Die Puppe (D 1919) #Filmfest 82 A DGR

Filmfest 82 A Die große Rezension

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftVorwort 2019 / 2020

Kurz vor dem Abschluss des Jahres 2019 zeigen wir die Kritik zu einem Film, der genau 100 Jahre alt ist und von niemand anderm stammt als von Ernst Lubitsch.

Wir werden 2020 und in den folgenden Jahren Werke vorstellen, die noch betagter sind. Wir denken dabei unter anderem an die große Charles-Chaplin-Werkschau, die spätestens für 2021 geplant ist. Außerdem hat auch Ernst Lubitsch schon, wie Chaplin, 1913 begonnen und wie jener vor und hinter der Kamera und mit ähnlicher Verve. Allein 1915 führte der gebürtige Berliner bei elf Kinostücken Regie. Wir werden zwar bald einen noch älteren Film des zeitweise führenden Regisseurs in Hollywood mit europäischem Hintergrund zeigen, „Als ich tot war“ aus dem Jahr 1916, aber für eine Lubitsch-Werkschau sind unsere bisherigen Sichtungen zu fragmentarisch.

An den Ufern der Filmkunst – früher Lubitsch-Touch

Wenn man in der Filmgeschichte beinahe 100 Jahre zurückgeht und das mit großem Interesse, dann muss es gute Gründe dafür geben. Einer davon sind die frühen Filme von Ernst Lubitsch, die von der F. W. MurnauStiftung dankenswerterweise so gut wie möglich rekonstruiert wurden.

Wir mussten zweimal ansetzen, um „Die Puppe“ genießen zu können. Beim ersten Mal gehörten wir vermutlich zu den 20 %, die mit dem Film nicht viel anfangen können (1). Nein, das stimmt natürlich nicht, aber die heutigen Sehkonventionen haben es bedingt, dass wir zurückspulen mussten und nochmal bei Minute ca. 25 einsteigen.

Ein Lubitsch aus der Zeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg ist eben kein Selbstgänger, vor allem, wenn er mit einer 2010 komponierten Musik unterlegt ist, die man mit Fug als Geschmacksache bezeichnen kann. Wir verstehen schon, dieser neue Score soll das Fantastische des Ganzen und die Mechatronik, die bei der Puppe Ossi zur Anwendung kommt im Besonderen unterstützen, trotzdem ist es gewöhnungsbedürftig. Lubitsch selbst hätte diese Art, 91 Jahre nach der Entstehung mit seinem Werk umzugehen, bestimmt witzig gefunden, schließlich war er ein Meister des hintergründigen Humors (Billy Wilder war bezeichnenderweise ein Fan von ihm und fragte sich, wenn es irgendwo klemmte: „Wie hätte Lubitsch das gelöst“?).

Man kann „Die Puppe“ drei Genres zuordnen: Komödie, Phantastik und – Science Fiction. Erstaunlich, wie seit dem Golem von 1913 die deutsche Kinowelt zunehmend mit expressionistisch dekorierten und schräg gestellten Landschaften belebt wurde. Die Puppe Ossi ist die komödiantische Vorgängerin der manipulativen Mensch-Maschine Maria aus Fritz Langs „Metropolis“. Das niederschmetternde Ende des Ersten Weltkrieges hatte in Deutschland erkennbar einen Reflex ausgelöst, der in der Kunst zunächst eine Flucht aus dem Realismus mit sich brachte (Siegfried Kracauer) – diese Flucht aber führte unbestreitbar binnen wenigen Jahren zu Ergebnissen, die bei allen allen Kunstformen zu einer heute kaum noch vorstellbaren Blüte gipfelten. Realistischere Filmwerke als „Die Puppe“, „Das Cabinet des Dr. Cagliari“ (1920) oder „Metropolis“ (1927) gab es übrigens auch, aber sie stehen nicht für den deutschen Kino-Sonderweg des Expressionismus, sondern münden ab ca. 1925 in die „Neue Sachlichkeit“, die mehr dem Filmstil anderer Nationen ähnelte.

