Big Band Time – Polizeiruf 110 Fall 147 #Crimetime 535 // #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Fuchs BigBand #DDR #Deserteur #Kriegsgericht #Bigband

Crimetime 535 - Titelfoto © DFF / ARD

Eine lakonische Bestandsaufnahme nach 45 Jahren

Kürzlich haben wir den direkten Nachfolge-Polizeiruf „Der Riß“ rezensiert und über die Veränderungen der Reihe während der Wendezeit geschrieben. „Big Band Time“ hat bereits denselben überarbeiteten Vorspann, ist aber ein echter Übergangsfilm, mit dessen Dreh im September 1990 begonnen wurde und Ende Oktober 1990 abgeschlossen wurde. Wie macht man in dieser Zeit einen Film mit einem gesellschaftlich relevanten Thema, ohne dass man vielleicht einen Ton wählt, der ein paar Jahre später schon als falsch gilt? Zum Beispiel, indem man die DDR-Zeit überspringt und die Ursache eines Verbrechens in die Spätphase des Zweiten Weltkriegs legt. Den Spuren von Nazis folgen kann nie falsch sein. Wie es beim Folgen der Spurenverfolger zuging, verrät unsere -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Nach verschiedenen Konzerten mit ihrer Big Band treten Saxofonist Anton Lasch, Band-Leader Bosowski und der Gitarrist der Band ihr Engagement auf dem Kreuzfahrtschiff „Arkona“ an. Sie spielen zum Tee und zum Kreuzfahrtfasching und vor allem der lockenköpfige Anton, der sich Antonio nennt, wird von den Frauen umschwärmt. Besonders Nixe Walter, die frustrierte Ehefrau von Klempnermeister Walter, würde Anton gern verführen. Der jedoch reagiert immer kühl und besonnen. Seine Gedanken gehen in ruhigen Minuten stets weit in die Kindheit zurück. Sein Vater Otto war Pianist und wurde während des Zweiten Weltkriegs eingezogen und an die Front versetzt. Seine Mutter Maria weckte in Anton in der Zeit ohne Vater die Liebe zum Saxofonspielen. Im Januar 1945 entdeckte Anton beim Asche-Entsorgen einen ihm fremden Mann im Aschecontainer. Es handelte sich um seinen Vater Otto, der fahnenflüchtig geworden war. Ein Nachbar, der die Familie früher fotografiert hatte, sah, wie Maria Otto in die Wohnung holte. Der Nachbar Keller war Wehrmachtsfahnder und meldete den Vorfall. Otto wurde verhaftet und als Deserteur erschossen. Maria wurde in ein KZ deportiert, wo sie ebenfalls kurz vor Kriegsende umkam. Anton wuchs nach Kriegsende in einem Waisenhaus auf. Er schwor sich, den Verräter seiner Eltern umzubringen, sollte er ihn je finden.

An Bord bemerken die anderen beiden Bandmitglieder beim Probealarm, dass Anton unaufmerksam ist. Ein Passagier scheint ihm bekannt zu sein. Eines Morgens liegt Anton tot in seiner Kabine. Hauptkommissar Peter Fuchs wird mit einem K-Techniker und einem Gerichtsmediziner zur Arkona geflogen. Die Untersuchungen ergeben, dass Anton erwürgt wurde. Es fehlt ein Foto, das ihn mit seinen Eltern zeigt, sowie ein zweites Bild, auf dem er mit seiner Mutter zu sehen ist. Unter Antons Fingernägeln fanden sich Faserreste, in seinem Haar Nagellackspuren. Beide Spuren erweisen sich jedoch als falsch. Frau Schmidt, die mit ihrem Mann ihre Silberhochzeit an Bord feiert, findet in den Sachen ihres Gatten eines der beiden Fotos aus Antons Besitz. Herr Schmidt gesteht seiner Frau, jener Herr Keller zu sein, der damals Antons Eltern verraten habe. Auf der Fotorückseite war sein Vermerk samt Unterschrift von damals zu sehen, daher habe er sie an sich genommen. Anton hatte Herrn Schmidt alias Keller wiedererkannt. Es kam an Deck und später in Antons Kabine zu einem Streit, in dessen Folge Schmidt Anton ermordete. Herr Schmidt wiederholt sein Geständnis vor den Ermittlern und wird verhaftet. Frau Schmidt bleibt mit der Frage zurück, wen sie damals geheiratet und all die Jahre geliebt hat – Herrn Schmidt oder Herrn Keller.

