natürlich ist auch die dritte Variation der Story nicht ganz christlich, immerhin macht Manni ja mit den Gangstern im schwarzen 7er BMW illegale Geschäfte – aber bei Lolas 100.000 Mark sieht es anders aus. Sie weicht einer Gruppe von Nonnen aus, wird dadurch auf das Casino gelenkt, das in Wirklichkeit das Schöneberger Rathaus ist (zumindest von innen) und vertraut ihrem Glück und damit sozusagen auf Gott. Das ist nett gemacht. Sogar ein Hauch von Hitchcock ist in der Casinoszene – ein Bild hängt an der Wand, das eine Frau  zeigt, die der Figur Madelaine Elster / Judy Barton (Kim Novak) in „Vertigo“ ähnelt. Eine weitere, noch eindeutigere Reminiszenz ist wohl die Tatsache, dass Lola so schreien kann, dass Glas zerbricht – nämlich an „Die Blechtrommel“ von Volker Schlöndorff.

Ist also alles Zufall oder ist die richtige, die dritte Handlungsvariante mit dem guten Ende, doch durch die Vorsehen mitgelenkt? In den beiden ersten Varianten rennt Lola mitten durch die Nonnen hindurch und bringt deren Formation auseinander, in der dritten erst umgeht sie die Gottesdienerinnen und erst dadurch gewinnt sie den Blick auf das Casino – und da dieser schon einmal von der Vorsehung intendiert ist, verhilft ihr selbige auch noch zu einem außergewöhnlichen Gewinn, der den Casinochef ganz schön in Wallung bringt, immerhin verhundertfacht sie ihren schmalen Einsatz in nur zwei Schritten, indem sie am Roulettetisch auf nur eine einzige Zahl setzt, dazu noch jeweils auf dieselbe – aber er lässt ihr das Geld und auch das gehört natürlich zum großen Plan des Großen Weisen im Himmel. Man kann das Ganze noch weitertreiben – sie kollidiert nämlich in Version 3 auch nicht mit der Frau mit dem Kinderwagen – und sie fährt im Krankenwagen mit und vollbringt dort eine Art von Spontanheilung.

Man spürt deutlich, dass es  zwischen den beiden ersten Varianten, in denen es von Anfang an knirscht und knarzt, und der dritten, einen deutlichen Unterschied gibt und damit das, was man zunächst alles für eine Darstellung des Prinzips Zufall halten könnte (kleine Abweichungen in Handlungsabläufen führen zu anhaltenden Veränderungen von Lebenswegen), eben genau anders herum gemeint ist. Im Treppenhaus ihres Altbaus in Berlin-Mitte, in dem ihre Hatz in allen drei Varianten der Handlung beginnt, rennt sie erst einmal als Zeichentrickfigur. Beim ersten Mal schiebt sie sich an einem bösartigen Hund vorbei, beim zweiten Mal wird sie von einem fiesen Typ angerempelt, fällt die Treppe hinunter und humpelt erst einmal über den Hof (erholt sich dann aber erstaunlich schnell), beim dritten Mal ist wieder der Hund da, aber sie springt elegant über ihn hinweg. Beim ersten Mal gibt es einen Autounfall, beim zweiten Mal fährt der Krankenwagen durch ein Fensterglas, das gerade über die Straße getragen wird und verursacht tausend Scherben, beim dritten Mal – ja, da gibt es wieder einen Unfall, ähnlich wie beim ersten Mal, zwischen dem Citroen von Herrn Meier (Ludger Pistor) und dem weißen Alt-BMW von drei kompakten Ghettobewohnern. Aber da ist ein Unterschied. Beim dritten Mal sitzt nämlich Lolas Vater mit im Citroen des Kollegen Meier, der Lola materielle Hilfe verweigert hat. Der Unfall endet aber für keinen der Beteiligten tödlich, auch wenn die beiden Banker bewusstlos in den Gurten hängen.

Zweimal klingelt also das tödliche Schicksal bei dem in rotes Licht getauchten Liebespaar Lola und Manni – und beim dritten Mal wird es abgewendet, auch wenn man die Ironisierung des göttlichen Prinzipis der Vorsehung und deren Steuerung nach moralischen Aspekten darin sehen kann, dass der Kleingangster Manni auf seiner Bahn weitermachen kann. Er muss es vielleicht aber nicht, denn Lola hat ja die 100.000 Mark in der Tüte, die sie im Kasino bekommen hat.

Es gibt hingegen ein weiteres Indiz dafür, dass eben nicht dem Zufall als Schicksalsdirigent gehuldigt wird. Die Nebenfiguren, deren Lebensvarianten in diesen kurzen, videocliphafen Bildern immer dann gezeigt werden, wenn Lola diesen begegnet, also auch jeweils dreimal, gestalten ihre Schicksale in Wirklichkeit unabhängig von Lola. Am besten sieht man das an der Frau mit dem Kinderwagen, die einmal als Proll weiterlebt, einmal einen Lottogewinn macht, einmal, und das ist wieder herrlich gemacht, niedere Grimassen schneidet und später den Wachtturm der Zeugen Jehovas anbietet. Vielleicht liegt die dritte Weiterentwicklung von deren Lebensweg darin begründet, dass sie Lola in dem schon bald göttlich inspirierten Seinszustand begenet, der sie in Variante drei zum Happy End leitet. Jedenfalls aber ist ihr weiteres Schicksal nicht mit Lola und der Berührung mit ihr auf direkte Weise verknüpft.