Handlung

Baron de Chanterelle fühlt sein Ende nahen. Da er verhindern will, dass sein Geschlecht vorzeitig ausstirbt, lässt er verkünden, dass sich alle Jungfrauen des Dorfes zusammenfinden sollen, damit sich sein Neffe Lancelot unter ihnen eine Ehefrau aussuche. Die Frauen des Ortes sind begeistert, deren Verlobte weniger und am allerwenigsten Lancelot, der unter keinen Umständen heiraten will. Ehe er sichs versieht, verfolgen ihn 40 heiratswillige (Jung-)Frauen durchs ganze Dorf. Es gelingt ihm, sich zu verstecken und den Weg zum nächsten Kloster zu erfragen.

Im Kloster herrscht kein enthaltsames Leben: Die Mönche sind dick vom vielen Schlemmen und auch Lancelot kommt ans Kloster, als sich die Mönche gerade bei einem üppigen Mahl befinden. Er wird eingelassen, muss jedoch mit einem trockenen Stück Brot vorliebnehmen. Tage später – Lancelot lebt immer noch im Kloster – sind die Mönche wegen ihres Lebensstils fast bankrott. In der Zeitung lesen sie einen offenen Brief von Chanterelle an Lancelot: Er solle doch wieder zu seinem Onkel zurückkehren und heiraten. Als „Entschädigung“ würde er ihm auch 300.000 Francs zahlen. Die Mönche überzeugen Lancelot zu heiraten. Wenn er schon keine Frau ehelichen wolle, könne er doch auch eine Puppe heiraten. Nach einigem Zögern willigt Lancelot ein.

Er begibt sich zu Puppenmacher Hilarius, der gerade eine Puppe nach dem Ebenbild seiner Tochter Ossi geschaffen hat. Im Gegensatz zur Tochter schneidet die Puppe zwar keine Grimassen, kann aber wie eine echte Frau zum Beispiel tanzen und grüßen. Während sich Lancelot von Hilarius Dutzende täuschend echte Puppen zeigen lässt, tanzt Hilarius’ junger Lehrling ungestüm mit der Puppe, deren Arm beim darauffolgenden Sturz zerbricht. Ossi hat Mitleid mit dem Jungen und bietet sich an solange die Puppe zu imitieren, bis er den Arm repariert hat. Weil Lancelot die vorgeführten Puppen nicht zusagen, da er eine mit Charakter haben will, zeigt ihm Hilarius die gerade erst fertig gewordene Puppe – in Wirklichkeit die echte Ossi. Spontan entschließt sich Lancelot zum Kauf, erhält ein „Puppen-Hochzeitskleid“ und die Gebrauchsanweisung sowie gute Ratschläge zur Pflege der Puppe. Ossi nimmt all dies mit Entsetzen zu Kenntnis und auch der Lehrling ist tief bedrückt.

Baron de Chanterelle fühlt mal wieder das Ende nahen und die Erbschleicher bevölkern bereits sein Haus, als Lancelot mit Ossi erscheint und Chanterelle spontan gesundet. Die Hochzeit wird festgelegt. Unterdessen beichtet der Gehilfe Hilarius, dass statt der Puppe die echte Ossi an Lancelots Seite steht. Spontan stehen Hilarius die plötzlich ergrauten Haare zu Berge.

Die Hochzeit zwischen Lancelot und Ossi vollzieht sich und Ossi spielt ihre Puppenrolle gut. Lancelot erhält von Chanterelle das versprochene Geld und macht sich mit Ossi auf zum Kloster. Dort wollen die Mönche sie in einer Besenkammer abstellen, doch schafft es Ossi, sie zu überlisten und am Ende in Lancelots Schlafstube zu stehen. Der nutzt sie als Kleiderständer und träumt nachts, dass Ossi lebendig sei. Als er erwacht, beteuert ihm Ossi, tatsächlich zu leben, doch glaubt es Lancelot erst, als sie sich vor einer Maus erschreckt. Beide fliehen aus dem Kloster und finden sich schließlich auf einer Bank wieder, wo sie sich glücklich in die Arme fallen und küssen.

