Den Kapitalismus abschaffen – und dann! #Capitalism #Socialism #GWÖ #Economy #Solidarität

Zeigt sich das Große im Kleinen oder umgekehrt? Sicher ist beides der Fall. Vor allem aber müssen wir das Wort „Transformation“ mit Leben füllen, und das fängt nach unserer Auffassung eher kleinteilig an. Mit einer wichtigen Ausnahme, auf die wir noch zu sprechen kommen werden.

Jedoch: Nach dem Kapitalismus ist klein wichtig, darin üben wir uns. Aufgrund aktuellerer Beiträge sind wir heute an einem Verweis auf „Neue Debatte“ hängen geblieben, ausnahmsweise nicht bei Herrn Mersmann, sondern bei Victoria „Vicky“ Schuijlenburg und ihrem zwei Jahre alten Beitrag „Warum ich den Kapitalismus abschaffen will …

Wir hätten das Nachdenken darüber auch in unsere Rückwärtsedition eingliedern können, aber wir wollen unbedingt die neuen Logos zeigen. Oder in diesem Fall doch nicht? Wie auch immer, Kapitalismus sucks, das wissen nur die noch nicht, die sich vollkommen vorgestrig immer noch über ihre Moneten definieren, vor allem tendieren diejenigen dazu, die das alles nur zusammenraffen konnten, weil sie andere ausbeuten.

Die Essenz aus dem Beitrag von Victoria Schuijlenburg teilen wir weitgehend, sonst würden wir ihn nicht empfehlen, denn es geht doch um die Basics, nicht um die fitzelige Ausformung in einem hyptertrophen System. Wir gehen von der Voraussetzung aus, dass das gegenwärtige System nicht aus Einsicht Platz machen wird und die Mächtigen sich noch eine Menge einfallen lassen werden, um uns unter der Fuchtel zu halten. Wie kann man dem entkommen? Durch eine Revolution mit ungleichen Waffen? Eher nicht. Dafür haben wir auch nicht genug Haare auf den Zähnen, nicht die Eier oder was immer das gendergerechte Adäquat sein könnte.

Aus allem, was wir bisher gesehen haben, können wir nur den Schluss ziehen, dass es vom Kleinen ausgehen muss. Inselweise. Ganz kleine Inseln der Solidarität entstehen, Menschen fühlen sich von ihnen angezogen, dadurch wachsen diese Inseln an die Grenzen anderer Inseln heran und können kooperieren, sich verbünden oder sich vereinigen, jede Insel und jeder Mensch auf einer dieser Inseln in seinem eigenen Recht. Solidarisch, aber ohne sich dafür aufgeben zu müssen.

Wir müssen aufhören, zu lamentieren oder zu schwafeln, wie es linke Parteien so gerne tun. Wir kriegen gerade die Strategiedebatte in der LINKEn mit und es kommt nicht so selten vor, dass wir dabei zum Himmel aufblicken, obwohl die meisten Linken doch gar nicht an Gott glauben, wir dürften das also auch nicht tun. Wir fühlen uns, wenn wir das alles lesen, auch nicht dem Himmel näher, vielmehr ist die Augenbewegung ein Ausdruck von Verzweiflung: So wird das nix, so wird links nicht schick, so wird es nicht mehrheitsfähig.

Es muss also mit Minderheiten in kleinen Clustern anfangen, sonst passiert gar nichts. Wir glauben aber nicht an Anarchie in ihrer seltsamerweise in der realen Umsetzung durch Menschen, die sich für besonders progressiv halten, ziemlich destruktiven Ausprägung, die in Wahrheit doch bloß wieder im Recht des Stärkeren münden würde, ginge aus ihr das neue herrschende Prinzip hervor. Das hatten wir auch alles schon. Das ist nicht solidarisch. Das ist nicht gerecht.

Wir gehen zunächst etwas mehr zum Ende von Schuijlenburgs Artikel.

Wer sich mit Alternativen zum Kapitalismus auseinandersetzen will, wird in Zeiten des Internets ganz schnell fündig: Gemeinwohlökonomie, anarchistische Modelle, ressourcenbasierte Wirtschaft, partizipatorische Ökonomie, Peer to Peer Ökonomie, usw. Die Liste ist endlos und vielfältig. Das Problem ist also nicht die fehlende Alternative, sondern die Unterdrückung der Entwicklung dieser durch den Kapitalismus.

