Die Bande des Schreckens (D 1960) #Filmfest 83 #EdgarWallace

Filmfest 83 A "Special Edgar Wallace" (11)

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftWie Einzeltäterschaft durch die Todesstrafe zur Bandensache wird.

„Die Bande des Schreckens“ ist nach „Der rote Kreis“ die zweite neu geschriebene Rezension innerhalb der Wallace-Werkschau, weil auch dieser Film den Weg ins Fernsehen nicht so recht finden mag – obwohl ihm das gebühren würde, denn „Die Bande des Schreckens“ zählt zu den besseren Adaptionen von Romanen des englischen Kriminalschriftstellers, der in den 1920ern zu den produktivsten und meistgelesenen Autoren des Genres zählte. Schon damals wurden, anfangs noch stumm, seine Bücher verfilmt, weil, wie es heißt, sie sich besonders gut dafür eignen. Insgesamt haben wir Kritiken zu 11 von 12 Filmen, zu bis 1962 gedreht wurden, in die Werkschau aufnehmen können (1) (2). 

Die Bande des Schreckens ist ein deutscher Kriminalfilm und der vierte Edgar-Wallace-Film der Nachkriegszeit. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Edgar Wallace (Originaltitel: The Terrible People) wurde von Rialto Film im Auftrag von Constantin Film produziert. Der Film wurde vom 18. Juni bis 23. Juli 1960 unter der Regie von Harald Reinl in Hamburg und Schleswig-Holstein gedreht und am 25. August 1960 im Europa-Palast in Frankfurt am Main uraufgeführt.

Handlung (+ Zusatzinfos: Wikipedia)

Bei seiner Verhaftung in einer Londoner Bank erschießt der jahrelang gesuchte Scheckfälscher und Betrüger Clay Shelton einen Polizisten. Als er daraufhin wegen Mordes angeklagt wird und gehängt werden soll, veranlasst er als seinen letzten Wunsch das Erscheinen aller freiwillig oder unfreiwillig an seiner Verhaftung und Verurteilung beteiligten Personen, um ihnen seine Rache zu prophezeien.

Nach der Hinrichtung Sheltons sind diese Warnungen zunächst vergessen, bis Chefinspektor Long – maßgeblich an der Verhaftung Sheltons beteiligt – nur knapp einem Mordanschlag entgeht. Der Staatsanwalt, der Richter und der Henker werden bald darauf auf mysteriöse Weise umgebracht. Am Tatort wird immer wieder der für tot gehaltene Clay Shelton beobachtet. Da Long weder an Geister noch an Halluzinationen glaubt, lässt er den Sarg des Gehängten öffnen. Dieser enthält jedoch lediglich einen Haufen Backsteine und eine Liste der Todeskandidaten.

Bei weiteren Nachforschungen stößt Long auf geheimnisvolle Intrigen um die attraktive Nora Sanders, die bei Mrs. Revelstoke – ebenfalls auf Sheltons Todesliste – als Sekretärin beschäftigt ist. Als der Zwillingsbruder des Bankiers Monkford versehentlich umgebracht wird, beschließt dessen Bruder mit Hilfe von Inspektor Long dessen Tod zu rächen – und zwar auf der Golfwoche in Little Hartsease, wo Monkford anwesend sein wird, um die Bande herauszufordern. Unter die Gäste mischen sich neben Long auch Nora Sanders sowie Mrs. Revelstoke und einige Polizeibeamte in Zivil. Beim Abendessen bekommt Nora einen Ring von einem Unbekannten geschenkt. Long warnt Nora, die sich in großer Gefahr befindet. Am nächsten Morgen wird auch der echte Monkford auf unerklärliche Weise ermordet auf seinem Zimmer aufgefunden – erschossen durch das Telefon.

Long bringt Nora Sanders auf seinem Landsitz bei seinem Vater in Sicherheit. Doch der Bande gelingt es auch, sie zu entführen. Zum Glück bekommt Inspektor Long Unterstützung durch den Polizeifotografen Edwards, der einen der Täter auf einem Foto erkannt hat. Long führt dieser Hinweis zu einem Bootshaus von Shelton, in dem Nora gefangen gehalten wird. Doch diese wird schon längst von dem Tierfreund Crayley befreit. Auf der Flucht werden sie vom Boot des sogenannten „Bosses“ gerammt. Crayley ist verschwunden, Nora wird gerettet vom plötzlich auftauchenden Inspektor Long mit einem Polizeiboot. Er bringt diese ins Krankenhaus, während Crayleys Leiche gefunden wird mit einem Zettel auf der Brust „Verräter werden bestraft!“. Auch Mrs. Revelstoke verschwindet spurlos. Kurz darauf entführen die Mörder Nora Sanders erneut aus dem Krankenhaus. Inspektor Long erfährt durch einen Anruf der „Bande des Schreckens“ von der Entführung und macht sich auf dem Weg zum Golfhotel in Little Hartsease, wo man ihn herbestellt hat. Hier ist Nora in der Hand der Verbrecher.

