Das indische Tuch (D 1963) #Filmfest 91 #EdgarWallace

Filmfest 91 A "Special Edgar Wallace" (14)

2020-08-14 Filmfest AVielleicht der Kultigste von allen

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Die Erben des verstorbenen Lord  Lebanon treffen sich auf dessen Schloss zwecks Testamentseröffnung. Ein Unwetter mit Sturmflut schneidet das auf einer Halbinsel gelegene Anwesen von der Außenwelt ab. Während der Zeit, welche die Erbengemeinschaft und der als Testamentsvollstrecker eingesetzte Anwalt auf dem Schloss verbringen, startet eine Mordserie, begangen mit charakteristischen Tüchern, die der Lord einst aus Indien mitgebracht hatte.

Erstmalig standardisieren wir Rezensionen optisch und inhaltlich – alle Edgar Wallace-Filme, die wir uns für den Wahlberliner angeschaut und eine Kritik zu ihnen geschrieben haben, werden wir nach dem nachfolgenden Schema rezensieren, das für „Der Frosch mit der Maske“ angelegt wurde. Die Rezensionsfolge entspricht nicht der Drehfolge der Filme, aber da wir die Veröffentlichung nicht sofort vornehmen werden, können wir nach Abschluss der Wallace-Rezensionen die Chronologie nachträglich wiederherstellen.

Fakten zum Film (Wikipedia)

  • „Das indische Tuch“ ist der 16. deutschsprachige Edgar-Wallace-Film der Nachkriegszeit. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Edgar Wallace (Originaltitel: The Frightened Lady) wurde von Rialto Film produziert und vom 8. Juli bis 13. August 1963 in West-Berlin gedreht. Der in Ultrascope aufgenommene Film lief ab dem 13. September 1963 in den deutschen Kinos. Das von Egon Eis verfasste Treatment nach dem Wallace-Roman „Das indische Tuch“ trug noch den Arbeitstitel „Der Unheimliche“ und wurde von Georg Hurdalek zu einem Drehbuch umgearbeitet. Nachdem sich dieses als ungeeignet erwiesen hatte, wurde es von Harald G. Petersson umfassend überarbeitet.
  • Um Produktionskosten zu sparen, sollte auf Außenaufnahmen verzichtet und der Film komplett im Studio gedreht werden. Er entstand schließlich auf dem Studiogelände der CCC-Film im Berliner Bezirk Spandau, wo auch die einzigen beiden Außenaufnahmen gedreht wurden; eine zeigt einen ehemaligen Wasserturm auf dem Ateliergelände. Auch auf Außenaufnahmen vom Schloss wurde verzichtet, stattdessen wurde eine gemalte Kulisse (Matte Painting) gefilmt.
  • Zunächst waren zum Teil andere Darsteller vorgesehen: Alexandra Stewart statt Corny Collins, Ernst Schröder statt Hans Nielsen, Christiane Nielsen statt Gisela Uhlen und Friedrich Joloff statt Richard Häussler.
  • Neben Corny Collins, die hier ihren einzigen Auftritt in einem Edgar-Wallace-Film hatte, spielten erstmals Hans Clarin und Filmarchitekt Wilhelm Vorwerg in einem Film der Reihe. Vorwergs eigene Stimme ist im Film nicht zu hören, er wurde von Eduard Wandrey synchronisiert. Elisabeth Flickenschildt und Ady Berber nahmen nach jeweils drei Filmen, Hans Nielsen nach zwei Filmen Abschied von der Wallace-Reihe.
  • Eva Ebner lieh der Telefonistin zu Beginn des Films ihre Stimme. Der Satz „Hallo! Hier spricht Edgar Wallace“ wurde von Regisseur Alfred Vohrer gesprochen. Rainer Brandt ist am Ende des Films als Inspektor Fuchsberger am Telefon zu hören.
  • Heinz Drache hatte 1962 als Inspektor Harry Yates in dem StraßenfegerDas Halstuch“ schon einmal einen Mörder mit einer ähnlichen Tatwaffe gejagt.
  • Der Butler wird die ganze Zeit über nur Bonwit genannt, erst bei der Testamentsverlesung am Ende des Films erfährt man seinen vollen Namen: Richard Maria Bonwit.
  • Da die Rolle des Scotland-Yard-Chefs Sir John im Drehbuch nicht vorgesehen war, übernahm Siegfried Schürenberg die Rolle des Dschungelforschers Sir Hockbridge. Dieser müsste eigentlich Sir Henry heißen, da der Titel „Sir“ im Englischen immer in Kombination mit dem Vornamen verwendet wird. Schürenberg spielte damit in einem Edgar-Wallace-Film zum einzigen Mal ein Mordopfer.
  • Im Film zeigt Sir Henry Hockbridge während einer Diavorführung einen „Fangstock der Tupí-Indianer vom Quellgebiet des Amazonas“. Tatsächlich lebten die Tupís viel weiter südlich, an der Atlantikküste Brasiliens. Außerdem besitzt der Amazonas kein eigentliches „Quellgebiet“, da er durch den Zusammenfluss verschiedener Flüsse entsteht.
  • Im Film sind einige der bekanntesten Piano-Klassiker zu hören: Das Fantasie Impromptu No. 4, Op. 66 von Frédéric Chopin und der Anfang des 1. Klavierkonzertes von Tschaikowski. Auch der erste Satz (Adagio sostenuto) der Mondscheinsonate von Ludwig van Beethoven erklingt in einer Szene.
  • Der Film wurde von der FSK ohne Kürzungsauflagen ab 16 Jahren freigegeben. Im Fernsehen wurde der Film in einer stark gekürzten Fassung im falschen Format ausgestrahlt. Der im Original farbige Vorspann wurde durch einen Schwarzweißvorspann ersetzt. 1991 folgte die Freigabe der gekürzten Version ab 12 Jahren. Inzwischen wurde der Film in der originalen Kinofassung veröffentlicht, die wieder ab 16 Jahren freigegeben ist.