Mit dem, was sie unter anarchistischen Modellen versteht, müssen wir uns also noch befassen, wegen dem, was just im vorausgehenden Absatz geschrieben haben. Vielleicht ist damit auch etwas anderes gemeint, als das, was wir in Berlin manchmal so mitbekommen und was irgendwie nicht nach einem Ausweg in Richtung Zukunft aussieht. Mit solidarischen Wirtschaftsmodellen haben wir uns insbesondere 2017 etwas eingehender befasst – besonders mit der Gemeinwohlökonomie, weil wir mit einem ihrer Repräsentanten in Berlin-Brandenburg im Rahmen eines Projektes zusammengearbeitet haben.

Wir gehen mit, wenn die Kämpfer für dieses Modell subventioniert werden möchte, denn in Relation zur Billigökonomie für die Massen sind höhere ethische und ökologische Standards zu teuer, um sich am allgemeinen Markt schon durchsetzen zu können. Gerade die nicht so Reichen sollen sich ja auch mit Sämchen geadelte Produkte und Dienstleistungen gönnen können. Vieles, was später privatisierte Gewinne abwarf, fing so an. Uns drückt dabei ein anderer Schuh: An den Herrschaftsverhältnissen ändert sich durch dieses Modell nicht viel. Partizipation wird nicht im Sinne von tatsächlicher Machtübertragung auf Mitarbeitende in Unternehmen der GWÖ verstanden. Der Unternehmer, der für alle denkt und alles lenkt, ist weiterhin das Leitbild. Daran ändert auch erweitere Mitbestimmung nichts, denn echte Partizipation beinhaltet die gemeinschaftliche Verfügung über die Ressourcen. Ein weiteres derzeitiges Problem ist, dass die Unternehmen sich untereinander zertifizieren, es gibt keine Stelle, die etwas wie einen TÜV für die GWÖ darstellt. Trotzdem ist dies ein Modell, das neben anderen bestehen kann und vor allem für Menschen eine gute Sache sein könnte, die tatsächlich nicht ständig diese aufwendige Gedankenarbeit des Mitdenkens über die Zukunft machen, aber irgendwo arbeiten wollen, wo doch alles recht hochwertig organisiert ist.

Echte Partizipation hat nämlich ihre Schattenseiten: Die Verantwortung für gravierende Fehlentscheidungen kann man nicht bemängeln, wenn man sie selbst getroffen hat. Nur dann, wenn man überstimmt wurde. Bleibt immer noch die Frage, ob man seine Argumente gut genug vorgetragen hat. Es muss in den kleinen Inseln geübt werden, so viel Demokratie können die Progressiven unter uns.

Wir steigen aber hier nicht weiter ins Detail ein – weil wir leider eine wichtige Zwischenbemerkung machen müssen: Wird die Frage des überteuerten Wohnens in Städten wie der unsere nicht gelöst, werden alle partizipatorischen Modelle schwierig bleiben. Denn es wird nicht funktionieren, dass überall ökogerecht downgesized wird, aber hohe Löhne erforderlich sind, um die Miete zahlen zu können und einige Profiteure sich trotzdem gigantische Geldhaufen zusammenraffen können. Diese Asymmetrie muss behoben werden und das geht leider nicht ohne die Politik, an die wir uns also dann doch wieder wenden müssen, so furchtbar misstrauisch wir ihr gegenüber auch sind. Denn auch Politiker*innen sind in Machtstrukturen unterwegs und je länger das so ist, desto mehr denken sie selbst in den Kategorien, die ein partizipatives Gesellschaftsmodell ablehnen muss.

