Schwarze Tiger, weiße Löwen – Tatort 820 #Crimetime 537 #Tatort #LKA #Hannover #Lindholm #NDR #Tiger #Löwen

Crimetime 537 - Titelfoto © NDR, Roland Suso Richter

Der Fall und Frau Lindholm – oder umgekehrt

Wieder hat der NDR eines der ganz großen Themen aufgegriffen und den Fall Natascha Kampusch von Österreich in die niedersächsische Provinz, in eine kleine Stadt namens Gifhorn, verlegt.

Gleichzeitig wurde am Image von Hauptkommissarin Charlotte Lindholm vom niedersächsischen LKA in Hannover gearbeitet. Deswegen hat man ihr eine Lovestory zugebilligt, die über das hinausgeht, was sie bisher an Gefühlen zeigen durfte. Das lässt sie mit einem Mal zwiespältig wirken. Wie ein junges Mädchen gegenüber dem unsteten Journalisten, arrogant wie gehabt, wenn sie zum Beispiel berechtigterweise ihren Dienstausweis zeigen muss oder sicher ist, einen guten Verdächtigen an der Angel zu haben. Problemzentrum wie üblich? Wir gehen mehr ins Detail in der -> Rezension.

Handlung

In ländlicher Idylle wird ein Mann, der unauffälliger nicht sein könnte, ermordet. Seine Ehefrau, Martina Käster, ist in tiefer Trauer um ihn und kann sich nicht erklären, wer ein Motiv für den Mord haben könnte.

Charlotte Lindholm ermittelt und findet heraus, dass der vermeintlich brave Ehemann anscheinend ein geheimes Doppelleben führte. An einem Waldrand entdeckt Charlotte eine Datsche, in der Fotos einer jungen Frau und Kinderspielsachen liegen – ein Hinweis auf eine Zweitfamilie? Alles deutet darauf hin.

Im Versuch, die Frau und das Kind ausfindig zu machen, stößt die Kommissarin auf weitere Ungereimtheiten. Für Charlotte Lindholm entwickelt sich dieser Mord zu einem Fall, in dem nichts mehr so ist, wie es zu sein scheint.

Rezension

Man kann nicht sagen, dass diese unbequeme Persönlichkeit von Maria Furtwängler schlecht gespielt wird, aber schon unsere Einleitung besagt: Ihr Leben und ihre Art dominieren die Folge „Schwarze Tiger, weiße Löwen“ doch sehr. Das bringt auch uns in die Bredouille. Anerkennenswert, dass man versucht, ihr bisher eher monolithisches Wesen ein wenig aufzufächern, aber das nimmt sehr viel Raum in Form von Spielzeit ein.

Diese Zeit fehlt eindeutig bei der Charakterisierung des Täters und der gesamten Hintergründe seiner Verbrechen. Lapidar wird gesagt, es handele sich hierbei um einen Typ, der auf diese grausame Weise Macht gegenüber Schwächeren ausüben muss. Das ist zu dünn und auch die Story mit den drei Mädchen, die er im Lauf der Zeit gefangen hält, überzeugt nur mäßig. Eine Gefangene, vielleicht auch zwei, weniger Gezwirbel mit falschen Spuren, die sich durch die drei Mädchen ergeben – aber eine spannend entwickelte Täterpsychologie und mehr Thriller als ein postumer Howcatchem, das wär’s eher gewesen.

Dass der Täter gleich stirbt und Frau Lindholm auch noch zufällig am Tatort ist, das macht den Fall nicht gerade dramatischer. Der frühe Tod des Doppellebenführers lässt die Luft raus, das andere kratzt gleich zu Beginn mindestens so viel an der Glaubwürdigkeit des Plots wie der dicke Stein des Anstoßes an der Frontschürze von Frau Lindholms VW Passat Variant, Baujahr 2010.

Gut fanden wir, dass man ihr Inka Friedrich als Kommissarin Malchus gegenübergestellt hat. Das wäre vielleicht eine Paarung mit Zukunft. Die erdnahe Provinzpolizistin als Konterpart der manchmal over the top agierenden LKA-Beamtin. Man kann auch sagen: In dieser Paarungs-Zitrone steckt viel Saft. Wir schätzen Inka Friedrich als wandelbare Schauspielerin und haben mit „Sommer vorm Balkon“ (2005) und „Kehrtwende“ (2010) bereits zwei Filme rezensiert, in denen sie mitwirkte (neben einigen Tatorten mit ihr, über die wir bereits für die Anthologie geschrieben haben).*

Ist es gut oder besser mit Charlotte Lindholm?. Ist es gut, dass sie ihren Dienstausweis im Liebesnest verliert und damit auch an Effizienz? Wirkt sie differenziert weniger anstrengend? Ist die Lovestory in diesem Fall angemessen? Bei einem etwas weniger bitteren Thema hätte man sie problemlos beistellen können, hier finden wir die Kombination etwas krude. Wo ist das Mitleid mit den gefolterten Mädchen, in solchen Momenten? Dass Charlotte Lindholm so gut abschalten kann, erstaunt uns sehr, nach den bisherigen Folgen mit ihr.

