Borowski und der brennende Mann – Tatort 873 #Crimetime 541 #Tatort #Kiel #Borowski #Brandt #NDR #Mann #brennen

Crimetime 541 – Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Die Nachwirkungen des Luciafestes von 1964

Nach dem langen Winter im Mai nochmal eine Schnee- und Eis-Folge anschauen zu müssen, ist erst einmal kein Vergnügen, man empfindet die Kälte sofort wieder körperlich.

Aber sie passt natürlich gut zu einem Nordkrimi, in dem es ansonsten ziemlich heiß hergeht. Wir schrieben bereits in der Vorschau, dass Fälle mit Spuren in die Vergangenheit besonders spannungsverdächtig sind und dass die Tatorte mit solchen Handlungskonstruktionen demgemäß oft hoch in der Gunst der Fans stehen.

Das zeichnet sich auch bei „Borowski und der brennende Mann“ gerade ab. Die sehr gute Rezeption dürfte aber auch damit zu tun haben, dass nach vielen Fällen, die eher Ausfälle waren, die Menschen froh sind für einen gut gemachten Krimi mit halbwegs nach menschlichen Maßstäben handelndem Personal.

Am wenigsten trifft dies zwar auf die Täterperson zu, doch dazu mehr in der -> Rezenion

Handlung

Jingle Bells an der Kieler Förde: Während Kommissar Borowski und seine Kollegin Sarah Brandt gerade Julklapp im Präsidium feiern, bereitet im benachbarten Schleswig ein Mörder ein dunkles Verbrechen vor. Beim Luciafest-Umzug an einer dänischen Schule steht plötzlich ein Mann lichterloh in Flammen. Kriminalrat Schladitz, der an diesem Ort seine Kindheit verbracht hat, wird zum unfreiwilligen Zeugen des brutalen Anschlags. Der Tote, Michael Eckart, war hier Schulleiter und ist Mitglied der dänischen Minderheit. Zunächst deutet alles darauf hin, dass der Mörder im direkten Umfeld des Toten zu finden ist.

Doch dann entdeckt Kommissar Klaus Borowski ein Geheimnis, das in die Nachkriegsgeschichte von Schleswig-Holstein zurückreicht. Bei ihren Ermittlungen bekommen die Kieler Kommissare Amtshilfe von der hochmotivierten Südschleswiger Kommissarin Einigsen, die voller Elan in ihrem ersten Mordfall ermittelt. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Kriminalrat Schladitz erleidet einen Autounfall, offenbar weiß er mehr über die Identität des Toten, als er seinem Freund und Kollegen Klaus Borowski erzählt hat. Und auch Sarah Brandt hat Borowski nicht eingeweiht in die Ermittlungen rund um den brennenden Mann. Wem kann Kommissar Borowski noch vertrauen?

Besetzung, Stab 

Rezension (Spoiler vorhanden)

Borowski, dessen ersten Tatort „Väter“ wir uns neulich angeschaut haben und demnächst für den Wahlberliner rezensieren werden, entwickelt sich immer mehr zum Doyen unter den Ermittlern.

Er ist leise und logisch, humorvoll und emotional, entschlussfreudig und vorsichtig, zieht nur selten falsche Schlüsse, und wenn, dann auf so sympathische Art wie dieses Mal, als er das Hotelzimmer der jungen Kollegin Einigsen betritt. Dafür findet sie ihn am Ende süß. Das ist schon deshalb tröstlich, weil wir jetzt wissen, dass auch Männer in gestandenem Alter von jungen Frauen noch so bezeichnet werden können. Wir sehen der Zukunft nach diesem gut gemachten Borowski-Tatort wieder mit ein wenig mehr Vertrauen entgegen.

Showdown im Krankenhaus ist mittlerweile auch nichts Neues mehr, aber die Herleitung des Falles aus der Vergangenheit ist wieder einmal sehenswert und gleichzeitig eine Geschichtsstunde über frühere und aktuelle Befindlichkeiten an der deutsch-dänischen Grenze, von der man in der übrigen Republik genauso wenig etwas mitbekommt wie von der deutsch-französischen oder deutsch-polnischen Grenze. Dieses Stück heutige Normalität muss man sich erst einmal wieder anhand der Friktionen früherer Zeiten bewusst machen.

Nicht alles ist perfekt am neuen Borowski und während wir diesen Satz schreiben, schwanken wir innerlich noch ein wenig bezüglich der Punktevergabe. Neben den großen, gemeinsamen Stärken dieser vergangenheitslastigen Tatorte wie zum Beispiel der Düsterkeit von Kindheitserinnerungen und des großen Geheimnisses vergangener Tage, die man durchlitten oder verdrängt hat im Allgemeinen, gibt es auch eine gemeinsame Schwäche, die in „Borowski und der brennende Mann“ wieder zutage tritt: Der Zeitpunkt, zu dem die Rache so sehr viel später ausgelöst wird, der wirkt sehr willkürlich gewählt. Das ist aber in diesen Plots so angelegt, sofern es nicht ein neues, auslösendes Ereignis gibt, das den Zeitpunkt erklärt und plausibel macht. Dieses i-Tüpfelchen fehlt dem Plot des neuesten Kiel-Flensburg-Dänemark-Tatortes leider.

