Kaltes Herz – Tatort 759 #Crimetime 545 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Herz #kalt

Crimetime 545 - Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

 Vorwort 2020

Wir zeigen heute wieder einmal ein „Original“ – eine Rezension, die für die TatortAnthologie des ersten Wahlberliners geschrieben wurde in der Optik, wie sie damals erschienen ist. Im März 2011 startete der „erste Wahlberliner“, im April die TatortAnthologie, die für den die zweite Auflage des Wahlberliners ins Feature „Crimetime“ integriert wurde. Der folgende Text war seinerzeit die Rezension Nr. 20. Ergänzt haben wir nur die Angaben zur Herkunft des Titelfotos, unser Copyright und die Angaben zu Besetzung und Stab.

  1. Inhalt:

I. Ein Jugendamtsmitarbeiter wird erstochen in der verwahrlosten Wohnung seiner Klientin aufgefunden. Sichtlich angetrunken taucht die junge Mutter bei Ballauf und Schenk am Tatort auf – sie will zu ihrer vierjährigen Tochter Clara! Bevor sie am frühen Abend aufbrach, um die Nacht mit ihren Saufkumpanen zu verbringen, hatte sie das Mädchen ins Bett gebracht und die Zimmertür verriegelt – offensichtlich nicht zum ersten Mal. Doch Clara ist spurlos verschwunden. Besteht zwischen dem Mord und ihrem Verschwinden ein Zusammenhang? Und vor allem: wo ist das Mädchen? Die Not des Kindes im Hinterkopf stürzen sich Ballauf und Schenk in die Ermittlungen und stoßen dabei immer wieder an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft. Doch was zuerst wie ein grausamer Racheakt aussieht, entpuppt sich als Konsequenz eines skrupellosen Betrugs…

II. Mord in der Sozialbausiedlung: Marco Steinbrück vom Kölner Jugendamt wurde erschlagen und ein vierjähriges Mädchen ist spurlos verschwunden. Eigentlich hatte der Sozialarbeiter die kleine Clara in ein Heim bringen wollen. War es eine Verzweiflungstat der Eltern? Am Tatort treffen die Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk auf die sichtlich ange- trunkene Stefanie Karstmann, die gerade von einer durchzechten Nacht nach Hause kommt. Schon öfter hatte die sehr junge Mutter ihre kleine Tochter in der verwahrlosten Wohnung alleine gelassen. Für sie ist der Fall klar: Michael Donker, der Vater des Kindes, muss es gewesen sein. Schließlich hatte er Clara schon einmal entführt. Im Jugendamt sind das Mädchen und ihre beiden jungen Eltern keine Unbekannten, wie die Kommissare von Jugendamtsleiter Bernd Kampnagel und seinem Stellvertreter Matthias Hellwig erfahren.

Bei ihren Ermittlungen stoßen sie auch auf Tanja und Axel Küppers. Auf ihrem liebevoll renovierten Bauernhof am Stadtrand bietet das Ehepaar Pflegekindern ein neues Zuhause. Warum hatten sie vor kurzem abgelehnt, Clara Karstmann als Notfall aufzunehmen? (Beide Varianten der Zusammenfassung aus dem Tatort-Fundus).

  1. Kurzkritik

Im Rahmen der  Ermittlungsarbeit von Schenk / Ballauf wird der gesamte Themenkomplex Problemmilieu, allein erziehend, Jugendamt, Überforderung, abgehandelt. Zudem spiegeln sich die Probleme des Milieus, in dem der Täter gesucht wird, in der Kriminalassistentin Lütgenjohann, die von einem Unbekannten schwanger wird.

 Da müssen die Schauspieler wieder ganz schön rudern, um das alles einigermaßen glaubwürdig umzusetzen.

 Ein Thriller ist der Fall dieses Mal nicht, weder Schenk noch Ballauf kommen selbst in Schwierigkeiten, auch wenn sie, das ist ja Mindest-Standard, eine gefährliche Situation entschärfen müssen.

