Mördergrube – Tatort 463 #Crimetime 551 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Mörder #Grube

Crimetime 551 - Titelfoto © WDR, Michael Böhme

Die Gerechtigkeit siegt auch gegen Juristen

 Wir hatten in der Vorschau dem Gefühl Ausdruck verliehen, dass wir diesen Film kennen sollten. Dem war tatsächlich so – zumindest an einige Szenen konnten wir uns gut erinnern. Aber haben wir ihn seinerzeit ganz angeschaut? Nun ja. Wir müssen etwas in dieser Einleitung unterbringen, das sogar richtig off Topic ist: Dies ist der 2.000 Beitrag, der im neuen Wahlberliner veröffentlicht wird. Für diese Zahl haben wir knapp 20 Monate gebraucht. Der „Erste Wahlberliner“ brachte es in knapp sechs Jahren auf ca. 1.500 Beiträge. Die Nummer 2.000 ist unspektakulär, es handelt sich um den 551. Beitrag für „Crimetime“. Aber es passt schon, weil dies nun einmal das Feature mit der höchsten Zahl an Artikeln ist und insofern ist es auch ein für typischer Text. 

Wie nun weiter mit der Mördergrube? Wir klären in der -> Rezension auf.

Handlung

Auf dem Campus der juristischen Fakultät Köln wird am helllichten Tag eine Studentin erschossen. Die beiden Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk fragen sich: Sollte das Opfer Martha Dreher tatsächlich sterben oder geriet sie zufällig in die Schusslinie?

Ein Verdächtiger ist schnell ermittelt. Martha hatte kurz vor ihrem Tod ihre Verlobung aufgelöst. Ex-Verlobter Michael Lindner ist vorbestraft und gilt als jähzornig. Während Ballauf glaubt, mit Lindner den Täter gefasst zu haben, recherchiert Freddy weiter. Auch Dozent Dr. Kögel gerät unter Verdacht. Der verheiratete Mann hatte ein Verhältnis mit ihr, das ihm zu eng wurde.

Bei seinen Ermittlungen stößt Freddy schließlich auf den Studenten Alexander Grau, allerdings hat der brillante Jurist kein Motiv. Was wäre, wenn Grau mit dem Mord aber ein Prinzip beweisen will? Dann fällt ein zweiter Schuss und tötet den Vater von Max Ballauf. Das Projektil stammt aus derselben Waffe, mit der Martha Dreher erschossen wurde. Schenk ist sich sicher: Hier wollte jemand gezielt die beiden Fahnder provozieren! Grau saß zur Tatzeit in Untersuchungshaft. Also suchen die Kommissare nach einem Komplizen und finden eine junge Frau, die sich von einem Hochhaus stürzen will, weil die Ereignisse sie überfordern.

Rezension

„Mördergrube“ steht derzeit auf Rang 15 von 75 Ballauf-Schenk-Filmen – nach Ansicht der Nutzer*innen des Tatort-Fundus, die auch Bewertungen abgeben und insgesamt unter den besten 15 Prozent von über 1.100 Tatorten. Neuere Kurzkommentare lassen allerdings eine abwärtsgerichtete Tendenz erkennen. Diese ist nach unserer Ansicht auch gerechtfertigt. Wieder einmal stehen wir im Zwiespalt. Einerseits sehr gute darstellerische Leistungen, andererseits ein Plot, der vor allem zum Ende hin eines beweist: Er hat sich selbst eine Grube gebaut, aus welcher er nur mit hanebüchenen Unglaubwürdigkeiten wieder herausfindet – oder auch nicht.

Vor allem der Einsatz der zweiten Mörderin, einer Jurastudentin, als Präzisionsschützin, die den Vater von Ballauf mit einem einzigen Schuss ins Herz von einem hoch gelegenen Fenster aus niederstreckt, die Selbstjustiz als einziger Ausweg aus einer für die Ermittler komplett verfahrenen Situation – dann wär’s uns lieber gewesen, die Mörderin wäre nicht in den Suizid gesprungen und hätte ein verwertbares Geständnis abgelegt. Ebenfalls Quatsch: Dass der Wind auf dem Dach so gepfiffen hat, dass Max in ein paar Metern Entfernung nicht verstand, was Schenk und die Studentin miteinander sprachen und warum man das so inszeniert hat, wirkt auch nicht kohärent. 

Bei allem, was an juristischen Fakultäten an Popanzen herumläuft, der „motivlose“ Mord ist normalerweise nicht Gegenstand des Diskurses, weil der Beweis der eigenen Genialität, der Möglichkeit, das perfekte Verbrechen zu begehen, sehr wohl ein Motiv darstellt.

