Die Tür mit den sieben Schlössern (D 1962) #Filmfest 78 #EdgarWallace

Filmfest 78 A "Special Edgar Wallace" (9)

Der Inspektor mit den Zaubertricks und der Frankenstein-Widergänger treffen einander in der Gruft 

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Zwei spektakuläre Morde, einer davon mitten in der Waterloo Station, zwei Polizisten von Scotland Yard, ein furchtsamer Ganove, der das dritte Opfer darstellt, ein Wappen, eine hübsche Bibliothekarin mit Sinn für Heraldik, zwei nebeneinander liegende Herrenhäuser, die bezüglich der Seltsamkeit ihrer Bewohner miteinander ein scharfer Konkurrenz stehen, eine Gruft mit sieben Türen und eine Tür mit sieben Schlössern und ein Mann, den niemand als Drahtzieher vermutet hätte – außer denen, die sich mit der Wallace-Reihe und Krimis ein wenig auskennen.

Zur besonderen Gestaltung der Edgar Wallace-Rezensionen innerhalb der FilmAnthologie des Wahlberliners siehe die Kritik zu „Der Frosch mit der Maske“.

Die Tür mit den sieben Schlössern ist ein deutsch-französischer Kriminalfilm (französischer Titel: La porte aux sept serrures) und der elfte deutschsprachige Edgar-Wallace-Film der Nachkriegszeit. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Edgar Wallace (Originaltitel: The Door with Seven Locks) wurde von der deutschen Rialto Film unter finanzieller Beteiligung der französischen Les Films Jacques Leitienne produziert. Der Film wurde vom 26. Februar bis 30. März 1962 in West-Berlin und Hamburg unter der Regie von Alfred Vohrer gedreht. Uraufführung war am 19. Juni 1962 im Europa Palast in Frankfurt am Main. Der Film ist die achte Rezension eines Films der Reihe innerhalb der FilmAnthologie des Wahlberliners (1).

Produktionsdaten, Trivia (Wikipedia)