Die zufällig Begegnung ist nur eine zufällige Begegnung, das Anrempeln hat keinen Einfluss auf den weiteren Lebensweg der Nebenfigur mit dem Kinderwagen. Auch die Unfälle des Herrn Meyer kann man auf diese Linie bringen. Beim ersten Mal verursacht Lola indirekt den Unfall, beim zweiten Mal verhindert sie ihn, weil sie einen Moment später in den schwarzen Citroen Xantia rennt, aber beim dritten Mal, wo sie aufpasst, ganz von dem Funken beseelt, der sie vor Übel bewahrt, da fährt das Auto doch in den weißen BMW hinein, und zwar, weil  Meyer Lola nachschaut, die gerade vorbeigerannt ist. Es spielt zwar immer eine Rolle, dass sie anwesend ist und, wenn man die Kausalität auch durch indirekte Handlungen gelten lässt. Aber juristisch ist es anders. Bei den beiden ersten Malen beeinflusst ihr Verhalten das Geschehen, weil sie eingreift, beim dritten Mal eben gerade nicht. Man kann jemanden nicht dafür verantwortlich machen, dass er im Bild ist und Unaufmerksamkeit bei Dritten durch seine bloße Anwesenheit verursacht.

  1. Die Formensprache von Lola rennt – Zeitgeistiges und Sonstiges

Ein Pumuckl in Berlin, das ist sicher nicht die Hauptachse des Zeitgeistes, um die Lola kreist, der Film ist auch gar nicht so actionreich, wie er häufig dargestellt wird. Das Rennen an sich und das, was dabei passiert, ist so stilisiert, dass es hochinteressant wirkt – aber ein Actionfilm ist „Lola rennt“ definitiv nicht. Vielmehr sehen wir Einflüsse der Videokultur in dem Film verarbeitet, die in den späten 90ern mit der MTV- und Viva-Kultur einen Höhepunkt erlebte. Und die Videoclips, die es zu jedem Song zwangsläufig gab, experimentierten mit verschiedenen Stilmitteln, unter anderem mit der schnellen Montage von Bildschnipseln. Formal wirkt „Lola rennt“ 13 Jahre nach seinem Entstehen schon ein wenig wie Kinogeschichte, auch deshalb, weil sich dieser Stil begreiflicherweise im Spielfilm nicht durchgesetzt hat.

Dazu ist „Lola rennt“ zu sehr ein Solitär, ein Werk mit komplexerem Inhalt oder epischer Struktur, auch ein Film, bei dem es auf die Figurenzeichnung ankommt, kann so nicht gefilmt werden. Wie in der Literatur gibt es beim Film als einem Medium, das man mittlerweile als traditionell bezeichnen kann, Grenzen der Formensprache, die man einhalten muss, wenn man Geschichten so erzählen will, dass sie einem größeren Publikum zugänglich ist. „Lola rennt“ war und ist einem großen Publikum zugänglich, weil seine Geschichte und seine Figuren radikal reduziert sind.

Was ebenfalls zur Zeitgeistigkeit des Films beiträgt, ist der allerdings moderate Techno-Score, der ihm unterlegt ist. Der korrespondiert natürlich sehr gut mit dem Rhythmus des Werkes, aber ist in konventionelleren Filmen ebenso undenkbar – oder würde zumindest nervend wirken – wie  die Erzählstruktur mit der dreimaligen Variation des kompletten Handlungsablaufes.

Schön und überzeitlich hingegen ist zum Beispiel die Bildidee, als Lola über den Gendarmenmarkt rennt, dreimal natürlich. Beim ersten Mal quer zu den Karrees (von oben gefilmt), beim zweiten Mal parallel dazu (auch von oben) – beim dritten Mal aber kann man gar nicht erkennen, in welcher Richtung genau, weil die Aufnahme von der Seite erfolgt. Auch das kann man wieder gut in die Interpretation einbinden. Anfangs domiert die Struktur über Lola, egal, ob sie quer oder parallel dazu rennt, sie verrennt sich. Am Ende jedoch ist diese Struktur gleichgültig, weil Lola ihrem eigenen Stern folgt.