Handlung mit Auflösung (Wikipedia)

Eines Abends wird der alte Lord Lebanon in seinem Schloss „Marks Priory“ während eines Telefongesprächs hinterrücks mit einem indischen Tuch erdrosselt. Die neun Erben, die sich später im Schloss des verstorbenen Lord Lebanon versammelt haben, staunen nicht schlecht, als sie bei der Testamentseröffnung von Rechtsanwalt Tanner lediglich den vorletzten Willen des Verstorbenen verlesen bekommen: Sie sollen die folgenden sechs Tage und Nächte zusammen in dem alten Gemäuer verbringen und erst im Anschluss daran erfahren, welcher Erbteil ihnen jeweils zusteht. Sollte jemand vorzeitig das Schloss verlassen, verfällt sein Anspruch; dieser wird dann unter den Verbliebenen aufgeteilt.

Nachdem sich die völlig zerstrittene Verwandtschaft mit dem unerfreulichen Inhalt des Testaments einigermaßen abgefunden hat, unterbricht ein Unwetter die Strom- und Telefonleitung und schneidet das Anwesen von der Außenwelt ab. Kurz darauf wird der erste Erbe ebenfalls mit einem indischen Tuch erdrosselt. Da die Gruppe auf sich allein gestellt und kein Polizist im Hause ist, übernimmt Anwalt Tanner die Ermittlungen. Weitere Morde geschehen nach dem gleichen Schema sind neben Tanner nur noch die Lady nebst Sohn und Butler sowie Isla übrig. Lady Lebanon wird schließlich klar, dass ihr wahnsinniger Sohn der Mörder ist, bevor sie selbst sein letztes Opfer wird. Als Edward nach der Tat von dem Hund der Familie verfolgt wird, fällt er bei seiner Flucht aus einem Fenster und stirbt ebenfalls. Die Verlesung des letzten Willens findet somit unter Anwesenheit der drei Verbliebenen Anwalt Tanner, Butler Bonwit und Isla Harris statt. Der treue Butler erhält ein indisches Halstuch und das gesamte Erbe geht an Edgar Wallace.

Rezension

„Das indische Tuch“ ist für uns ein besonderer Film nach Edgar Wallace. Es ist nämlich der erste, den wir überhaupt gesehen haben, da waren wir fünfzehn Jahre alt. Die Ausstrahlung war ein Event, und wir haben danach versucht, Geschirrtüchern die Mordausführung zu simulieren. Wir hatten auch eine Idee, wen wir zuerst beseitigen würden. Diese Teile ließen sich aber nicht so gut eindrehen wie die Seidentücher im Film. Unter anderem deswegen sind alle Familienmitglieder noch am Leben bzw. eines natürlichen Todes gestorben und wir haben nicht den Vorzug, unsere Rezensionen in einer kleinen Gefängniszelle schreiben zu dürfen, sondern in einer kleinen Wohnung, die sich im Wesentlichen durch die fehlende Fenstervergitterung von einer solchen Zelle unterscheidet.