  • Das erste Drehbuch von Johannes Kai sah als Schauplätze unter anderem Mexiko-Stadt, Caracas, Rio de Janeiro, Santiago de Chile, Tokio, Hongkong, Bombay, Kapstadt und Madeira vor. Produzent Horst Wendlandt, der das Projekt bereits Ende 1961 realisieren wollte und dem das Drehbuch zu aufwendig erschien, produzierte zunächst den Film Das Rätsel der roten Orchidee. Noch vor dem Kinostart dieses Edgar-Wallace-Films begannen die Dreharbeiten zu Die Tür mit den sieben Schlössern, dessen Drehbuch inzwischen von Harald G. Petersson in eine wesentlich kostengünstigere Fassung umgearbeitet wurde.
  • Zum ersten Mal beteiligte sich eine französische Firma an den Produktionskosten eines Wallace-Krimis der Rialto Film.
  • Regie führte Alfred Vohrer, der für die Rialto Film bereits erfolgreich die Wallace-Verfilmung Die toten Augen von London und den Abenteuerfilm Unser Haus in Kamerun inszeniert hatte.
  • Die Außenaufnahmen fanden in Berlin-Tempelhof und auf der Berliner Pfaueninsel statt. Die London-Aufnahmen stammten aus dem Archiv. Die Innenaufnahmen entstanden in den Ufa-Filmstudios in Berlin-Tempelhof. Die Bahnhofsszenen wurden in dem 1979 abgerissenem Bahnhof ‚Hamburg-Altona‘ gedreht.
  • Für die Rolle des Inspektors Dick Martin engagierte man Heinz Drache, der gerade erst durch den Straßenfeger Das Halstuch nach Francis Durbridge einem Millionenpublikum bekannt geworden war. Zwei Jahre zuvor hatte er bereits in dem von Kurt Ulrich produzierten Wallace-Film Der Rächer mitgewirkt.
  • Neben einigen in der Wallace-Serie bereits etablierten Darstellern spielten erstmals Gisela Uhlen, Werner Peters und Hans Nielsen in einem Film der Reihe mit. Siegfried Schürenberg mimte erstmals den Scotland-Yard-Chef Sir John. In insgesamt dreizehn Filmen sollte er den energischen und leicht trotteligen Polizeichef spielen. Außerdem war er in vier weiteren Wallace-Verfilmungen in anderen Rollen zu sehen.
  • Beim Endschnitt, also noch vor der Prüfung durch die FSK, entfernte man die ursprünglich vorgesehene Eröffnungssequenz des Films. Diese Szenen werden in Joachim Kramps Buch Hallo! Hier spricht Edgar Wallace (1998) wie folgt beschrieben: Der eben ertrinkende Peter Livingston (gespielt von Arthur Schilski) wird von einem Polizisten (gespielt von Hector Hecht) mit Hilfe einer Stange aus der Themse gezogen. Noch bevor er jedoch an Land kriechen kann, wird der Polizist von einem Unbekannten niedergeschlagen und Livingston mit einem Fußtritt zurück ins Wasser befördert. Während er sich an den glitschigen Stufen festzuhalten versucht, greifen zwei Hände nach ihm und zerreißen mit einem Ruck das Hemd am Hals. Eine Halskette mit Schlüssel wird sichtbar – mit allerletzter Kraft setzt sich der Ertrinkende zur Wehr und versinkt schließlich gurgelnd in den Fluten. Als Polizeisirenen ertönen, flieht der Unbekannte und das Geschehen geht weiter wie bekannt, an der Waterloo Station. In dem Trailer des Films sind Fragmente dieser Szenen zu sehen.
  • Der Film wurde von der FSK ohne Schnittauflagen ab 16 Jahren freigegeben. 1991 folgte die Freigabe ab 12 Jahren. Dennoch wurde der Film vom Fernsehen später in einer stark gekürzten Fassung ausgestrahlt. Auch der im Original farbige Vorspann wurde lediglich in Schwarzweiß wiedergegeben. Inzwischen wurde der Film in der originalen Kinofassung auf DVD veröffentlicht.
  • Trotz weitaus schlechterer Kritiken gelang Rialto Film nach dem Misserfolg von Das Rätsel der roten Orchidee wieder ein Kassenschlager. Die Tür mit den sieben Schlössern gehört zu den sechs Wallace-Filmen mit mehr als drei Millionen Kinobesuchern bei der Erstaufführung.
  • In den Bahnhofszenen zu Beginn des Films ist deutlich eine Diesellokomotive der Baureihe V65 der Deutschen Bundesbahn zu sehen. Dies verrät, dass die Szenen in einem deutschen Bahnhof gedreht wurden und nicht – wie der Film durch angebrachte englischsprachige Schilder glauben machen will – in einem Bahnhof in London.

Ausführlichere Handlungsbeschreibung mit Auflösung (Wikipedia)

Scotland-Yard-Chef Sir John ist ratlos. Innerhalb kürzester Zeit werden zwei auf den ersten Blick nicht in Zusammenhang stehende Personen ermordet. Inspektor Dick Martin und sein Assistent Holmes nehmen die Ermittlungen auf und kommen erst weiter, als der Ganove Pheeny bei Martin auftaucht und ihm eine seltsame Geschichte von einer Tür mit sieben Schlössern erzählt, die er für einen unbekannten Auftraggeber hätte aufbrechen sollen. Als Pheeny kurz darauf umgebracht wird, bleibt Martin lediglich die Zeichnung eines Familienwappens, die Pheeny ihm hinterlassen hat.

Im Gewand eines in der Waterloo Station getöteten Priesters wird ein Brief gefunden mit der Aufforderung, sich beim Advokaten Haveloc einzufinden. Haveloc ist der Testamentsvollstrecker des verstorbenen Lord Selford, der, wie sich später herausstellt, kurz vor seinem Tod an sieben seiner Bekannten je einen Schlüssel geschickt hat, mit dem sie am Tag der Volljährigkeit seines Sohnes in der Familiengruft der Selfords eine Tür mit sieben Schlössern öffnen sollen, hinter der sich das Erbe des jungen Lord Selford befinden soll.

