In Colorado ist der Teufel los (The Sheepman, USA 1958) #Filmfest 81

Filmfest 81 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftDer Weidekrieg auf humorvolle Art

Ein recht kurzer Western (nur 80 Minuten Spielzeit), vergnüglich, stellenweise parodistisch. Der Kampf zwischen Schaf- und Rinderzüchtern ist historisch, die Art, wie er hier ausgetragen wird, sicher nicht.

Darauf kommt es dem Film aber nicht an, denn alle Figuren sind keine klassischen Westerntypen, sondern eher Karikaturen davon. Daher hat man auch in den gefährlichen Momenten nicht das Gefühl, dem sympathischen Schafzüchter Jason Sweet (in Deutsch: Jakob Lieblich) könnte etwas passieren.

Handlung

Jakob Lieblich (im Original: Jason Sweet), ein Berufsspieler, gewinnt beim Pokern eine Schafherde. Er lässt die Tiere per Zug nach Powder Valley bringen, was die dortige Bevölkerung mit Unmut zur Kenntnis nimmt.

Mit McCall, dem härtesten und stärksten Kerl vor Ort, beginnt er einen Kampf, den er auch gewinnt. Zudem gibt er sich als exzellenter Gewehrschütze zu erkennen. Er verliebt sich in Dell Payton, die nicht weiß, was sie von ihm zu halten hat, aber sich dennoch auch in ihn verliebt. Jasons Nebenbuhler ist der Viehbaron Steven Bedford, den er aus früheren Tagen her kennt. Bedford hat sich eine neue Identität verpasst. Bevor er in den Ort kam, war er Johnny Bledsoe, ein Falschspieler und Revolverheld.

Bedford/Bledsoe merkt, dass sich die Einwohner von ihm abwenden, nachdem Jason den Leuten klargemacht hat, dass der das ganze Land für sich aufkaufen will. Er heuert einen professionellen Killer an, um Jason zu beseitigen. Jason kann den Killer, Chocktaw Neal, mit Hilfe von Dell und Milt Masters besiegen. So kommt es zu einem Showdown zwischen Jason und Bedford/Bledsoe, bei dem Jason der Schnellere ist, aber trotzdem verwundet wird. Er kommt mit Dell zusammen, verkauft aber zu ihrer Überraschung die Schafherde. Er lässt sich als Rancher nieder (Zusammenfassung aus der Wikipedia).

Rezension

Da der Film ja so nett daherkommt, dass selbst die bösen Buben eher niedlich wirken, ärgern wir uns gleich am Anfang und dann ist es gut. Der Held Jason Sweet wird in der deutschen Version in Jakob Lieblich umgetauft. Normalerweise ist es bei Synchronisationen nicht üblich, auch die Namen sinnähnlich oder überhaupt zu übersetzen. Weil das normalerweise nicht so ist, denkt man hier zunächst, der Film habe bewusst einen deutschstämmigen Amerikaner zum sympathischen Helden gemacht. Ein guter Trick des deutschen Verleihs, aber damit wäre die Parodie im Original denn auch zu sehr auf die Spitze getrieben worden.

Die Besetzung ist gut, trotz seiner Kürze ist der MGM-Streifen ein A-Film, der aber, von Glenn Ford in der Hauptrolle abgesehen, vor allem mit der Zukunft dealt.

