Vorurteil? – Polizeiruf 110 Fall 42 / #Crimetime 546 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #DDR #Fuchs #Vorurteil #ErichLoest

Crimetime 546 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD (Der Film ist in Farbe)

Vorurteil ohne Stolz

Das Drehbuch zu diesem Film hat niemand anderes als Erich Loest verfasst, nach seinem gleichnamigen Roman. Allerdings hat er diesen sowie das Drehbuch unter dem Pseudonym Bernd Dicksen verfasst. Die Vorlage war möglicherweise gar kein Krimi, das würde einiges erklären, die Gestaltung des 42. Polizeirufs betreffend. Im Grunde ist dieser nämlich auch kein Krimi, wie sich am Ende herausstellt. Mehr dazu haben wir in die -> Rezension hineingeschrieben.

Handlung (Wikipedia)

Busfahrer Horst Eggert und seine Frau Christine Eggert streiten sich abends mal wieder so laut, dass sogar die Nachbarin Frau Sandow davon wach wird. Horst fährt aufgebracht auf seinem Motorrad davon. Einige Stunden später glaubt ein Liebespaar an einem See, ein anderes Paar baden zu sehen. Am nächsten Morgen wird am See die Leiche von Christine Eggert gefunden. Sie wurde tot in ein Boot gelegt, ist jedoch laut Obduktion ertrunken. Oberleutnant Peter Fuchs übernimmt die Ermittlungen.

Horst ist wie immer an seiner Arbeitsstelle erschienen. Bei der Vernehmung spricht er von Christine in der Vergangenheit, sodass Peter Fuchs ihm offen sagt, dass Christine zwar tot ist, er aber den Eindruck habe, dass Horst dies bereits wisse. Obwohl kein dringender Tatverdacht besteht, wird Horst von seinen Kollegen bereits als Täter betrachtet. Sein Vorgesetzter vergibt seinen Bus an einen anderen Kollegen und versetzt Horst in die Werkstatt. Da reicht es Horst, und er geht. Kollege Gutewort wiederum vermisst 1800 Mark aus seiner Brieftasche, für die er sich ein Motorrad kaufen wollte, und hat Horst in Verdacht, das Geld für seine Flucht gestohlen zu haben. Erst später wird sich herausstellen, dass Guteworts Ehefrau das Geld heimlich aus der Brieftasche genommen hatte, um den Motorradkauf zu verhindern.

Horst ist auf der Flucht zu seinem Sohn Lutz, den er mit in die Ehe gebracht hatte, und der sich zurzeit im Ferienlager aufhält. Lutz ist froh, dass er mit seinem Vater gehen kann, weil der verwöhnte Junge nie ein Nein von seinem Vater gehört hat, im Ferienlager jedoch nach Regeln leben soll. Auch mit seiner Stiefmutter hatte Lutz immer wieder Probleme, und so ist er erfreut, als Horst ihm sagt, dass Christine nie mehr zur Familie zurückkommen wird. Horst gibt Lutz 50 Mark und bringt ihn zurück ins Ferienlager. In Horsts Wohnung haben die Ermittler inzwischen zahlreiche Medikamente sichergestellt, darunter Spezialmedizin für die nierenkranke Christine, aber auch Nerven beruhigende Mittel und Schmerzmittel. Christine hatte laut Obduktion eine große Menge an Schlafmitteln genommen, doch lassen sich derartige Medikamente im Haus nicht finden. Im Ferienlager wiederum hatte der Betreuer Horst gegenüber geäußert, dass der Junge scheinbar nur von Tabletten lebt, so zieht er es auch vor, seine Zahnschmerzen mit Schmerztabletten statt mit einem Zahnarztbesuch zu kurieren.

