Abgründe – Tatort 902 #Crimetime 557 #Tatort #Wien #Eisner #Fellner #ORF #Abgrund

Crimetime 557 - Titelfoto © ORF, Petro Domenigg

Nach Herrenart

In Wien ist es so kalt, dass man beinahe vor dem Fernseher einfriert. Und das geht jetzt seit einigen Tatorten so. Dieses Mal: Der Fall Natascha Kampusch mit bösartigsten Hintergründen hochinterpretiert und am Ende wird eine Rechtsfrage aufgeworfen.

Hat nämlich Oberst Moritz Eisner einen Mord begangen, indem er dem Generalmajor Paul von Fichtenberg die falche Tatsache vorgespiegelt hat, er habe Beweismaterial gegen ihn in der Hand und diesem dringendst geraten, der Justizverfolgung und dem Skandal für seine Familie dadurch zu entgehen, dass er sich selbst richtet und damit die Privatjustiz von Eisner vollzieht? Das ist eine ganz heikle Sache, die genauer Prüfung befürfte – wie weit zum Beispiel ging in diesem Moment der Einfluss, den Eisner genommen hat, wie sehr war das Handeln des von Fichtenberg, dessen letzte Sekunden wir nur noch angedeutet sehen, weiterhin selbstbestimmt? Der berühmte Sirius-Schulfall ist nämlich etwas anders gelagert (Beeinflusung durch psychische Einwirkung, gerichtet auf die Begehung einer Selbsttötung).

Wie immer eine solche Prüfung ausgehen würde – wenn man eh schon mit der Jagdflinte auf Angehörige eines Pädophilenrings schießt, um sie zur Panik und damit zu Fehlern zu bewegen, ist auch der Gedanke „die Rache ist mein, sprach der einzige integere Mensch in ganz Wien“ nicht fern. Nein, neben dem Moritz gibt es ja auch noch die Bibi, die ist auch ein feiner Kerl. Wie die beiden seelisch unbeschadet durch ihre immer schlimmer werdenden kriminalistischen Höllentrips kommen, ist ebenso ein Rätsel, wie die Funktion von Polizisten am Tatort, die bereits angeschlagen sind, wenn sie erst anfangen. Aber komisch, man glaubt das alles und man ist ganz und gar auf der Seite der Rächer. Das hat damit zu tun, wie die Wien-Tatorte seit einiger Zeit inszeniert werden. Darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung

Es war das Ende eines langen, schrecklichen Alptraumes, als das Mädchen Melanie Pölzl fünf Jahre nach ihrer Entführung aus einem Verlies fliehen konnte. Der Täter hatte danach offenbar keinen Ausweg mehr gesehen und sich vor einen Zug geworfen. Daraufhin wurde der Fall offiziell abgeschlossen.

Doch als Moritz Eisner zusammen mit seiner Kollegin Bibi Fellner an einem verschneiten Wintertag zu Abbrucharbeiten des Horror-Hauses im niederösterreichischen Gieselbrunn gerufen wird, nimmt das Geschehen eine dramatische Wendung. Denn inmitten der Trümmer wurde in dem gleichen Kellergewölbe die frühere Leiterin der „Soko Melanie“ Franziska Kohl tot aufgefunden – verdurstet.

Der zutiefst erschütterte Moritz Eisner ist überzeugt, dass es kein Unfall war. Und ihm wird schnell klar, dass er gegen ein unsichtbares Netzwerk kämpfen muss, das bis in die Spitzen von Polizei und Justiz hineinreicht.

Eisner, der diese Kollegin nicht nur sehr gut kannte, sondern sogar einige Zeit mit ihr liiert war, steht mit seinem Verdacht von einer Verschwörung fast ganz allein. Nur Bibi Fellner hält zu ihm. 