Es gibt Menschen, die Berufliches und Privates gut trennen können, dagegen ist auch nichts einzuwenden. Aber Charlotte Lindholm war bisher eher ein ganzheitlicher Typ, der im Angesicht des Verbrechens zu jedem haltbaren oder unhaltbaren Statement gut war und der die Welt des Verbrechens auch privat immer wieder reflektiert hat. Dass sie sich in einen Mann wie den wenig sesshaften Journalisten Jan Liebermann (Benjamin Sadler) verliebt, ist aber nicht unmöglich. Ein idealistischer Typ wie sie kann auch in eine Liebesbeziehung, die nicht unbedingt nach einem guten Ende riecht, etwas Absolutes hineinlegen und sich auch hineinsteigern.

Nicht sehr tief gegründet. Generell finden wir das Arbeiten an diesem Charakter interessant, aber in „Schwarze Tiger, weiße Löwen“ lenkt es vom Fall ab und der Fall wirkt dadurch vergleichsweise dünn konstruiert, der Täter ist als Persönlichkeit kaum existent. Dieser Umstand wird dem Thema nicht gerecht, da fehlt uns ausnahmsweise die Information zur Sache, da fehlt es an Mühe, dem Fall Tiefe zu geben. Die Mädchen, auch die entwurzelte Lilli Fichte (Janina Stopper) haben zu wenig Möglichkeiten. Gerade Lilli als gebrochener Charakter ist interessant.

Da man aber den eigentlichen Verbrecher so früh sterben lässt und die Person sucht, die ihn getötet hat, darf sie nicht zu sehr in den Vordergrund treten – tut es aber in einer Weise doch: „Schwarze Tiger, weiße Löwen“ ist einer der vorhersehbarsten Fälle, die wir bisher rezensiert haben. Diese Vorhersehbarkeit geht genauso zu Lasten der Spannung wie Lindholms Liebesleben und die Gesamtanlage des Plots.

Man hat beinahe den Eindruck, es wurde absichtlich Luft aus dem brisanten Thema gelassen, damit der Tatort nicht etwa zu hart für die Primetime werden konnte. Er geht leider mit jahrelanger Entführung von jungen Mädchen zu lasch um. Das Verlies ist zwar grausam und die Szene, in welcher Martina Kästner (Michaela Caspar) und Kommissarin Lindholm kurzzeitig darin eingesperrt sind, geht jedem unter die Haut, der mal irgendwo eingeschlossen war – und sei es nur versehentlich gewesen. Dieser Effekt ist aber zu singulär und eher ein Bruchstück von Horror als Teil einer stringenten Inszenierung.

Schwarze Tiger und weiße Löwen spielen nur eine Nebenrolle, sie, die Kinderzeichnungen, sind psychologisch nicht einmal unterlegt worden, sind eher lieblos gestaltet Teile eines wenig attraktiven Gesamtpuzzles als Symbole für die Qualen von Kinderseelen.

Man muss das Gefühl sprechen lassen – das einzige Mal, dass wir wirklich berührt und nicht etwa nur milde schockiert waren, war die Szene, in der Frau Lindholm und ihr Lover sich im Restaurant näher kamen. Das sollte aber bei einem Tatort mit dem gegebenen Thema nicht so sein. Das ist zu wenig und es ist der falsche Akzent.

Zwei Polizistinnen. Inka Friedrich könnte den Kommissarinnentyp geben, der noch fehlt: Bodenständig, beharrlich, emotional, eingebunden, ohne sich beirren zu lassen, gewissenhaft, im richtigen Maß rechthaberisch, nachgiebig oder durchsetzungsfähig und einer Frau Lindholm ebenbürtig. Vielleicht war es ein Teaser, dass man dieses Paar zusammengeführt hat. Vielleicht war es auch gar nicht beabsichtigt, dass nicht das Liebespaar Charlotte & Jan, sondern das Polizistinnenpaar Sigrid & Charlotte für uns das weiterführende ist, das wir gerne in künftigen Folgen aus Niedersachsen sehen würden. Das ist wirklich ein klares Plädoyer. Charlotte Lindholm braucht nach unserer Ansicht jemanden, der ihr Schranken setzt und eine gute Polizistin ist, welche sie nicht dauerhaft von oben herab behandeln kann, unabhängig vom dienstlichen Rangverhältnis.