Wir sehen Shirley McLaine in einer frühen Hauptrolle und finden sie zauberhaft. Sie bringt einen ganz neuen Typ ein, mit ihren schmalen Augen, dem flachen Gesicht, sie wirkt ziemlich unamerikanisch in einem so amerikanischen Genre wie dem Western. Da helfen auch die zeitgemäßen Kostüme nichts. Aber sie hat Präsenz und das merkt man in den wichtigen Szenen. Dann ist da Leslie Nielsen in der Rolle des Schurken Johnny Bledsoe / Col. Stephen Bedford. Nielsen ist der Mann, der viel später als Hauptdarsteller in den Nackte-Kanone-Filmen weltberühmt wurde. Wir dachten uns gleich, irgendwoher kennen wir dieses Gesicht – aber erst, als wir nachgesehen haben, kam das Aha-Erlebnis. Und ein dritter Schauspieler, dem gerade eine große Zukunft bevorstand, hatte einen relativ kurzen Auftritt als Gunman, der recht schnell von Ford erschossen wurde: Pernell Roberts, der als Adam Cartwright eine der größten Serienrollen erhielt, die das amerikanische Fernsehen damals zu vergeben hatte. Er spielte Adam, den ältesten Sohn des Ranchers Ben Cartwright in Bonanza.

Der Film ist in schöner Landschaft gedreht, Colorado bietet fürs Auge eindeutig mehr als etwa Texas, zudem scheint Indian Summer zu sein. Dass der Film trotz seiner Kürze in Cinesmascope entstand, auch ein Indiz für einen A-Film, ist ein wenig seltsam, irgendwie ein großes Feature von ziemlicher Kürze. Entstanden in einer Zeit, in der Western und US-Filme insgesamt immer epischer wurden (vergleiche etwa „The Big Country“ aus demselben Jahr, der doppelt so viel Spielzeit hat).

Einer der beiden Showdowns, den Jason Sweet zu bestehen hat (der mit Pernell Roberts) ähnelt sehr stark dem in „High Noon“. Drei Banditen platzieren sich so auf Häusern, hinter Fenstern, dass der vierte von ihnen mit großer Ruhe auf offener Straße gegen den Helden antreten kann. Viele Showdowns haben genau dieses Szenario bemüht, mit dem man so gut darstellen kann, wie das Böse überall ist und der Gute sich gewaltig anstrengen muss, um es zu besiegen. Eigentlich ist es unmöglich. Oder man schießt so gut wie Gary Cooper in High Noon oder hat so gute Hilfe wie Glenn Ford. Auch die Art, wie Shirley McLaine zu seinen Gunsten eingreift, erinnert an Grace Kelly in High Noon. Und auch wieder nicht. Sie hat im Grunde die Hauptrolle der Szene, setzt mit einem Mann alten Mann zusammen drei der vier Gangster schachmatt, sodass sich Ford / Sweet ganz auf denjenigen (Roberts) konzentrieren kann, der ihm auf der Straße gegenübersteht. Und, klar, bei einem nunmehr gerechten Kampf Mann gegen Mann gewinnt natürlich der Schafzüchter, der so gut mit dem Revolver umgehen kann. Shirley McLaine agiert da sehr selbstverständlich, sie hat ja auch nicht die inneren Kämpfe durchzustehen wie die Quäkerin Amy (Grace Kelly) in High Noon.

Schon der Anfang des Films, als Ford / Sweet bewusst Streit sucht, um klarzumachen, dass mit ihm nicht zu spaßen ist, wo er doch weiß, dass seine Schafzucht-Ambitionen in Colorado City nicht auf allseitiges Verständnis stoßen werden, ist witzig. Der Film bleibt bis zum Ende eine Westernkomödie. Dass darin auch geschossen wird, versteht sich, sonst wäre es ja nur eine Komödie, und kein Western. Der Tod zweiter Schurken berührt ja nicht besonders und tut dem Vergnügen keinen Abbruch.

Aber da ist etwas Seltsames in diesem Film. Man hat das Gefühl, Leuten gegenüberzustehen, die einfach befremdend wirken, auch im komödiantischen Sinn. Es mag an den Dialogen liegen. Die sind teilweise absurd und die Handlung folgt keiner Spur. Die Figuren sind alle etwas dumm, das gilt an der Stelle, wo er sich auf dem Fest bezirzen lässt, während seine Schafe verladen werden, auch für Jason Sweet, sonst der einzigen Figur, die von den anderen abgesetzt wird. Vielleicht ist es auch das, was stört. Dass man selten eine solche Ansammlungen von simply minded people sieht wie in dieser Stadt. Und dass dies nicht durchgehalten wird. Die Zeichnung der einzelnen Charaktere schwankt, selbst in diesem kurzen Film, der im Grunde nur – dann aber konsistente – Stereotypen zeigen kann. Man hat den Eindruck, verschiedene Leute wechseln ihren IQ von Szene zu Szene von 70 auf das Doppelte und wieder zurück.