Hilarius hat unterdessen vergeblich versucht, zum Kloster zu gelangen. Er stiehlt von einem Ballonverkäufer sämtliche Luftballons und lässt sich in den Himmel treiben, doch der Geselle schießt auf die Ballons, die nach und nach platzen. Hilarius sinkt zu Boden und landet direkt vor dem sich küssenden Pärchen. Bevor er entrüstet sein kann, zeigen ihm Ossi und Lancelot ihre Heiratsurkunde: Beide haben noch einmal „echt“ geheiratet. Hilarius ist nun seiner Sorgen ledig und prompt färben sich auch seine Haare wieder schwarz.

Rezension

Wir können in der Besprechung von „Die Puppe“ keine Linien zu bereits geschriebenen Rezensionen aufzeigen, denn wir fangen bei der Filmkunst ziemlich vorne an und „Die Puppe“ ist der erste deutsche Stummfilm, über den wir schreiben. Allerdings mit großer Freude, denn unser Interesse an der Filmgeschichte begann mit Werken wie „Klassiker des deutschen Stummfilms“ von Brennicke / Hembus (2), die wir fasziniert verschlangen. Viele Hauptfilme der goldenen Weimarer Zeit haben wir bereits gesehen, müssen dies aber wiederholen, um in kurzem Zeitabstand einen sinnvollen Beitrag schreiben zu können.

„Die Puppe“ hingegen ist für uns eine Premiere, in der von der Friedrich W. Murnau-Stiftung restaurierten Fassung mit neuer Musik aus 2010 und überhaupt. Gleichzeitig ist das Werk der älteste deutsche Film, den wir uns bisher angeschaut haben.

Fraglos gehört er neben „Die Austerinprinzessin“ aus demselben Jahr und vom selben Regisseur, den „Augen der Mumie Ma“ (1918) und „Das Weib des Pharao“ zu den wichtigsten deutschen Werken des Regisseurs mit dem Touch, bevor er (nicht von den Nazis gedrängt, sondern schon in den 1920ernabgeworben) nach Hollywood ging und dort unvergessliche Komödien produzierte, von denen einige auf unserer Rezensionsliste stehen (unter anderem die unvergesslichen Highlights „Serenade zu dritt“ (1933), „Ninotchka“ (1939) und „Sein oder Nichtsein“ aus dem Jahr 1942).

Archetypische Komödiencharaktere und andere Neuigkeiten

Der schusselige Jungbaron Lancelot bringt die Handlung ins Rollen. Dieses Muttersöhnchen mit einer Aversion gegen alles Fleischliche kauft konsequenterweise eine Puppe als Frau und ist am Ende froh, dass es die Tochter des Herstellers ist, die er in Wirklichkeit mitgenommen hat. Da kann nicht meckern, der weibliche Charme einer für damalige Verhältnisse großen und schlanken Frau  mit auffallend hübschen Beinen hat ihn kuriert. Zuvor war er mönchischer als die Mönche. Zumindest als jene Mönche, die in „Die Puppe“ gezeigt werden.

Ein fideles Kloster. „Die Handlung dieses Machwerks, das den Tiefstand unserer heutigen Kinokunst an einem traurigen Beispiel beweist, ist in ihrem ganzen Verlaufe nichts anderes als eine unverschämte Verhöhnung des katholischen Ordenslebens.“

