Wenn der Vater mit dem Sohne (D 1955) #Filmfest 89

Filmfest 89 A

2020-08-14 Filmfest AAuf Achse im Land zwischen den Wirklichkeiten

Wenn man sich älteren deutschen Filmen nähern will, muss man wissen, dass die meisten von ihnen, anders als amerikanische, französische oder irgendwelche anderen Filme, hoffnungslos antiquiert sind. Das trifft besonders auf die Filme der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts zu, als nicht nur das Land, sondern auch der Film gewissermaßen von vorne anfing.

Die wenigsten unserer Leser werden das Entstehungsjahr 1955 schon bewusst erlebt haben, das trifft auch auf uns selbst zu, aber ein Hauch aus dieser Zeit wehte durchaus noch durch unsere Kindheit und so weit weg war diese seltsam kleine, nicht immer heile 50er-Jahre-Welt nicht.

Außerdem ist die Kinderzeit meist eine Erinnerung, die sich verdichtet hat und vergoldet und über all dem hat sich auch noch eine dicke Schicht Patina angesammelt.

Unter der Prämisse muss man auch einen Film wie „Wenn der Vater mit dem Sohne“ betrachten und kann ihn nicht ernsthaft durchleuchten wie ein aktuelles Werk. Gerade dieser Film ist besonders antiquiert, wenn man ihn sachlich betrachtet – man kann aber auch seine Emotionen herausfiltern und dabei feststellen, dass Heinz Rühmann als Teddy Lemke zauberhaft spielt und mit dem kleinen Oliver Grimm einen kongenialen Partner hat.

Man darf aber auch sagen, dass die Vereinfachung des Themas und auch die Art, wie Clownskomik zelebriert wird, gemischte Gefühle hervorrufen. Wir werden das in der Hauptrezension beschreiben.

Alles in allem ist der Film ein Nostalgiedokument und wer ein wenig sentimental veranlagt ist, darf ihn sich gerne ansehen und schmunzeln oder lachen und auf jeden Fall auch die eine oder andere Träne rausdrücken.

Der Film hat aber noch eine andere Qualität, die wir hochschätzen und die wir heute noch als eine Erzählqualität eigener Art ansehen: Er ist nicht vordergründig tendenziös, obwohl er ein Thema behandelt, das man auch ganz anders hätte angehen können, nämlich mit einer moralischen Position.

Eine kleine, vorerst heimliche Premiere gibt es deshalb bei dieser Rezension auch: Das allererste Video, das Der Wahlberliner einbindet, gilt diesem bezaubernden Kinderlied, und wir finden, das ist für diese Premiere angemessen.

Der Text des Titelsongs

Wenn der Vater mit dem Sohne einmal ausgeht
und dann keiner gern nach Haus geht
dann erleben sie unterwegs die dollsten Sachen
mal zum Weinen – mal zum Lachen

Und sie machen richtig flott
denn sie tanzen Swing und Hot
und sind fröhlich wie der Mops im Paletot

Wenn der Vater mit dem Sohne einmal ausgeht
das wird prima – oho

Lieber Papi, zeig mir mal etwas von der Stadt
Die Idee ist ideal, ja, das mach‘ ich glatt
und dann krieg ich auch vielleicht Eis und Lutschbonbons
klar, mein Sohn, und ’nen Luftballon

Wenn der Vater mit dem Sohne einmal ausgeht
und dann keiner gern nach Haus geht
dann erleben sie unterwegs die dollsten Sachen
mal zum Weinen – mal zum Lachen

Und sie machen richtig flott
denn sie tanzen Swing und Hot
und sind fröhlich wie der Mops im Paletot

Wenn der Vater mit dem Sohne einmal ausgeht
das wird prima – oho

Handlung

Teddy Lemke ist Untermieter bei Fräulein Biermann. Diese hat den sechsjährigen Ulli in Pflege genommen, dessen Mutter nach Amerika ausgewandert ist. Teddy Lemke kümmert sich liebevoll um den kleinen Ulli, als wäre er sein eigener Sohn. Als Ulli ihn mit einem Kinderclownkostüm überrascht, das er zufällig auf dem Dachboden gefunden hat, erzählt Teddy zögernd seine Lebensgeschichte: Er war früher ein berühmter Clown, der zusammen mit seinem Sohn auftrat. Als der Junge starb, beendete Teddy seine Karriere.