Mit Hilfe der Bibliothekarin Sybil Lansdown findet Inspektor Martin heraus, dass die Zeichnung von Pheeny das Wappen der Familie Selford zeigt. Mit seinem Assistenten Holmes besucht Martin Schloss Selford und trifft dort an der Tür auf den polizeibekannten ehemaligen Gangster Tom Cawler und auf dem Anwesen den angeblichen Arzt Dr. Staletti, der ihm gleich etwas seltsam vorkommt.

Wieder zurück im Büro von Notar Haveloc trifft Inspektor Martin erneut auf die Bibliothekarin Sybil Lansdown, die sich als Nichte des verstorbenen Lord Selford erweist. Sie bittet Martin um Hilfe, da sie einen Brief von Lopez Silva, dem ehemaligen Gärtner ihres Onkels, erhalten hat, in dem Silva seine Ankunft in London ankündigt und Sybil vor einer drohenden Gefahr für ihr Leben warnt. Doch der Mann aus Lissabon wird bereits im Flugzeug ermordet. Man findet seine Leiche in der Maschine und eine zerrissene Kette um seinen Hals, der Schlüssel daran aber fehlt.

Bei der Vernehmung der Flugzeugpassagiere trifft Inspektor Martin auf einen gewissen Mr. Cody und dessen Ehefrau Emily. Cody verwickelt sich bei der Befragung in Widersprüche, wodurch das Misstrauen des Inspektors geweckt wird. Sein alter Bekannter Tom Cawler arbeitet im Hause der Codys als Butler. Später stellt sich heraus, dass er der Neffe von Emily Cody ist und dort nur zur Tarnung arbeitet.

Mit einem Trick lockt Emily Cody die Bibliothekarin Sybil von ihrem Arbeitsplatz in ein Taxi vor der Tür. In diesem wartet bereits Mr. Cody als Taxifahrer verkleidet und entführt Sybil in die Villa des Paares. Eingesperrt in einer Dachkammer des Cody-Anwesens soll Sybil eine Verzichtserklärung auf ihr gesamtes Hab und Gut sowie auf alles, was ihr als Miterbin von Lord Selford zufallen sollte, verfassen.

Bei einem Angriff des grobschlächtigen Riesen Giacco wehrt sich Mr. Cody mit einer Maschinenpistole und tötet dabei versehentlich seine Frau Emily, bevor er selbst von Giacco erwürgt wird. Sybil Lansdown wird von Tom Cawler aus der Dachkammer befreit, noch bevor Giacco dort eindringen kann.

Sybil und Tom gelangen in das benachbarte Schloss Selford, wo sie von dem wahnsinnigen Dr. Staletti in dessen geheimes Labor gebracht werden, das sich in der Gruft unter der Kapelle befindet. Tom Cawler soll das nächste menschliche Versuchsobjekt für die Experimente von Staletti werden.

Dazu kommt es aber nicht mehr, da die Polizei rechtzeitig eintrifft, um Staletti das Handwerk zu legen. Auch der eigentliche Drahtzieher der Morde, der Notar Haveloc, kann von Inspektor Martin überführt werden. Nachdem man Haveloc den siebten Schlüssel abgenommen hat, findet man auch die geheimnisvolle Tür mit den sieben Schlössern und kann diese schließlich öffnen. Dahinter findet man neben dem Erbe auch die Leiche des ermordeten jungen Sohnes von Lord Selford. Dessen Tod wurde die ganze Zeit über geheim gehalten und an seiner Stelle Tom Cawler auf Reisen durch die Welt geschickt, der sich als der junge Lord ausgeben sollte und der Zahlungsanweisungen für seinen angeblich ausschweifenden Lebensstil verlangte. So konnte Notar Haveloc die ganze Zeit über Auszahlungen aus dem Nachlass des alten Lord Selford an den vermeintlichen Sohn veranlassen.