Rezension: anhaltend aufwärts

Es gibt im verreinigten deutschsprachigen Tatortland zwei Teams, die zur Zeit immer neue Höhen erreichen, und die liegen geografisch am Nord- und am Südpol dieses Gebietes: Kiel und Wien. Zumindest gilt das, wenn man den Bewertungen auf der führenden Plattform „Tatort Fundus“ folgt. Wir haben alle wichtigen bzw. langfristig aktiven Teams mittlerweile mit Bewertungskurven analysiert und nur diese beiden haben eine eindeutig aufwärts gerichtete Tendenz. Mit einem kleinen Haken: Wien ist vor längerer Zeit vergleichsweise schlecht gestartet und hat daher mehr natürliches Aufwärtspotenzial als Kiel, dort haben sie sich von Beginn an am oberen Rand des Teamrankings bewegt.

Aber es passt ja auch: Während im Norden jenseits aller Personalwechsel immer bessere Inzsenierungen geliefert werden, gibt es im Süden bzw. Südosten einen Ruck, dem Moritz die Bibi beigestellt wurde. Der war vorher auch sehr eigenbrötlerisch, ihm hat das alter ego, ihm hat der Spiegel gefehlt, und das ist jetzt perfekt gelöst. Wie schrecklich unwahrscheinlich einzelne Handlungsbestandteile ihrer Filme auch sein mögen, als Gespann funktionieren sie so gut, dass man mit ihnen durch dick und dünn geht. Und das ist der Knackpunkt der neueren Wiener Inszenierungen – der  Zuschauer wird bis zum Anschlag manipuliert und jeglicher Distanz beraubt. Der Schlüsseltatort dazu war wohl „Kein Entkommen“, als man das Schema erstmalig voll angewendet hat und feststellen durfte – das Publikum ist begeistert.

Wir sind ja auch begeistert, wir geben’s zu. Da ist es schon beinahe egal, ob der Eisner am Rollcontainer keinen Schlüssel hat und man ihm wie einem Anfänger ein so wichtiges Beweisstück wie das Notizbuch der Kollegin entwenden kann und wie der Kriminalrat darauf kommt, wo es versteckt ist, wie schnell jemand mitten in der Stadt gefahren sein muss, um als Insasse eines modernen Autos mit Airbags an allen Ecken so schwer verletzt zu sein wie Eisners Tochter. Das mit dem Zweitführerschein haben wir uns gemerkt. Was es bringen soll, ist eine andere Frage. Beim Dienstausweis wirkt es, als ob man mit der Suspendierung schon gerechnet hat und für den Fall, dass man den ersten Ausweis abgeben muss, einen zweiten parat hat. Wien hat sich, auch was den Umgang mit solchen Tatbeständen angeht, die sich letztlich alle nicht negativ auf die Karrieren der Beteiligten auswirken, wohl am weitesten von der Realität entfernt, die internen Verfahren der Polizei betreffend – allerdings sind einige deutsche Schausplätze der österreichischen Hauptstadt dicht auf den Fersen. Es gibt weitere Fragwürdigkeiten, die uns im Nachgang eingefallen sind und zu einer leichten Abwertung führen – im Einzelnen finden sie in dieser ohnehin mit Ü-Länge versehenen Rezension keinen Platz mehr.

Der Witz ist, dass uns das alles bei den beiden Originalen Moritz und Bibi viel weniger stört, als wenn drögere Typen deutscher Machart sich so verhalten würden. Das ist eben der Überschmäh, den muss man mögen oder solche Tatorte komplett abschenken. Und hinter allem steckt ja auch ein schwarzer, zuweilen morbider Humor, den sie in Wien besonders gut können – wo sonst wird schon der Zentralfriedhof besungen? Dass in einer solchen Stadt die Pädophilenringe wuchern, kann man sich gut vorstellen und man kann es sich, entgegen der Wirklichkeit, besser vorstellen als in Gegenden, in denen die Leute so furchtbar seriös wirken.

