Bitte zahlen – Polizeiruf 110 Fall 43 #Crimetime 550 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Polizeiruf #DDR #Hübner #Arndt #Subras #Zahlen

Crimetime 550 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD (Der Film ist in Farbe)

Wieder ein Kollektiv auf Abwegen?

Ein Typ, der Frank Sinatra spielt, um den Abend besonders stimmungsvoll werden zu lassen und seiner Liebsten ein Blümchen-Negligés schenkt, kann nicht sauber sein. Aber was ist mit den anderen, die nicht so begabt sind? Hübner, Arndt, Subras ermitteln im Restaurant eines großen Berliner Hotels, aber was finden sie? Was wir gefunden haben, deuten wir an der Stelle schon einmal an: Einen Film, bei dem das Anschauen Spaß gemacht hat. Details stehen in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Auf der Einweihungsfeier von Wolfgang Polisch, Küchenchef eines Interhotels, überrascht Polischs Freundin Christa einen Einbrecher im Haus. Es handelt sich um Udo Kröger, den Polisch kennt, weil er das Hotel von einem Schlachthof aus mit Fleisch beliefert. Erst auf Druck der anwesenden Gäste ruft Polisch die Polizei. Oberleutnant Jürgen Hübner, Leutnant Vera Arndt und Kriminalmeister Lutz Subras stehen bald vor einem Rätsel: Polisch spielt den Einbruch herunter, während Kröger behauptet, Polischs Villa angetrunken mit einer Bar verwechselt zu haben. Die Ermittler hoffen, Kröger zu einer Aussage bewegen zu können, doch verweigert er die Aussage. Kröger wird auf freien Fuß gesetzt, jedoch von der Polizei beschattet. Sein erster Weg führt ihn zu seiner Verlobten, die ein Kind von ihm erwartet. Schon kurze Zeit später erreicht ihn ein Anruf von Polisch, der sich mit ihm treffen möchte.

Polisch, Kellner Erwin Loderer und Udo Kröger machen schon seit vier Jahren gemeinsame Sache. Kröger zweigt seit dieser Zeit Fleisch vom Schlachthof ab. Polisch verarbeitet das Fleisch in der Hotelküche und Loderer rechnet weniger ab, als er verkauft. Alle drei haben über die Jahre Gewinn gemacht, jedoch ungleichen. Konnte Kröger in vier Jahren rund 8.000 Mark beiseiteschaffen, leistet sich Polisch ein Leben in Luxus mit neuer Villa. Auch Loderer hat nur einen Bruchteil des Geldes von Polisch ergaunern können. Polisch und Loderer erhalten jedoch kurz nach Krögers Freilassung Erpresserbriefe. In ihnen werden sie aufgefordert, 10.000 Mark zu zahlen, um nicht verraten zu werden. Polisch glaubt, Kröger erpresst sie, und schlägt ihn beim Treffen zusammen. Subras, der Kröger beschattet hat, nimmt Kröger mit aufs Revier. Kröger sagt aus, dass Polisch glaubt, von ihm erpresst zu werden. Polisch wiederum streitet dies ab, verrät jedoch ungewollt, dass Christa den Ermittlern von der Erpressung berichtet haben muss. Sie hatte tatsächlich den Erpresserbrief gefunden und gelesen. Bei ihrer Befragung berichtet sie den Ermittlern nun von der Geldforderung, so sollen die 10.000 Mark im Keller des Hotels platziert werden.

Am Übergabetag sind die Ermittler vorbereitet. Subras wird als neuer Kellner ins Hotelteam eingeschleust. Überwachungskameras erfassen den Kellerbereich. Tatsächlich sehen die Ermittler, wie Polisch die geforderte Summe im Keller hinterlegt. Loderer kommt kurz hinzu, um den aktuellen Stand zu erfahren, wird jedoch von Polisch weggeschickt. Das Geld wird über einen nicht von der Kamera erfassten Bereich gestohlen, doch haben die Ermittler den Mann erkannt: Es war Loderer, der endlich auch einmal das große Geld haben wollte. Loderer und Polisch werden festgenommen und inhaftiert – wie zuvor bereits Kröger.

Rezension

Mit einer Zuschauerbeteiligung von 69,8 Prozent ist Bitte zahlen der seit Einführung der Zuschauerbeteiligungsermittlung prozentual meistgesehene Polizeiruf aller Zeiten.[2], steht in der Wikipedia nachzulesen.

