Zwischen den Gleisen – Polizeiruf 110 Fall 35 #Crimetime 555 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Schwerin #Hübner #Subras #DDR #Bahnhof #Gleise

Crimetime 555 – Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Am Bahnhof der Klau

„Zwischen den Gleisen“ ist ein echter Polizeiruf-Klassiker. In Schwarz-Weiß gefilmt, traditionell inszeniert, kaum 70 Minuten lang, eine Variation bekannter Themen und absolut ideologiefest. Wie sich das konkret ausformt, darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Auf einer Müllhalde werden 40 neuwertige Glashütte-Uhren in Originalverpackung gefunden. Oberleutnant Jürgen Hübner und Wachtmeister Lutz Subras erfahren, dass die Uhren während des Schienentransports verschwunden sind. Die Untersuchungen ergeben, dass immer wieder Güterwaggons um Teile ihrer Fracht erleichtert werden, die den Güterbahnhof Hornstein passieren, so wurden auf Nachfrage bei den Betrieben unter anderem Schuhe und Kassettenrekorder aus den Frachtkisten gestohlen. Jürgen Hübner und Lutz Subras gehen davon aus, dass der Täter unter den Mitarbeitern des Bahnhofs zu finden ist. Lutz Subras ermittelt nun inkognito vor Ort: Er gibt vor, an einer Arbeit auf dem Güterbahnhof interessiert zu sein, und versucht, Kontakte im Betriebslokal zu knüpfen.

Im Lokal wird bei seinem ersten Besuch gerade der Einstand von Manfred Petzold gefeiert, der nach mehreren Jahren Wehrdienst entlassen wurde und wieder als Rangierer zu arbeiten beginnt. Manfred ist in Kellnerin Susanne verliebt, doch hat sein Vater, der ebenfalls auf dem Bahnhof arbeitet, größere Pläne für ihn: Manfred soll studieren. Eine Kellnerin hält Paul Petzold zudem für unter Manfreds Niveau. Manfred erkennt, dass sich sein Vater in seiner Abwesenheit verändert hat. Nicht nur hat er mit Inge eine 25 Jahre jüngere Frau geheiratet. Da Inge angeblich geerbt hat, hat er sich zudem für die Familie ein baufälliges Haus gekauft, das er selbst auf- und ausbaut.

Eines Tages erwischt Werner Peto den Kollegen Günter Wustmann, genannt Spinner, als er aus einem Waggon Uhren stiehlt. Spinner hatte zuvor telefonisch den Tipp bekommen, dass in dem speziellen Waggon hochwertige Waren transportiert werden. Werner ist entsetzt, erhält jedoch von Spinner ein ebenfalls gestohlenes Radio, damit er nichts verrät. Peto geht zur Polizei und wird von Jürgen Hübner als Informant eingesetzt. Die Ermittler wollen Spinner auf frischer Tat ertappen. Zudem brauchen sie den Hintermann, der über die Fracht Bescheid weiß. Die Verwalterin der Frachtbriefe Thea Muck konnte bei der Vernehmung nur sagen, dass praktisch jeder Zugriff auf die Briefe haben kann.

Manfred besucht seinen Vater beim Hausbau. Er berichtet ihm, dass er Spinner beim Diebstahl erwischt habe, der ihn jedoch gewarnt habe: Wenn er ihn anzeige, zeige er auch seinen Vater an, der ebenfalls in die Diebstähle verwickelt sei. Paul gibt sich entsetzt und empört über den Verdacht. Wenig später erwischt Manfred ihn jedoch dabei, wie er Thea Mucks Frachtpapiere durchwühlt und die Nummer des wertvollen Waggons telefonisch an Spinner weitergibt. Paul gesteht Manfred, dass er mit dem ergaunerten Geld das Haus gekauft habe. Die Polizei nimmt Paul fest, bevor er Spinner warnen kann. Gleichzeitig erhält Jürgen Hübner von Werner Peto die Nachricht, dass Spinner und seine Mittäter in der Nacht einen Großdiebstahl planen. Die Ermittler sind vor Ort und können schließlich Spinner und den Uhrenhehler Dieter Schaffrath auf frischer Tat stellen. Pauls Frau Inge Petzold wurde wiederum in Schwerin verhaftet, als sie ein früher gestohlenes Radio verkaufen wollte.

Zusatzinfo

Neben der federführend ermittelnden Deutschen Volkspolizei – um das Arbeitskollegium von Oberleutnant Hübner, Wachtmeister Subras arbeitet Undercover – werden auch die Transportpolizei („Leg das Zeug zurück oder ich geh zur Trapo.“) und die Freiwilligen Helfer der Volkspolizei („Ich hab die anderen VP-Helfer schon verständigt.“) im Streifen erwähnt. Von diesen wird jedoch lediglich Losansky einer handelnden Person klar zugeordnet, wobei er keine VP-Helfer-Armbinde trägt. Er ist bei den Ermittlungen im Arbeitsumfeld in seiner Reichsbahnuniform ebenso Undercover unterwegs.