  1. Ist das ein Meisterwerk und ein Berlin-Film?

Vielleicht ein wenig zu zeitgeistig, als dass man ganz hoch greifen kann, vielleicht ist auch einer seiner großen Vorteile gleichzeitig ein Nachteil. Der Film ist sehr simpel und verständlich aufgebaut. Die Bilder, wenn man sich die Zeit nimmt, kann man alle problemlos einzeln entschlüsseln. Wir gehören nicht zu den Rezensenten, für ein Film besonders kryptisch sein muss, damit sie ihn gut finden und die sich darin sonnen, dass sie und auch alle anderen einen Film nicht verstehen, aber die Struktur von Lola und die Begrenztheit der Handlungselemente, die aus dieser Struktur zwangsläufig resultieren, die ebenfalls daraus folgende Eindimensionalität der Figuren leiten uns zu dem Urteil, dass „Lola rennt“ interessant, manchmal auch witzig ist (das hätte allerdings mehr betont werden können), zwischen Eperiment und bewundernswert strenger Befolgung einer inhaltlich-formalen Linie gut die Balance findet, dass er auch zum Kanon der deutschen Nachkriegsfilme zwischen 1945 und 2000 gehört, aber ein Meisterwerk ist er für uns nicht. Wir meinen, seine Wirkung wird in den nächsten Jahren ein wenig nachlassen, von seiner Frische hat er für uns nach 13 Jahren schon ein wenig verloren – einfach deshalb, weil sogar Berlin sich weiterentwickelt hat, wie man sehr gut an den Szenen erkennen kann, die auf der Friedrichstraße spielen, und auch deswegen, weil der Film von heute zwar einiges an Formensprache verwendet, was auch in Lola verwendt wurde – aber auf initiale Weise stilbildend „Lola rennt“ deswegen nach unserer Ansicht nicht geworden.

Ein Berlin-Film ist „Lola rennt“ für uns allerdings – auch wenn das gezeigte Berlin nicht realistisch abgefilmt ist. Dazu ist es zu leer. Das war notwendig, um die wenigen Begegnungen von Lola herausheben zu können, aber bevor wir den Film gesehen haben, hatten wir ihn uns ganz anders vorgestellt, was die Umgebung betrifft, in der Lola rennt. Im Nachhinein müssen wir sagen, natürlich, sie im wirklichen Berlin laufen zu lassen, wäre technisch gar nicht möglich gewesen. Gerade durch die Reduzierung der bewegten Personen und Fahrzeuge wirken Berlin-Mitte und ein Teil von Kreuzberg aber baulich sehr präsent und zeigen die Stadt gerade durch ihre Verfremdung und die dadurch verursachte Atmosphäre auf eine Weise verdichtet, die unbedingt zu den tausend Gesichtern von Berlin gehört. Mancherorts wirkt die Stadt ja auch so düster wie die hier gezeigten Gebäude es übewiegend tun, so graffitilastig und vom Verfall angefressen. Nicht allerdings im mittlerweile sehr glänzenden Bezirk Mitte-Mitte und auch nicht im bewegten Kreuzberg. Die Bildästhetik weicht von der wahrgenommenen durchschnittlichen Wirklichkeit ab und gewinnt dadurch an scharfen Konturen.

Vor dem Fazit noch einmal ein Clip, der viel von dem Film zeigt, auch den berühmt gewordenen Vorspann und wie Lola unter der Oberbaumbrücke rennt, über die wir schon häufig mit der U-Bahn-Linie 1 (jetzt heißt sie 12) gefahren sind.

Finale

„Lola rennt“ hat vom Publikum und der Kritik eine hohe, meist positive Rezeption erfahren, hat manchen Preis gewonne, wenn auch keinen der ganz großen, die zuvor von den Autorenfilmern und später von den Eichinger-Produktionen abgeräumt wurden, er ist großzügig und hat viele Gimmicks als Showcase von allem, was man heute an formalen Elementen in einen Film hineinpacken kann. Wir haben ihn genossen, ohne die Distanz zu verlieren, wie uns das manchmal passiert, wenn nicht nur die Bilder sehr bewegt sind, sondern auch Schicksale sehr bewegend erzählt werden. Wir meinen auch, Regisseur Tom Tykwer wolle nicht vorrangig dafür sorgen, dass man ins Geschehen hineinfällt wie in einen Trichter und dabei die Orientierung verliert, sondern dass man die analytische Grundhaltung bewahrt, die eine Interpretation erlaubt, wie wir sie oben geliefert haben – ob sie richtig ist oder nicht, darauf kommt es nicht an, der Spaß lag für uns darin, dass der Film so zugeschnitten ist, dass es funktioniert.

81/100

Im ersten Wahlberliner war die Rezension von „Lola rennt“ einer der erfolgreichsten von über 1.500 Beiträgen nach Klickzahlen. Wir haben ihn fast unverändert übernommen. Lediglich die vielen Fotos, die damals eingebaut waren, zeigen wir in dieser ersten Version der Wiederveröffentlichung noch nicht.

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Tom Tykwer
Drehbuch Tom Tykwer
Produktion Stefan Arndt
Musik Tom Tykwer
Johnny Klimek
Reinhold Heil
Kamera Frank Griebe
Schnitt Mathilde Bonnefoy
Besetzung

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