Nachdem Long einem versuchten Mordversuch entgeht, gelingt es ihm die Täter außer Gefecht zu setzen – allerdings enden diese tödlich. Nora kann befreit werden. Inzwischen hat Longs Vater das Einsatzkommando der Polizei informiert und die Beamten stürmen das Gebäude. Vor ihren Augen wird auch nun der Drahtzieher der Morde und der angebliche Geist Sheltons entlarvt: die verschwundene Mrs. Revelstoke. Sie ist Sheltons Witwe, die mit ihren drei Söhnen den Tod Sheltons rächte. Sie nimmt sich mit einer vergifteten Hutnadel das Leben. Long und Nora werden ein Liebespaar.

Notizen zur Produktion

Nach dem großen Erfolg der beiden Edgar-Wallace-Filme Der Frosch mit der Maske und Der rote Kreis produzierte zunächst Kurt Ulrich den nächsten Edgar-Wallace-Film Der Rächer für den Europa-Filmverleih. Der Film kam am 5. August 1960 in Konkurrenz zu den Wallace-Filmen von Rialto Film / Constantin Film in die Kinos. Unbeirrt davon planten Waldfried Barthel (Constantin Film) und Preben Philipsen (Rialto Film, Prisma-Filmverleih) die Produktion von vier Edgar-Wallace-Filmen im Produktionsjahr 1960/61: Die Bande des Schreckens, Der grüne Bogenschütze, Das Geheimnis der gelben Narzissen und Die toten Augen von London. Die Drehbücher der nächsten beiden Filme gab man bei Wolfgang Schnitzler in Auftrag, während der bereits erprobte Egon Eis die Adaptionen von Das Geheimnis der gelben Narzissen und Die toten Augen von London übernahm.

Planmäßig führte Harald Reinl wieder Regie, da man für die Wallace-Filme zunächst ihn und Jürgen Roland abwechselnd als Regisseure einsetzen wollte. Reinls damalige Ehefrau Karin Dor spielte zum ersten Mal in einem Film der Reihe mit. Auch Elisabeth Flickenschildt gab mit diesem Film ihr Wallace-Debüt. 

Am 18. August 1960 gründete Rialto-Chef Preben Philipsen mit dem deutschen Filmkaufmann Franz Sulley die deutsche Rialto Film Filmproduktion und Filmvertrieb GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main. Die Produktion von Die Bande des Schreckens war zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen und bereits einen Tag später wurde der Film der FSK vorgelegt. Nach Kürzung der Szene, in der Nora Sanders (Karin Dor) im Haus am See durch Crayley (Dieter Eppler) bedroht wird, wurde der Film ab 16 Jahren freigegeben. 1991 folgte die Freigabe der originalen Langfassung ab 12 Jahren.

Der Film erschien nur knapp drei Wochen nach dem Start des von Kurt Ulrich produzierten Edgar-Wallace-Films Der Rächer, er kam bei Kritik und Publikum jedoch deutlich besser an.

Rezension

Beeindruckend fand ich vor allem den sehr gut konstruierten Plot. Die Logik stimmt, das Motiv stimmt, und die dramaturgische Ausgestaltung ist ebenfalls gut. Eine Frau zu entführen und sie in Lebensgefahr zu bringen, ist aber auch ein beinahe sicherer Spannungsträger, obwohl das Ergebnis, speziell wenn die Frau diejenige jenes Regisseurs Harald Reinl ist, vorhersehbarer ist, als wenn eine männliche Figur entführt worden wäre. Karin Dor wird nichts zustoßen, sie wird ja noch gebraucht. Für weitere Filme bis hin zu Alfred Hitchcock und James Bond und hier kommt sie erstmalig in einem Edgar-Wallace-Krimi zum Einsatz.