So die damalige katholische Filmkritik (3). Vergessen wir nicht, wir sind im Jahr 1919, in dem die wilhelminische Welt aus den Fugen gegangen war und alle verzweifelt nach Orientierung suchten. Da passten völlernde Mönche, die einer vermeintlichen Puppe lüsterne Blicke zuwerfen oder sie über de Schultern schmeißen, schlecht ins Bild. Natürlich war das satirisch, denn hinter Kirchen- und Klostermauern, davon kann man ausgehen, war die Not nicht so groß wie im Volk, am Ende eines ungeheuer kräftezehrenden Krieges, in dem das Land durch falsche Organisation und die Seeblockade der Alliierten im Wortsinn ausgehungert war. Als wir die fressenden Klosterbrüder sahen, dachten wir sofort an die Bilder der hungernden Menschen in jenen Jahren, die ein Unheil waren und das nächste, den NS-Staat schon in sich trugen. Wer den Film in der Epoche seiner Entstehung sah, hatte einen ganz anderen Bezug zu diesen Szenen als wir heute und wir verstehen, dass die Kirche sich über diese wenig tugendhafte Darstellung der frommen Gemeinschaft aufgeregt hat. Das war eine wirklich direkte Form von Gesellschaftskritik – von der Zensur wurde der Film aber mitsamt diesen provozierenden Szenen freigegeben, weswegen wir sie heute sehen können (es gibt kein vollständiges Originalnegativ mehr von „Die Puppe“, die gesehene Murnau-Stiftungsvariante basiert i. W. auf einer Kopie, die im Österreichischen Filmarchiv in Wien lagert).

Sinnlichkeit vor dem Jazz Age. Die oben genannte Kritik hatte in einem zweiten Punkt den Film richtig interpretiert. Er ist voller sexueller Anspielungen und einmal zeigt die lebendige Puppe auch Knie, in einer Zeit, in der nur Balletttänzerinnen Kleider trugen, welche die Knöchel sichtbar sein ließen. Die wilden 20er, in denen jedes Jahr mehr Freizügigkeit geboten wurde, waren 1919 gedanklich noch viel weiter, als es die wenigen Jahre bis zum Höhepunkt in 1928/29 vermuten ließen. Jene Zeiten waren von einer Veränderungsrasanz, die wir, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren sind, uns wohl nur noch theoretisch  vorstellen, aber nicht mehr erfühlen können. Auch die Wenden von 1949 und 1989 sind damit nicht vergleichbar.

Wir sind also mit „Die Puppe“ noch bei einem der ersten von vielen großen Sprüngen nach vorne, welche der Film technisch und künstlerisch in jener kurzen Epoche der Weimarer Republik vollzog, aber rückblickend steht dieser Film schon in der Chronologie, die zu grandiosen Film am Ende des nächsten Jahrzehnts führen wollte.

Die Puppe als Komödiantin. Wie der frühe deutsche Stummfilmstar Ossi Oswalda das Mädchen spielt, das die mechanischen Bewegungen einer lebensgroßen und mit einer komplexen Aufziehmechanik ausgestatteten Puppe nachzuahmen versucht, gegenüber der Mutter dreimal die Zunge herausstreckt und immer wieder aus dem Mechanischen ausbricht, ohne dass der vertrottelte Jüngling Lancelot das bemerken würde, ist selbstverständlich im Stil der Summfilmzeit pantomimenhaft – aber von einer beachtlichen Präzision und Verve, die es höchst vergnüglich machen, ihr zuzuschauen. Dass sie dabei sogar etwas wie Sexappeal entwickelt, ist auch Lubitschs Regie zu verdanken. Man muss die auslösenden Reize recht genau hinterfragen, um zu verstehen, weshalb man sich von einer fast 100 Jahre alten Stummfilmfigur zuweilen mehr angezogen fühlt als von freizügigen Darstellungen heutiger Art. Da man Manches in einem Mainstream-Film, der immerhin von der Universum stammt, natürlich nicht wie in einem kleinen Porno (sowas gab es damals auch schon und wurde in ziemlich verruchten Kaschemmen dargeboten) pure Nacktheit zeigen konnte, musste man Erotik subtiler verpacken und dabei genau an der Grenze des von der Zensur Erlaubten entlang schlüpfen.