Friedrich ist unspektakulär, wirkt durch kleine Gesten und wenige Worte, das macht sie als Ermittlerin und Person glaubwürdig. Man gibt ihr im Film sogar zu, dass sie im Fall der Eheleute Martens Recht behält – und nicht Charlotte Lindholm. Das ist ungewöhnlich und gehört sicher zu der Strategie, Lindholm ein wenig weicher und auch weniger mit dem 7. Sinn ausgestattet wirken zu lassen. Wir meinen, Kommissarin Malchus sollte von Lindholm ans LKA geholt werden und die beiden sollten es künftig gemeinsam wuppen. Wie einst bei Stoever & Brockmöller wäre auf diese Weise ein sehr dominanter Charakter zu einem anderen, ebenfalls recht starken, in ein Spannungsverhältnis gesetzt, das den Hannover-Tatorten neuen Schwung geben könnte. Bisher war die blonde Superkommissarin allen anderen Menschen, mit denen sie in ihren Fällen zu tun hatte, eindeutig zu überlegen.

Ein zu konstruierter Fall. Demgemäß ist es ein Lichtblick, dass die beiden Frauen gemeinsam Licht in einen Fall bringen durften, der eine typische Reißbrettkonstruktion darstellt. Die formale Logik passt einigermaßen, dennoch wirkt das Ganze unplausibel, weil zu weit hergeholt. Natürlich muss es irgendwann einmal eine Konstellation geben, in der nicht irgendjemand eine Leiche findet und die Polizei ruft. Aber es ist etwas anderes, ob Boerne in Münster eine solche durch einen Fehlschlag beim Golfen entdeckt oder Frau Lindholm einem Hund ausweicht, dadurch mit dem Auto an einem Stein hängen bleibt und wenige Sekunden später ereignet sich eine Explosion, bei der ein Mann ums Leben kommt, der sich als Träger eines Doppellebens und Kindesentführer herausstellt.

Erstere Variante ist nicht nur witzig gezeigt worden, sie ist einer Krimikomödie und deren weniger wahrscheinlichen Wendungen angemessen. In „Schwarze Tiger, weiße Löwen“ gibt es richtigerweise kaum Humor und da wirkt dieser Beginn des Falles seltsam effektheischend, ohne Spannung zu erzeugen. Immerhin kommt Frau Lindholm dadurch leihweise zu einem Phaeton, selbst für eine so gute Ermittlung ein recht großes Auto.

Die verschiedenen Mädchen, die tot sind oder nicht, die Freundin, die für Lilli nach Amsterdam reist, um dieser ein Alibi zu verschaffen, der rote, nicht der weiße Transporter von Herrn Martens, das sind alles Elemente, die zwar die Lösung etwa 90 Minuten lang hinauszögern, aber sie sind typische Krimi-Versatzstücke, die eher fantasielos als konstruktiv gut ans Thema gebunden wirken. Zudem hat man von dem Moment an, in dem Lilli erstmalig auftritt, den Verdacht, dass sie unbedingt eine wichtige Rolle bei der Lösung spielt.

Finale

Was man „Schwarze Tiger, weiße Löwen“ vorwerfen muss, ist, dass er sein Thema nicht ausspielt, nicht das Mögliche oder wenigstens das Wahrscheinliche daraus macht. Dass wir emotional nicht mitgehen konnten, liegt gewiss nicht daran, dass wir indolent gegenüber menschlichen Dramen sind. Wir waren abgelenkt durch Charlottes Affäre, genervt durch den zu grob skizzierten Fall und den frühen Tod des Täters nebst damit einhergehender zufälliger Anwesenheit von Charlotte Lindholm am Tatort. Atmosphärisch war der Film zeitweise dicht, die Darstellung insbesondere von Inka Friedrich hat uns gefallen. Das Thema wird sicher noch einmal auf andere Weise gezeigt werden – diese Geschichte von Repression, Macht und Ohnmacht, und von dunklen Beton- und Seelenverliesen ist noch nicht zu Ende erzähltSie wurde in „Schwarze Tiger, weiße Löwen“ im Grunde gar nicht erzählt.

6,5/10.

*Die Rezensionen sind im neuen Wahlberliner noch nicht veröffentlicht, der Text der Kritik wurde unverändert von der Erstpublikation im Jahr 2012 für die „TatortAnthologie“ des „ersten Wahlberliners“ übernommen (ToA Nr. 113).

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Charlotte Lindholm – Maria Furtwängler
Sigrid Malchus – Inka Friedrich
Martina Kästner – Michaela Caspar
Paul Schrader – Max Hegewald
Lilli Fichte – Janina Stopper
Gregor Martens – Christian Beermann
Diana Martens – Hanna Scheibe
Emma Martens – Talessa Allegra Scheithauer
Jan Liebermann – Benjamin Sadler

Drehbuch – Ulrike Molsen, Eoin Moore
Regie – Roland Suso Richter
Kamera – Matthias Fleischer
Musik – Matthias Klein

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