Ulli bearbeitet Teddy so lange, bis dieser wieder in seine Clownsrolle zurückkehrt und zusammen mit Ulli auftritt. Sie haben Erfolg, ein Engagement winkt. Doch da kehrt Ullis Mutter Gerti, die inzwischen verheiratet ist, aus Amerika zurück, um ihr Kind zu holen. Ihr Ehemann stellt Teddy, den er zunächst für den Vater des Kindes hält, zur Rede, erkennt aber dann die wahren Verhältnisse. Ulli zieht mit seinen Eltern nach Amerika, und Teddy, der sich schweren Herzens damit abfindet, gibt am Schluss eine Solovorstellung.

Rezension

Weg von einer nüchternen Betrachtungsweise – das haben wir ja schon signalisiert, indem wir das Video und den Liedtext eingebunden haben, nachdem es ja seit Mai schon Titelfotos auch zu Filmen gibt. Wir werden künftige Rezensionen aber tendenziell medial besser ausstatten. Denn eine seriöse Kritik und die Einbindung von Mediendateien schließen sich heute gewiss nicht mehr aus.

  1. Damals und heute

Zehn Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs traten ganz leis wieder Filme mit ernsteren Inhalten ins Haus, in die Kinosäle und bald auch vor den Fernseher. Aber da war noch nichts von der Wucht und auch nichts von der Anklage, mit der man ab Mitte der 60er Jahre an all das heranging und eine Tradition begründete, die in Deutschland auch heute noch sehr stark ausgeprägt ist. Die Sonderform des Moraltraktats als Untergattung des kritischen, besonders des sozialkritischen Films.

Die Gruppe 47 begann aber anders und mit ihr auch die ersten kritischen Filme, die einen teilweise launigen Sarkasmus entwickelten, etwa „Wir Wunderkinder“ von 1958 oder „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959).

Direkt nach dem Krieg war es nicht opportun zu werten. Zu ungeheuer war das Geschehene, um mehr damit zu tun als es zu benennen. Und es subjektiv zu sehen. Die Ich-Form wurde in der Literatur dominant und auch im Film, das merkt man deutlich, wird sehr das Persönliche in den Vordergrund gestellt.

Das gilt auch für „Wenn der Vater mit dem Sohne“. Im Grunde wird eine Kriegsfolge behandelt, nämlich, dass Kinder im Krieg, nach dem Krieg, von ihren Eltern getrennt werden und lange Zeit nicht zusammenfinden. Dass seltsame Konstellationen wie die nominelle Pflegemutter Frau Biermann (Fita Benkhoff), der Bezugsperson-Pflegevater Teddy Lemke und der kleine Oliver Grimm zusammenfinden, dazu noch die eine oder andere skurrile Varieté-Figur. Welch eine kleine Welt voller liebenswerter Gestalten – und dann eine überraschende Einsicht.

Wenn man in Berlin lebt, in dem es alle möglichen Formen des Zusammenlebens gibt und auch einige, die man gar nicht für möglich gehalten hätte, wäre man ihnen nicht begegnet, dann ist das, was hier zunächst gekünstelt wirkt, ungefragt modern. Kinder ohne Mütter oder Väter, das ist nach einer Phase in den 60ern oder 70ern, in der es das kaum gab, wieder gängig. Gemeinschaften, in denen praktische Personen und Alltagspoeten zusammenfinden und daraus eine eigene Poesie des Alltags entwickeln, das beobachten wir hier alles und es wirkt auf uns manchmal unwirklich und manchmal echter als die konventionellen Lebensformen. Als jene Normalfamilie, in die der kleine Ulli am Ende kommt, als sie ihn die Mutter Gerti (Waltraud Haas) mit in die USA nimmt.