Wie jede Tatortstadt hat auch Kiel mittlerweile echte Marotten. Sarah Brandts Epilepsie ist nun schon zwei Männern bekannt, aber die werden dichthalten. Borowski, weil er ein feiner Kerl ist und sein Chef Schladitz, weil die beiden nun auch ein dunkles Geheimnis aus Schladitz‘ Kindheit miteinander teilen. Wenn man es genau nimmt, ist die Motivation der Kinder etwas verquer dargestellt und am Ende bleibt stehen, dass sie eine Familie, die sich nicht anpassen wollte, mit einer lokalen Tradition (die eigentlich aus Schweden kommt, aber offenbar südwärts gewandert ist) sozusagen konfrontieren. Die Aktion gerät außer Kontrolle, ein Brand entsteht, dem nur ein kleiner Junge entkommen kann. Dasjenige von den Kindern, das den Jungen rettet, verwindet die Tat nicht und wird später zur Rächerin.

Der gerettete Junge hingegen, der von wohlhabenden Dänen adoptiert wurde, ist jetzt Investor und tatverdächtig, kann sich in Wirklichkeit aber nur noch dunkel an jenes Kindheitserlebnis erinnern, das ihm immer wieder Alpträume beschert und ihn offensichtlich auch ein Auge gekostet hat.

Johanna Gastdorf spielt die Täterin wieder einmal wunderbar, aber auch ein wenig vorhersehbar, und es ist evident, dass das spannende Ende im Krankenhaus nur dadurch zustande kommen konnte, dass man sie als mögliches Opfer einfach links liegen lässt, anstatt sie, ähnlich wie Schladitz, unter Polizeischutz zu stellen. Hätte man dies getan, hätte sie sich Letzterem nicht so schön gruselig nähern und ihn mit Brandpaste einschmieren können.

Wenn man das Drehbuch von Spezialitäten wie dem Luciafest, der schwedisch-dänischen Kollegin und einigen persönlichen Bezügen befreit, tritt ein simpler und vielfach verwendetes Gerüst hervor – bei 873 Tatorten und gefühlten 1000 Schwedenkrimis, von anderen Serien gar nicht zu reden, allerdings auch kein Wunder.

Es kommt auf die Inszenierung an und die hat Regisseur Lars Kraume mal wieder schön hinbekommen – ohne allzu sehr auf die düstere Nordkrimi-Pauke zu  hauen oder gar mystische Elemente einzuflechten. „Borowski und der brennende Mann“ ist lediglich ein Tatort mit starkem regionalem Bezug und einer soliden Regie. Es gibt eine Art Hänger etwa in der Mitte, als die Brandt-Borowski-Beziehung etwas zu stark in den Vordergrund tritt und damit die Lücke füllt, welche die vergleichsweise simple Handlung hinterlassen würde, käme nicht dieses manchmal etwas künstlich wirkende Ding der Ermittler untereinander hinzu.

Wir können verstehen, dass manche Tatort-Fans davon genervt sind, für uns hat es aber nichts mit der Schauspielerei von Sibel Kekilli als Sarah Brandt zu tun, da ist vielmehr eine zunächst unterschwellige und in diesem Beitrag an die Oberfläche gezerrte Aversion gegen die Unglaubwürdigkeit der Epilepsie und von dieser überragenden EDV-Kenntnisse Sarah Brandt, die leider eine fatale Folge haben: Nämlich, dass die Ermittlungen durch sie in etwa so beschleunigt werden wie Brände durch eine gute Brandpaste. Die immer so irre schnelle Recherche führt dazu, dass die Kiel-Tatorte einerseits nicht langweilig in dem Sinn wirken, dass zu viel Zeit mit traditioneller Polizeiarbeit vertan wird, andererseits aber eben zu einer Lücke, die dann mit persönlichen Angelegenheiten gefüllt werden muss.

Fazit

Da dies ein prinzipielles Problem ist und nicht auf einen Film beschränkt, sollte man in Kiel ein wenig justieren, was das Verhältnis der beiden zueinander angeht und vielleicht mal die Epilepsie ebenso außen vor lassen wie die überirdischen IT-Kenntnisse von Frau Brandt (wir versprechen auch, dass wir das Fehlen dieser Komponenten dann nicht auch wieder als mangelnde Figurenkontinuität kritisieren werden). Ein wirklich großartiger Tatort unterscheidet sich von einem guten wie „Borowski und der brennende Mann“ auch durch Stimmigkeit im Detail, und die ist hier stellenweise nicht vorhanden.

Allerdings ist dies ein Luxusproblem, verglichen mit den konzeptionellen und generellen Schwächen, die andere Tatortstädte im Moment offenbaren, darunter auch Hamburg, dessen Tatorte ebenfalls vom NDR verantwortet werden. Man könnte noch ein wenig feilen, dann käme vielleicht wieder so ein tolles Ding heraus wie letztes Jahr der Spitzentatort „Borowski und die Frau im Fenster“, der allerdings deutlich skurriler angelegt war als der aktuelle Fall – da sagte man sich wohl, skurril, ob gekonnt oder nicht, gibt es mittlerweile so oft im Tatortland, da wollen wir uns ein wenig auf die Tradition besinnen und einen ohnehin starken Ermittler noch stärker machen. Das ist mit „Borowski und der brennende Mann“ gelungen.  

8/10

© 2020, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Besetzung
Axel Milberg – Klaus Borowski
Sibel Kekilli – Sarah Brandt
Lisa Werlinder – Frau Einigsen
Johanna Gastdorf – Anja Jürgensen
Peter Mygind – Herr Kviesgaart
Thomas Kügel – Roland Schladitz
Hans Peter Hallwachs – Brandermittler Luth
Albrecht Ganskopf – Detektiv Schönfeld
Lisa Karlström – Frau Simonsen
Thomas Mehlhorn – Arzt
Corinne Blatter – Schladitz Tochter
Henry Schultze – Pol. HM Jochen Auer
u.a.

Drehbuchautor – Daniel Nocke
Regisseur – Lars Kraume

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