Klassentreffen – Tatort 752 #Crimetime 538 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Klasse #Treffen #Klassentreffen

Crimetime 538 - Titelfoto © WDR, Willi Weber

Wehmut in den Zeiten des kulturellen Auftriebs

„Klassentreffen“ ist der 44. von derzeit 64 Köln-Tatorten mit Max Ballauf und Freddy Schenk.* Honoriert man beim Tatort Nr. 752 die Verdichtung all dessen, was man immer schon ahnte, nämlich, dass Max Ballauf ein  verpfuschtes Leben führt, und begleitet ihn auf seiner Weltschmerzreise, oder ist man genervt von einem Plot, der roh konstruiert ist und zudem brachial aufgelöst wird?  Davon hängt viel ab, wenn es am Ende um die Punkteverteilung geht.

Wie auch immer man optiert: Man weiß nach beinahe 450 Tatort-Rezensionen, dass die Kölner etwas wie echte Spiegel des eigenen Leben sind. Ist es so wie bei Max oder bei Freddy oder wie bei den vielen Leuten, die Max kennt und in deren Leben oder Sterben er immer wieder verwickelt wird? Zuletzt war dies in „Franziska“ so, aber da hat es richtig weh getan und war direkt im Dienstlichen angesiedelt. Jedenfalls fühlt man sich immer ganz dicht an den beiden dran, und zumindest bei uns hat das bisher immer dazu geführt, dass auch technisch schlechte Fälle nie ganz durchgefallen sind. Mehr zu allem in der –> Rezension.

Handlung

Diesmal erwischt es die Kölner Tatort-Kommissare besonders hart. Hat Max Ballauf einen ehemaligen Klassenkameraden ermordet? Kann Freddy Schenk das Verbrechen aufklären? Und was haben die Blutspuren des Toten an Ballaufs Kleidung verloren?

Beim Klassentreffen in seiner Heimatstadt Essen trifft Max Ballauf seine Jugendliebe Katja wieder. Sie ist inzwischen verheiratet und hat zwei Kinder mit Stefan Dorn, einem anderen Klassenkameraden. Auf dem Fest kommt es zu einem bösen Streit. Am nächsten Morgen liegt Dorn tot in seinem Hotelzimmer. Hat Ballauf etwas damit zu tun?

Die Essener Hauptkommissarin Vossbeck verhört ihn. Schnell zieht der Mord größere Kreise. Als Geschäftsführer der „RUHR.2010 Stiftung“ war Dorn auch für die Vergabe größerer Bauaufträge verantwortlich. Steht sein Tod in Zusammenhang mit dem Mordfall um den Kölner Bauunternehmer Franz Tarrach, in dem Kommissar Schenk und Kriminalassistentin Franziska Lüttgenjohann gerade ermitteln? Tarrach soll im großen Stil Schwarzarbeiter beschäftigt haben. Freddy Schenk eilt nach Essen, um die Zusammenhänge zu klären und seinen Freund Ballauf zu unterstützen.

Der steht plötzlich noch einmal im Visier der Essener Mordkommission. An seiner Kleidung wurden Blutspuren des Toten gefunden. 

Rezension

Wenn ein Tatort-Team gehen soll oder will, was in den letzten Jahren häufig vorkam, dann hoffen wir, es werden nicht die Kölner sein. Ähnlich stark würde uns wohl nur der Abgang von Kommissar Klaus Borowski in Kiel treffen, und bei ihm können wir immerhin noch die hohe Qualität seiner jüngeren Fälle ins Feld führen. Die großen, die Traditionsteams stagnieren im Wesentlichem, die neuen konnten noch nicht die emotionale Anbindung erzeugen, die es benötigt, um dieses Gefühl von Vorfreude zu erzeugen, das wir bei den Kölnern haben. Dieser Absatz stammt aus der ursprünglichen, für die spätere Veröffentlichung archivierten Fassung der Rezension aus dem Februar 2014 und jetzt, wo es soweit ist, die Besprechung zu  zeigen, kann man sie beinahe unverändert übernehmen. Wir haben auch in der Rezension zum Tatort 985 „Narben“ darüber geschrieben, dem der vorliegende Artikel als „Tandem-Rezension“ beigestellt wird.