Der „motivlose Mord“, der in Wirklichkeit nicht motivlos ist, wurde von Alfred Hitchcock in „Cocktail für eine Leiche“ bereits durchgespielt, in exakt demselben Milieu: Blasierte Jurastudenten, selbstgerechte Dozenten, ein Kommilitone, der gar nicht weiß, warum er um die Ecke gebracht wird. Aber der recht kurze erste Farbfilm von Hitchcock ist nicht nur viel konzentrierter, sondern auch ethisch eindeutig, was in solchen Fällen wohl auch besser ist. Ohne Motiv könnte man eine Tötung nicht als Mord qualifizieren – nicht ohne Motiv, das sich unter die subjektiven Mordmerkmale subsumieren ließe. Hier dürfte ein „sonstiger niedriger Beweggrund“ vorliegen, schlichte Verachtung gegenüber dem Leben anderer. 

Leider werden die sozialen Komponenten, die solches Verhalten mit verursachen können, nur angerissen. Klar, eine Superstudentin, künftige Richterin, kann nicht die Freundin eines Bautauchers bleiben. Das fanden wir schon logisch, lange, bevor es ausgesprochen wurde. Nirgendwo wird so stark aufs beruflich-soziale Prestige Wert gelegt wie bei Juristen – und bei Ärzten. Das hat damit zu tun, dass vor allem die Rechtswissenschaften immer noch in erster Linie von Kindern aus dem oberen Mittelstand oder der Oberschicht studiert werden. Manchmal mit nicht so überragendem Erfolg wie bei Martha, auch das ist fein beobachtet. Sie selbst kommt gar nicht aus gehobenen Verhältnissen, ihr Vater und die Wohnung der Eltern wirken kleinbürgerlich – aber der Aufstieg wäre ihr gewiss gewesen und sie wird, da ist man ganz dem eigenen System verhaftet, postum mit einem Ehrendoktortitel ausgestattet. Angemessener kann die Juristenwelt auf den frühzeitigen Abgang eines Talents wohl nicht reagieren. Professoren wie den schnöseligen Dekan gibt es wirklich, auch wenn man einschränken muss: Sie sind nicht alle so. Gerade die Strafrechtler sind oft vergleichsweise lebensnah und lebendig im Vortrag. Ihre Materie lässt sich auch am besten ans interessierte Auditorium vermitteln. 

Es hat einen guten Grund, dass es kaum Fernsehserien und Filme gibt, in denen zivil- oder gar verwaltungsrechtliche Themen eine wichtige Rolle spielen, aber unzählige Krimis. Andere Rechtsgebiete werden allenfalls gestreift und in solchen Momenten laufen für ein breites Publikum geschaffene Filme Gefahr, mühsam zu werden und dieses Publikum nicht mehr zu erreichen.

Nun wieder zum Positiven. Alexander Grau wird sehr gut verkörpert, auch bei dieser Figur passt zwischen Realität und filmischer Darstellung nur, dass es in der Realität mit dem Anspruch meist in eine etwas andere Richtung geht: Man macht sich zum versierten Diener des Kapitals, das auf seine Weise mörderische Züge trägt. Die Konkurrenz zwischen Grau und Martha, der Leidenden, wird leider ziemlich versteckt. Man muss erst einmal nach dem Film etwas im Mitdenken bleiben, um die möglicherweise sehr simple Motivation hinter dem Nicht-Motiv, das doch ein Motiv ist, zu sehen: Grau wollte die Konkurrentin, mit welcher er persönlich keinen Kontakt hatte, aus dem Weg räumen. Ähnlich könnte die Kommilitonin Jahns motiviert gewesen sein, denn sie war bereits in den ersten Mord verstrickt. Dass die Martha so geschickt geschubst hat, dass Grau diese getroffen und Jahns nur gestreift hat – welch ein Timing, bei dem es nicht nur darauf ankommt, dass Grau ein guter Schütze ist, sondern auch darauf, dass Jahns die Bewegung der Mitstudentin im richtigen Moment ganz präzise beeinflusst. 

Jura ist also doch etwas für Menschen, bei denen einige Skills überdurchschnittlich ausgeprägt sind, sogar die motorischen. Das ist dann später auch für den gediegenen Auftritt vor Gericht und die gut vorbereitete Rede nochmal von Bedeutung. Eines stimmt aber wirklich, unabhängig von den persönlichen Voraussetzungen: Man kann das Jurastudium nutzen, um Argumentationstechniken zu entwickeln und die Analysefähigkeit zu verbessern. Gerade, wenn jemand nicht immer schon blitzgescheit war, das Studium aber ernst nimmt, kann es zu seiner Persönlichkeitsentwicklung viel beitragen. 