Rezension

Wieso hießt eigentlich die Bahn in der DDR bis zum Schluss Reichsbahn? Das hätte man doch nun wirklich ändern können. Aber es gab ja noch mehr Dinge, die dort mehr an die alten Zeiten angelehnt waren als im Westen. Die Atmosphäre ist nicht mehr ganz so schön düster wie im ersten Bahnhofskrimi der Reihe, „Das Haus an der Bahn“. Aber es geht schon wieder um das Gleiche: Nämlich darum, dass jemand unter den Bahnbeamten, wie man sie im Westen damals genannt hätte, also aus den Brigaden, aus den Güterwaggons heraus klaut. War es in „Das Haus an der Bahn“ noch ein unscheinbarer, verschuldeter Einzeltäter, der unglücklicherweise und ungewollt in Ausübung seiner Diebstahltätigkeit eine Tötungshandlung beging, so sehen wir nun vier Mitwirkende, davon drei Bahner – und kein Kapitalverbrechen. Ein Jahr zuvor sah man im wesentlich progressiver gefilmten „Die Rechnung ging nicht auf“ erstmals, wie ein komplettes Kollektiv einen Großbetrug mit Benzinabrechnungen beging, zusätzlich war der Fahrdienstleiter eines weiteren volkseigenen Betriebs an der Sache beteiligt.

Wenn man so will, ist „Zwischen den Gleisen“ eine logische Weiterentwicklung von „Das Haus an der Bahn“, während „Fehlrechnung“ seiner Zeit ein gutes Stück voraus war. All die Krimis, in denen aus Kaufhäusern, Museen etc. geklaut wird, listen wir jetzt nicht, es gibt im kleineren Rahmen genug zu schreiben und zu vergleichen. Der frappierende Unterschied zu „Das Haus an der Bahn“ ist, wie man drei Jahre später das Ganze festgezurrt und ohne den Schatten des Zweifels oder des doch beinahe tragischen Täterschicksals durchgezogen hatte.

Der Mann, der den Klau selbst ausführt, ist ein typischer Typ. Er hat eine schräge Lebensphilosophie, die nicht ins gerade sozialistische Denken passt, er trägt einen Bart und hat eine undeutsche Gesichtsform mit langer, gebogener Nase. Das ist natürlich ein bisschen pointiert, es gab eine Menge Täter, die optisch unauffälliger waren, in den Polizeirufen, aber alles zusammen lässt ihn abweichend wirken und als asoziales Element hervortreten. Man erfährt nicht, was ihn antreibt, damit nicht der Zuschauer sich über eventuell nachvollziehbare Motive wie eben Verschuldung mit ihm identifizieren kann. Dafür ist die Familie Petzold da – um den wohlwollenden Betrachter emotional mehr anzubinden.

In dieser Familie kann man alles sehen, was gut und nicht gut ist. Der Vater ist Ingenieur bei der Bahn und will, dass sein Sohn studiert, der aber möchte gerne sein eigenes Ding machen uns lieber mal erst als Rangierer weiterarbeiten. Auch um in der Nähe seiner Freundin zu sein, die leider nur Kellnerin ist, was der Vater nicht als standesgemäß für seinen Sohn empfindet. Standesgemäß baut der Vater selbst ein Haus aus. Eine Kapitalanlage für seine wesentlich jüngere Frau. Diese Beschreibung verrät Unheil. Dieses Mal nicht, weil privater Hausbau in der DDR offenbar immer mit halb- oder illegaler Abzweigung von Baumaterial verbunden war, wie mehrere andere Polizeirufe belegen, sondern, weil es dafür mehr Geld braucht, als der Ingenieur verdient. Kann man sich kaum vorstellen, er macht doch alles selbst, handwerklich begabt, wie er trotz seines Kopfarbeiterjobs ist.

Egal. Wo nimmt der Ingenieur das Geld her? Indem er mit dem Bärtigen, dessen Helfer – und mit seiner eigenen jungen Frau zusammenarbeitet, die als Hehlerin fungiert. Da hat sich ja eine famose Diebesband im Bahnmilieu etabliert und der eine ist innerlich und halb äußerlich ein Desperado, der andere ein verstiegener, prestigesüchtiger Mensch, der will was Besseres sein und das auch für seinen Sohn erreichen. Es kommt nicht selten vor, dass in Polizeirufen Akademiker sehr kritisch unter die Lupe genommen werden, brave Handwerker hingegen selten Unrecht – in größerem Ausmaß – tun. Schwarzarbeit war auch wohl eher ein Kavaliersdelikt. Auf andere Weise im Westen, wo das auch so war. In der DDR war sie vermutlich sogar notwendig, um die Schwierigkeiten zu überwinden, die für Privatleute bestanden, wenn sie auf offiziellem Weg versuchten, an solche Leistungen heranzukommen. Die Logik dahinter ist im Grunde klar: Der Staat versorgt und baut und das ist bei Weitem wichtiger, als wenn Restanten, die noch Privateigentum haben oder sogar neues erwerben wollen, unsozialistisch-egoistisch vor sich hin werkeln. Eigentum am Boden konnte man als Privatperson ohnehin nicht regulär erwerben. Aus heutiger Sicht: Super, weil keine Spekulationsmöglichkeit. Aber die andere Seite war eben, dass der Mangel an verfügbaren Leistungen eine der Mangelerscheinungen in der DDR war.