Das Gespann Eddie Arent und Joachim Fuchsberger ist dieses Mal nicht so eng zusammengespannt worden wie z. B. in „Der Frosch mit der Maske“, aber die Besetzung erinnert insgesamt an diesen Film. Die Inszenierung stammt wieder von Dr. Harald Reinl inszeniert, aber der Stil ist bereits um einiges moderner als der des „Frosch“. Um Einiges mehr im Zentrum dessen, was die Reihe im Laufe ihrer Entwicklung noch zeigen wird. Eine zeitgenössische Kritik war nicht ganz einverstanden, obwohl es überwiegend zu positiven Meinungen kam:

„Der gute alte Edgar Wallace hat’s dem deutschen Film offensichtlich angetan. So wäre dieser von Dr. Reinl inszenierte Streifen denn also glücklich die vierte deutsche Wallace-Verfilmung in kurzer Zeit. Dem Dr. Reindl [sic!] freilich scheint Wallace nicht so ganz zu liegen: Aus dem Krimi wird unter seiner Regie unversehens fast so etwas wie ein Horror-Film. Das macht, er vergröbert die Effekte, er putzt sie auf wie einen Weihnachtsbaum, an dem statt der Glaskugeln die Leichen hängen, und er verklamottet jene unnachahmliche britische Ironie, mit der Wallace seine Greuel für uns erträglich macht. (Der Erfolg: das Publikum lacht gerade dann, wenn es nicht lachen soll.) Es ist eben nicht jeder gleich ein Hitchcock. Die Akteure freilich tun ihr Bestes. (Darunter die Flickenschild, Fritz Rasp, Fürbringer und – als etwas biederer Kommissar – Fuchsberger), und sogar die Spannung bleibt bis zum überraschenden Ende ziemlich erhalten. Denn Edgar Wallace ist nun mal nicht totzukriegen.“

Erkennbar findet der Kritiker schon vier Wallace-Filme innerhalb von nur zwei Jahren ziemlich viel, nicht wissend, dass die Reihe es auf 38 Produktionen in 13 Jahren bringen würde. Dass er Reinl zu viel Effekthascherei zumisst, liegt ebenfalls daran, dass man Christbaumkugeln haben kann, so viele, wie das Herz begehrt, aber keine Glaskugel, die einen Blick in die Zukunft erlaubt: Aus heutiger Sicht wirken die Regiearbeiten von Reinl für die Reihe nicht so ekstatisch wie die von Alfred Vohrer, der aber zu dem Zeitpunkt noch nicht für die Reihe gearbeitet hatte. Dessen erste Stücke waren allerdings von zahlreichen Fehlern geprägt, während Reinl bereits ein sehr sicherer Regisseur war, wie sich auch anhand von „Die Bande des Schreckens“ nachvollziehen lässt.

Was man bei den Edgar Wallace Filmen nicht allzu ernst nehmen darf, ist die Figurenpsychologie, da war der englische Humor wohl in der Regel stärker ausgeprägt als der Wunsch, Persönlichkeiten und ihr Handeln besonders plausibel wirken zu lassen. Ein Verbrecher, der immer alleine gearbeitet hat, wird in diesem Fall gehängt und seine Familie will dafür Rache nehmen und bildet zu diesem Zweck eine Bande. Selbstredend muss dieses Handeln vor der Hinrichtung des Unheimlichen innerhalb seiner Familie abgesprochen gewesen sein, ansonsten wären die Drohungen des zu Hängenden gegenüber dem Staatsanwalt, dem Richter, dem Ermittler etc. doch zu lächerlich gewesen. Immerhin steht sein Ableben schon kurz bevor.

Man efährt jedoch nicht, was die Familienmitglieder von dieser Rache haben, einen materiellen Vorteil scheint es nicht zu geben. Es ist wahrscheinlich auch einer der Unterschiede gegenüber der Romanvorlage, dass im Buch ein bisschen mehr erklärt wird, z. B., wie alle Mitglieder einer Familie auf die Idee kommen, dermaßen fanatisch zu werden. Aber das z. B. die sich als Antreibende des Ganzen sich herausstellende Person lediglich behauptungsweise umgebracht wurde, passt perfekt, ebenso wie die Geschichte mit dem Ring logisch ist, der offensichtlich den Besitzer wechselt.