Keine Frage, Mitte der 1970er hatte die Reihe eine Qualität erreicht, die sich im wörtlichen Sinn sehen lassen konnte und es wundert uns nicht, dass Regisseur und Drehbuchautor Peter Vogel seine Karriere nach der Wende fortsetzen konnte, denn „Bitte zahlen“ besticht durch eine schwungvolle Inszenierung, eine ausgefeilte Visualität und durch eine Portion Frechheit und Humor – in Kombination einer der besten Polizeirufe der 1970er, die wir bisher gesehen haben. „Bitte zahlen“ ist der direkte Nachfolger von „Vorurteil?“ und anhand allein anhand dieser beiden Filme kann man der Reihe eine große Bandbreite an Stilen, Themen und Herangehensweisen an jene Themen attestieren.

Nicht jeder Abend ist gleich, aber bei „Bitte zahlen“ wären wir sicher nie eingeschlafen, wie uns das häufiger passiert ist, betroffen ist beispielsweise „Die Rechnung geht nicht auf“, der ein Jahr vorher entstand, von der Inszenierung aber nicht nur wegen der Gestaltung in Schwarz-Weiß viel älter wirkt.

Es gibt eine ganze Reihe von Aspekten, die „Bitte zahlen“ modern wirken lassen. Wir zählen die wichtigsten auf:

Das Setting. Dieses Mal hat man auf die etwas stüsseligen Altbauten fast komplett verzichtet und stattdessen die ganze Pracht des neuen Teils von Ostberlin in hellen, gut komponierten Bildern eingefangen. Auch das Haus von Polisch ist für DDR-Verhältnisse sehr ansehnlich, dazu die Atmosphäre eines großen Hotelrestaurantbetriebs, die beinahe zeitlos wirkt.

Die Figuren werden sehr lebendig und teilweise auch mit kleinen, irritierenden Macken dargestellt, die Sprache ist fast komplett neutral, es fällt so gut wie kein Wort, das darauf hindeutet, dass der Film im Osten Deutschlands spielt, Rangbezeichnungen, sozialistisches Eigentum und dergleichen werden auf eine auffällig betonte Art und Weise nur gezeigt, nicht benannt. Dass Oberleutnant Hübner die Kollegin Arndt „Mädchen“ nennt, ist ziemlich krass für einen Polizeiruf dieser Epoche, aber sie hat in dem Film auch etwas Frisches, fast Mädchenhaftes und leicht Kokettes – ohnehin hat Sigrid Göhler die größte Bandbreite von allen vier Hauptermittlern der damaligen Zeit und wird hier sehr schön inszeniert.

Auch Hübner hat uns positiv überrascht, auch wenn er wieder mal ein wenig genervt wirkt, weil die Verdächtigen nicht so auspacken, wie er es gerne hätte. Schon seine Stimme wirkt im Vergleich auch zu anderen Filmen dieser Jahre jugendlich und er hat so einen Schalk, manchmal, der in anderen Produktionen nicht gezeigt wird – Subras hingegen geht Undercover und spielt einen Kellner. Das gab es später auch in Tatorten, wir erinnern uns zum Beispiel an eine Münchener Folge, in der Hauptkommissar Batic unter falscher Flagge ermittelt hat.

Die Dialoge und die Kamera sind sehr frei und teilweise etwas verspielt, es wird durch Gegenstände hindurch gefilmt, es kommt zu überraschenden Perspektiven, die Kamera geht mit den Figuren mit, was besonders in der U-Bahn sehr schnittig wirkt und es sind für die damalige Zeit kühne Szenenanschlüsse zu besichtigen, hin und wieder jedenfalls. Das einzige Stilmittel, das fehlt, ist eine ungewöhnliche Zeitkonstruktion, wie Polizeirufe sie häufiger als Tatorte zeigten; „Bitte zahlen“ ist jedoch durchweg chronologisch aufgebaut.

Die Figuren werden gezeigt und nicht erklärt, das tun sie durch ihre Handlungen und Dialoge selbst, die Polizei kombiniert nur sachlich, nicht aufgrund von Eigenschaften, diese Zurückhaltung ist zwar eher den klassischen Tatorten als heutigen Filmen ähnlich, aber sie wirkt konsequent filmisch, nicht wie, wie zuletzt „Vorurteil?“ wie abgefilmtes Sprechtheater, was dort vor allem zum Ende hin in eine Sozialanalyse mündete. „Bitte zahlen“ hingegen erlaubt dem Zuschauer jedwede Interpretation des Verhaltens der Personen.