Der soziale Kommentar, der in der Haupthandlung zu kurz kommt, wird im Strang, der Max Ballauf und seinen Vater Walter betrifft, in eine persönliche Geschichte von Schuld und Gerechtigkeit gedreht, die durch den schließlichen Mord am Vater in den Fall eingewoben wird. Wir finden diesen zweiten Mord total überdreht, aber wenigstens kann Max nun die alten Wunden zusammen mit dem Vater der ewigen Ruhe übergeben. Das ist bei diesen Familienverhältnissen vielleicht das Beste. Der Film fordert Ballauf-Darsteller Klaus J. Behrendt ziemlich, aber kein Kommissar kann Leiden besser darstellen als er. Das wirkt so echt, dass es auch echt weh tut. Den besten Spruch bringt Freddy, sein Partner: „Der Apfel fällt nicht weit vom Pferd“. Das ist so gemein und so ein Schlag ins Gesicht des Ermittlungspartners, weil der gerade versucht, sich Freddy – mehr oder weniger zwangsweise, weil der ein findiger Bulle ist – zu öffnen und mehr über das Verhältnis zum wieder aufgetauchten Vater zu erzählen. 

Finale

Der Preis für das unkonventionelle Motiv ist hoch – viele Bestandteile der Handlung wirken nicht durchdacht und am Ende verdichtet sich alles zu einem Furioso der mangelnden Glaubwürdigkeit. Ethisch gesehen: Nur die Selbstjustiz kann die Situation noch retten. Und Max wird bei dem gezeigt, was wir schon in größeren Zusammenhängen gesehen und in Rezensionen angesprochen haben: Lasse ich den Beweis-Hunni verschwinden, damit der Vater nicht eingelocht wird, weil er ja die Tagessätze ohne den Hunni nicht zahlen kann? Hätte er auch mit ihnen nicht gekonnt, aber gegenüber den Kleinen sind die Gerichte wohl wirklich am härtesten. Das lief so mit, das Oben, das Unten, die Mitte. Jede soziale Geschicht wird gezeigt, aber es fehlt der Überbau. Der Film hat gute Momente, lebt von starken Einzelleistungen und einem Team, das hier wunderbar kontrovers und doch einander zugewandt wirkt. Plotseitig hätte man mehr daraus machen können, um einen wunderbar abgenutzten Schlusssatz zu verwenden.

7/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Wie sind Juristen?

Der Titel kam uns sehr bekannt vor. Der Plot, wie wir ihn bei den Tatort Fans nachgelesen haben, kommt uns sehr bekannt vor. Trotzdem findet sich zu dem Film keine Rezension. Wir haben nun nach Stichworten gesucht, z. B. nach Regisseurin Christiane Balthasar. Sie findet sich in „Crimetime“ bereits fünf Mal, aber nicht im Zusammenhang mit einem Köln-Tatort. Also werden wir den Film aufzeichnen und sehen, ob wir ihn tatsächlich noch nie gesehen haben.

Ein Mord im Studentenmilieu mit einem Täter, der sich für über Leben und Tod erhaben hält? Wir sind uns ganz sicher, mindestens einen Tatort angeschaut zu haben, in dem ein Strafrechtsseminar eine wichtige Rolle spielt, in dem moralische Aspekte der Tötungsdelikte eine wichtige Rolle gespielt haben. Aber so tragisch ist es auch wieder nicht, einen Film möglicherweise noch einmal zu sichten, der uns entweder zwischen allen Suchwörtern durchgerutscht ist – oder den wir gesehen haben, bevor wir 2011 mit der TatortAnthologie als Vorgänger-Rubrik von „Crimetime“ begonnen hatten.

Besetzung, Stab

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Alexander Grau – Florian Lukas
Andrea Jahns – Amalie Bizer
Professor Hüttner – Peter Rühring
Dr. Kögel – Martin Umbach
Pathologe Dr. Roth – Jo Bausch
Oberstaatsanwalt von Prinz – Christian Tasche
Hausmeister Dinkel – Waldemar Kobus
Walter Ballauf – Peter Franke
Franziska – Tessa Mittelstaedt 

Drehbuch – Robert Schwentke
Regie – Christiane Balthasar
Kamera – Oliver Bokelberg
Musik – Johannes Kobilke

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