Es ist zwar ein bisschen old School, aber in dem Moment, in dem der Vater von (Chief-) Inspector Long diesem eine wichtige Geschichte aus der Vergangenheit erzählt, weiß der Jüngere natürlich, wie sich diese Sache mit dem Ring verhält und warum ist einen weiteren gibt. Warum die treffende Person dieses Schmuckstück an die junge Frau Sanders (Karin Dor) schickt, erschließt sich nicht ohne weiteres. Aber es könnte ja auch sein dass es wirklich der Sohn der vorherigen Besitzern des Frauenrings, der sich für Nora interessiert. Der Vorname passt übrigens sehr gut zur Darstellerin.

Die bösartige Mutter hingegen rät Nora gegenbüber sogar scheinheilig ein wenig zur Vorsicht, damit Nora ihr vertraut. Das ist alles ganz clever gemacht, auch wenn diese vielen Identitäten, oder dieser Wechsel von Identitäten, stark nach us-amerikanischen Kino klingt. Ich gehe davon aus, dass es in England nicht so einfach ist, die Tür zu einem Leben hinter sich zu schließen und unter neuem Namen ein neues zu beginnen. In den USA ergibt / ergab sich diese Möglichkeit u. a. durch die starke Stellung der Bundesstaaten, die viele Dinge für sich selbst regeln und von der Bundespolizei abgesehen, es ist / war nicht so einfach, jemanden in einem anderen Staat zu verfolgen.

Aber England hat nun einmal den schottischen Hof – und dort arbeitet der Sohn eines Mannes, der im Laufe der Ereignisse dieses vierten Edgar-Wallace-Films mit der dunklen Vergangenheit einer Familie in Berührung gekommen ist. Kein Wunder, dass der Vater die Arbeit des Sohnes mit Skepsis betrachtet, dies wirkt bezüglich der Motivation schlüssig. Die Bande des Schreckens ist aber auch deshalb so schrecklich, weil Typen, die eigentlich ganz normal wirken, einen solchen unglaublichen Racheplan ausführen. Richtig getrieben kommt nur die Figur der Matriarchin rüber, die allerdings auch von Elisabeth Flickenschildt gespielt wird (erstmals ist sie hier in einem Edgar-Wallace-Film zu sehen).

Sie hat dann auch in die seltsame Gräfin bewiesen, dass sie perfekt in das gruselig humorvolle Edgar- Wallace-Universum passt. Und der Vater von Long, also von Joachim Fuchsberger, wird von Fritz Rasp gespielt. Wenn Fritz Rast anfängt, mit dünner Stimme und stechendem Blick auf jemand anderen einzuwirken, hat man sowieso das Gefühl, dass etwas ganz Düsteres im Anmarsch ist.

Eddie Arent hingegen als polizeifotograf, der bei jeder Leiche umkippt, aber ja irgendwie Geld verdienen muss, weil seine Tierfotografin nicht mehr gefragt ist – eine solche im Grunde absurde Idee funktioniert erstaunlich gut. Unter der Regie von Alfred Vohrer hätten sie wahrscheinlich noch etwas besser, weil die Umsetzung etwas exakter getimt gewesen wäre.

Denn fürs Timing hatteder prägende Regisseur der Reihe, der dann beim übernächsten Film („Die toten Augen von London“) erstmals zum Einsatz kommen sollte, ein sehr gutes Händchen. Die Dinge auf den Punkt zu bringen und zwar genauso, dass sie dort komisch wirken, wo es auch gewollt ist und so die Seele des Humorgrusels zu erfassen und zu stärken, war auch seine Stärke. 

„Die Bande des Schreckens“ ist aber vor allem ein ziemlich runder FIlm, nicht in irgendeiner Hinsicht einseitig oder hervorstechend. Verbrechen, Komik und Liebesgeschichte sind gut ausbalanciert. Ein bisschen ärgert man sich natürlich über die Polizei, dass sie mal wieder nicht vorankommt und es erst einige Leichen geben muss, damit die Dinge in Bewegung geraten. Aber man identifiziert sich auch mit Joachim Fuchsberger, weil man genauso im Dunkeln tappt, zumindest ging es mir so. Es lag nah, aber ich habe nicht auf die Person getippt, die dann tatsächlich die Bande leitet.