Diese wirken zudem sehr glaubhaft. Die Besetzung ist sehr gut bzw. die Darsteller werden gut geführt, es gibt keine Risse im Authentizitätsgebäude.

Das einzige, was wir als verbesserungsfähig empfanden: Die Vorhersehbarkeit bezüglich des Erpressers war ziemlich ausgeprägt. Dass der Herr Loderer sich selbst einen Brief geschrieben hat, damit es wirkt, als werde er auch erpresst, darauf kamen wir sofort, andererseits ist dieser ewig Unzufriedene, der irgendwie zu kurz gekommen ist oder glaubt, es zu sein, der logische Täter.

Wieder sind zwei Brigaden beteiligt und wieder, wie in „Fehlrechnung“, der auch Mitte der 1970er gedreht wurde, gibt es ein Scharnier zwischen dem produzierenden VEB und der abnehmenden Stelle, die genutzt wird, um illegale Abzweigungen zu organisieren. Mangels großer Privatunternehmen war das in der DDR wohl die Art und Weise, mit der man der Volkswirtschaft den größten Schaden zufügen konnte, als Verantwortlicher Waren abzuzweigen und zu verticken. Die Zahl der Polizeirufe, die sich mit dieser Art von Delikt befassen, ist sehr groß, deshalb ist die Inszenierung besonders wichtig und auch das Buch – beides passt in „Bitte zahlen“ sehr gut, die Flüssigkeit der Erzählung wird auch dadurch gestärkt, dass es keine logischen Brüche gibt. Was uns freilich gewundert hat: Wie die Kripo sich in einen Vorgang hängt, der keinerlei Anhaltspunkt für eine größere Sache zu bieten scheint.

Das lässt vor allem den Rückschluss zu, dass die „K“ eigentlich jeden Vorgang verfolgt, der irgendwie ungewöhnlich war, weil er auf eine der offenbar häufigen Verschiebungen von Waren hindeutet. Besonders, wenn man eine so gute Intuition hat wie die vier hauptamtlichen Fernsehkommissar*innen der damaligen Zeit. Fürs Gespür ist dieses Mal Hübner zuständig und Arndt zieht sich die Schuhe aus.

Finale

Auch dieser Film hätte ein paar Minuten mehr Spielzeit gut vertragen, dann hätte man beispielsweise einen weiteren Verdächtigen in Sachen Erpressung aufbauen können, einen Mitwisser. Aber die Gestaltung von „Bitte zahlen“ ist so gut, dass wir es gerne nachsehen, dass Hübner den Titel des Films an einer ziemlich unpassenden Stelle anbringt – was auch zum Schmunzeln anregt. Der 43. Polizeiruf ist eine Empfehlung, nicht nur als Zeitdokument, sondern auch als handfester Krimi ohne Leichen, dafür mit reizenden Momenten und einer insgesamt sehr hellen Färbung. Am Ende wird natürlich alles gut, das war damals Pflicht – und auch das ist bemerkenswert: Die Schadenssumme wird eigens angefragt, aber nicht benannt. Sehr souveräne Leistung, dieser Film.

8,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Peter Vogel
Drehbuch Peter Vogel, Rudolf Böhm
Produktion Hans W. Reichel
Musik Hermann Anders
Kamera Tilmann Dähn
Schnitt Gisela Schmidt

Jürgen Frohriep: Oberleutnant Jürgen Hübner
Sigrid Göhler: Leutnant Vera Arndt
Alfred Rücker: Kriminalmeister Lutz Subras
Klaus Piontek: Wolfgang Polisch
Reimar J. Baur: Erwin Loderer
Heidrun Welskop: Christa
Ilona Grandke: Eva
Kaspar Eichel: Udo Kröger
Wilfried Pucher: Rohrwetter
Wilhelm Gröhl: Partygast
Gert Hänsch: Partygast
Arthur Jopp: Hoteldirektor Bertram
Gertraud Last: Zimmerwirtin Schöbel
Heinrich Schramm: Fleischermeister Schramm
Klaus-Jürgen Steinmann: Hotelkoch
Evelyn Opoczynski: Gisela Krämer
Reinhard Michalke: Staatsanwalt
Ingrid Barkmann: Frau Loderer

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