Max Ballaufs Klassentreffen ist eine Reise in die Vergangenheit und nichs, stellt man dabei fest, ist geworden, wie man es sich in der Jugend erträumt hat, in der man sich unbesiegbar fühlte. Wenn man sich so fühlte, ist der Absturz natürlich größer, wenn man in einer beschissenen Ehe landet, in der man ständig betrogen wird, oder wenn man als Kommissar einen sinnvollen und spannenden Job hat, aber daraus überhaupt keinen emotionalen Benefit ziehen kann und soziophob bleibt, wie man immer schon war und wie es sich vermutlich im Lauf der Jahrzehnte noch verstärkt, gerade durch den Job. Wie sich falsche Muster und negative Eigenschaften immer mehr ausprägen, wenn es nicht ein partnerschaftliches oder sonstiges soziales Umfeld als Korrektiv gibt oder man sehr hart und gezielt, möglicherweise therapeutisch, an ihnen arbeitet.

Aber die Cops in Köln oder Essen wissen nicht, wie das geht. Alle Figuren sind deterministisch angelegt, als sei das Leben tatsächlich mehr oder weniger vorherbestimmt. Deswegen müssen sie auch so skeptisch sein wie Freddy, als Max sich und ihn fragt, ob ein Neuanfang mit beinahe 50 möglich ist. Selbstverständlich ist er das, wenn man emotional gesund ist und noch ein wenig Energie im Tank hat, behaupten wir an dieser Stelle einfach mal, wohl wissend, dass die Bereitschaft und die gefühlten Möglichkeiten geradezu tagesformabhängig sein könenn. Und wer istkomplett  gesund und voller Energie, nach Jahren der Dauerabnutzung? Das ist die Gefahr. In Routine und Tagesstress zu verkommen und anstatt leckerem, selbstgemachtem Bio-Essen nur von der Wurstbraterei in den Mund zu leben.

Was sonst immer so nett als Abschluss eines Falls dient, der Moment, wenn Freddy und Max an der Bude stehen, das wird in diesem 752. Tatort zum Symbol einer bedrohlichen Einsamkeit. Kein Wunder, dass Freddy die Wurst sogar wegwirft, zumal sie nicht in seiner Wahlheimat Köln, sondern in Essen serviert wird.

Dass Max leidet, das kennen wir, und hier potenziert sich alles: Die Einsamkeit, die Annährung, die nur in neuer Einsamkeit enden kann, die private Involvierung, weil Max trotz dieser Abgeschiedenheit mindestens jeden zweiten Einwohner im Ruhrgebiet kennt; zu allem Überfluss gerät er in Verdacht, eine Tötungshandlung begangen zu haben und verhält sich fehlerhaft oder zweifelhaft, weil er eben auch nur ein Mensch ist, bei dem es einen Unterschied macht, dass er selbst betroffen ist. So weit sehen wir, was wir immer schon wussten und was den Typ so sympathisch macht, dass man ihm manchmal einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik schenken möchte. Nicht, weil er eine gravierende Persönlichkeitsstörung hätte, sondern, weil er so furchtbar unfähig ist, sein Leben in eine lichte Zukunft zu wenden. Anmerkung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung: Mittlerweile ist die Therapie in Person von Polizeipsychologin Lydia Rosenberg ja zu ihm gekommen. Es nicht alles gut, aber manchmal etwas besser.

Doch was ist eine lichte Zukunft? Die Verwirklichung der Träume, die sich Klassenkamerad Stefan geträumt hat, der einer wichtigen Stiftung vorsitzt und alle jungen Frauen vögelt, die ihm begegnen und der trotzdem von seiner Ehefrau nicht verlassen wird – nein, es ist sogar umgekehrt! Die Ehefrau, die zwei wohlgeratene Söhne hat und dafür diesen Mann aushält? Die Klassenkameraden, die immer schon Nerds waren und Immobilienmakler wurden, leider etwas unrealistisch, weil gerade diese, wenn sie erfolgreich sein wollen, etwas anders drauf sein müssen, oder sich gerade von irgendwem getrennt haben? Man findet das Modell nicht, an dem man sein eigenes Leben ausrichten könnte – und da ist gut so. Warum Projektionsflächen anbieten? Das eigene Dasein soll sich doch nicht in Projektionen erschöpfen. Vorbilder, was sind sie sonst?

Niemand im weiten Tatortland zelebriert den Existenzialismus so melancholisch wie Max, obwohl in letzter Zeit einige Konkurrenz entstanden ist – Keppler und Steier können sich aber nicht halten, wie wir mittlerweile wissen, bei Lannert ist noch nicht Hopfen und Malz verloren, einige andere sind zu schräg drauf, um überhaupt zu merken, dass sie ständig auf der emotionalen Verlustseite operieren.