Rezension

Hauptmann Peter Fuchs in seinem 84. Fall! Eine solche Zahl hat bisher kein Tatort-Ermittler erreicht (es sei denn, man zählt Max Ballaufs Düsseldorfer Zeit und die Kölner Fälle zusammen). Und er wirkt gar nicht dienstmüde, sondern fest und gewillt, die Sache aufzuklären, wie eh und je und kaum gealtert. Trotzdem sollte nach einem weiteren Film dann doch Schluss sein und leider starb Darsteller Peter Borgelt bereits drei Jahre später an Krebs.

Viel zu ermitteln hat er in diesem Film nicht. Er kommt erst sehr spät zum Einsatz und dann ist es ein Geständnis, das den Fall abschließt, mit dem die Tätigkeit des nunmehr Hauptkommissars wenig zu tun hat. Von wegen Wisch-Fingerspuren: Man wäre wohl nicht auf den Täter gekommen, hätte dessen Ehefrau nicht ein Foto gefunden, das dem Opfer gehörte. Verdammte Sentimentalität dann doch!

Der Film ist mit 76 Minuten Spielzeit noch im alten Format gedreht, der direkte Nachfolger hat bereits (etwas mehr als) Tatortlänge. Big Band Time ist ein sehr einfacher und auch sehr schlicht inszenierter Fall und hatte bei der Erstausstrahlung eine furchtbar niedrige Sehbteiligung von nur 10 Prozent. Kein Wunder, dass man über die Absetzung der Reihe nachdachte. Man hatte mit den Tatorten genug zu stemmen, die ebenfalls unter dem Privatfernsehen litten. Und der Polizeiruf war damals eben noch vor allem ein Ostding, während er mittlerweile ordentlich Brennholz fürs „letzte Lagerfeuer des (gesamt-) deutschen Fernsehens“, wie ein Kritiker es kürzlich ausdrückte, liefert und fast auf die wiedererstarkten Quoten kommt, die auch die Tatorte bei ihren Premieren verzeichnen.

Man hat also die Reihe „Das Traumschiff“, die nun ebenfalls schon seit 1981 läuft, mit einer Krimihandlung kombiniert. Die Anlage ist fast identisch – einige Paare oder Familien mit ihren Verhältnissen, Problemen, ihren Ups und Downs, die während einer Seefahrt zur Krise eskalieren können, werden dargestellt und natürlich ist Agatha Christie auch dabei. Weil das Schiff ein abgeschlossener Ort ist, von dem man nicht einfach abhauen kann. Entspricht dem eingeschneiten Schloss im Hochland, es stürmt, das Telefon ist auch kaputt. Okay, während der Landgänge kann man ein Kreuzfahrtschiff natürlich verlassen, aber einen solchen sehen wir in „Big Band Time“ nicht. Zu schnell geht alles, zu einfach ist alles.

Am Ende verfestigte sich der Eindruck, den wir bereits nach wenigen Minuten hatten: Dies ist ein Fall aus der berüchtigten Kategorie „Hätte man mehr draus machen können“. Wir erkennen gut den drögen Stil der Tatorte aus den frühen 1990ern, aber vielleicht ist es wirklich besser gewesen, das Ganze nicht auch noch zu komplex anzulegen. Schade, dass man den Figuren, wenn man vom Saxofonspieler absieht, so wenig Tiefe gegeben hat. Da fehlen eben doch einige Spielminuten. Wenn man schon einen Film über Schuld und Verstrickung eines einstigen überzeugten Nazis macht, dessen Wirken sich erst in den frühen 1990ern rächt, dann sollte man ihm etwas Hintergrund geben. Ohne diesen wirkt das, was gezeigt wird, doch recht lapidar. Außerdem stimmt etwas mit dem Alter des Musikers nicht. Er wird im Jahr 1945 als neun Jahre alt angegeben, 1991 war er also 55 Jahre alt. Sein Darsteller Christian Steyer wurde aber erst 1946 geboren und man sieht auch, dass er zehn Jahre zu jung für die Rolle ist. Vielleicht hat man ihn ausgewählt, damit er besser als Frauenschwarm durchgeht als ein dem errechneten Alter der Figur adäquater Darsteller, aber uns hat’s irritiert. Oder weil es nicht viele deutsche Film- und Fernsehdarsteller gibt, die Saxofon können.