Rezension

Unser letzter Beitrag zur Reihe war „Im Banne des Unheimlichen“, ein Farbfilm aus 1968, den man ohne Weiteres zu den Spätwerken der Serie rechnen muss – und die Spätwerke bedeuten meistens einen Abstieg, sonst wären die späteren Werke ja allenfalls die mittleren und die späteren hätten noch später gelegen, weil es insgesamt noch mehr Edgar Wallace-Filme gegeben hatte. Bücher hatte Wallace genug geschrieben, weit über 100. Aber es gab „nur“ 38 Filme, die zur Reihe gezählt werden. Das sind einige Abenteuer mehr, als James Bond bis heute auf dem Konto hat.

Mit „Die Tür mit den sieben Schlössern“ kehren wir zurück in die Hochzeit der Reihe, als manche Wallace-Verfilmungen mehr als 3 Millionen Deutsche in die  Kinos lockten. Der Titel klingt eher nach einem gemütlichen Rätsel-Krimi und stellt insofern eine Ausnahme dar, aber der Inhalt ist gänzlich anders. Wenn wir zeitgenössische Kritiken lesen, müssen wir richtiggehend schmunzeln, weil die heutige Kultreihe damals für viele hauptamtliche Filmbeschreiber bei den großen Zeitungen und Magazinen ein echtes Ärgernis gewesen sein muss. Sie passte einfach in kein Schema, und das machte sie angreifbar. Heute wissen wir mehr. Die Filme waren ihrer Zeit voraus, besonders im Umfeld des damaligen deutschen Kinos.

Gerade, wenn Alfred Vohrer Regie führte, wie in „Die Tür mit den sieben Schlössern“, hat man unglaublichen Spaß mit Edgar Wallace und gewiss mehr davon, als wenn man seine Bücher lesen würde. Im Verein mit Filmkomponist Peter Thomas schuf Vohrer reißerisch-humorvolle Filme, die so schauerlich-schön sind, dass man sie bewundern muss. Niemand schielte nach internationalen Filmpreisen, manchmal schielte wohl auch niemand danach, ob das Publikum die Gags überhaupt alle sah und verstand.

Leider hatten wir das Pech, den Film in einem ziemlich kleinformatigen Bild schauen zu müssen, daher sind uns vielleicht auch einige Dinge entgangen, aber die Liebe zum Detail ist ganz offensichtlich und lässt einige Figuren weit über den Durchschnitt der Wallace-Filme und vieler anderer Werke des Schauerkrimis, des Krimis überhaupt und auch mancher sogenannter ernste Filme hinauswachsen.

Allerdings hatte es Vohrer auch leicht: Heinz Drache und Eddi Arent als Polizistenpärchen funktionieren sehr gut und die Figuren, die sie spielen, waren nicht so festgelegt, dass man sie nicht immer wieder variieren konnte. So zum Beispiel in „Die Tür mit den sieben Schlössern“ dadurch, dass man den Inspektor mit allerlei Zaubertricks sieht, die er mit seinem Assistenten (Arent) durchführt und die jener mit unvergleichlicher Launigkeit kommentiert. Es gibt ganz viele kleine Momente dieser Art, die schon einen oder zwei Tage nach dem Anschauen des Films nicht mehr so leicht zu beschreiben sind (vor allem wenn die Tage, wie unser heutiger, besonders mit Eindrücken anderer Art angefüllt waren), aber wir empfehlen schon an dieser Stelle den Fans der Serie ganz besonders diesen Film, denn er gehört zu den besten der Reihe, die wir bisher gesehen haben.

Wir haben bereits an anderer Stellte darüber philosophiert, warum Alfred Vohrer als Kriegsversehrter sich offenbar leicht damit tat, all die Schrecken zu ironisieren, ja zu parodieren, mit denen er selbst konfrontiert war. Dass heutige Filme oft so lau wirken, hat auch damit zu tun, dass ein Regiestudium nützlich ist, um das Metier zu beherrschen, aber es kann einschneidende Erfahrungen nicht ersetzen – und verweisen unter anderem auf die emigrierten deutschen Regisseure in den USA, die maßgeblich am Enstsehen der „Schwarzen Serie“ in den 1940ern beteiligt waren.