Bitte Augenmerka auf den Schluss. Der ist nämlich nicht der vermutliche provozierte Selbstmord des adeligen Ex-Heeresoffiziers, sondern die deprimierende Erkenntnis, dass aufgrund Verbrennung oder Beseiteschaffung von Beweismaterial in Form von Videoaufzeichnungen aus dem – so lauter der Begriff im Film – „Kinderpuff“ zwar der Generalmajor und der schmierige Bauunternehmer dahingeschieden sind, der Ring seinen Platz für den Missbrauch von Kindern verloren hat – aber weiterhin besteht und sich auf Connections bis auf höchste Ebene verlassen kann. Zwischenzeitlich haben wir uns gefragt, ob der ORF mehr Freiheiten hat als andere Sender, diese mittlerweile zum Standard gewordenen Anspielungen auf die Verstrickungen der obersten Politik in übelste Verbrechen würde hierzulande wohl die Senderbeiräte auf den Plan rufen, und in denen sitzen ja nun einmal auch die Parteien.

Die Front bröckelt allerdings, seit die Geheimdienste und Bundespolizisten sich in Fällen wie den NSU-Morden lächerlich gemacht haben. Diese zumindest sind bei uns jetzt auch zum Abschuss freigegeben, wenn es um das Stricken von Tatort-Plots geht. Und natürlich darf man auch hier fragen, wie es zu Aktenvernichtungen kam, die nur von unglaublicher Dummheit zeugen können – oder davon, dass es einen entsprechenden Auftrag von oben gegeben hat, damit es, ähnlich wie in „Abgründe“ nur zu einem begrenzten Feuer und nicht zum Flächenbrand kommt. Eine dritte Variante ist kaum denkbar.

Und weil das so ist, kann Eisner auch sagen, es ist kein Wunder, wenn Polizisten der therapeutischen Hilfe bedürfen. Bibi und Max sind jedenfalls immer kurz vor dem Abdrehen. Der 32. Eisner-Tatort ist zwar nicht der blutigste bisher, da bleibt „Kein Entkommen“ vorne, aber alle emotionalen Register werden erneut gezogen. Durch das geschilderte Verbrechen des Missbrauchs von Kindern und dies in großem Umfang, und natürlich dadurch, wie die Herzpolizisten Bibi und Max damit umgehen. Es macht einen atemlos, wie jegliche Distanz übersprungen wird. Bei genauem Hinsehen sind die österreichischen mittlerweile die am meisten amerikanisierten Tatorte. Man ermittelt nicht mehr mit oder sitzt auf einem Spannungsbogen, man hat den Eindruck, man sitzt mit in diesem Pontiac Firebird vom Inkasso-Heinzi und würde auch gerne mal die Jagdflinte verwenden, um bestimmte Prozesse zu beschleunigen.

Ungefährlich ist das nicht. Eine ohnehin aufgeheizte Stimmung wird weiter befeuert, wenn es um die Pädophilen geht. Wie gut sie vernetzt sind und das alles, das kommt hinzu. Wir Normalbürger glauben ja eh mittlerweile, dass die normalen Gesetze nur für uns gelten, und nicht mehr ab einem bestimmten Stadium der Machtanhäufung. Dies mit dem Thema Kindesmissbrauch zu verknüpfen ist so ziemlich die größte Spekulation, die man derzeit dem Zuschauer anbieten kann, um ihn selbstjustizgeneigt zu  machen – oder, sagen wir: Dem Verständnis für Selbstjustiz zugeneigt. Jetzt denken wir mal, vor allem in Fällen, in denen ein Verdacht sich nicht bestätigt, ist das hochproblematisch. Aber ist es weniger problematisch, wenn er sich doch bestätigt? Es ist auch schon eine Art von Missbrauch, wenn man den Baufuzzi sagen lässt „Wir leben in einem Rechtsstaat“, so hinterfotzig, so ekelhaft, und den Eisner dann dagegen anschreien lässt.

