Ikarus – Polizeiruf 110 Fall 350 #Crimetime 556 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Brandenburg #Krause #Lenski #Ikarus #RBB

Crimetime 556 - Titelfoto © RBB, 

Time To Say Goodbye

25 Fälle hat Horst Krause mitgelöst, mit dem 350. Polizeiruf beendet er seinen. Dienst. Anders als im RBB-Trailer, der die Wiederholung bewirbt, wird im Film – leider – nicht „Time to say Goodbye“ gespielt. Es hätte zu diesem Inhalt dieses melancholischen Films gepasst. Aber dann doch wieder nicht zum Stil, denn große Emotionen sind überwiegend sparsam inszeniert. Vielleicht, damit es nicht zu theatralisch wird. Zeitweise sieht man Horst Krause sogar schon ohne Hund im Motorrad sitzen. Wollen wir hoffen, dass die Nr. 3 unter Krauses Vierbeinern namens „Haduk“ nicht während der Dreharbeiten verstarb, aber auch das wäre hier kein aus dem Rahmen fallendes oder die Atmosphäre wesentlich veränderndes Ereignis gewesen. Mehr über Krauses letzten Fall steht in der -> Rezension.

Handlung

Ein junger Mann, Daniel Reef, hängt in einem Baum – offensichtlich ein Pilot, der aus seiner Maschine gefallen ist. Aber von dem Flugzeug fehlt jede Spur. Das Handy des Mannes zeigt eine junge Frau, die mitgeflogen sein muss. Lenski und Krause sind alarmiert: Ist das Flugzeug noch in der Luft?

Krause nimmt der Fall sehr mit, da er die Familie Reef gut kennt und ein enges Verhältnis zu Daniel hatte. Dessen Vater Martin Reef betreibt gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner Peter Tender seit Jahren eine Solarmodulfabrik. Durch ihren unternehmerischen Mut haben die beiden viele Arbeitsplätze in der Uckermark geschaffen. Doch inzwischen schreibt die Firma tiefrote Zahlen.

Daniel überlebt, liegt aber noch im Koma. Inzwischen ist auch klar, wer die junge Frau auf dem Handyfoto ist. Anjela Krol hat den Absturz nahezu unbeschadet überlebt, was an ein Wunder grenzt. Normalerweise wäre der Fall jetzt abgeschlossen. Doch dann finden die Ermittler im Flugzeugwrack eine Tasche mit 750.000 Euro in bar. Und es stellt sich heraus, dass der Gurt des Piloten offenbar manipuliert wurde. Nun spricht alles für einen Mordversuch.

Die Ermittlungen laufen mit Hochdruck, denn Krause will in seiner letzten Dienstwoche vor der Rente keinen ungeklärten Fall zurücklassen. Und von einer Abschiedsfeier will er auch nichts wissen.

Rezension

Was uns in dem Film am meisten getriggert hat, war nicht Horst Krauses Abschied. Immerhin gibt es schon fünf Spin-offs mit dem guten Polizisten von Brandenburg, das jüngste davon haben wir kürzlich angeschaut und rezensiert („Krauses Glück“), ein sechstes ist in Arbeit. Auch das Schicksal der Episodenfiguren oder das von Krauses Chefin Olga Lenski war nicht unser Nachdenk-Anker, denn wir wissen ja, wie es bei der Kommissarin weitergeht, also, dass Lenski nun mit einem gewissen Adam Raczek zusammenarbeitet – und zu den Ikarus-Charakteren kommen wir noch. Es war der drohende Verlust von 400 Arbeitsplätzen, einige von deren Inhaber*innen sieht man nur als Statisten in einer einzigen Szene. Das Schicksal der deutschen Solarindustrie und, so könnte man jetzt hinzufügen, der Windkraftbranche, stand wohl Pate. Der Fail, sich in Zukunftstechnologien zu etablieren und damit strukturschwachen Regionen Auftrieb zu verleihen.