Selbst, wenn man Thrill nicht mit Spannung verwechselt, muss man aber sagen, dass der Schwerpunkt auf dem Thema liegt, und eben nicht auf der Spannung. Die Umsetzung es Themas wiederum wird dieses Mal so abgehandelt, dass der Zuschauer emotional wenig einbezogen ist.

Gut sind die Leistungen von Ballauf, Schenk und – mit Einschränkungen – der Kriminalassistentin Lütgenjohann.

 III. Rezension

  1. Ein Fall, der sich gut vergleichen lässt

 Seit dem Beginn der Rezensionstätigkeit für den Wahlberliner am 28. März 2011 hatten wir einige dieser sozialen Brennpunkte zu bewerten, die hier gezeigt werden. Natürlich hat jeder der betreffenden Krimis seine individuelle Ausprägung, aber vor allem die Frankfurter Versionen der Milieuzeichnung haben uns besonders überzeugt. Vielleicht ist Köln doch zu sehr eine Karnevalsstadt, als dass man das Düstere vollkommen überzeugend an den allgemeinen, nicht dort ansässigen Zuschauer rüberbringen kann. Das ist natürlich jetzt pointiert geschrieben, aber das Milieu selbst ließ uns in 759 ziemlich kalt, und wir zählen uns durchaus zu denjenigen, die den Daumen für Sozialkritik in Tatorten hochheben, wenn sie gut gemacht ist.

Hier hat es etwas mit den Leistungen der Darsteller zu tun. Wir kritisieren nur ungern in diese Richtung, vielleicht auch aus sozialen Gründen. Ein schlechtes Drehbuch nehmen wir gerne auseinander, aber nicht Menschen, auch nicht Schauspieler. Die Mutter der verschwundenen Clara (interessanterweise mal kein programmatischer Unterschicht-Name für das Kind), Stefanie Karstmann (Miriam Horwitz) wirkt nicht echt. Schwer zu sagen, ob sie schlecht geführt wurde. Dass Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär überzeugen, ist in dem Zusammenhang kaum ein Indiz dafür, dass Horwitz es nicht drauf hat. Die beiden Ermittler beherrschen ihre Rollen nun einmal routiniert und sind weniger gefordert bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit, als in den Fällen, in denen sie aus privaten Gründen stärker emotional  eingebunden sind. Im Gegensatz zu einer jungen Schauspielerin, die sich in ein ihr nicht vertrautes Milieu finden muss. Der Name Horwitz hat uns interessiert – Miriam ist tatsächlich die Tochter von Dominique Horwitz. Das hätten wir nicht vermutet, die äußerliche Ähnlichkeit ist eher gering.

Nur wenig besser die übrigen Figuren im sozial niedrigen Bereich, aber nicht herausragend oder als Sympathieträger geeignet. Diese Gleichmäßigkeit der wenig mitreißenden Darstellungen lässt also eher auf eine steife Führung seitens der Regie schließen. Am meisten überzeugen noch die Pflegeeltern, aber die werden erst spät eingeführt und schon dadurch ist beinahe klar, nicht einer der beiden Eheleute Küppers den Jugendamt-Mitarbeiter Steinbrück ermordet haben wird. Nette Idee übrigens, den Nachnamen des damaligen Finanzministers für diese Figur verwenden.

  1. Die Handlung an sich

Der Sonderstrang, Schwangerschaft von Franziska Lütgenjohann (Theresa Mittelstaedt), sorgt anfangs für den wenigen Humor in diesem Tatort, zwischendurch für die einzige Dramatik (als Franziska in der Bahn sitzt und weiß, dass sie ihr Kind verloren hat) und am Ende für Verwunderung. Weil sie nämlich nur wenige Szenen später wieder voll gut drauf ist, etwa, als sie Schenk das neue alte Auto überreicht. An sich eine gute Idee, aber wie sich Franziska sich verhält, ist uns zu sprunghaft. Und es weist einmal mehr darauf hin, dass das Drehbuch nicht durchdacht ist und die Regie diese Mängel auch nicht durch eine sensible Anleitung der Schauspieler relativiert. Auch der Wechsel von der Rolle der Mitarbeiterin in die der kämpferischen, aggressiven Mutter ist nicht komplett gelungen. Sie schämt sich ja im Grunde wegen der Spontanschwängerung auf einer Karnevalsparty und weiß nicht, ob sie das Kind bekommen soll. Für jemanden, der mental so aufgestellt ist, tritt sie sehr offensiv gegenüber ihren Chefs auf. Es ist klar, dass damit auch das Aufbegehren, das Überspielen von Unsicherheit gezeigt werden soll. Auf die rasche Übernahme der Mutterrolle unter Verdrängung ihres inneren Konfliktes weist auch ihre Identifikation mit diesem ganz anderen Muttertyp Stefanie Karstmann hin, aber eben dies wirkt nicht ganz stimmig.