Die Kleidung des Mädchens / der Puppe haben wir erwähnt, in einer Szene im Zimmer mit Lancelot legt sie auch einen Teil der Oberbekleidung ab – aber mehr als das reizt, wie mit dem Umstand des Ausziehens umgegangen wird, ohne dass man ihn sieht (Ossi klatscht Lancelot eine, als der ihr das Kleid aufmachen will in der Annahme, eine Puppe könne so etwas nicht selbst), mehr als das regt es die Fantasie an, wie immer wieder kleine Gesten und Momente so einen Unterton haben, etwa, als die müde „Puppe“ in der Kutsche plötzlich den Kopf auf Lancelots Schoß fallen lässt und dieser das Noch-Nicht-Objekt-der-Begierde wieder geradesetzt. Da grinst sogar der Mond und zwickt ein Auge zu, welcher in Anspielung auf George Meliès Mondreisegeschichte ein Gesicht trägt.

Dass Lancelot nach diesem überraschenden Schubser bei der Auskleideszene verwirrt den Raum verlässt und sagt: „Die muss aber eine komplizierte Mechanik haben“ ist zum Wegschmeißen. Natürlich ist das eine Anspielung auf das, was Männer über Frauen in jener Zeit und bis heute ungebrochen sich steigernd zu denken begannen, als diese sich eben nicht mehr wie Aufziehpuppen in die Ordnung zwängen ließen und anfingen, ihr eigenes Leben zu haben. Auch diesen Subtext werden angstvoll auf die Sittlichkeit wie auf die allgemeine Ordnung des Geschlechterlebens schauende Kritiker erkannt haben, ohne diesen Aspekt mit der Sicherheit und Abgeklärtheit benennen zu können, zu der wir nach beinahe 100 Jahren weiterer Sozialgeschichte – und selbst in eine Zeit längst veränderter Rollenbilder hineingewachsen – in der Lage sind.

Eine nach unserer Ansicht wichtige Figur ist auch der Lehrling von Hilarius, dem Puppenhersteller. Dieser klein gewachsene Kerl ist für die frechen Kommentare zuständig und zeigt eine anarchisch-satirische Form von Verhalten, die über Slapstick hinausgeht. Die übertriebene Art, wie er sein eigenes Schicksal in vergleichsweise häufigen Zwischentiteln reflektiert, gehört zu den Highlights des Films. Wenn man so will, ist eine Figur das realistische Element in „Die Puppe“ und ist so, wie ein typischer Ladenschwengel seiner Zeit es wohl gerne gewesen wäre, in anderen, weniger autoritären Verhältnissen, in denen es zwar häufig Backpfeifen gibt (die gibt es in deutschen Filmen bis in die 50er Jahre häufiger als irgendwo sonst auf der Welt), aber selbige nicht zu ernst genommen werden (5).

So viel Handlung oder nicht und so viele Einfälle

Wir wissen, dass Meister Lubitsch „Die Puppe“ als einen seiner einfallsreichsten Filme bezeichnet hat – zumindest ist Vieles neu und es fängt schon ziemlich besonders an, als Lubitsch selbst ein Puppenhaus mit Landschaft davor aufbaut. Auf einem gemalten Weg vom Haus weg spaziert der Protagonist und fällt in ein Wasserloch. Plumps, ruft der postrealistische Soundtrack und wir mussten auch wegen dieser Untermalung wirklich lachen. Aber Geschmacksache, wie gesagt, auch die E-Gitarre in einer Tanzszene mit Ossi. Dieses Haus zeigt, dass in diesem Film alles künstlich und alles Fantasie sein will, dementsprechend sind auch die wundervollen Dekors gestaltet.

Meist zweidimensional wirkend, aber großartig ornamentiert und geometrisch sehr gewählt. Als wir in der Küche von Ossis Mutter zugange waren, dachten wir, frühe Fliesen mit eingebrannten Küchengeräten als Dekors zu sehen, wie wir sie seit den 1980er Jahren kennen (mehrere Fliesen, richtig zusammengesetzt, ergeben ein Accessoire) – erst in einer vergleichsweisen Nahaufnahme war zu erkennen, dass dies nur Malerei ist. Trotzdem ist das avantgardistisch, so dürften z. B. die comichaften Konturen dieser übergroß geratenen Geräte in der noch kurzen Filmgeschichte bis 1919 kaum Vorbilder haben.