  1. Keine Tendenz

Der Film enthält sich klug einer Wertung darüber, ob es richtig ist, den liebenden Pflegevater von dem Kind zu trennen, das ihn ebenfalls liebt und es einer Mutter zurückzugeben, die, so hat man doch ein wenig den Eindruck, andere Prioritäten gesetzt hat, als es in Deutschland galt, anzupacken, und alleinstehende Frauen sehen mussten,  wo sie bleiben.

So sieht man’s heute, aber wenn man die damalige Gesellschaft berücksichtigt und was es bedeutet hat, ein uneheliches Kind zu haben, es allein großziehen zu müssen, der wird sich einer moralischen Bewertung vorsichtig enthalten müssen.

Natürlich ist es eine Manipulation, dass der gefühlte Vater sich vom Sohn so herzerweichend trennen muss, aber die Mutter, ihr amerikanischer Mann und das befreundete Ehepaar, das den Sohn aufspüren soll, ihn findet – und sich dann entschließt, der Mutter nicht zu helfen, alle Personen des Films sind sehr freundlich gezeichnet. Niemand hat Gefühle, die man nicht verstehen könnte und das ist eine der großen Leistungen dieses kleinen Films. Interessant auch, dass die amerikanischen Freunde aus dem Künstlermilieu stammen. Da ist durchaus eine Aussage drin, denn auch Teddy entstammt ja dem Zirkus und dem Varieté und das sind nun einmal alles Gefühlsmenschen. Gut, dass man den Film aus dem normalen Milieu der Kleinbürger herausgehoben hat. Vor anderem Hintergrund hätte er nicht diese rührende, einfache Poesie entwickeln können.

  1. Die Handlung

Es hat sich über viele Rezensionen eingebürgert, dass wir an den Handlungen der Filme viel auszusetzen haben – nicht so sehr am Stil, wie etwa bei den Literaturkritiken.

Hier muss man wirklich bescheiden sein, dann kann man diese langsame, genaue, manchmal peinlich genaue Inszenierung genießen. Dieser Zufall, dass Teddy den Sohn einpackt und mit ihm flüchtet, als klar wird, dass die Mutter auf den Plan tritt, das ist noch okay und glaubhaft. Teddy neigt ja ein wenig zum Eskapismus, das sieht man daran, dass er von einem Zauberladen lebt, der im Grunde nichts einbringt. Da hat man den Eskapismus des deutschen Nachkriegsfilms stilisiert und zu einer lyrischen Lebensträumerei verdichtet.

Diese Fahrt der beiden ist so wundervoll beschaulich, dass es unsinnig wirkt, dass sie in der Schweiz ausgerechnet dort endet, wo man die Mutter, deren Mann und das amerikanische Künstler-Ehepaar antreffen kann. Bei einer kleinen Vorstellung von Vater und Sohn sitzt das Paar unter den Zuschauern und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Wenn an dem Film etwas deutlich Unehrliches dran ist, dann diese Zusammenführung vor einer eher mondänen Kulisse.

  1. Die Auftritte

Schließe die Augen und stelle dir vor, du sitzt auf einer Seeterrasse und plötzlich kommen ein älterer Mann und ein kleiner Junge und führen ihre einfachen, lieben Clownsnummern auf. Was würdest du empfinden? So sind wir an diesen Part herangegangen, um davon wegzukommen, dass gerade diese Clownsnummern dazu beitragen, dass der Film so alt wirkt, so unendlich einfach. Wir glauben, wir würden es rührend finden. Eher rührend als lustig. Da sind aber auch beinahe 60 Jahre gesellschaftlicher Entwicklung in uns am Wirken.