Es hilft aber nichts. Die Wohnungsfrage muss geklärt werden, damit ökonomische Inseln, die auf Genügsamkeit und Solidarität ausgerichtet sind, tragfähig sein können. Vielleicht nicht in der Pampa, wo derzeit niemand hinwill und das Wohnen und Wirtschaften daher recht günstig sein könnte, aber in den Städten, und die Städter müssen das Recht haben, in der Stadt bleiben zu dürfen, wenn sie das besser finden. Manchmal denken wir, es wäre doch schick, die Idioten-Investoren einfach hier alleinzulassen, dann würden sie sehen, dass man von Beton nicht leben kann, wenn Menschen nicht bereit sind, für die darin bewohnten Hasenkästen Unsummen zu bezahlen.

Aber die Entstehung findiger ökonomischer und kultureller Inseln hat auch etwas mit Nähe, mit Interaktion zu tun, mit dem Schwarm von Progressiven, der sich in den Städten angesiedelt hat. Die Rückkehr zum Ruralen ist nicht die alleinige Antwort auf die Herausforderung, die darin besteht, den Kapitalismus zu besiegen.

Der besprochene Artikel ist so gegliedert, dass er fünf Narrative der Kapitalisten widerlegt und am Ende – was können wir tun, um den Kapitalismus zu besiegen? Das Mindset junger Menschen, die immer selbst zuerst die Veränderung fordern und uns auffordern, diese sein zu wollen, ist super, solange man sehr selbstbewusst und gesund ist. Wir werden aber auch viele mitnehmen müssen, die sich schon ziemlich aufgerieben haben im Kampf mit dem kapitalistischen Alltag. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Nach unseren Einsichten ist diese Kohorte größer als die der kraftvoll Progressiven, die sich selbst als Motor der Veränderung begreifen. Welch eine böse Logik dahintersteckt, muss dem erfahrenen Systemkritiker nicht erklärt werden, aber wir müssen das berücksichtigen. Es ist auch eine sozialpädagogische Aufgabe. Mit einem Haken, versteht sich: Arbeit dieser Art ist darauf ausgerichtet, Menschen noch irgendwie an das System anzupassen, die das von selbst nicht hinbekommen haben, sonst wird sie nicht vergütet. Sie hingegen mit ihren eigenen Skills zu stärken, kann die Stärkung von Widerstand zur Folge haben und als Ziel verfehlt interpretiert werden. Je länger man bei der Musik ist, desto mehr sieht man bei allem auch die psychologischen Aspekte und wie der Kapitalismus sich unserer Dispositionen bedient.

Auf einen Absatz gehen wir noch ein:

Andere Systeme haben, seitdem es den Kapitalismus gibt, nicht funktioniert. Kapitalistisches Narrativ Nr. 2. Falsch, sie hatten gegen den Kapitalismus schlichtweg keine Chance. Nehmen wir die DDR, die gerne als Beispiel herangezogen wird. In meinen Augen war die DDR kein Sozialismus, sondern Staatskapitalismus. Offiziell gehörte zwar alles dem Volk, doch es hatte keinerlei Möglichkeit, darüber frei zu verfügen.

Das ist ziemlich genau auch unsere Auffassung, deswegen finden wir die DDR-Nostalgie, wenn nicht Verherrlichung, die z. B. in der „Junge Welt“ von Menschen betrieben wird, die alles andere als jung und progressiv sind, für eine ganz gefährliche Sache und vor allem nicht für links, sondern für einen Beweis, dass manche Menschen nicht von autoritären und repressiven Strukturen lassen können, gleich, ob diese von „rechts“ oder „links“ installiert wurden und leidvolle Erfahrungen für viele Menschen mit sich brachten.

Natürlich ist das System in diesem Absatz verkürzt wiedergegeben, aber wir schreiben ja über die Essenz des Artikels von Schuijulenburg. Die lasche Arbeitseinstellung beispielsweise, der man gut nachspüren kann, wenn man ein wenig in der DDR-Alltagskultur nachforscht, man kann es auch poetischer formulieren und es „mangelnde Hingabe an die Aufgabe“ nennen, war vor allem dadurch bedingt, dass eben keine echte Partizipation gegeben war. Reich werden konnte man sowieso nicht, als Normalbürger, und Auszeichnungen für Maloche ersetzen keine Anerkennung durch Mitgestaltungsmöglichkeiten.