Horst begibt sich zu seinem Schwager Rudi Töpfer, der bereits von Peter Fuchs Besuch erhalten hat. Rudi erzählt dem Ermittler, dass Christine als Kind sexuell missbraucht wurde, was eine Erklärung für ihr emotionales Ungleichgewicht wäre. Peter Fuchs erwartet Horst bei Rudi und nimmt ihn schließlich fest. Bei der Vernehmung berichtet Horst schließlich vom Abend. Er sei durch den Wald gefahren, bis sein Motorrad plötzlich gestreikt habe. Es gab einen Defekt, was auch die Ermittlungen bestätigt haben. Horst wollte Ersatzteile holen, als er Christines Fahrrad in der Nähe sah. Christine selbst saß am See, schien ihn jedoch nicht zu bemerken. Er rief nach ihr, doch sie erhob sich und machte scheinbar Anstalten, baden zu gehen. Er sah, wie sie ins Wasser fiel und wünschte ihr wütend ein schönes Bad. Als er mit den Ersatzteilen zurückkam, war Christines Fahrrad immer noch am selben Platz. Er fuhr auf dem Fahrrad nach Hause, doch auch dort war Christine nicht. Als er zum See zurückkam, sah er ihre Leiche. Er hob sie ins am Ufer liegende Ruderboot. Erst dann überkam ihn die Angst, weil er ahnte, dass jeder ihn für den Mörder halten würde. Daher ging er nach Hause. Die Schlaftabletten in Christines Blut erweisen sich als fataler Unglücksfall: Lutz hatte die Schmerztabletten aus einem Röhrchen entnommen und stattdessen Schlaftabletten hineingefüllt. Christine nahm mehrere Schlaftabletten in der Annahme, dass es Schmerztabletten seien. Als sie ins Wasser fiel, war sie bereits unfähig, sich von selbst an Land zu begeben. Die Ermittler lassen Vater und Sohn allein.

Rezension

Der 42. Tatort „Vorurteil?“ ist sowohl ein schwieriger wie ein ernster Film. Wir haben zwei Abende gebraucht, um durch die 68 Minuten zu kommen, wobei wir immer das Subjektive betonen müssen: Wir kommen meist erst sehr spät zum Anschauen der zu rezensierenden Filme und mittlerweile sind die DDR-Polizeirufe für uns auch nicht mehr per se ein Faszinosum, das uns wachhält.

Weil das nicht mehr so ist und dieses Mal auch in „kleiner Besetzung“ gefilmt wird, also ohne unsere mittlerweile Lieblinge Arndt und Subras und auch wegen der Machart von „Vorurteil?“ fanden wir ihn schwierig. Vor allem wird er zum Ende hin dermaßen dialoglastig, dass man nicht mehr von einem handlungsgetragenen Kriminalfilm sprechen kann. Hat Erich Loest als Drehbuchautor seinen Romanstoff nicht in den Griff bekommen bzw. die sicher umfangreichen Analysen nicht ins Filmische übertragen können?

Sicher ist dieses Werk ambitioniert – auf die Polizeiruf-Art, nach der häufig einen einfachen Menschen, der sich gut entschlüsseln lässt, in den Mittelpunkt des Geschehens stellt. Die Interaktion ist aber komplex und wie viele andere Produktionen der Reihe aus der DDR-Zeit wirken die Verhältnisse sehr dicht, sehr eng, jeder beobachtet jeden und hat zu jedem eine Meinung. Keine Spur von „Du sollst nicht werten“, dem elften Gebot der Sozialarbeiter*innen oder auch der Kommunikationstrainer*innen. Das aus den Köpfen zu bekommen, ist alles andere als einfach und der Tratsch hintenrum ist gängig.

Was aber nicht nur an diesem Polizeiruf so bedrückend wirkt, ist, wie sich Staatsorgane in diesen Tratsch quasi einmischen und immer kommentieren. Vor allem die Figur des ABV ist dabei ein Angelpunkt. Auch in „Vorurteil?“ ist dieser Generalpolizist einer bestimmten Gegend, eben eines Polizeiabschnitts, immer eine Infoquelle für die Kriminaler. Das ist natürlich sehr praktisch und erspart viel von dem mühsamen Sich-selbst-ein-Bild-machen, das in den Tatorten eine wichtige Rolle spielt. Dass der ABV sich in seiner Einschätzung irrt, kommt selten vor, aber in der Regel kann er nicht viel mehr zur Lösung des Falls beitragen, als Material und Geschichten zu liefern, die zu Einschätzungen führen. In „Vorurteil?“ liegt er allerdings falsch und Fuchs kann wieder einmal sein berühmtes Motto: „Keine voreiligen Schlüsse“ nicht nur platzieren, sondern es führt auch zur Lösung des Falls.

Allerdings: Hätte man Horst Eggert denn einen Mord nachweisen können? Die Indizienlage war doch dazu wohl zu schwach, auch wenn er ein Motiv hatte. Die Familienverhältnisse leiden wieder einmal darunter, dass ein Kind nicht das Kind beider Ehepartner ist, aber es gibt einen weiteren Aspekt, der nicht offen angegangen wird: Dass die Frau als Kind vergewaltigt wurde und daher eine Sexualneurose entwickelt, wie Fuchs es nennt, der sich in diesem Film als Psychologe entpuppt und auch Sätze sagt wie „Wenn Eggert nichts davon wusste, konnte er ihr auch nicht helfen.“ Kann ein Ehepartner das Gefühlsleben einer traumatisierten Person tatsächlich heilen? Ist das Wissen nicht genauso belastend, wie das Nichtwissen zu Unverständnis führt?

