Die Kugel im Leib – Tatort 95 / Crimetime 540 #Tatort #Essen #Haferkamp #WDR #Kugel #Leib

Crimetime 540 - Titelfoto © WDR

Mit der Kugel im Leib an der steilen Wand

Auch der drittschlechteste Haferkamp-Tatort ist immer noch ein mittelprächtiger Film. So sehen es die Nutzer des Tatort-Fundus nach der gestrigen Wiederholung des Films im Anschluss an den Schimanski-Tatort „Das Haus im Wald“. Der Gesamtplatz 548 von 1112 gelisteten Filmen (1099 + 13 vom ORF, die nicht in die offizielle Zählung einfließen) ist ziemlich genau mittig (Stand 14.08.2019). Und wie gut sind wir im Kreis gefahren? Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Reiner Mettmann ist Steilwandfahrer. Auf den Rummelplätzen begeistert er die Zuschauer mit Motorrad Artistik. In einem Kessel von 8 Meter Durchmesser riskiert er an der senkrechten Wand tagtäglich sein Leben. 

Seine Geschäfte gehen schlecht, weil er falsch investiert hat: in eine supermorderne Steilwand, die jedoch statisch falsch berechnet ist und deshalb nicht vom TÜV abgenommen wird. In seiner verzweifelten Lage begeht Reiner einen Bankraub, erschießt einen Polizisten und bekommt selbst eine Kugel in den Leib. 

Ohne die Kugel aus Reiners Körper kann die Polizei seine Beteiligung an dem Verbrechen aber nicht beweisen. Reiner Mettmann jedoch verweigert die Operation und reist mit seinem Unternehmen nach Italien. Zwischen ihm und Kommissar Haferkamp beginnt ein zäher Zweikampf.

Rezension

Es sind ja schon viele Gute zusammen. Hansjörg Felmy natürlich als Heinz Haferkamp, Der unverwechselbare Klaus Löwitsch, Christoph Eichhorn, Ilona Grübel – und Regie führte Wolfgang Staudte. Der Film ist für uns schwierig, weil sich werkimmanente Beobachtungen von außerhalb des Krimis selbst liegenden Aspekten schlecht trennen lassen. Da ist zum Beispiel der Schock darüber, dass Wolfgang Staudte sich von einem der besten Kinoregisseure der Nachkriegszeit („Die Mörder sind unter uns“, „Der Untertan“ und weitere) zu einem mittelmäßigen Fernsehregisseur zurückentwickelt hatte, der sich dazu mit einem Drehbuch herumschlagen musste, das zwar eine besondere Konstruktion zeigt, aber keine dynamische Inszenierung erlaubt und im Verlauf immer unlogischer wird. Ein weiterer Faktor ist die Befassung mit den Polizeirufen aus der DDR-Zeit, die mittlerweile eine Vergleichung über die Tatort-Reihe hinaus mit einem ähnlichen bzw. dem ostdeutschen Parallelformat ermöglicht. Aus den begrenzteren Möglichkeiten haben sie in den besseren Filmen jener Epoche jedenfalls mehr rausgeholt und inhaltlich und formal sind Produktionen darunter, die nicht so routinemäßig und fahrig wirken wie viele Tatorte aus jener Zeit.

Außerdem haben wir auf einer Kirmes nie eine „Steilwand“ gesehen, das muss eine ziemlich ungewöhnliche Attraktion gewesen sein, von der man gar nicht glauben sollte, dass sie wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte wegen ein paar technischen Unzulänglichkeiten. Ein echtes Fahrgeschäft ist sie nicht, weil die Zuschauer nicht mitfahren können, was bei heutigen Jahrmärkten ein Basisangebot darstellt. Aber es gibt diese Artistik wirklich und auch in Varianten wie der „Todeskugel“. Ob sie mit einem Auto möglich ist, das viel schwerer wiegt als ein Motorrad, haben wir uns gefragt und in der Wikipedia gibt es tatsächlich ein Foto zu sehen, in dem jemand einen – kleinen – Pkw verwendet. In der Regel wird aber mit Go-Carts und vor allem mit Motorrädern gefahren – und tatsächlich mit alten Indian-Maschinen, wie sie im Film zu sehen sind. Ob der Montini-Trick mit dem Alfa Romeo Spider wirklich funktioniert hätte? Es wird nicht bewiesen, sehr schade. Selbstverständlich wurde in Wirklichkeit nur an einem Ort gefilmt, wieso sollte die WAZ in Italien auch Bandenwerbung machen?

Sicher ist das ungewöhnliche und interessante Milieu ein Plus des Films, aber die Idee, mit einem großkalibrigen Geschoss in Wirbelsäulennähe noch Steilwand fahren oder auch nur ein solches Unternehmen, in dem viel physische Arbeit zu leisten ist, führen zu können, schon ziemlich weit hergeholt. Und ist Rainer Mettmann, der junge Chef des Unternehmens, nun selbst Fahrer oder nicht? Für Klaus Löwitsch als älterem, angestelltem Mitglied der Truppe ist die Rolle eines solchen Artisten jedenfalls wie gemacht und er spielt sie ausgezeichnet. Diese Menschen werden im Grunde ganz unspektakulär inszeniert, es gibt keine klischeehaften charakterlichen Besonderheiten, die dem Ganzen ein melancholisches oder romantisches oder besonders theatralisches Gepräge geben würden. Auch der Job selbst, wenn man ihn kundig ausführt, scheint gut beherrschbar zu sein. Hätte man das anders spielen müssen? Spektakulärer?