Selbstverständlich hatten wir damals keine Ahnung davon, das „Das indische Tuch“ zwar keiner der größten Erfolge der Reihe war (1,9 Millionen Kinobesucher, „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ und „Die toten Augen von London“ hatten als Zuschauermagneten innerhalb der Reihe 3,5 bzw. 3,6 Millionen  zahlende Zuschauer) – aber er ist nach allem, was wir bisher gesehen haben, einer der besten. Es war sozusagen der richtige Film und schon damals hatten wir den unübersehbaren Humor in diesem Gruselkrimi wahrgenommen.

Niemand konnte Schauriges in dieser 38 Filme umfassenden Reihe so gut mit skurrilen Elementen und humorvollen Brechungen ausstatten wie Alfred Vohrer, der Regisseur von „Das indische Tuch“ und niemand so gute, manchmal ironisch kontrastierende, manchmal pointierende oder einfach nur ideenreiche, witzige Musiken dafür schreiben wie Peter Thomas, der den Score zu „Das indische Tuch“ entwickelt hatte. Diese beiden Künstler waren das Herz der Wallace-Serie, formten deren unerreicht makaberen Touch, den man, wenn man heutige Produktionen anschaut, am besten mit den Münster-Tatorten des Westdeutschen Rundfunks vergleichen kann, auch wenn der Stil und die Ausgangslage selbstredend andere sind.

Hinzu kommt, dass „Das indische Tuch“ einen so klassischen Plot hat, dass man ihn als Blaupause aller „Der Mörder muss unter uns sein“-Filme bezeichnen kann. Das ist er wohl insofern nicht, als Edgar Wallaces Buch bereits auf den Spuren bekannter KriminalschriftstellerInnen wandelt, insbesondere Agatha Christie hat sich des Musters bedient, dass eine geschlossene Gesellschaft von der Außenwelt separiert ist und sich sozusagen von innen dezimiert; wir sehen es in Hercule Poirot-Stories und in mindestens einem der vier Miss Marple-Filme aus den 1960ern, die etwa zeitgleich mit der Edgar Wallace-Reihe entstanden sind. So konsequent, dass am Ende nur noch eine Person der in „Das indische Tuch“ gezeigten Erbengemeinschaft übrig bleibt, wird allerdings in der Kriminalliteratur selten zu Werke gegangen und es gehört zu den Pointen, dass nur noch die nette junge Isla Harris dasitzt und den Ausführungen des Anwalt lauscht. Die Stühle aller Verblichenen bewegen sich im Moment der Eröffnung nach vorne, als säßen sie da und zeigten gesteigertes Interesse. Ach ja, Butler Bonvit ist auch am Leben geblieben. Wie kann man auch jemanden umbringen, der Eddi Arendt heißt und einen automatischen Servierwagen als Arbeitsutensil verwendet?

Damit die Situation sich zuspitzen kann, muss das Schloss durch ein Unwetter von der Außenwelt abgeschnitten ein und natürlich darf auch das Telefon nicht funktionieren. Boote gibt es anscheinend nicht und leider hat auch noch niemand ein Handy. So bleibt die Polizei draußen und als Anwalt muss Heinz Drache den Fall – hauptsächlich – lösen, weil seine übliche Rolle als Inspektor von Scotland Yard dieses Mal nicht vorhanden ist. Ähnlich ist man mit Siegfried Schürenberg verfahren, siehe oben im Informationsteil.

Manche Details und Szenen sind bewusst unrealistisch gestaltet und gerade das vermeidet unfreiwillige Komik, wie sie bei einigen Wallace-Filmen durchaus vorhanden ist – vor allem von denjenigen, die sich selbst eine Spur zu ernst nehmen, also nicht vom Duo Vohrer / Thomas maßgeblich gestaltet worden sind. In „Das indische Tuch“ gibt es einige herrliche Tode, wie zum Beispiel denjenigen des Gipsplastiken-Künstlers Peter Ross, schräg wie immer gespielt von Klaus Kinski, dessen Haupt nach seinem Ableben selbst in seinem letzten Gipfskopf eingeschlossen ist. Technisch absoluter Unsinn, aber da man das weiß und das Augenzwinkern der Filmmacher erkennen kann, wegen des Effektes umso vergnüglicher.