Weil das alles beim Zuschauen so nachdenklich macht und auch mal nah geht, kann man den Kölner nie eine 5/10 oder noch weniger verpassen. Selbst dann nicht, wenn der Fall gar nichts von der Hochkultur spiegelt, die 2010 im Ruhrgebiet stattfand. Die Schauspielleistungen sind schwankend und manchmal hätte man halt eine Szene ruhig noch einmal drehen dürfen; etwa dann, wenn Maxens Miene nicht zu seinem Dialogsatz passt. Oder mal einen Satz im Drehbuch ändern, wenn die Sätze der Figuren ersichtlich nicht aufeinander abgestimmt wurden. Seltsam, dass ein Tatort, der so viele Möglichkeiten bietet, stellenweise so lieblos gefilmt wirkt und man das Gefühl hat, die Schauspieler laufen zuweilen auf Glatteis. Dazu gehört auch die überzogene Darstellung dieses Stefan-Stiftungsleiters und der Kommissarskollegin aus Essen. Hat uns an eine andere Kommissarin erinnert, aber nur ein wenig, deswegen wollen wir dieses Thema hier nicht breittreten.

Dafür, dass der Film das Klassentreffen im Zentrum hat, wird die Baubranche zu wichtig und die durchaus interessanten und realistischen Machenschaften dortselbst können nicht hinreichend erläutert werden. Wie man Leistungsverzeichnisse manipulieren kann, wissen wir, und dass das wirklich passiert, glauben wir. Aber wieder einmal wird derlei nur als Beiwerk verwendet, wie auch Martin Brambach als Bauleiter. Dass es zwischen zwei Fällen in Essen und Köln eine Verbindung gibt, ist so realistisch, wie dass morgen der Mond ins Schlafzimmer fällt, anstatt im Sonnenlicht oder hinter den Tagwolken zu verschwinden. Und dass, wenn die Ausermittlung in 90 Minuten nicht zu bewerkstelligen ist, weil der Fall recht kontemplativ auf persönliche Aspekte abstellt, billige Tricks herhalten müssen, die zu billigen und viel zu schnellen Geständnissen führen – ist leider bei Tatorten nicht neu, wie wir anlässlich des Studium alter Fälle aus den 1970ern zuletzt feststellen mussten, aber das macht es nicht besser.

Fazit

Wenn ein Tag zu Ende geht, wenn ein Tatort wie „Klassentreffen“ zu Ende geht, dannkann es vorkommen, dass man selbst müde ist, emotional leer. Immer wieder geraten Handlungen, die nicht als Tötungen gedacht waren, außer Kontrolle, immer wieder verstricken sich alle in die gleichen Kalamitäten, überall gibt es uralte Muster und keine Weiterentwicklung. Diese Art von Realismus zehrt Körner auf.

Wie man sich dazu stellt, darauf kommt es an, wie wir eingangs schrieben. Wir klopfen Max auf die Schulter und flüstern im leise zu: „Auch du, mein Sohn“ und deklarieren eine eher kathartische Wirkung als gewünschtes Ergebnis des Anschauens. Denn dass diese Szenarien und Lebensbilder realistisch sind, kann auch dazu führen, dass man sich sagt: Nochmal davongekommen. Vielleicht sollte sich Max auch so aufstellen, dass er die Vorteile der Freiheit erkennt. Doch das ist unendlich schwierig, wenn gerne anhänglich wäre und es nicht hinbekommt, mit der Bindungsfähigkeit.

Wir werten „Klassentreffen“ mit 7/10. Ja, zugegeben, bei einigen anderen Team wären wir bei dem zusammengeschusterten Skript und einigen Spielschwächen nicht so gnädig gewesen. Aber es geht doch um Max! Und gerade deshalb: Es ist das selbstgemachte, leckere Essen!

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Freddy Schenk – Dietmar Bär
Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstädt
Hauptkommissarin Vossbeck – Angelika Bartsch
Katja Dorn – Karoline Eichhorn
Julia Gerber – Jasmin Schwiers
Stefan Dorn – Oliver Stritzel
Sonja – Helga Bellinghausen
Klaus Michalke – Martin Brambach
Dr. Roth – Joe Bausch
Olaf Benrath – Holger Kunkel
Peter – Rolf Berg
Bettina Hartmann – Catrin Striebeck
u.a.

Regie – Kaspar Heidelbach
Kamera – Clemens Messow
Buch – Jürgen Werner
Musik – Arno Steffens

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