Kameratechnisch ist der Film hingegen den Möglichkeiten seiner Zeit verpflichtet und durch diese begrenzt. Schräge Einstellungen, ebenso wie schräg gestellte Pappmaché-Bauten kamen erst in den Folgejahren auf und die Kamera von ihrem starren Stativ zu befreien und auf Schienen, später sogar auf motorisierten Kränen fahren zu lassen, war noch nicht angesagt. Es wäre ja eigentlich auch blöd, wenn alles, was Film heute ausmacht, in nur ganz wenigen Filmen und ohne sichtbare Entwicklungsstufen erfunden worden wäre. Trotzdem ist „Die Puppe“ um ingeniös und schon ein gutes Stück vom wilhelminischen deutschen Film entfernt, obgleich die wilhelminische Ära erst im selben Jahr zu Ende gegangen war.

Die Ausstattung des Films, auch solche witzigen Einfälle wie die Pferde, die von Menschen dargestellt werden, sich auf die Hinterbeine setzen, mit den Vorderbeinen schlenkern und mit dem Kutscher darüber diskutieren, ob sie die Karre noch ziehen sollen, weil sie zu müde sind, sollen eine Kunstwelt darstellen – und doch schimmert in jedem dieser Einfälle durch, wie sehr der damals erst 27jährige Lubitsch (seine ersten „Feature Films“ fertigte er komplett eigenständig mit 22) schon ein Menschenkenner und versierter Autorenfilmer war. Er konnte und durfte über seine Zeit hinausdenken   und man hat ihm offenbar nicht allzu viel mit konventionellen Ansätzen ins Handwerk hineinregiert. Das muss man der jungen Universum Film AG (Ufa) zugute halten, dass sie ihre angehenden Regiestars ganz offenbar an der langen Leine führte.

Allerdings sind Filme wie „Die Puppe“ Einzelstücke. Im Jahr 1919 wurden in Deutschland 499 Spielfilme gedreht (4), das ist etwa das Vier- bis Fünffache des heutigen Ausstoßes, und die allermeisten waren billige Machwerke ohne künstlerische Ambitionen. Wenn man den Anteil der hervorragenden oder sehr guten Werke in Relation zum Gesamtausstoß setzt, war deren Anteil viel geringer als in unserer Zeit, fast minimal ist er, wenn man die heute noch relevanten Filme aus der Jahresproduktion extrahiert. Im Laufe der 20er änderte sich übrigens auch das. Die Zahl der Filme pro Jahr war deutlich rückläufig, aber es gab eine beinahe stetige Aufwärtsentwicklung der künstlerisch wertvollen Produktionen, um es mit den Worten der offziellen Prüfstelle auszudrücken.

Dramaturgisch ist „Die Puppe“ noch erkennbar ein Frühwerk, und dies gilt wiederum vor allem für einige Szenen in der ersten  Hälfte des Films, die man heute nicht mehr so auswalzen würde – zum Beispiel die Sequenz, in der Lancelot kreuz und quer durch die Dekors läuft, hinterdrein die vierzig Jungfrauen. Damals war diese Rasanz aber auch etwas Neues und ein wenig Verliebtheit in den eigenen Ideenreichtum merkt man hier schon und diese Verliebtheit steht ein wenig über dem Gedanken an ein exaktesTiming nach heutiger Manier. Umso verblüffender, wie dieses im Verlauf des Films immer besser wird, so, als lerne Lubitsch dadurch im Zeitraffer, dass er sich selbst beim Filmen zuschaut. Die Alchemistenküche mit den auf die gekachelte Wand gemalten Pfannen und Töpfen war also ein  Labor des engagierten, jungen Filmemachers und was dort an Filmsprache erfunden wurde, war vom Pioniergeist einer Zeit befeuert, die aus Trümmern einer scheinsicheren Vergangenheit etwas ganz Neues schaffen wollte.