Mir war schon klar, dass der Gehängte nicht selbst überlebt hat und dass man seine Leiche nur aus dem Sack entfernt hat, um diese Möglichkeit zu suggerieren, außerdem sieht man ja später dass der sogenannte Chef eine Maske trägt, und es sich nicht wirklich um diesen Sheldon senior handelt, außerdem sind wir nicht in einem Fantasyfilm. Das, was geschieht, mag übertrieben und nicht immer logisch wirken, aber auf übernatürlichen Vorgängen beruht es bei Wallace nie.  Hätte jemand aus der Familie den Namen Sheldon getragen, wäre es natürlich zu einfach gewesen, außerdem konnte manso die persönliche Involvierung der Herren Long, ebenfalls jun. und sen., als ein doch interessantes Handlungselement einbauen.

Auch dieser Film zählt allerdings nicht zum sogenannten Kanon. Er wird selten im fernsehen gezeigt.  Das ist noch weniger nachvollziehbar als bei „Der rote Kreis“, der stellenweise ein wenig brutaler und exploitativer ist. Auf jeden Fall stellt die vierte Produktion ein erstes Highlight der Reihe dar, auch wenn man seine vergleichsweise gute Verständlichkeit mit vergleichsweise großer Konventionalität erkauft. Mir hat die halbwegs stimmige Logik trotzdem besser gefallen, als wenn ein Film so gebastelt wird, dass man ihn mit normalen kognitiven Möglichkeiten nicht entschlüsseln kann. Dann kann man sich nur noch darauf konzentrieren, die Figuren irgendwie witzig zu finden und sich darüber zu freuen, dass das Leben eine Pralinenschachtel ist. 

Typische Merkmale von Edgar Wallace-Filmen gemäß Wikipedia (kursiv) und unsere Anmerkungen zum jeweiligen Film:

  • Regie: (…) Nicht viel weniger Einfluss auf die Serie (als Alfred Vohrer mit seinem eher ekstatischen und effektvollen Stil, A. d. Verf.) hatte Harald Reinl, zu dessen fünf Edgar-Wallace-Filmen das erste Werk zur Reihe Der Frosch mit der Maske sowie die Höhepunkte Die Bande des Schreckens und Der unheimliche Mönch zählen. Typische Merkmale der Filme des einstigen Heimat- und Bergfilm-Regisseurs sind stimmungsvolle Außenaufnahmen mit langen Kamerafahrten und -schwenks. Stilmittel, die Reinl vor allem auch in den durch ihn geprägten Karl-May-Filmen angewendet hat. (…)
    • Dr. Reinls Professionalität im Stil des konservativen Heimatkinos der Nachkriegsjahre wirkt sich hier in einer sehr ausgewogenen und gekonnten Bildgestaltung aus. Die Schauplätze wechseln einander in einer harmonischen und nachvollziehbaren Weise ab, nichts wirkt an den Haaren herbeigezogen oder fehlerhaft, wie es z. B. auch bei Alfred Vohrers ersten Arbeiten noch der Fall war (beispielhaft: „Das Gasthaus an der Themse„).
  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).
    • Arent, Fuchsberger, Dor, Rasp und erstmals Elisabeth Flickenschildt, deren hier sichtbare Aura wie gemacht ist für die Welt des Edgar Wallace, das ist die Besetzung, mit der die  Wallace-Filme zur Legende wurden, auch wenn Fuchsberger etwas bieder wirkt und Klaus Kinski noch fehlt. Die Flickenschildt gleicht seine Abwesenheit aber gut aus. Was noch fehlt, ist, dass der Chef der Mordkommission von Scotland Yard Sir John heißt und von Siegfried Schürenberg gespielt wird. Sein Vorgänger Sir Archibald wird von Ernst Fritz Fürbringer erheblich unauffälliger verkörpert, den Unterschied sieht man vor allem in den beiden „Hexer“-Filmen aus den Jahren 1963 und 1965.
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).
    • Es gibt bereits das Prelude oder den Prolog, auch wenn der folgende Vorspanns noch konventionell gestaltet ist. Einige Spezialitäten hat Alfred Vohrer erst später in die Reihe eingeführt, wie etwa den Gag mit: „hier spricht Edgar Wallace“, es ist seine Stimme, die man hört. Oder gar die sechs folgenden hallenden Schüsse, denen auf dem Bildschirm 6 Einschusslöcher folgen. Damit erst war der bereits farbige Vorspann vollendet, noch bevor die Filme im Ganzen in Farbe gedreht wurden. Allerdings soll dieser auch in „Die Bande des Schreckens“ in Farbe gestaltet worden sein, die von uns gesehene Version zeigte diese bald schon standardmäßige Gestaltung nicht.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    • Rache ist mehr als Blutwurst, Habgier hingegen kein Thema, ausnahmsweise. Meist wird ja beides mehr oder weniger geschickt kombiniert. Hier ist der Rächer eine Bande von Familienangehörigen jenes Mannes, der zu Beginn des Films vor den Henker von London geführt wird.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. (…)
    • Auch hier wird die erste Szene, in welcher der bald zu Hängende seine Häscher, sie sich vor ihm versammeln, einzeln bedroht, vor den Vorspann gelegt.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war. Während die Soundtracks von Martin Böttcher (fünf Filme), Willy Mattes (zwei Filme) oder Peter Sandloff (ein Film) eher aus zeitlosem Orchestersound mit Easy-Listening-Charakter bestanden, griffen Heinz Funk (drei Filme) und Oskar Sala (ein Film) auch auf neue Techniken der elektronischen Musik und experimentelle Kompositionen zurück.
    • Man bemerkt eine gewisse Weiterentwicklung hin zum Exzentrischen und zum Krimimäßigen gegenüber „Der rote Kreis“, mit dem ich am besten vergleichen kann, weil ich auch diesen Film anlässlich der Werkschau vor wenigen Tagen „nachrezensiert“ habe. aber experimentelle Züge, wie teilweise bei den Scores von Peter Thomas, würde ich dieser Musik noch nicht unterstellen wollen.   