Vielleicht weniger gedehnt. Und ohne die Italienreise. Nichts gegen Italien, in unserer Heimatstadt gab es sogar ein Eiscafé mit dem Namen Jesolo, der Name wies entweder auf die Herkunft der Besitzerfamilie hin oder sollte Assoziationen zu einem beliebten Ort am Meer hervorrufen, den in Deutschland viele Menschen kennen. Dass Haferkamp aber den Schaustellern nachreisen kann und so tun, als sei er nur Tourist, ist einzig der Tatsache zu verdanken, dass vorher nur sein Assistent Kreutzer mit den Menschen in seiner erkennbaren Eigenschaft als Polizist in Kontakt gekommen ist und sich die Steilwand selbst nur inkognito angeschaut hat, als er noch in Essen ermittelte. Trotzdem wirkt es unglaubwürdig und der Zeitpunkt sehr beliebig, als er sich offenbart. Das hätte er früher tun können, ohne dass sich etwas geändert hätte.

Konflikte im Unternehmen gibt es, die auch etwas künstlich wirken, und wenn man Mettmann als zu unreif und etwas narzisstisch ansieht, rechnet man ihm doch nicht gleich einen Polizistenmord zu. Dass Haferkamp deswegen besonders hartnäckig ist, lässt sich allerdings denken.

Das Hauptproblem ist aber, dass dieser Film einen Howcatchem darstelle, der doch sehr touristisch gedehnt wirkt. Anstatt, dass man den Beginn so gestaltet, dass offen bleibt, ob Mettmann nun der Bankräuber war, stellt man das gleich klar, indem man seine Darstellung zum Überfall auf ihn selbst, die er der Polizei gegenüber abgibt, in Widerspruch setzt zur ersten langen Einstellung, die auch als einzige eine echte Fahrtszene beinhaltet – die Kamera fährt auf einem Auto vor ihm her, als er auf dem Motorrad sitzt und zunehmend die Kontrolle verliert, weil er schwer verletzt ist. Erkennbar gibt es niemanden, der in irgendeiner Form auf ihn einwirkt, außerdem ist ja auch sein Motorrad nicht weg. Also geht es nur noch darum, wann er endlich dazu gebracht werden kann, die Kugel freizugeben.

Richtiggehend interessant ist aber, dass das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper ein so starkes Recht darstellt, dass deswegen nicht ermittelt werden kann. Zumal ein Eingriff medizinisch kein Nachteil, sondern ein Vorteil für Mettmann gewesen wäre. Wäre jemand in einem solchen Fall in der DDR zwangsoperiert worden?

Finale

Gepackt hat uns der Film nicht, der Thrill des Steilwandfahrens uns relativ kalt gelassen. Zum Glück war Klaus Löwitsch dabei, der bringt immer etwas Adrenalin in Spiel und inwiefern er in die Sache verstrickt war und wie er sich verhalten wird, hat uns auch irgendwie bei der Stange gehalten. Uns fehlen noch ein paar Haferkamp-Tatorte, aber „Im Kreis“ dürfte wohl derjenige sein, in dem seine Exfrau die meiste Spielzeit hat. Hätte der Kommissar sich gleich dienstlich an die Fersen der Schausteller geheftet, wäre diese Kooperation aber unsinnig gewesen und das ganze Szenario noch ein wenig langatmiger.

6/10

Vorschau: Noch ein Tod in Venedig?

Heute Abend will der WDR es wissen. Nachdem er uns schon einen Schimanski-Tatort schenkt, den wir noch nicht kennen, nun auch ein Film mit dem verehrten Kommissar Haferkamp, Schimanskis Vorgänger. Zusammen mit „Voll auf Hass“ vom NDR und von diesem ausgestrahlt, kommen wir damit heute Abend auf drei Tatorte, die älter als 30 Jahre sind („Die Kugel im Leib“ bringt es auf 40). Das ist vor dem Start in die neue Saison also ein großes Finale mit nach Tatort-Maßstäben sehr alten Filmen.

Wie schon bei den letzten Schimanski-Ausstrahlungen: Auch „Kugel im Leib“ gilt den Fans innerhalb des Schaffens eines Ermittlers als eher nachrangige Produktion, wie die Rangliste des Tatort-Fundus belegt. Und das, obwohl das Titelbild den damals wohl beliebtesten Tatort-Kommissar vor einer so schönen Kulisse zeigt. Ein Kommissar, der auf sich hält, muss auch mal auf Reise gehen. Und Venedig war nach dem James-Bond-Film „Leben und sterben lassen“ (1973) besonders en Vogue.

Die Handlungsbeschreibung klingt nach einer Mischung aus Film noir und Western. Wir werden den Film aufzeichnen und demnächst erscheint in diesem Medium eine Kritik dazu.

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Kommissar Haferkamp – Hansjörg Felmy
Reiner Mettmann – Hans-Georg Panczak
Ingrid Haferkamp – Karin Eickelbaum
Franz Mettmann – Christoph Eichhorn
Sylvia – Ilona Grübel
Kreutzer – Willy Semmelrogge
Frau Mettmann – Mady Rahl
Paco – Klaus Löwitsch

Drehbuch – Georg Feil
Kostüme – Ursula Sensburg
Kamera – Götz Neumann
Produktionsleiter – Richard Deutsch
Architekt – Jochen Schumacher
Regie – Wolfgang Staudte
Produzent – Werner Kließ

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