Die einzelnen Dialogsätze und Szenen sind durchaus humorvoll, das ganze Szenario aber wirkt zu aufgesetzt. Dazu hat Leslie Nielsen stellenweise erkennbar Mühe, die Mimik im Zaum zu halten, wo er eigentlich den Schurken geben soll. Ist das jetzt Parodie oder nicht, fragt man sich zeitweise. Die überdeutlich hinweisenden, wenn  man’s anders sieht: fehlproportionierten Szenen tun ein übriges, dass man sich während des ganzen Filmes wundert. Nielsen spielt beinahe eine Minute lang mit der geladenen Duellpistole auf dem Tisch, bis Sweet endlich darauf Bezug nimmt. Der Mann hat einen ganzen Waffenschrank voller Gewehre, lädt aber umständlich die altmodische Pistole von vorne. Klar, es soll eine Komödie sein, aber eine gewisse interne Logik muss immer dort sein, wo die Figuren keine surrealistischen Typen sind, wie die Marx-Brothers in Go West von 1940, wo eine geladene Kanone tatsächlich durch eine Mini-Kanone anstatt einer üblichen Waffe symbolisiert wird (!).

Regisseur George Marshall hat durchaus ein Gespür für gute Westernkomödien, sein berühmtester Film Destry Rides Again ist allerdings schon 1939 gedreht worden, mit einem sehr jungen James Stewart und einer sehr gut aufspielenden Marlene Dietrich in den Hauptrollen.

Hier aber geht einiges durcheinander, was komisch wirken soll, aber eher kurios daherkommt. Verspielt, nicht konsequent als schillernde Komödie ausgelegt.

Der meist sehr sympathische Glenn Ford und die reizende Shirley McLaine retten den Film. Ford wirkt schrullig und provoziert die Leute in Colorado City ganz schön, er hat auch eine Mission, nämlich den Mörder seiner Verlobten zu finden. Dass er die Schafhherde nach Colorado City gebracht hat, um damit die Leute aus der Reserve zu locken.

Daraufhin heuert der tonangebende Colonel Bedford eine Killerbande an, in der ausgerechnet der Mann den Chef gibt, den Sweet / Ford sucht. Das kann man natürlich auch so verstehen, dass Sweet alles vorhergesehen und quasi geplant hat. Das wäre aber eine genauso große Überdehnung seines Scharfsinnes wie es, wenn man diesen Gedanken außen vor lässt, verdammt zufällig ist, dass der Gangster tatsächlich aufkreuzt und die beiden ihr Ding austragen können. Wäre dieser nicht gekommen, hätte Sweet einfach Schafe gezüchtet oder gegen Rinder getauscht, was er am Ende sowieso tut, das ist die wahrscheinlichere Variante. Also kein Mensch, der von einer Mission angetrieben wird.

Finale

Die zahlreichen Versatzstücke der Westernmythologie, die man in dem Film sehen kann, wirken beliebig und auch in einer Komödie sollte die speziell auf eine Komödie zugeschnittene Glaubwürdigkeit erhalten bleiben. Das ist hier nicht der Fall und daher kann man nicht von einer rundum gelungenen Westernparodie sprechen.

Wegen Glenn Ford, Shirley McLaine, einigen witziger Szenen und der schönen Landschaft im Breitwandformat 60/100.

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie George Marshall
Drehbuch James Edward Grant
William Bowers
Produktion Edmund Grainger
Musik Jeff Alexander
Kamera Robert Bronner
Schnitt Ralph E. Winters
Besetzung

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