Es geht aber nicht um kein Geld, also keine Lust auf Arbeit, nicht um die materielle Vergütung als Angelpunkt von allem. Es muss etwas mit mangelnder Einbindung zu tun gehabt haben. Wir haben als Gegenbeweis ausgerechnet das in Westdeutschland extrem ausgeprägte Vereinswesen entdeckt und beziehen ähnliche Organisationsformen ein. Die Arbeit in solchen Strukturen ist meist ehrenamtlich und ohne diese Strukturen wäre das Land, in dem so viele Dienstleistungen aus dem Bereich staatlichen Handelns outgesourct oder gleich eingestampft wurden, gar nicht mehr lebensfähig. Auch das ist ein echt neoliberaler Clou: Man fährt alle Ansprüche auf staatliche Leistungen runter, die Last tragen viele idealistische Ehrenamtliche und wir müssten im Grunde darüber diskutieren, ob das angehen kann. Aber diese Arbeit wird getan, sie ist sinnvoll und macht denen, die sie tun, Spaß. Diese Strukturen sind der beste Beweis dafür, dass es Menschen nicht nur auf den persönlichen Profit ankommt. Wohl auf Anerkennung, zum Beispiel für diese sinnvolle Arbeit, aber auch auf Gemeinschaft, auf den sozialen Kontext.

Auch wenn der Begriff „Verein“ so bieder klingen mag, er steht im Grunde für jeden Zusammenschluss auf lokaler Ebene, in dem ein gemeinsamer Zweck mit viel Energie erreicht werden kann. Manches muss wohl nicht neu erfunden, sondern nur zeitgemäß benannt werden. Wir haben das übrigen schön an einigen Mieter*innen-Initiativen in Berlin gesehen, die sich als Hauskollektive auffassen, aber gemerkt haben, dass man in der rechtlichen Verfassung eines eingetragenen Vereins mehr erreichen kann als eine reine Interessengemeinschaft – und diesen Weg gegangen sind. Wir können daran nicht prinzipiell etwas Falsches erkennen.

Organisationsformbeispiele sind nur ein kleiner Teil des Spektrums von Transformation, ebenso wie die rechtlichen Aspekte von Eigentumsformen. Auf die Inhalte kommt es an und kein Staat der Welt kann Menschen bisher verbieten, sich zusammenzutun und die im Artikel auch angesprochene Sharing Economy auf kleiner Basis zu testen und so zu entwickeln, dass sie auch im jetzigen System tragfähig ist. Anders als durchaus der Wirkung von Lobbyismus bewusste Gruppen wie die Gemeinwohl-Ökonomen dürfte es in der Regel auch darum gehen, mit dem Verfügbaren erst einmal etwas anzufangen und erst im Laufe der Zeit ins Gestalterische, ins Umgestalten zu kommen. Was heute als Tauschverbund beginnt, kann morgen ein Ring von Gewerken sein, in denen alles Wichtige für den Alltag angeboten wird, ohne dass Profit an Kapitalisten abgeführt werden muss. Das gibt es alles schon, gerade in Berlin. Man muss aus der bequemen Ecke raus und auf Entdeckungsreise gehen. Es lohnt sich. Aus jeder Idee, die man at Work sieht, kann eine neue entstehen. Menschen sind schon sehr innovativ – vor allem, wenn sie nicht in den Fesseln einer sie nur als kapitalisierbare, austauschbare Objekte sehenden Verwertungsmaschinerie gefangen sind.

Vielleicht werden wir 2020 anfangen, über das eine oder andere Projekt dieser Art in Berlin zu schreiben. Geübt haben wir mit bisher 2.000 Artikeln wohl genug und waren in den letzten Monaten beim einen oder anderen Event der Mieter*innen-Bewegung vor Ort. Wir müssen weitere Eindrücke aufnehmen, so oder so.

TH

2 Kommentare

    1. Es gibt Ansätze, die mehr daraus entstehen, dass Menschen sich die kapitalistische Marktwirtschaft nicht mehr leisten können, wie etwa den Trend zu Secondhand – die große Strategie sehe ich bisher leider nicht. Aber guten Projekten nachzuspüren, kann in der Tat ein interessanter Ansatz sein, den man dann auch wieder in theoretische Überlegungen einfließen lassen sollte.

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