Der Anwalt, dessen fehlende Hand durch ein Gewehr ersetzt ist, wirkt besonders schaurig, wenn man weiß, dass der Regisseur im Krieg seinen rechten Arm verloren hatte – genau jenen, der zumindest teilweise auch beim ruchlosen Anwalt Warren D. Haveloc (Gustav Nielsen) fehlt. Ein wenig hat Vohrer sich in ihm gewiss verewigt – seine Filme waren für damalige Verhältnisse in gewisser Weise ebensolche Gaunerstücke mit hochgradiger Effektwirkung wie die Machenschaften des Anwalts manipulativ und hintertrieben sind – der Part ist auslegbar, aber er rät der hübschen Bibliothekarin Sybil (Sabina Sesselmann) dazu, die Polizei zu kontaktieren, obwohl er die Scotland Yard-Beamten damit ein Stück weiterbringt. Aber nicht bis zu ihm als Urheber von allem, denkt er sich, dafür sind die nicht schlau genug. Doch hätte er anders reagiert, hätte er sich vielleicht verdächtig gemacht. Ja, der Weg bis zur Lösung ist weit und die Lösung selbst hat einen derben Witz, weil genau in dem Moment, in dem Inspector Dick Martin (Heinz Drache) dem Zuschauer erklären will, was der Verbrecher alles falsch gemacht hat, geschossen wird und jener verstirbt. Dumm, aber heute ist es klar: Im Prinzip hat er gar nichts falsch gemacht, zu dem Zeitpunkt, zu dem er sich offenbart.

Mit dem Film selbst wurde auch wenig falsch gemacht. Dass das Werk ironisch gemeint war, merkt man schon daran, dass immer wieder dieser Kauz oder welcher Vogel es auch immer ist, um die Herrensitze herum schreit, als ob er den Zuschauern zurufen wolle: Ich bin ein running Gag, eine Persiflage auf dunkles Schauergemäuer und alles Getier, das dort kreucht und fleucht. Besonders deutlich merkt man das daran, dass die Momente, in denen der Vogel sich meldet, genau die sind, die nur ohne ihn richtig spannend wären, mit ihm aber eine – eben nicht unfreiwillige – Komik erhalten. Der Regisseur spielt mit dem Publikum und stellt ihm Figuren zur Verfügung, von denen viele Zitate darstellen: Werner Peters spielt einen Typ, der seiner Frau ebenso untertan ist wie in seiner grandiosen Rolle in „Der Untertan“ einst dem Kaiser, ein feiger Wicht, ein mittelmäßiger Mensch. Dr. Scaliatti klingt nicht von ungefähr ähnlich wie „Caligari“, sein Herkommen stammt aber aus der Tradition von Dr. Frankenstein, dementsprechend sieht auch sein Labor im Schlosskeller ähnlich aus und überall wabert es, schön angeleuchtet, aus Reagenzgläsern. Sein Wahn, den perfekten Menschen zu erschaffen, hat aber auch deutliche Anklänge an die Nazi-Ideologie und dass er nur einen gewalttätigen, tumben Koloss erzeugt hat und in seinem Kerker desweiteren ein Menschenaffe (ein Mensch im Affenkostüm) eingesperrt ist, das ist schreiend komisch, weil so offensichtlich übertrieben und dem ernsten Unernst der Lage an der Menschenperfektionierungsfront gehuldigt wird. Heutige Genbiologen oder Biogenetiker sollten sich Filme wie diese anschauen, bevor sie wieder mal versuchen, Genies zu züchten. Die Natur geht ihre eigenen Wege.

Aber es gibt auch Kritik zu üben an manchen Haltungen: Frauen kommen  nur als reißende Hyänen vor, wie Emily Cody (Gisela Uhlen) oder als rettungswürdige Blondinen, eine moderne Figur wie die typische Sixties-Londonerin Margie (Barbara Rütting), die in „Der Hexer“ ihr eigenes Ding macht, gibt es hier noch nicht.

