Mord ist kein Geschäft – Tatort 144 #Crimetime 544 #Tatort #Stuttgart #Lutz #Wagner #Südfunk #Mord #Geschäft

Crimetime 544 - Titelfoto © SDR / SWR

Wo ist Bienzle? oder: Heroin in Trollingerflaschen.

Geht gar nicht. Findet Wagner. Bienzle haben wir hingegen nicht entdeckt, gerüchteweise trug er 1983 einen Oberlippenbart. Aber an welchen wesentlich bekannteren Film erinnert die Geschichte mit dem Großdealer Sakowsky, welcher der Polizei beim Finden es Mörders unter die Arme greifen will, um weiter ungestört seinen Geschäften nachgehen zu können, zu denen Mord nicht zählt, denn Mord ist kein Geschäft? Natürlich an „M“. Und den Ringverein, der parallel zur Kommissar Lohmann ermittelte. Mit und ohne Parallelen zu anderen Werken geht es weiter in der -> Rezension.

Handlung

Im Schwäbischen Wald wird von einem Bauern ein Campingbus mit einer männlichen Leiche entdeckt. Erste Ermittlungen der Polizei ergeben, daß es sich bei dem Ermordeten um Günther Happel handelt, der auf dem Campingplatz des Cannstatter Wasens in Stuttgart polizeilich gemeldet ist. Als Kommissar Lutz und sein Assistent Wagner dorthin kommen, beobachten sie einen Sportwagen, der zielstrebig zu dem Abstellplatz von Happels Campingbus fährt. Der Fahrer des Wagens ist, wie sich später herausstellen wird, ein guter Bekannter der Polizei: Alfons Kehl, mehrfach vorbestraft. 

Kehl ist nach Kenntnissen der Polizei Mitglied eines Gangstersyndikats, das bei Gastwirten und Geschäftsleuten „Schutzgelder“ kassiert. Ein paar dieser erpreßten Wirte versuchten, sich zu wehren. Als Wortführer dieser Gruppe werden der Grieche Costas und der Türke Önökyl genannt. Günther Happel soll für sie gearbeitet haben. Die Ermittlungen für Lutz gestalten sich äußerst schwierig. Zum einen wollen die betroffenen Wirte nicht aussagen, zum anderen wird Lutz von einer Seite Hilfe angeboten, von der er sie am wenigsten erwartet hat. Der Chef des Syndikats, Sakowsky mit Namen, fühlt sich in seinen Geschäften durch die große Aktivität der Polizei gestört. Er bietet Lutz seine Hilfe an, den Mörder von Happel zu finden. Begründung: Happel sei sein Kassierer gewesen. Doch Assistent Wagner läßt nicht locker. Über Aischa, die hübsche Tochter des türkischen Wirts Önökyl, versucht er mehr über die Hintergründe des Falles in Erfahrung zu bringen. Für ihn steht fest: Sakowsky ist für den Mord an Happel verantwortlich. Lutz ist da zwar nicht so sicher, aber er läßt Wagner gewähren. – Und so trägt jeder der beiden auf seine Weise zur überraschenden Klärung dieses Falls bei.

Rezension

Der 144. Tatort schwankt im Verlauf seiner Überlänge zwischen recht witzig und schlimm. Diese etwas gemächliche und auch fahrige Art zu filmen – an die müssen wir uns erst wieder gewöhnen, nachdem wir in den letzten Monaten vor allem Polizeirufe aus der Vorwendezeit gesichtet haben – neben den aktuellen Premieren beider Reihen. Die um einiges kürzeren DDR-Filme waren wesentlich ökonomischer und stringenter inszeniert, wiesen weniger unglaubwürdige Schleifen in den Handlungen auf, dafür waren sie dramaturgisch oft recht eintönig gestaltet, weil zu wenig Zeit für größere Ups und Downs und einen sehr ausgefeilten Rhythmus zur Verfügung stand. In den 1980ern war diese Schwäche aber beinahe behoben, auch, weil die Filme auch etwas mehr Spielzeit aufwiesen. Aber bei weitem nicht so viel wie „Tod ist kein Geschäft“ mit 101 Minuten. Dieser hätte ruhig aufs heute übliche Maß von 88 reduziert werden können, ohne dass dafür ein wesentliches Handlungselement hätte entfallen müssen.