Wie hier zum zweiten Mal innerhalb von 25 Jahren abgewickelt werden soll, wenn auch in einem edleren Ambiente als nach der Wende, das ist wirklich deprimierend, zumal die neue Technologie ohnehin viel weniger Arbeitsplätze bot als die Kombinate, volkseigenen Betriebe etc., die in Ostbrandenburg verloren gingen oder sich wesentlich verkleinerten. Auch im Hightech-Bereich darf der Ressourcenverbrauch nicht mehr so hoch sein wie bisher, das ist schon klar, aber es gibt eben keine auskömmliche Infrastruktur, ob mit oder ohne Konversion. So ein Werkstoffhersteller wie die leider nie benannte FIrma von Reef und Tender ist ja für dortige Verhältnisse ein Großarbeitgeber und auch recht stylisch. Leider ist dieser wirtschaftliche Hintergrund, in dem es zudem um Subventionen und Korruption geht, mit das Realistischste in diesem Film und beschreibt eine offenbar unvermeidliche Entwicklung. Deutschland hält zwar gerade so die 20-Prozent-Zielvorgabe der EU (20 Prozent des BIP sollen industriell erbracht werden), doch die Zahl der Arbeitsplätze im produzierenden, verarbeitenden Gewerbe nimmt ab, stärker als üblich in Krisenzeiten, wie sie sich gerade wieder abzeichnen.

Nachhaltig wäre es vielleicht, dass sich Branchen dauerhaft etablieren können. Doch wir können nicht davon ausgehen, dass in Deutschland auf mittlere und längere Sicht irgendetwas so wesentlich besser gemacht werden kann als in anderen Ländern, dass es unbedingt hier produziert werden muss. Die Arbeitskosten und bestimmte Standards sind nun einmal höher als in Asien, da hilft auch der Billiglohnsektor nicht und wir wollen ja eher „gute Arbeit“, vor der Menschen wirklich leben können. Die Autoindustrie, die Fahrzeuge mit den bekannten hiesigen Markenlabels herstellt und von der man sich so abhängig glaubt, fertigt seit 2016 mehr Einheiten im Ausland als in Deutschland.

Nachtrag: Jeder wird jetzt an die Gigafactory von Tesla denken, die sich in Brandenburg abzeichnet und an den visionären Chef von Tesla. Aber die Meinungen gehen weit auseinander darüber, ob, Strukturschwäche hin oder her, ein solches Werk in dieser Zeit, zu aktuellen Konditionen, Sinn ergibt. Die Berliner Sicht: Eher nicht. Die der Menschen vor Ort, in Grünheide, dürfte überwiegend davon abweichen.

Man spürt in „Ikarus“ schon, dass die beiden Unternehmer etwas ganz Großes aufbauen wollten und die Kombination der technikverliebte Sensible, der Erfindergeist und der Kaufmann, der sich leichter von allem trennen kann, solange es noch lukrativ erscheint, die gibt es in vielen Unternehmen. Der Zwist, der daraus entsteht, dass man unterschiedliche Wege gehen will, ist nicht so weit hergeholt. In der Regel wird dabei kein Krimi mit Todesfällen draus, aber gäbe es keinen, könnte man keinen Polizeiruf aus dem Thema machen. Keinen Polizeiruf der heutigen Generation, früher kam es in der Reihe durchaus vor, dass keine Kapitalverbrechen ausgeführt wurde.

Soeben kam der Gedanke hinzu, ob innovationsstarke, vorwärts orientierte Unternehmungen tatsächlich von einem Kollektiv besser geführt werden könnten als von einer Unternehmerkombination wie der, die wir hier sehen. Immerhin hat das Duo über einen längeren Zeitraum hinaus eng und erfolgreich zusammengearbeitet und eine dieser Männerfreundschaften gepflegt, die ein bisschen mit „Jules et Jim“-Elementen garniert wurde. Lässt eine als Ideengeber herausragende Person ihr komplettes Potenzial frei, wenn sie nicht auch ihre persönlichen, durchaus kapitalistischen Träume verwirklichen kann und sich vielleicht mühsam gegen unzählige Bedenkenträger durchsetzen muss, was aufgrund ihrer Charakterstruktur gar nicht ihr Ding ist? In konservativen Branchen, wie sie überwiegend bei der Daseinsvorsorge gegeben sind, sehen wird das anders, aber dort, wo Kreativität die Hauptrolle spielt, halten wir es für unumgänglich, dass die Einzelperson viel Raum bekommt.