Aber auch das muss man Alfred Vohrer und auch den Drehbuchschreibern der Wallace-Reihe eingestehen. Sie ließen umgehend Neuerungen in die Filme einfließen, nicht immer auf die ernst gemeinte Art. 1962, in „Die Tür mit den sieben Schlössern“, gab es nur die erwähnten Zitatfiguren, aber zwei Jahre später hatte man die Bond-Filme bereits liebevoll adaptiert und karikiert, ebenso war man sich der einsetzenden gesellschaftlichen Veränderungen bewusst, die in Cool London ihren Ausgang nahmen.

Beinahe überflüssig, festzustellen, dass „Die Tür mit den sieben Schlössern“ nach bewährten Mustern gefilmt ist. Ein großes Vermögen könnte vakant werden, und alle, die damit zu tun haben, kommen ums Leben. Natürlich ist unter den Erben eine Frau (Sibyl) und diese wird gerettet. Das erinnert auch an einen der beiden Pater Brown-Filme, der eine ähnliche Personenkonstellation aufweist – aber weniger reißerisch inszeniert ist. Man kann so etwas offenbar immer wieder schreiben, lesen, inszenieren, schauen. Es bedient Grundmuster unseres Denkens, und nicht die Originalität der Drehbücher ist das Wichtigste, sondern wie geistreich und ausgefuchst, wie humorvoll im Falle der Vohrer-Wallace-Krimis und mit wie viel immer wieder durchschimmerndem Individualismus gefilmt wird.

„Die Tür mit den sieben Schlössern“ gehört auch deshalb zu den Klassikern der Reihe, weil hier alles, was die Filme ausmacht, beinahe im Übermaß vorhanden ist. Nur schade, dass Klaus Kinski so früh das Zeitliche segnet. Das kommt davon, wenn man einen eher mediokren Gauner von ängstlicher Natur spielen muss. Solche Typen überleben nicht lange, im Wallace-Universum deutscher Prägung.

Ein besonderer Gag ist übrigens die Wohnung von Inspektor Martin. Sie liegt genau an einer Bahntrasse und es ist dort ohrenbetäubend laut, wenn ein Zug vorbeifährt. Dass man bei ihm, offenbar liegt die Bleibe auch noch im Parterre, einsteigen kann, ohne dass er’s wahrnimmt, dazu hätte es dieser wenig guten Wohnlage nicht bedurft. Wir glauben, dass sie eine ironisierende Anspielung auf große amerikanische Klassiker ist, wie „The Crowd“ (1928), in denen kleine, eher schäbige Wohnungen mitten im Lärm der Stadt für soziale Unterprivilegierung stehen, was ja auch ein wenig der Wirklichkeit entspricht. Auch „Die zwölf Geschworenen“ (1957) könnte einer der Paten für die Idee zu dieser Wohnung gewesen sein, weil es dort genau darum geht: Dass ein Zug in einem Moment vorbeifährt, in dem eine Frau einen Schrei gehört haben will. Minutiös weist einer der Geschworenen nach, dass das nicht der Fall gewesen sein kann – eben wegen des Zuges. Diesen großen Film auf eine solche Weise zu parodieren, ohne dass es groß auffällt, muss man erst einmal hinbekommen. Die damalige Kritik, die mit Hintergründigkeit im deutschen Film nicht vertraut war, hatte solche Gimmicks demgemäß nicht schätzen können. Anders ausgedrückt: So wenig verdiente ein Inspektor bei Scotland Yard sicher nicht, dass er in einer solche Bude hausen musste.

Wir würden für diesen Film sogar den Begriff „pfiffig“ verwenden wollen, der uns bei deutschen Werken der 1950er und 1960er selten aus den Tasten quillt, denn die Freude am Spiel mit tausend Kleinigkeiten und am Spiel selbst ist dem Team deutlich anzumerken und neben allem anderen erreicht es Regisseur Vohrer auch, dass alle Schauspieler ihre Sache am oberen Rand ihrer Möglichkeiten machen – besonders diejenigen, die bei einer weniger inspirierten Regie zum Hölzernen und zur schablonenhaften Spielweise neigen.