Ein weiteres Indiz für eine Mangelwirtschaft ist, dass Gegenstände zweifelhafter Herkunft und auch Gebrauchtwaren nur mit geringen Abschlägen gegenüber Neuem gehandelt wurden. Auch Werterhalt ist eine feine Sache und wir müssen wieder dahin kommen, dass die Wegwerfgesellschaft gebremst wird, aber das ändert nichts daran, dass der Produktion und Nachfrage in der DDR nicht in der Balance waren und das sieht man in Polizeirufen immer wieder, auch in solchen, in denen kaum ideologische Konzessionen gemacht werden, wie in „Zwischen den Gleisen“. Es sind aber hier die Figuren, die charakterliche Mängel offenbaren, Oberleutnant Hübner als leitender Ermittler kommentiert gar nicht. Das ist auf jeden Fall elaborierter, als die Polizei auf direkte Weise nicht nur zur Verbrechensaufklärung, sondern auch zur Volksaufklärung zu verwenden.

Wir fragen uns mittlerweile, ob man bei der Planung der Polizeiruf bewusst zwei Varianten zu realisieren gedachte: Eine knappe, einfache und eine, die mehr Bandbreite und Experimente erlaubte und damals auch schon in Farbe gedreht war. Oft traten in der „Luxusversion“ auch mehr als zwei Ermittler auf. Von Werner Röwekamp, dem Regisseur von „Zwischen den Gleisen“ haben wir bisher nur „Die verschwundenen Lords“ gesehen, dessen schlichter Stil dem von „Zwischen den Gleisen“ ähnlich ist und der ebenfalls in SW produziert wurde. Auch in jenem Film, jetzt erwähnen wir also doch einen weiteren, ging es um fortgesetzten Klau durch Angestellte, dieses Mal eines Möbelgroßhandels.

Einige der Regisseure hatten eine große Bandbreite, wie etwa der Routinier Hans-Joachim Hildebrandt, andere galten als versiert, wie Helmut Krätzig, unser Favorit ist mittlerweile Peter Vogel, der es schaffte, seinen Filmen einen ganz eigenen, sehr attraktiven Stil zu verleihen – in gewisser Weise war er der Dominik Graf der DDR-Polizeirufe. Werner Röwekamps Arbeit an der Reihe endete schon 1975 – mit „Zwischen den Gleisen“, sodass wir keine weitere Entwicklung werden beobachten können. An dem Film, den er zuvor (in Farbe) gedreht hat, „Nachttaxi“ versuchen wir uns seit einiger Zeit. Zweimal sind wir bisher dabei eingeschlafen. Das kann auch bedeuten, dass wir müde waren.

Finale

Schon im Jahr 1975, nur vier Jahre nach dem Start der Reihe, wirkt „Zwischen den Gleisen“ doch recht stark wie ein Aufguss, aber auch wie die Zusammenfassung einer bestimmten, eher einfachen Spielart des Polizeirufs, in der es hauptsächlich um den Kampf gegen Diebstähle aller Art geht. Die meist sehr schlichte Struktur dieser Filme würde nicht einmal für 70 Minuten Spielzeit ausreichen, wenn man nicht persönliche Konflikte einbauen würde, die sich bestenfalls wiederum ideologisch auswerten lassen. Eine solche Kombination haben wir beim 35. Polizeiruf vor uns.

6/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Werner Röwekamp
Drehbuch Günter Mehnert
Produktion Erich Biedermann
Musik Ciril Cibulka
Kamera Kurt Bobek
Schnitt Monika Wille

Jürgen Frohriep: Oberleutnant Jürgen Hübner
Alfred Rücker: Wachtmeister Lutz Subras
Lothar Schellhorn: Oberleutnant Ambroß
Christl Jährig: Unterleutnant Meißner
Leon Niemczyk: Paul Petzold
Dorit Gäbler: Inge Petzold
Michael Christian: Manfred Petzold
Michael Narloch: Günter „Spinner“ Wustmann
Helmut Schellhardt: Alfred Losansky
Erhard Köster: Gerd Gericke
Ernst-Georg Schwill: Werner Peto
Traute Sense: Thea Muck
Wolfgang Ostberg: Dieter Schaffrath
Manja Göring: Susanne
Peter Heiland: Peter
Erich Breese: Polizist
Hannelore Wüst: Hotelangestellte

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