Herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag, Saarland – und ein paar Anmerkungen aus gewählter Berliner Sicht #Saarhundert #Saarland

Ein Wahlberliner kommt woanders her, das liegt auf der Hand. Wir haben heute allen Grund, dem Saarland zum 100. Geburtstag zu gratulieren.

So jung kumme ma nimmeeh zesamme wie heit!

Die Geschichte des heutigen Saarlandes, die man mit dem Versailler Vertrag beginnen lässt, der das Saargebiet schuf, ist sehr wechselreich und spiegelt viele europäische Entwicklungen. Zeitzeugen, die 100 Jahre alt sind, hatten im Laufe ihres Lebens fünf verschiedene Pässe, ohne nur ein einziges Mal umgezogen zu sein. Den deutschen bis 1920, dann den des Saargebiets von 1920 bis nach der Volksabstimmung 1935, den deutschen, wieder den Saar-Pass ab 1945 bis zur wirtschaftlichen Wiedereingliederung 1959 in die westdeutsche BRD und natürlich haben sie auch den Wechsel nach der Wende mitgemacht, aber das löste dann keine weitere Veränderung der staatlichen Zugehörigkeit der Menschen an der Saar aus.

Die Zeit der Westintegration des Saarlandes bis zur Wende war kürzer als die Zeit nach der Wende von 1989. Aber sprach 1989 noch jemand im Saarland von einer anhaltenden Aufgabe zur Angleichung an westdeutsche Lebensverhältnisse? Kaum? Nun ja, der damalige Ministerpräsident Oskar Lafontaine tat viel für die Identitätsstärkung seiner Landsleute, das kann als gesichert gelten.

Die Geschichte des kleinsten deutschen Flächenlandes wollen wir hier aber nicht aufbereiten, denn sie ist überall nachzulesen, wo man so etwas eben nachlesen kann. Zuletzt haben wir uns zum Saarland geäußert, als die letzte Zeche im Ruhrgebiet geschlossen wurde – wegen der vielen Parallelen in der Industriegeschichte der beiden Regionen.

Im Saarland geht derzeit wieder die Angst um, die Wirtschaftsentwicklung ist die schwächste aller deutschen Länder – im Zuge der Konversion von Kohle und Stahl hatte man zu Beginn der 1970er stark auf die Autoindustrie gesetzt, die mit dem Ford-Werk in Saarlouis und vielen Zulieferern heute die Industrielandschaft dominiert. Daher rühren solche Tweets:

Wir denken an die Menschen dort und fühlen mit ihnen. Natürlich lässt sich der Wandel nicht aufhalten, aber der Stress, alle paar Jahrzehnte ein Land in weiten Teilen neu aufstellen zu müssen, ist nicht zu unterschätzen.

Dass die starke Industrie des Landes heute auch gesellschaftlich immer mehr als Schwäche angesehen wird, kratzt am Selbstverständnis eines Landes, dessen Lebensstandard im nationalen Vergleich beachtlich war, Saarbrücken hatte in den 1930ern ähnliche Sozialdaten wie starke Rheinstädte. Als der wirtschaftliche Anschluss an Westdeutschland erfolgte, musste erst einmal ein Reallohnverlust von ca. 25 Prozent hingenommen werden. Schon damals war der wirtschaftliche Aufstieg auch durch niedrige Löhne erkauft worden, das änderte sich erst in den 1960ern – dann aber sehr rasch. Noch heute drückt sich der individuelle Wohlstand der Saarländer*innen in der höchsten Eigenheimquote aller Bundesländer aus, die aktuelle Probleme der Ungleichheit und der abermaligen Gefahr für den Industriestandort besser abfedert als zum Beispiel in der Mieterstadt Berlin, die viel mehr unter Druck ist, trotz oder auch wegen der dynamischen Entwicklung hier.

Gar keine Frage – wer zum Beispiel vom Saarland nach Berlin zieht, der spürt den Unterschied deutlich. Ein Teil der typischen Probleme Berlins liegt auch in einer Mentalität begründet, die nicht besonders kooperativ ausgelegt ist. Besonders diejenigen, die nicht nur aus dem Saarland, sondern aus dem gesamten südwestdeutschen Raum in die Hauptstadt kamen, werden dazu ihre Ansichten haben. Die Fähigkeit, sich gut miteinander zu arrangieren, bedeutet aber nicht, dass die sozialen Skills der Saarländer*innen insgesamt besser sind. Die große Offenheit und das Zupackende der Berliner*innen oder derer, die lange hier leben und sich die Mentalität der Einheimischen angeeignet haben, gleichen den Mangel an Kompetenz zur leisen und effizienten Problemlösung aus.