Typische Merkmale von Edgar Wallace-Filmen gemäß Wikipedia (kursiv) und unsere Anmerkungen zum jeweiligen Film:

  • Regie: Kein Regisseur hat den Stil der Edgar-Wallace-Filme mehr beeinflusst als Alfred Vohrer. Der erfahrene Synchronregisseur inszenierte 14 Filme der Serie, darunter Klassiker wie Die toten Augen von London, Das Gasthaus an der Themse und Der Hexer. Die leicht übertriebene Schauspielführung und die pointierte Schnitt- und Zoomtechnik sind für praktisch alle Film- und Fernseharbeiten Vohrers typisch.
    • In unserer Rezension zu „Im Bann des Unheimlichen“ schrieben wir, der Stil von Vohrer sei etwas weicher und flüssiger geworden, aber es sei noch genug Wallace-Feeling drin, um zu erkennen, in welch langer Reihe erfolgreicher Filme „Im Banne des Unbekannten“ steht. Einer der erfolgreichsten Film in dieser benannten Reihe ist „Die Tür mit den sieben Schlössern“, in dem Vohrer besonder knackig inszeniert und der noch keine Relativierungen kennt. Warum auch, denn sie würden den Humor und das Parodistische ebenfalls relativieren.
    • Auffällig ist, dass es dieses Mal keine krude maskierte Täterfigur gibt, sondern dass sich das Schurkische hinter mehr oder weniger normal aussehenden Menschengesichtern verbergen muss. Dem steht gegenüber, dass das Gruselige nicht in ihrer Optik, sondern in ihrem Charakter angelegt ist. Damit gleicht das Szenario eher dem von Filmen der Reihe wie „Das indische Tuch“ als zum Beispiel „Der Frosch mit der Maske“ oder „Im Banne des Unheimlichen“ oder den Mönchskuttenfilmen. Jeder könnte der Mörder sein, außer natürlich den Guten.
    • Das der Film sehr spannend ist, ohne die Nerven zu zerfetzen, teilt er mit den anderen besseren Wallaces. Die Zuschauer 1962 mögen’s etwas anders empfunden haben, aber wir finden den Horror einfach reizend. Denn wir sind heute gestählt durch US-Filme, die ganz andere Dimensionen des Grauens erreichen – und auch der Gewalt. Die Medienrezeption hat sich verändert. Umso schöner, dass die Wallace-Filme heute nicht als veraltet und lau wahrgenommen werden, sondern als Schaustücke zur guten Abendunterhaltung.
  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).
    • Wir haben Heinz Drache als Inspektor, Eddi Arent als seinen Assistenten, der auch in dieser Rolle eine gewisse Butler-Attitüde nicht verleugnen mag, und erstmalig Siegfried Schürenberg als Sir John. Letzterer wirkt noch nicht ganz so kauzig-geschliffen wie in „Der Hexer“, wo er einem Briten schon recht nahe kommt, aber den Vorgesetzten der verschiedenen Polizisten verkörpert er bereits so gut, dass er noch fünfzehn weitere Wallace-Filme zieren wird.
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).
    • Dass der Titel „Die Tür mit den sieben Schlössern“ eher neugierig auf das Geheimnis eines Ortes machen soll als auf einen exorbitanten Schurken, haben wir sinngemäß bereits erwähnt, ähnliche Titel sind „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ etc.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    • In „Die Tür mit den sieben Schlössern“ geht’s ausschließlich um Geld, um die Gier nach dem großen Vermögen des verblichenen Lord Selford, das alle verbrecherischen Elemente zu Höchstleistungen antreibt.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
    • Die Londoner Szenen sind dieses Mal rein aus dem Archiv, es kommen auch keine Figuren des Films darin vor, ansonsten wurde in Berlin und Hamburg gedreht. Der Sitz der Selfords dürfte wieder einmal das Schloss auf der Berliner Pfaueninsel sein, das zwar nur begrenzt britisch wirkt, aber doch eine schöne Location darstellt. Wenn man bedenkt, dass das Ur-Drehbuch eine beinahe bond-reife Hatz um die ganze Welt vorsah, ist dieser Part so konventionell, dass es eben auch wieder typisch wirkt und den skurrilen Charme auch dieses Wallace-Filmes befördert. Immerhin sind alle erkennbaren Autos rechtsgelenkt – ausnahmsweise.
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. Dieser Satz wurde in einigen Fällen von Regisseur Alfred Vohrer
    • Es gibt bereits die Schüsse und den (einfarbig) farbigen Vorspann, aber noch nicht die Buchstaben des Namens von Edgar Wallace auf den Flecken und noch nicht das mit Hall gesprochene „Hier spricht Edgar Wallace“.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war. Während die Soundtracks von Martin Böttcher (fünf Filme), Willy Mattes (zwei Filme) oder Peter Sandloff (ein Film) eher aus zeitlosem Orchestersound mit Easy-Listening-Charakter bestanden, griffen Heinz Funk (drei Filme) und Oskar Sala (ein Film) auch auf neue Techniken der elektronischen Musik und experimentelle Kompositionen zurück.
    • Die dieses Mal eher karge und ganz auf einzelne, kurze Effekte, knappe, sehr gut getimte Geräusche und Töne abgestimmte Musik von Peter Thomas ist wieder eines der Highlights des Films. Sie kommentiert die Szenen mit einem so trocken-ironischen Humor, dass man schon daran sieht, dass das Vergnügen des Zuschauers im Vordergrund stehen wollte, nicht das Entsetzen.