Finale

„Die Puppe“ ist schon ein sehr inspirierter Film aus einer Zeit, die so fern erscheint – und doch: Man könnte ein computeranimiertes Remake von doppelt so langer Spielzeit drehen, ohne dass es langweilig würde. Allerdings: Wie man den Lubitsch-Touch, der in der heutigen Zeit mit ihrer sehr dezdierten Darstellung der Anziehung der Geschlechter aufeinander hineinbekäme, das wissen wir nicht. Er war seiner Epoche geschuldet und da Lubitsch in die USA ging, wo ab 1934 der Production Code der Freizügigkeit enge Grenzen setzte, konnte er dort mit seinen Andeutungen – die ab 1933 noch dezenter wurden – bei gleichzeitigem Gespür für Stil und Eleganz genau das tun, was er inzwischen ganz sicher beherrschte. Komödien machen, die immer mit Humor und einem freien, kritischen, in Maßen satirischen Geist auf uns schauen, ohne auf uns zu zeigen.

In welch atemberaubendem Tempo der Film sich damals entwickelte, zeigte sich noch im selben und im folgenden Jahr, als Fritz Langs erstes Hauptwerk „Die Spinnen“ in damals ungewöhnlichen, beinahe monumentalen zwei Teilen erschien und ein ganzes Genre ins Rollen brachte. Den Spionagefilm, heute: Agententhriller. Frank Wiene erschuf in ebenjenem Jahr „Das Cabinet des Dr. Caligari“, das als ein Hauptwerk der neuen, expressionistischen Filmkunst gilt. Auch wenn „Die Puppe“ für 1919 sehr fortschrittlich war, schon ein Jahr später gab es die angesprochenen nächsten Entwicklungsschritte im deutschen Film.

 72/100

Quellen, Verweise, Anmerkungen:

(1) Wir beziehen uns auf die Bewertungen in der amerikanischen IMDb (Internet Movie Database), in denen der Film ein erstaunliche hohes Maß an Totalablehnung erfährt – Einpunkte-Wertungen sind bei Filmen mit hohen Wertungsdurchschnitten normalerweise im Bereich zwischen 0,5 und 2,0 % angesiedelt. Auffällig auch, dass das besonders kritische Publikum der Frauen ab 45 Jahren mit dem Film kaum etwas anfange kann. Einen so großen Abstand zwischen dieser alters- und geschlechtsspezifischen Gruppe zu allen anderen haben wir bisher bei keinem anderen Film gesehen. Die Datenbasis ist eher gering, aber erfahrungsgemäß umfangreich genug, um eine Tendenz zu etablieren, die sich auch bei größerer Zahl von Bewertungen nur noch in Maßen verändern würde. Lubitsch-spezifisch ist dieses Phänomen allerdings nicht, andere Filme von ihm weisen weder gruppenintern noch insgesamt solche Ausschläge auf.

(2) Ilona Brennicke, Joe Hembus: Klassiker des deutschen Stummfilms 1910-1930

(3) Wikipedia, „Die Puppe“, Zitat-Zitat einer Filmkritik aus 1920

(4) Brennicke, Hembus, a. a. O., S. 245

(5) Die Verharmlosung von körperlicher Züchtigung im deutschen Film ist ein Tatbestand, der kulturhistorisch bedingt und Teil einer Mentalität ist, die bestimmte Irrwege der Deutschen befördert hat. Dies anhand von Filmstellen aus mehreren Jahrzehnten zu analysieren, wäre ein interessantes Dissertationsthema für Film- oder Sozialhistoriker.

© 2020, 2019, 2013, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Ernst Lubitsch
Drehbuch Hanns Kräly,
Ernst Lubitsch
Produktion Paul Davidson
für Projektions-AG „Union“
Kamera Theodor Sparkuhl
Besetzung

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