Mit diesem Film ist seinen Erschaffern etwas gelungen, das recht selten vorkommt: Sie haben aus einem mehr als konventionellen Stoff, den es zuvor schon x-mal in ähnliche Form gab, etwas Eigenständiges gezaubert. Der Stil, die Atmosphäre und die erstklassigen Schauspielleistungen tragen dazu maßgeblich bei. Wir würden sogar sagen, im Hinblick auf „künstlerische Einheit“, soweit man von dieser bei einem Wallace-Unterhaltungsfilm sprechen darf, ist er der beste von allen Filmen der Reihe, die wir bisher gesehen haben. Vohrer hat sofort begriffen, dass diese Handlung nur funktioniert, aber auch besonders gut funktionieren kann, weil sie zu einfach ist, um die Logik zu verlieren und zu einfach, als dass man sie nicht mit einigen originellen Ideen und Effekten anreichern sollte – um sie dann besser wirken zu lassen als es in einem Film möglich ist, in dem Szenen wegen dessen Komplexität nicht so perfekt ausgespielt werden können wie in „Das indische Tuch“. Da ist kein Moment zu kurz oder zu lang geraten, das Timing genügt hohen Ansprüchen.

Die Abwesenheit von jedwedem Firlefanz und die Konzentration auf im Wesentlichen einen Handlungsort bringen eine weitere Verdichtung mit sich, auch wenn das Schloss Lebanon nicht ganz so eigenpersönlich wirkt, wie es Harald Reinl in seinen Wallace-Produktionen verstand, Räume in die Handlung zu integrieren und lebendig zu  machen. Es gibt zwar versteckte Raumzugänge, die einige Handlungselemente erst möglich machen, aber dass die Räume leben und die Geheimnisse der Menschen spiegeln, in Kameraperspektiven und Dekorelementen, ist nicht sehr genutzt worden, dabei hätte es sich bei der begrenzten Anzahl von Settings angeboten.

Im Buch gibt es sicher nicht das Ende, in dem Edgar Wallace das Vermögen des Lords erbt, weil er nach dessen Verständnis „Der größte Mann des Jahrhunderts ist“. Einer von zahlreichen Gags des Films eben, und schon die Übertreibung und im Grunde unmögliche Testamentsgestaltung sollte jedem klarmachen, dass dies eine skurrile Kriminalkomödie ist, nicht etwa ein Rätselkrimi für ernsthafte Hobbydetektive.

Die erwähnte perfekte Rollenbesetzung ist ein weiterer Bonus. Für manche Figuren kann man sich gewiss andere Figuren darstellen, aber sicher nicht für den Butler, den Eddi Arendt in einer Paraderolle gibt, eine geradezu exemplarische Vorstellung abliefert, nicht für Klaus Kinski als flackernder Typ, der wirklich ein Mörder sein könnte. Wir wussten natürlich, er ist es nicht, aus zwei Gründen: Es wäre viel zu glatt durchgelaufen, weil Kinski immer zu den Hauptverdächtigen gehört, wenn er irgendwo mit macht, und wir kannten den Film bereits. Trotzdem war es eine Show, wie der Mutter des Klaviervirtuosen in spe klar wird, der Sohn ist’s und wie sie den Tod beinahe mit der selben Liebe und Ergebenheit erwartet, mit der sie ihren Sohn über alles stellt.  Was gibt es Schöneres, als von der Hand dessen zu sterben, dem man das eigene Leben geweiht hat?

Typische Merkmale von Edgar Wallace-Filmen gemäß Wikipedia (kursiv) und unsere Anmerkungen zum jeweiligen Film:

  • Regie: Kein Regisseur hat den Stil der Edgar-Wallace-Filme mehr beeinflusst als Alfred Vohrer. Der erfahrene Synchronregisseur inszenierte 14 Filme der Serie, darunter Klassiker wie Die toten Augen von London, Das Gasthaus an der Themse und Der Hexer. Die leicht übertriebene Schauspielführung und die pointierte Schnitt- und Zoomtechnik sind für praktisch alle Film- und Fernseharbeiten Vohrers typisch.
    • Gemäß Angabe im Infoblock war für „Das indische Tuch“ im Grunde kein Außendreh erforderlich. Ob man das als Mangel ansieht, ist Geschmacksache. Uns hat die etwas kammerspiel- bzw. bühnenartige Anmutung nicht gestört. Der Film wäre durchaus für die Umschreibung zu einem Theaterstück geeignet – auch wegen der theaterhaften Spielweise, welche die Akteure hier auf Wunsch des Regisseurs zeigen. Bei der Schnitttechnik hat man sich allerdings ein wenig zurückgehalten, was andererseits den Kammerspieleindruck noch ein wenig steigert.
  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).
    • Keine Frage, dass dieser Film auch ein Vehikel für die Schauspieler ist, vor allem Eddi Arent spielt mit voller Lust an der Aufgabe den relativ großen Part, den er in diesem Film hat. Seine Wirkung betreffend, steht er sogar gleichberechtigt neben Heinz Drache und beinahe auf Höhe mit Klaus Kinski. Wichtig für den dezidierten Eindruck des Films ist auch Elisabeth Flickenschildt als eine schon beinahe dämonisch liebesblinde Mutter, die zur Ausbalanciertheit des Personentableaus viel beiträgt, weil sie als scheinbar dominierender Teil des Mutter-Sohn-Gespanns ein spannendes Familien-Zerrbild repräsentiert (sie spielte auch in „Die Bande des Schreckens“ und dem als Höhepunkt der Reihe geltenden „Das Gasthaus an der Themse“).
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).
    • In diesem Fall beschreibt der Titel nur die Tatwaffe, und das im Grunde nicht korrekt, aber „Die indischen Tücher“ hätte wohl Assoziationen mit einem Stapel Taschentücher oder Geschirrtücher hervorgerufen, die niemand wollte. Der Gag, dass Lord Lebanon diese Seidentücher in Indien en gros erwarb, weil sie gerade im Angebot waren, zündet aber gut.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    • Habgier natürlich – und auch wieder nicht. Habgier glauben alle und misstrauen einander, aber dass letztlich ein junger Mann mit Persönlichkeitsstörung hinter allem steckt, gibt der Sache eine gewisse Doppelbödigkeit, die bezüglich der Motivlage in Edgar Wallace-Filmen aber gar nicht so selten vorkommt. Gemäß der Plotanlage gibt es dieses Mal keine Maskerade, es sei denn, man sähe die Handschuhe und die krassen Unterarmschoner des Mörders als solche an, aus dessen Perspektive der Moment vor dem Mord mit dem Binden des Tuchs zu einer Schlinge stets gefilmt ist – nicht der Mord selbst, diese Sekunde zeigt die Opfer von vorne. Diese verschroben wirkenden Ärmelschoner waren notwendig um zu kaschieren, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt, was man anhand der Ärmel möglicherweise hätte erkennen können.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
    • Der Film wurde bei der CCC in Westberlin gedreht, dieses Mal gibt es in der Wikipedia kein Bild des Schlosses und wir sind im Moment nicht sicher, ob es überhaupt von außen gezeigt wurde. Es ist nicht so prägnant wie einige andere Herrensitze und andere Gemäuer, die in Edgar Wallace-Filmen zu sehen sind, die Einrichtung ist, vom Keller bzw. Dachboden abgesehen, in hellen Farben gehalten, sodass der Ort selbst weniger plastisch und gruselig wirkt als manch anderes Setting in Wallace-Filmen.
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. (…)
    • Alles ist schon vorhanden – der farbige Titel mit der Stimme (von Alfred Vohrer selbst gesprochen) und dann geht‘ in S/W weiter. Und vor dem Vorspann geschieht bereits der Mord an Lord Lebanon. Ein Klassiker unter den bereits ausgeformten Anfängen innerhalb der Reihe.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war. Während die Soundtracks von Martin Böttcher (fünf Filme), Willy Mattes (zwei Filme) oder Peter Sandloff (ein Film) eher aus zeitlosem Orchestersound mit Easy-Listening-Charakter bestanden, griffen Heinz Funk (drei Filme) und Oskar Sala (ein Film) auch auf neue Techniken der elektronischen Musik und experimentelle Kompositionen zurück.
    • Die Klassik, die im Film zu hören ist, trägt zum ironischen Gesamtbild bei, weil man besonders romantische Stücke ausgewählt hat, die in starkem Gegensatz zum verwirrt-brutalen Persönlichkeitsbild des Pianisten und Mörder stehen. Die additionale Musik von Peter Thomas lebt von Einzeleinfällen und ungewöhnlichen Geräusch, aber sinnvollerweise nicht so stark wie in Filmen der Reihe, die einen durchgehenden Originalscore haben. Die Filmmusik harmoniert gut mit den Klavierstücken, weil sie weder zu ähnlich ist, noch zu stark auf Abgrenzung setzt.