Es gibt noch einen Tweet des Ministerpräsidenten, in dem es darum geht, das Saarländer nicht gerne fortziehen – den finden wir leider gerade nicht. Gelöscht, weil zu viele auf eine Reaktion wie unsere hätten kommen können? Das Saarland ist ein Fortzugsland, weil viele junge Menschen keine ausreichenden Perspektiven finden, das war in unserer Generation so, das hat sich nicht geändert. Damit verliert das Land auch viele der flexibelsten Menschen, der fähigsten Köpfe.

Wir hatten und haben allerdings kein Problem damit, den richtigen Schritt zuerst nach Österreich und dann nach Berlin getan zu haben. Trotz der schönen Landschaft, des guten Essens, eines nicht nur dem Klischee nach etwas mehr französischen Lebensgefühls, des Zusammenhalts, der vergleichsweise sozialen Art der Kommunikation und einiger Vorzüge mehr. Auch wenn Erinnerungen nostalgische Gefühle hervorrufen, als Sehnsuchtsort sehen wir die alte Heimat nicht. Es kommt natürlich auch darauf an, aus welche Grund man einst fortgegangen ist, ob man diese Ansicht teilt und wir kennen Fälle, in denen Menschen nach dem Ende ihres auswärtigen Berufslebens wieder zurück ins Saarland gezogen sind, des Wohlfühlens wegen. Vielleicht auch wegen des Essens, auch das ist nämlich kein Klischee. Das Saarland weist zwei Drei-Sterne-Restaurants aus, Berlin bei fast vierfacher Einwohnerzahl immer noch kein einziges.

Vielleicht doch noch ein wenig Historie:

Der obige, auf furchtbare Weise prophetische Aufruf der Sozialdemokraten verhallte 1935 (nicht 1954/55) fast ungehört. 90 Prozent der Saarländer*innen wollten „heim ins Reich“, darunter auch viele SPD-Wähler*innen. Selbstverständlich hätte Hitler das Saarland spätestens 1940 besetzen lassen, aber es hätte 1945 eine besondere, weitsichtige demokratische Tradition vorzuweisen können. Aus emotionalen Gründen war ein solcher Sonderweg nicht möglich, denn 1914 bis 1918 kämpften auch Saarländer für Deutschland und sie sind ethnisch nun einmal keine Franzosen und Französinnen. Dass all das heute keine so große Rolle mehr spielt, ist ein Glück, aber es ist richtig, dass der saarländische Ministerpräsident von Aussöhnung, nicht von Versöhnung twittert.

Der Verlauf der Volksabstimmung von 1955 wiederum war ein klassisches Beispiel von Framing und auch Hetze vor den Zeiten der sogenannten sozialen Medien, das seine eigene Geschichte hat. Aus heutiger Sicht wäre es für das Saarland vielleicht besser gewesen, wenigstens beim zweiten Anlauf autonom zu bleiben – es hätte einen ähnlichen Weg gehen können wie Luxemburg, mit der damals vierfachen Einwohnerzahl und viel mehr Industriesubstanz. Ob der wirtschaftliche Anschluss an Frankreich, der von 1945 bis 1958 bestand und sich heute noch in Besonderheiten wie der abweichenden Wahl der Saarländer*innen beim Kauf ihrer Autos ausdrückt, das zugelassen hätte, ist eine andere Frage.

Wenn wir den Artikel heute noch rauskriegen wollen, wir haben erst sehr spät damit beginnen können und nicht mit „100 Jahre und ein Tag“ titeln wollen, müssen wir hier enden. Ein Kompendium kann er ohnehin nicht sein, sondern beinhaltet nur einige Gedanken, die uns gerade so durch den Kopf gingen, als wir die Twitter-Timeline zum 100. Geburtstag des Saarlandes durchgesehen haben. Eine Vereinigung mit Hessen und Rheinland-Pfalz stand wegen der geringen Größe des Saarlandes auch schon zur Debatte. Aber darf das sein? Auf die nächsten 100 Jahre! Glück auf!

TH

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