Am Arbeitsplatz, einem VEB-ÖPNV, erfährt Eggert wenig Unterstützung, der Fahrdienstleiter entzieht ihm schon mal vorsorglich die Tour, obwohl noch gar nichts bewiesen ist und will ihm eine schlechtere geben. Die Kollegen sind bis auf einen, der sich immerhin positiv über Eggert äußert, ebenfalls keine Hilfe. Auch das ist ja ein Muster, das wir immer wieder sehen: Das Arbeitskollektiv, die Brigade, ist nicht der Ort, an dem man private Probleme ausbalancieren kann. Nun könnte man natürlich sagen, das ist ja wohl nicht systemspezifisch und das stimmt auch – ist es nicht. Aber die offene Ablehnung, die da manchmal vorgetragen wird, dieser komplette Mangel an Dezenz und Rücksichtnahme ist beängstigend. Möglicherweise ist das aber nur die Realität, abzüglich gewisser Seilschaften. Solche Seilschaften konnte Eggert aber aufgrund seines schroffen Charakteres nicht herausbilden. Einzelgänger erfahren im Verlauf der Entwicklung des Polizeirufs eine Wandlung – mangelnde Integrationsbereitschaft und Neigung zum Verbrechen stehen anfangs oft in Verbindung miteinander, während Ersteres in späteren Jahren immer mehr zum Untersuchungsgegenstand wird und man Fehlern nachspürt, die andere gemacht haben könnten, wenn es nicht klappt mit der sozialen Anbindung.

Problematisch ist der Film nicht wegen der für damalige Verhältnisse recht genauen Gesellschaftsanalyse und der psychologischen Deutung, die angesichts von nur 68 Minuten Spielzeit fragmentarisch bleiben muss, wenn sie eine straffe Charakterisierung von außen ersetzen soll – sondern, weil die Auflösung sehr gestochert wirkt. Warum hat der Junge die Tabletten in dem Röhrchen vertauscht? Wir erfahren es nicht. Wir könnten, wenn wir wollten, sogar davon ausgehen, dass es Absicht war, schließlich konnten die Stiefmutter und er nie miteinander – weil sie nicht fähig war, die Empathie zu entwickeln, die gerade ein Kind braucht, das einen Elternteil wechseln muss.

Finale

So schwierig wie der Film als solcher ist auch die Bewertung. Einerseits hat man genau hingeschaut, wie die gesellschaftliche Interaktion mit einem Mann und die eines Mannes läuft, der sich nicht mit dem Sozialsprech heutiger Prägung helfen kann, andererseits keinen überzeugenden Krimi konstruiert. Wenn das Verfassen eines Fazits schon zur Qual wird, heißt das auch, wir haben keinen optimalen Zugriff auf das Werk bekommen – und weil wir hier nicht im Sozialpädagogenseminar sind, dürfen wir das auch in der Bewertung ausdrücken.

6/10

Regie Hans Knötzsch
Drehbuch Erich Loest als Bernd Diksen
Produktion Ralf Siebenhörl
Musik Rolf Zimmermann
Kamera Helmut Borkmann
Schnitt Renate Müller

Peter Borgelt: Oberleutnant Peter Fuchs
Erik Veldre: Leutnant Krüger
Hans Teuscher: Unterleutnant Schladitz
Kurt Böwe: Horst Eggert
Karin Gregorek: Christine Eggert
Michael Hunger: Lutz Eggert
Lilo Grahn: Gerda Fenner
Stefan Lisewski: Rudi Töpfer
Herbert Wolf Krause: Heinz Bender
Hans-Joachim Hanisch: Herr Helbig
Michael Narloch: Herr Gutewort
Ursula Staack: Frau Gutewort
Wolfgang Sasse: Herr Weißbrodt
Doris Thalmer: Frau Sandow
Hermann Hiesgen: Herr Sandow
Brigitte Scholz-Lindenberg: Frau Grabow
Klaus Bergatt: Herr Enke
Egon Geißler: Herr Günter
Johannes Maus: Pförtner Liebkind
Herbert Spiller: Busfahrer Pattky
Lothar Förster: Dispatcher Müller
Erich Brauer: Angler Wolter
Klaus Mertens: Dr. Walters
Paul Berndt: Arzt
Günter Drescher: Erster Busfahrer
Klaus Tilsner: Zweiter Busfahrer
Karl-Heinz Weiß: Dritter Busfahrer
Tim Hoffmann: Taxifahrer
Lothar Dimke: Begleiter
Hans-Edgar Stecher: Kneipengast

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