Das ruhige Land ist dafür sicher nicht schlechter geeignet als die Stadt. Das ruhige Land bedeutet in deutschen Krimis in der Regel auch eine ruhige Inszenierung, die Action ist eher dem stark belebten Raum vorbehalten. Die Brandenburg-Polizeirufe boten sich dafür auch an, schon wegen Horst Krause, den man sich nicht als Action-Hero vorstellen kann. Dass er nie eine Waffe trägt, wie wir es in einer Kritik zu „Ikarus“ gelesen haben, stimmt allerdings nicht. Dass er zur Dienstpistole kein sehr inniges Verhältnis hat, wird allerdings immer wieder deutlich, weil er sich diese doch recht leicht entwenden lässt (u. a. in „Die Gurkenkönigin„).

„Ikarus“ steht für die Anti-Krauses, die wir in diesem Film sehen. Menschen, die zu hoch hinauswollen und buchstäblich oder im übertragenen Sinn abstürzen. Man vergisst angesichts des freidrehenden Finanzkapitalismus, dass sehr viele Startups eben nicht Milliardäre, sondern „gescheiterte Existenzen“ hervorbringen, wie man es früher nannte. Deswegen wird immer häufiger auch in Deutschland ein Scheitern als Chance aufgefasst, nicht als ewiges Stigma. Das ist richtig so, ändert aber nichts am Ikarus-Syndrom, das viele jüngere Menschen zeigen. Es ist unumgänglich, dass immer wieder jemand etwas wagt und dabei auch mal verliert. Sicher haben die Reefs und Tenders dieser Welt auch eine schöne Zeit gehabt, bis es dann schiefging und ganz hart fällt man ja meist bei uns auch nicht. Sicher, Selbständige können nach der Pleite sofort in Hartz IV geraten, aber oft werden vorhandene Connections auch genutzt, um es irgendwie nochmal zu schaffen. Vielleicht nicht ganz so fulminant wie beim ersten Versuch, dafür mit mehr Realitätssinn im mentalen Werkzeugkasten.

Trotz des traurigen Grundtons, den man nicht mit zu vielen Gimmicks stören darf, hätte der Film mehr Drive haben dürfen, der aus den Relationen entsteht. Das eine oder andere Klischee, das hier gezeigt wird, wäre dann sicher mehr in den Vordergrund getreten, aber vielleicht ist das Sterben von Träumen auch eine recht zähe Angelegenheit. Weil man ein Flugzeug nicht ohne Weiteres opfern und mit einem feurigen Absturz keinen Knalleffekt inszenieren konnte – sowas gibt das Polizeiruf-Budget nicht her, auch nicht als CGI-Simulation – hat man die gelbe Maschine offscreen hinter einer Bauernkate abstürzen lassen. Dieser alte Schuppen ist auch irgendwie symbolisch dafür, wohin die Lebensweise vieler tendieren wird, wenn der Traum von der alles befreienden Technik ausgeträumt ist.

Finale

„Ikarus“ ist sicher ein eher leiser Abgang für Horst Krause und am Ende will er nicht eimmal zur Verabschiedungsfeier, zum Ausstand, sondern fährt mit Motorrad und Hund davon. Das wirkt recht lapidar und so richtig Trauer kommt nicht auf, siehe oben. Eher eine Grundstimmung in Moll. Die Arbeitsplätze sind weg. Der Krause ist auch weg. Und Lenski arbeitet künftig an der polnischen Grenze mit einem Typ, mit dem sie sogar eine Beziehung haben könnte. Das ist richtig banal. Und die längere Handlungsbeschreibung in der Wikipedia offenbart, dass der Film ziemliche Logikklemmen hat. Ist schon alles echt Brandenburg.

6,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon)
Polizeihauptmeister Krause (Horst Krause)
Martin Reef (Martin Feifel)
Catherine Reef (Ursina Lardi)
Daniel Reef (Hauke Diekamp)
Peter Tender (Bernhard Schir)
Anjela Krol (Margarita Breitkreitz)
Paul Riemann (Bernhard Conrad)
Elsa Krause (Carmen-Maja Antoni)
Wolfgang Neumann (Polizist Fritz Roth) u. a.

Musik: Thomas Klemm
Kamera: Gero Steffen
Drehbuch: Uwe Wilhelm
Regie: Peter Kahane 

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