Heute denkt man an Kinderarbeit und an La Strada und an die Entwicklung, welche die Artistik mittlerweile genommen hat. Man kann aber, wenn man mag, auch an Straßenfeste und Kinderaufführungen denken, bei denen Eltern und Kinder eine Menge Spaß haben können und sich ganz ohne Hemmungen selbst darstellen. Und auch dieser kleine Junge hat ja einen natürlichen, vertrauensvollen Charme, ebenso wie Heinz Rühmann in diesem Film, der gut zu diesen süßen, kleinen Nummern passt – die übrigens nicht wirklich funktionieren können, sondern nur durch Tricktechnik möglich sind.

Das gehört zur Poesie des Films, schränkt den technischen Wert der Clownsnummern stark ein; dies gilt auch für die letzte, mit Teddy solo am Piano und Ulli als Zuschauer mit Mutter und Vater im ersten Rang, die, im Gegensatz zu den Acts der großen amerikanischen Vorbilder, auf einer Bühne nicht möglich wäre – sondern nur in einem Film, der nicht den Anspruch hat, ein genaues Abbild der Wirklichkeit zu sein.

  1. Vater und Sohn

Oliver Grimm war nach diesem Film der deutsche Kinderstar, Heinz Rühmann der beliebteste Schauspieler der Nachkriegszeit, der sein jungenhaftes, manchmal nervig lautes Image der Vorkriegszeit auf erstaunliche Weise wandeln konnte und seine legendär gewordenen, leisen, intensiven Rollen des kleinen Mannes spielen konnte.

Und die Rolle des Teddy Lemke, des Vaters, der zum zweiten Mal ein Kind verliert – im Film wird erwähnt, dass er nicht mehr auftritt, weil sein Sohn gestorben ist – dieses tragische Schicksal, das sich nur durch Komik bewältigen lässt, die ist eine der besten von allen diesen Leistungen, die der Seelenlage der Nation so nah waren. Wenn auch meist in einer Variante mit Happy End. Das Glück war damals klein, das Unglück nie, und Verlust war etwas Alltägliches, das damals jeder Kinozuschauer nachvollziehen konnte. Kaum eine Familie hatte im Krieg keine Opfer zu beklagen und natürlich schwingt das noch sehr gut in diesem Film mit – und es war gewiss auch so gedacht, dass der Zuschauer das nachspüren konnte und sollte.

Stellenweise merkt man, dass Oliver Grimm schauspielerisch an die Grenzen geriet, aber man hat ihn nicht mit unzähligen Wiederholungen gequält, sondern Szenen auch dann im Film belassen, wenn er sich mal versprochen hat oder ins Stocken geraten ist , dadurch blieb seine Natürlichkeit erhalten. Heute kommt das auch vor, aber eher in der Form, dass zu hektisch gedreht wird und manches nicht bemerkt wird, aber in diesem alten Film wirkt es zusätzlich charmant und wohltuend, fern der manchmal seelenlosen Perfektion, die heute bei Routineproduktionen eher vorgegaukelt als wirklich erreicht wird.

Finale

Unsere Bewertung beinhaltet einen Nostalgiebonus, den wir auch alten Filmen normalerweise nicht zugestehen, aber hier ist er angebracht, weil es nur wenige Kinostücke gibt, die so weit weg sind und die wir doch nah herankommen lassen können, wenn wir nicht nur die eigenen Erinnerungen, sondern auch ein wenig vom kollektiven Gedächtnis dieses seltsamen Landes, das verschlungene Wege gehen musste, hervorkramen. Verlustangst und Ohnmacht, Schuld und Versagen sind in diesem kollektiven Gedächtnis eingespeichert, sonst wäre nicht hierzulande manches so sehr anders als irgendwo sonst. Der Film spiegelt mehr davon, als man vielleicht wahrhaben mag

70/100

Regie Hans Quest
Drehbuch Hans Grimm (Story),
Gustav Kampendonk,
Eckart Hachfeld
Produktion Berolina-Filmproduktion GmbH, Berlin
(Kurt Ulrich)
Musik Heino Gaze
Kamera Kurt Schulz
Schnitt Hermann Leitner
Besetzung

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