Fazit

Statt eines Tonbandgerätes, wie zuletzt in „Im Banne des Unheimlichen“, kommt dieses Mal wieder ein Schallplattenspieler zum Einsatz, der vortäuscht, wie die seltsamen Cowleys Bach spielen, an einer kirchenreifen Orgel. Auch diese Einrichtung ist übrigens klasse, geradezu surrealistisch wird sie, als die Orgelpfeifen sich öffnen und zu einer Bar werden. Kein Mensch wird sich fragen, was das alles eigentlich soll, es ist einfach nur Show. Spaß am verrückte Dinge machen. Wir schreiben das, weil uns zu dieser Sache noch keine tiefgängige Interpretation eingefallen ist. Wenn das nicht so ist, dann wird es wohl auch nichts zum Interpretieren geben.

Manche der Wallace-Filme sind großes Kino, weil sie gnadenlos konsequent in ihrer – nennen wir’s ruhig Albernheit – sind. Da gibt es Elemente, die an die großen Komiker der Filmgeschichte erinnern, nur, dass man sie hier auf eine ganz spezielle Art mit einer Krimihandlung verbunden hat. Gerade Vohrer hat wie wohl kaum ein anderer Regisseur erkannt, dass die Wallace-Romane nur dann gut sind, wenn man sie nicht zu ernst nimmt. „Die Tür mit den sieben Schlössern“ haben wir für diese Rezension erstmalig gesehen – glauben wir jedenfalls, jedenfalls konnten wir uns an keiner der vielen charakteristischen Szenen erinnern. Über all den Spaß hinaus war daher auch Premieren-Feeling anwesend.

74/100 

© 2020, 2019 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

  1. Alle bisherigen Rezensionen des „Special Edgar Wallace“

Begleitartikel „Special Edgar Wallace“ (Update)
FFA 61 Der Frosch mit der Maske
FFA 63 Der Rächer
FFA 65 Der grüne Bogenschütze
FFA 67 Die toten Augen von London
FFA 70 Der rote Kreis
FFA 72 Das Geheimnis der gelben Narzissen
FFA 74 Die seltsame Gräfin
FFA 76 Das Rätsel der roten Orchidee
FFA 78 Die Tür mit den sieben Schlössern (diese Rezension)

Regie Alfred Vohrer
Drehbuch Harald G. Petersson
unter Mitarbeit von Johannes Kai und Gerhard F. Hummel
Produktion Horst Wendlandt,
Preben Philipsen,
Jacques Leitienne
Musik Peter Thomas
Kamera Karl Löb
Schnitt Carl Otto Bartning
Besetzung

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