Eine weitere Angelegenheit, die besprochen werden muss, ist das, was im Jugendamt abläuft und der tatsächliche Hintergrund des Tötungsdeliktes an Steinbrück ist (wenn das Gericht den Darstellungen des Steinbrück-Kollegen Matthias Hellwig (Charly Hübner), der ihn nach eigener Aussage nicht umbringen wollte, folgt, ist es Totschlag).

Dass in einem Amt, bei dem es um die Mittelverwendung für soziale Zwecke geht, getrickst wird, halten wir zwar für möglich. Aber nicht für sehr wahrscheinlich. Die Kontrolle durch den die Mittel gebenden Staat ist um einiges genauer und für den Staat besser nachvollziehbar als bei den freien Trägern, die bekannt dafür sind, dass ihr Management nicht selten in die eigene Tasche wirtschaftet. Wir wollen nicht auf die haushaltsrechtlichen Details eingehen, die diesen Unterschied verursachen. Es wird gerne und zu Recht darüber gestritten, ob Mittel sinnvoll eingesetzt werden, aber eine klassische Unterschlagung dürfte eher selten sein. Noch seltener, wenn nicht unwahrscheinlich, aber der umgekehrte Fall. Nämlich, dass plötzlich durch illegale Abrechnungen sogar Mittel zugeführt werden.

Denn offenbar ist es hier ja so, dass das Amt die Gelder, die durch den Betrug des Pflegepaares Küppers (Thomas Lawinsky, Anja Leesch) zufließen, für Amtszwecke, also durchaus in guter Absicht verwendet, um damit die vom Staat verordneten Sparmaßnahmen auszugleichen. Aber wie will ein Amt, das genau über seine Mittelverwendung Auskunft geben muss, so etwas reporten? Kreative Buchführung mal anders herum? Dazu hätten im Film ein paar Takte mehr gezeigt werden müssen, um es glaubhaft zu machen, uns hätte des jedenfalls interessiert, wie man erklären will, dass plötzlich Geld für Zwecke da ist, die gar nicht vom Budget gedeckt sind. Zum Ausgleich hätte man sich ein paar Abschweifungen, wie z. B. das Auftreten der drogensüchtigen Freundin des erstochenen Marco Steinbrück, sparen können. Man muss das Milieu nicht immer auf die Spitze treiben und alles auf einmal zeigen, was es dort gibt, um es realistisch wirken zu lassen.

Dass die verschwundene Clara nicht tot ist, das ahnt man recht bald. Mehr aus einem Bauchgefühl heraus, weil man sich denkt, so dramatisch wird dieser Tatort nicht enden. Das heißt aber auch, dass dieses Element nicht die Spannung reinbringt, die es hätte erreichen können, wenn zum Beispiel der Vater eine etwas bedrückendere, aggressivere Figur gewesen wäre. Einmal sagt er zwar „das glaube ich nicht“, als seine Ex ihm beibiegen will, er werde seinen  Zugriff auf Clara noch bereuen, und er wird auch recht prollig dargestellt, aber erkennbar wird er nicht als böser Charakter aufgebaut, der einfach mal seine Tochter umbringt, nur, weil er für sie zahlen muss, ohne sie sehen zu dürfen. Und ein anderes, stärkeres Motiv wird nicht gezeigt.