Im Grunde würden Filme wie diese an der demokratischen Substanz und an der Zivilgesellschaft – wenn sie den Einfluss dazu hätten. Wer eher zurückhaltend mit Anschuldigungen und mit allem umgeht, was den Weg in die Medien findet, wird seine Einstellung durch einen Tatort nicht ändern, die anderen haben es eh schon immer gewusst: Abknallen! Einige Nutzer – wir schauen während des Schreibens immer mal rein – haben „Abgründe“ ja auch ganz schlecht bewertet, der Film polarisiert ein wenig. Das lässt nur den Rückschluss zu: Entweder haben diese Leute die Manipulation durchschaut, fanden die Handlung schlecht (die Darsteller können sie nicht schlecht gefunden haben). Oder sie sind pädophil und hatten das Gefühl, sie werden beobachtet.

Fazit

Die Eisner-Bewertungskurve ist somit auch eine Fieberkurve und die steigt weiter an, so viel ist bereits sicher. Abgesehen von den Kaltfarben und einem einzigen Zeitraffer ist dieser Tatort übrigens für heutige Verhältnisse nicht übermäßig  modern gefilmt, es gab schon Wiener Fälle, in den letzten Jahren, mit mehr visueller Pracht. Es wäre aber auch ein Schmäh zu sagen, zu viele Gimmicks würden nicht zum schweren Thema passen, denn die gibt es durchaus. Sie liegen in den Dialogen, an denen Bibi und Moritz beteiligt sind. Einmal dachten wir sogar, die abgewiesene Jungkollegin, die Eisner während der Suspendierung trifft, wäre ein U-Boot des Kollegen, der mit drinsteckt im Ring. Die Szene bleibt auch so ein wenig unglaubwürdig, Charme hin oder her.

Einen ernsthaften Umgang mit einem Thema, mit dem allein in Deutschland vermutlich täterseitig mehr als 100.000 Männer befasst sind, stellen wir uns anders vor. Weniger spekulativ und weniger auf niederste Instinkte zielend. Wenn man aber das Thema pars pro toto nimmt, wenn es um den Filz im Land, und nicht nur in Österreich, geht, dann ist „Abgründe“ wieder großes und mutiges Kino. Zumindest bei uns könnte man ihn als mutig bezeichnen. Der Verstand weiß, es muss so sein. Das Herz mag es immer noch nicht glauben, weil es allem widerspricht, wozu wir als Staatsbürger erzogen wurden. Aber so ist das, wenn die Restnaivität, die der Tradition der Verantwortungsethik immanent ist, immer noch lebt und sich kräftig gegen die Realität wehrt – oder doch gegen deren schlimmste Tatbestände.

Die Bewertung von „Abgründe“ resultiert aus der Überwindung der Naivität, die wir wenigstens heute Abend mal wieder kurzfristig geschafft haben: 8/10.

Nachtrag: Im Oktober 2013 wird publik, dass inernational gegen den Abgeordneten des Deutschen Bundestages Sebastian Edathy (SPD) wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material ermittelt wird. Im Februar 2014 stellt sich heraus, dass auch ein hoher Mitarbeiter des mit dem Fall befassten Bundeskriminalamts einem gleichgerichteten Verdacht ausgesetzt istDer Dienst-Laptop von Edathy ist, so heißt es, bei einer Dienstreise am 31. Januar abhanden gekommen. 

© 2020, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Chefinspektor Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Major Bibi Fellner – Adele Neuhauser
Ernst Rauter – Hubert Kramar
Claudia Eisner – Tanja Raunig
Julia Wiesner – Stefanie Dvorak
Markus Frey – Michael Dangl
Marianne Pölzl – Martina Spitzer
Caroline Pölzl – Lisa Furtner
Paul von Fichtenberg – Heinz Trixner
Henriette von Fichtenberg – Elfriede Schüsseleder
Katja von Fichtenberg – Lucy Gartner
Hausangestellte – Margarethe Tiesel
Pathologin Veronika Resnik – Eva Billisich
Werner Nussbacher – Thomas Mraz
Friedrich Kohl – Robert Meyer
Dr. Koppenburg – Alexander Fennon
TV Journalistin – Birgit Mayr
u.a.

Drehbuch – Uli Brée
Regie – Harald Sicheritz
Kamera – Thomas Kürzl
Musik – Lothar Scherpe

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