Interessant ist dieser Krimi vor allem wieder mal soziologisch. Der Blick auf die Türken und Griechen ist selbstverständlich ein ganz anderer als heute, das kann man dem Film nicht vorwerfen, zumal er sich bemüht, politisch korrekt zu sein: Der Mörder war nicht der Mensch mit Migrationshintergrund und die bösen deutschen Buben terrorisieren „ausländische“ Wirte mit Schutzgelderpressung. Ob das im Jahr 1983 realistisch war, wollen wir hier nicht eruieren, heute ist das jedenfalls nicht so. Und in den 1980ern, deswegen hat man vermutlich auch keine italienischen Gastronomen genommen, waren Opfer und Täter bereits im Wesentlichen Angehörige derselben Nationalität, wenn es zu organisierter Kriminalität dieser Art kam. Anders ganz gewiss im Drogenbusiness, das hier eher am Rande eine Rolle spielt.

Dass eine Griechen eine Türkin spielt, wäre heute nicht mehr notwendig, es gibt viele junge Darstellerinnen mit türkischem Hintergrund, das war aber Anfang der 1980er noch nicht so und im Zeitkontext hat es uns nicht gestört. Sie trägt kein Kopftuch und sie trinkt Wein – nun ja, sie wird genau so gezeigt, dass sie für damalige Verhältnisse nicht befremdlich, aber ein bisschen „exotisch“wirkte. Und das Schwabenland war auch damals nicht mit Berlin zu vergleichen. Dass sie einen biederen Beamten mit getönter Monsterbrille anmacht – es dient einem höheren Zweck und es passiert nichts Tieferes. Alles gut.

Schade, dass es über den Fall selbst so wenig zu schreiben gibt. Ja, es wird schon richtig ermittelt und wie das Material des Gegenstandes erforscht wird, mit dem die Tat begangen wurde, ist echt High Tech. Es wird also befragt und die KT hat ihre Auftritte. Aber am Ende ist es wieder mal ein echt bescheuerter Zufall, der die Wahrheit ans Licht bringt: Die Fahrerin des Wohnmobils, in dem der bereits Tote transportiert wurde, wird beim zu schnell fahren geblitzt und außerdem trägt sie genau den Ring, den auch Aischa am Finger hat. Hätten wir uns eigentlich denken müssen, dass, als die rechte Hand und Geliebte von Sakowsky – wieso wollen wir immer „Landowsky“ schreiben? – als Tatverdächtige, zumindest als Mitmacherin, ins Spiel kam, hätten uns klar sein müssen, dass ihre optische Ähnlichkeit mit Aischa kein Zufall ist. Die Handlung ist also mal wieder ziemlich gebastelt. Weitere Indizien dafür, dass sie nachrangig gegenüber dem Kolorit und den FIguren behandelt wird: Dass Lutz durch Verfolgung auf Lan … Sakowsky stößt und derlei Vorgänge. Es ist immer einfacher, dadurch vorwärts zu kommen, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und sehen und lauschen kann, aber realistisch ist es eher nicht. Bzw. war es nicht, vor der Kombinierung von Big Data und dem großen Lauschangriff, die es praktischerweise ermöglicht, alles mitzukriegen, ohne ein überirdisch gutes Timing zu präsentieren.

Aber wenn wir die Figuren hervorgehoben haben: Mit dem Saxophonisten Horn bzw. mit ihm gegenüber dem Zuschauer wird auch ein wenig Spökes betrieben: Niemand hätte ihn zu Beginn für den Mörder halten können, weil er über den Toten ganz anders geredet hat als später. Die Alkoholiker! Erst, wenn sie wieder saufen, tendieren sie zur Wahrheit. Man kann sagen, eine solche Figur wird nicht zum Spaß in einem Krimi installiert, trotzdem wirkte es zunächst sehr unwahrscheinlich, dass der Mann seinen Schützling-Beschützer auf dem Gewissen hatte. Gewissen? Der Typ wollte sich an Aischa vergreifen. Wagner so: Notwehr! Nehmen wir mal an. Es war so. Und dann eine neue Beethoven-Büste gekauft. Wer die Musik liebt, muss auch eine Gipsbüste von diesem pittoresken und sehr für Büsten geeigneten Meister haben.