Vom Typ passt er aber und seine Bindungsunfähigkeit nach der dramatischen Kindheit, in welche er früh Vater und Mutter verlor und in einem Waisenhaus aufwuchs, ist ebenfalls eine nachvollziehbare Eigenschaft. Die Big Band besteht auf dem Schiff nur noch aus drei Personen, was die Sache übersichtlich macht. So übersichtlich, dass wir dachten, einer der Kollegen sei vielleicht doch ebenfalls in die Sache verwickelt und habe evtl. mit dem Mörder kollaboriert. Nee. Stattdessen muss sich Antonio zunächst im Pullover eines Mitreisenden festkrallen, damit ein erster Verdächtiger gezeigt werden kann und dann wird er von einer liebestollen Frau überfallen, damit deren Nagellackspuren für eine weitere kleine Wendung auf dem insgesamt doch recht geraden Weg sorgen, den wir als Zuschauer überdies schon ganz deutlich ahnen. In punkto Vorhersehbarkeit lässt „Big Band Time“ absolut nichts zu wünschen übrig. Deswegen ist er der Form nach zwar ein Whodunit, aber kognitiv doch ein Howcatchem. Man ist nur noch gespannt darauf, wie Hauptkommissar Fuchs dem alten Mann, der einst ein Spitzel war, auf die Schliche kommt. Und dann tut er’s gar nicht, sondern bekommt den Mann handserviert. Nun ja.

Finale

Wir teilen Filme der Reihen Tatort nicht in die Kategorien „muss man gesehen haben“ oder nicht ein, denn wir meinen, wer unsere Rezensionen liest, ist ohnehin sehr an den Formaten interessiert und eher jemand, der so viel wie möglich forschen und sich ein so komplettes Bild wie möglich machen will. Für Gelegenheitsseher bietet „Big Band Time“ aber tatsächlich nicht viel, sondern ist eher ein Stück für die Sammlung und wegen seiner Entstehung in der Wendezeit interessant. In gewisser Weise und wenn man davon absieht, dass es heute keine Nazis mehr gibt, die man auf Kreuzfahrtschiffen mehr zufällig als frühere Täter doch noch kriegen könnte, ist der Film recht zeitlos bezüglich seiner Handlung, der späten Sühne und der nicht mehr zu erwartenden Gerechtigkeit, die doch noch eintritt. Heute immer noch gut möglich mit Ex-Stasi-Spitzeln. Aber wir wissen auch, dass die Form von später Geraderückung der Dinge eine überwiegende Fiktion ist. Vielen Opfern der wendungsreichen deutschen Geschichte wurde nie eine Form von Genugtuung zuteil und ihren Nachkommen auch nicht. Nicht einmal eine angemessene materielle Entschädigung haben alle erhalten. Die Kinder von Deserteuren, die erschossen wurden, gewiss nicht. Es war eine Scheiß-Zeit und viele im Osten denken heute über die Wende nicht viel anders. Gerade an Schicksalen wie dem von Anton Lasch sieht man aber auch: Es gab sehr wohl Unterschiede.

6/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Wolfgang Hübner
Drehbuch Eberhard Görner
Produktion Volker Holecek
Musik Günther Fischer
Kamera Kurt Bobek
Schnitt Brigitte Hujer

Peter Borgelt: Hauptkommissar Peter Fuchs
Holger Franke: K-Techniker
Alexander Wikarski: Gerichtsmediziner
Manfred Müller: Leiter der K Lossow
Christian Steyer: Anton „Antonio“ Lasch
Jan Spitzer: Bosowski, Band-Leader
Frank Matthus: Gitarrist
Nina Lorck-Schierning: Maria Lasch
Justus Carrière: Otto Lasch
Marko Krause: Anton als Kind
Andreas Rudloff: Anton als Kind
Annemone Haase: Frau Schmidt
Joachim Tomaschewsky: Herr Schmidt
Herbert Sand: Fotograf Keller
Gisela Morgen: Frau Lübeck
Helmut Müller-Lankow: Herr Lübeck
Renate Heymer: Frau Auerbach
Werner Dissel: Herr Auerbach
Ortwin Spieler: Klempnermeister Walter
Hildegard Walter: Nixe Walter
Fritz Bornemann: Dr. Zabel
Hansi Jochmann: Frau Zabel
Christa Löser: Geschwister Leitner
Christa Wagner: Geschwister Leitner
Volker Holecek: Schiffsfotograf
Detlef Neuhaus: Reiseleiter
Gerd Blahuschek: Kapitän
Peter Friedrichson: 1. Offizier
Wolfgang Hübner: Archivar
Günter Drescher: Gefängniswärter
Christine Heinze: Strafvollzugsbeamtin
Sabine Wang: Reinigungskraft
Peter Kaden: Feldpolizist
Heini Müller: Feldpolizist

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