Finale

Ich habe zwar nicht erahnt, wer der Kopf der Bande des Schreckens ist, aber der Knalleffekt jemanden zwar im Blick gehabt zu haben aber irgendwie nicht so recht dran zu glauben, dass dies ein Schurke sein könnte, ist letztlich vielleicht nicht die größere, aber die unangenehmere Überraschung. Die schräge Frauenfigur, die hier das natürliche und nachvollziehbare Oberhaupt der Gang darstellt, muss hingegen meinen Ärger darüber aushalten, dass ich sie aus dem Blick verloren habe, als sie verschwand. Unstimmig wirkt der Plot dadurch keineswegs. 

Warum der Film wenig gezeigt wird, hat sich mir nicht erschlossen. Er hat alles, was einen Edgar-Wallace-Film ausmacht und die Todesstrafe, die ebenso eine wichtige Rolle spielt wie in „Der rote Kreis“ war 1960, als „Die Bande des Schreckens“ im Kino lief, sicher ein heißeres Thema als 60 Jahre später. Immerhin kann man es so sehen: Hätte der Mann, der den Polizisten erschoss, nur lebenslänglich bekommen, hätte seine Familie damit zu tun gehabt, ihn im Gefängnis zu besuchen und ihm das Leben dort so angenehm wie möglich zu machen und deren enormer Rachefeldzug wäre weniger wahrscheinlich gewesen.

73/100

© 2020, 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Das Special Edgar Wallace im Wahlberliner:

Begleitartikel „Special Edgar Wallace“ (Update)
FFA 61 Der Frosch mit der Maske
FFA 63 Der Rächer
FFA 65 Der grüne Bogenschütze
FFA 67 Die toten Augen von London
FFA 70 Der rote Kreis
FFA 72 Das Geheimnis der gelben Narzissen
FFA 74 Die seltsame Gräfin
FFA 76 Das Rätsel der roten Orchidee
FFA 78 Die Tür mit den sieben Schlössern
FFA 80 Das Gasthaus an der Themse
FFA 83 Die Bande des Schreckens (dieser Artikel)

(2) Mit dieser Arbeit schließen wir das Filmfest im Jahr 2019 ab. 2020 soll die Zahl der Artikel in dieser Rubrik auf über 100 steigen und das Filmfest wird in verschiedene Kategorien von A bis E differenziert (Kino, Empfehlung, Fernsehen ohne Krimireihen, Dokumentationen, eigene Videoproduktionen). Der Turnus für die Rezensionen beträgt ab „Wallace Nr. 12“ 1:2 (1 Wallace-Special und zwei andere Filme im Wechsel, bis zum 10. Wallace-Artikel lag er bei 1:1).

Regie Harald Reinl
Drehbuch J. Joachim Bartsch,
Wolfgang Schnitzler
Produktion Rialto Film
(Preben Philipsen)
Musik Heinz Funk
Kamera Albert Benitz
Schnitt Margot Jahn
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s