Finale

Wir verstehen schon, warum die Nutzer des Tatort-Fundus von diesem Film nicht so überzeugt sind, geht uns auch so. Die Milieuzeichnung ist typisch „von außen“, sehr aus deutscher Sicht und die Handlung ist alles andere als überzeugend und für höhere Ansprüche konstruiert. Längen gibt es auch. Dafür faszinierte uns, wie Wagner hier knackiger und präsenter dargestellt wird als der altersgütige Kommissar Lutz. Der Jüngere der beiden war wohl dadurch motiviert, dass er sich Hoffnung auf die Nachfolge des altgedienten Kommissars machte. Daraus wurde nichts, wie wir wissen. Der hinter seinem Oberlippenbart versteckte Bienzle schoss aus der Deckung hervor, legte dabei den Bart hab und wurde der berühmteste Schwabenkommissar vor dem Ende der echten Schwabenkommissare. Offenbar entsprach er mehr der Vorstellung von Felix Huby, der Bienzle als Figur entwickelt hatte und großen Einfluss auf die Geschickte des Stuttgart-Tatorts nahm. Er schrieb auch das Drehbuch zu „Mord ist kein Geschäft“ und seinen Hang, die Figuren und das Kolorit über die Handlung zu stellen, kann man hier schon gut beobachten.

6/10

Vorschau: Überreste der schwäbischen Mafia betreiben Terror im kulinarischen Raum

„In der Tatort-Folge „Mord ist kein Geschäft“ ermitteln der Stuttgarter Kommissar Lutz (Werner Schumacher) und sein Assistent Wagner (Frank Strecker) in den Kreisen der Schwäbischen Mafia.
Der Tatort „Mord ist kein Geschäft“ beginnt wie sooft mit einem grausigen Fund (…)“
(Tatort Fans)

Die schwäbische Mafia kennen wir in Berlin gut, sie hat sich nach der Wende vorzugsweise im wilden Osten niedergelassen und terrorisiert die wenigen nicht weggentrifizierten Ureinwohner mit kulinarischer Überfremdung, was ja auch eine Art Erpressung darstellt. Wir dachten anhand der Einleitung von „Tatort Fans“ zunächst, das soll eine politische korrekte Umschreibung für die italienische Mafia in Schwaben sein, aber gemäß Handlungsangabe ist viel komplizierter.

Nun also auch der SWR. Nachdem der WDR plötzlich angefangen hat, die in der Tatortgemeinde als weniger hoch eingestuften Schimanski-Folgen zu wiederholen, dies nun zusätzlich mit weniger hoch eingestuften Haferkamp-Filmen anreichert, legt nun der SWR kurz vor Ende der Tatort-Sommerpause nach und zeigt uns einen Film mit seinem einstigen Kommissar Lutz und dessen Assistent Wagner, welcher in der Ermittler-internen Rangliste der bei Bewertungen führenden Plattform Tatort-Fundus ebenfalls ziemlich weit unten angesiedelt ist. Und das in einem Moment, wo wir sowieso Oberkante Unterlippe sind. Wir hatten einfach nicht damit gerechnet, als wir im März auch die Reihe Polizeiruf zu rezensieren begannen, dass so viele noch nicht angeschaute Tatorte wieder in einem so kurzen Zeitraum auf den Bildschirm kommen. Die meisten Lutz-Fälle wurden vor einigen Jahren in einer Retrospektive gezeigt, aber eben nicht alle. Daher auch nur eine Vorschau, keine wiederveröffentlichte Rezension.

Ernst Bienzle ist übrigens auch schon zu sehen – wieso auch nicht, schließlich stammt das Drehbuch von Felix Huby, der den letzten Kommissar mit Trench und Hut entwarf, der von 1992 bis 2007 in Stuttgart ermittelte. Bei Lutz war es noch so, dass er in verschiedenen Städten unterwegs war, als einziger für Morde zuständiger Kommissar im Gebiet des damaligen Südfunks.

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Lutz – Werner Schumacher
Wagner – Frank Strecker
Aischa – Despina Pajanou
Horn – Hartmut Reck
Sakowsky – Peter Ehrlich
Kehl – Peter Lakenmacher
Ann – Irina Wanka
Önökyl – Meray Ülgen
Mehmed Devecz – Yüksel Topcugürler
Costas – Jannis Kyriakidis
Eisele – Walter Schultheiss
Müller – Christoph Hofrichter
Penner – Wolfgang Schwalm

Buch – Felix Huby
Regie – Theo Mezger
Kamera – Justus Pankau
Kostüme – Annette Schaad
Szenenbild – Dieter Hoepker
Musik – Jonas C. Haefeli

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