Damit ist die Clara-Entführung aber auch nicht als Spannungselement tauglich, auch wenn es diese seltsame Verfolgungszene gibt, in der Schenk mit einem Oldtimer ein modernes Auto einholen will, was, dieses Mal realistischerweise, nicht funktioniert. Wenn wir gerade bei den Auto-Szenen sind. Die Abholung der Kinder von der Pflegefamilie durch das Amt ist schlecht gedreht. Zu lange draufgehalten, man merkt, dass die Kinder in Wirklichkeit lachen, sie sind eben noch zu klein, um professionell Wut und Trauer mimen zu können. Immerhin, die Stimmung am Drehort war wohl gut.

  1. Die Ermittler retten ihren Tatort (einigermaßen)

Die unprätentiöse Art, wie Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) dieses Mal spielen, macht einiges wett. Sie sind sachlich, aber auch emotional, in den Szenen mit Franziska. Sie lassen sich nicht so stark in den Fall hineinziehen, dass sie als Polizistentypen unkenntlich werden, wirken aber auch nicht desinteressiert und diskutieren die Möglichkeiten. Mal hat dieser, mal jener eine Idee. Beide wirken dieses Mal etwa gleich stark, Ballauf wieder der Kumpeltyp, Schenk der mit dem skeptischen Blick.

Heute deshalb ein paar Worte zu Dietmar Bär. Wir finden, er ist ein sehr guter Mime im wörtlichen Sinn. Mit dem Heben der Augenbrauen, wenn er den massigen Kopf etwas bewegt, kann er so viel ausdrücken. Kommt manchmal etwas zu häufig, aber wirkt schön im Kontrast zu Behrendt, der ja eher ein sprechender Bauchschauspieler und extrovertiert ist und eine andere emotionale Farbe hat als Schenk. Das Ganze funktioniert und gibt dem Zuschauer ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen, weil zwei gute Typen mit ganz unterschiedlichem Charakter zusammenarbeiten. Sie sind trotzdem gute Kumpels und sie ordnen sich (meistens, es gibt den einen oder anderen, allerdings ziemlich krassen Ausnahmefall) dem gemeinsamen Ziel der Falllösung unter. Sie können sich mal gegenseitig anraunzen, aber auch immer wieder zusammenfinden und man merkt, sie mögen sich. Wenn man sie mit den Münchenern Leitmayr / Batic vergleicht, die ihnen im gegenwärtigen Ermittler-Portfolio aller Tatorte am nächsten sind, kann man sagen: Sie sind einander weniger ähnlich, aber sich im Unähnlichen ähnlich nah.

  1. Fazit

Wir bewerten den Tatort 759 insgesamt als gerade durchschnittlich. Es gibt zu viele einzelne Kritikpunkte, als dass man sagen kann, das Thema war mal wieder wichtig und deshalb Daumen hoch. Die Emotionen werden zudem selten angesprochen, am meisten ausgerechnet in einer einzigen Szene der Nebenhandlung. Völlig sinnfrei übrigens auch der Titel. Wir haben niemanden in diesem Tatort getroffen, der ein kaltes Herz hat – vielleicht hat man aber auch geahnt, dass der Betrachter relativ kühl bleiben wird und dieser Vermutung bei der Titelwahl Ausdruck verleihen wollen. Leider nur 6,5/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Staatsanwalt von Prinz – Christian Tasche
Dr. Roth – Joe Bausch
Stefanie Karstmann – Miriam Horwitz
Michael Donker – Christian Blümel
Matthias Hellwig – Charly Hübner
Bernd Kampnagel – Frank Rockstroh
Axel Küppers – Thomas Lawinky
Tanja Küppers – Dagmar Leesch
Jenny Wande – Isolda Dychauk
Bettina Lindner – Silvia Weiskopf
Kriminalassistent Karlsen [Gastermittler] – Winfried Hammelmann
u.a.

Regie: Thomas Jauch
Buch: Peter Dommaschk und Ralf Leuther
Kamera: Clemens Messow
Musik: Stephan Massimo

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