Fazit

Obwohl noch Höhepunkte wie „Der Hexer“ und „Neues vom Hexer“ kommen sollten, ist „Das indische Tuch“ bereits in der Phase des Abwärtstrends der Reihe, einer Zeit, in der das Interesse an den Wallace-Filmen langsam nachließ, entstanden. Der Titel ist zunächst nicht so spektakulär wie einige andere, weil das indische Tuch dort noch nicht als Tatwaffe benannt wird. Aber das passt zum Stil des Films, der durchaus Stil hat und sehr geschlossen wirkt. Das unterscheidet ihn von den meisten deutschen Filmen jener Zeit, auch den anspruchsvollen, und natürlich von vielen anderen Produkten der Wallace-Reihe. Die Produktionsqualität ist auf gleichbleibend gutem Niveau.

Die zeitgenössische Kritik, besonders von Dauerwerken wie dem „Lexikon des internationalen Films“ ging nicht zimperlich mit den Filmen der Reihe um, „Das indische Tuch“ wird dabei auch noch innerhalb der Wallace-Anthologie als minderes Werk abgetan, was eindeutig nicht zutrifft.

Bei der Bewertung der Filme spielten oftmals ideologische Gründe eine nicht unwichtige Rolle, und – ein unglaublicher Mangel an Humor. Mag schon sein, dass auch diejenigen, welche die Filme gut fanden, ihn oft gar nicht sahen, weil er sich auf einer Ebene zeigt, die den Trash so gut kultiviert, dass er heute als Kult gilt. Aber man darf nicht vergessen, dass sich immer wieder erste Kräfte des damaligen deutschen Schauspielwesens dafür zur Verfügung gestellt und mit sichtlicher Spielfreude und Verständnis für die speziellen Belange der Wallace-Filme eingebracht haben. Das kann man von vielen Heimatfilmen und seichten Komödien, mit denen diese Krimis qualitativ gerne in einem Topf geschmissen werden, nicht sagen. Und wenn doch, ist ihr Spiel eben nicht so erfrischend robust und gewollt übertrieben, sondern tendiert zur schwachen Komik oder zur Melodramatik. Bei den Wallace-Filmen gibt es hingegen kaum unfreiwillige Komik, denn der Schabernack-Charakter vieler Szenen ist genau kalkuliert. Zumindest auf die Vohrer-Filme trifft das nahezu uneingeschränkt zu.

„Das indische Tuch“ eignet sich auch wunderbar zum Vergleichen mit anderen Filmen, die ähnliche Plots aufweisen, wie den zeitgenössischen Miss-Marple-Adaptionen, die, zugegeben, eine Klasse für sich sind. Der schwächste dieser (vier) Filme hat von uns eine leicht bessere Bewertung bekommen als der bisher beste Wallace-Film (8/10 gegenüber 7,5/10 bzw. 78/100 gegenüber 77/100 bei der Publikation im neuen Wahlberliner 2019/2020.

Heute sieht man, wie neu und frisch diese Filme nach den 1950ern mit ihrer in Deutschland fast uneingeschränkt auf Vorkriegsstand verharrend Art waren, in der Themen in bewegte Bilder umgesetzt wurden – von einigen positiven Ausnahmen selbstverständlich abgesehen. „Das indische Tuch“ ist nicht der expressivste und am meisten mit Neuigkeiten aufwartende der Wallace-Filme, selbst die Verwendung des Tonbandes ist schon eine Wiederholung, er hat alle Zutaten für einen unterhaltsamen Krimi-Abend.

 77/100 

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Alfred Vohrer
Drehbuch Harald G. Petersson
Georg Hurdalek
Produktion Horst Wendlandt,
Preben Philipsen
Musik Peter Thomas
Kamera Karl Löb
Schnitt Hermann Haller
Besetzung

  

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