Die Wahrheit stirbt zuerst – Tatort 877 #Crimetime 559 #Tatort #Leipzig #Saalfeld #Keppler #MDR #Wahrheit #Sterben

Crimetime 559 - Titelfoto © MDR, Junghans

Müdigkeit, die wie Würmer aus den Augen hängt

In der Tat. Würmer hängen nicht, sie kriechen, oder? Und übehaupt, was für ein Bild! Dieser seltsamen Rhetorik kann man sich trotzdem nicht vollkommen verschließen. Drei Männer haben das Drehbuch zum Tatort 877 geschrieben. Das heißt, es müsste ein Sechsaugenprinzip gegeben haben, vielleicht war einer nur für die Dialoge, der zweite für den Erzähltext, der dritte für die Plotkonstruktion oder die Idee zuständig. Oder was sonst für Verfahren denkbar sind, einen Text im Teamwork zu produzieren. Wie auch immer, das Wichtige zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

In den frühen Morgenstunden werden die Hauptkommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler zu einem Waldsee gerufen. In einem Boot ist ein siebenjähriges Mädchen tot aufgefunden worden. Ihre Mutter Paula Albrecht ist verzweifelt. Sie verdächtigt ihren Mann Peter, von dem sie seit einiger Zeit getrennt lebt. Amelie war die letzten Tage mit ihm zusammen. Paula befürchtet, dass er die gemeinsame Tochter ermordet hat, weil er es nicht ertragen konnte, dass sie mit Amelie und ihrem neuen Lebensgefährten, Johannes Bittner, in Kürze nach Kairo zieht.

Kurz darauf wird Amelies Vater in der Nähe des Tatorts gefunden. Er hat sich die Pulsadern aufgeschnitten. Alles deutet darauf hin, dass Peter Albrecht erst seine Tochter getötet hat und danach sich selbst umbringen wollte. Eva Saalfeld versucht, ihn mit einer Blutspende zu retten. Bei der Obduktion wird festgestellt, dass Amelie unter Asthma litt und ihr Tod durch Ersticken eingetreten ist. Als Keppler ein volles Asthmaspray im Handschuhfach von Albrechts Auto findet, stellt sich die Frage, ob Peter Albrecht seinem Kind die dringend benötigte Medizin absichtlich vorenthalten hat.

Überraschend meldet sich eine Kollegin vom BKA bei Keppler und fordert Amtshilfe. Pikant: Linda Groner ist eine Ex-Freundin Kepplers. Sie will in die Ermittlungen eingebunden werden, denn Johannes Bittner wird seit längerer Zeit vom BKA wegen illegaler Auslandsgeschäfte überwacht. Die Muschelkette, die bei der ermordeten Amelie lag, trägt seine Fingerabdrücke. Die Vermutung liegt nahe, dass ihm das Kind bei seinen Zukunftsplänen mit Paula in Ägypten im Weg stand. Die hartnäckige Suche nach der Wahrheit, bei der sie immer wieder von Linda Groner gestört werden, führt die Kommissare schließlich zum Täter.  

Rezension

Gleich, wie die Aufgabenverteilung innerhalb des Drehbuchteams nun ausgestaltet war, sie bietet die Chance zur Spezialisierung und Verfeinerung. Theoretisch. Wir kennen auch Leute, die zu dritt einen Roman geschrieben haben, dabei kam leider keine Weltliteraturheraus. Genauso ist es nicht zwingend, dass ein Drehbuchgericht, das mehrere Köche angerührt haben, mehr ist als ein Kantinen-Eintopf. Genauso ist es nicht zwingend, dass ein solches Drehbuch eine gute Dramaturgie hat und einfachsten logischen Überlegungen standhält.

Uns hat’s um die Schauspieler etwas Leid getan. Vielleicht täuschen wir uns, aber wir hatten den Eindruck, dass das zurückgenommene Spielen etwa eines Martin Wuttke als Kommissar Keppler auch damit zu tun hat, dass er wusste, er wirkt nicht in einem Spitzenfilm mit und da empfiehlt es sich, dezent zu bleiben. Es hat demnach die Spielweise nicht nur mit der düsteren, elegischen Atmosphäre des Films zu tun, also mit einer gewählten Inszenierung.

Schade, dass sich auch die Leipziger nicht aus der Qualitätsschleife befreien können, in die das Tatortformat im Jahr 2013 geraten ist. Gerade ihnen, die jahrelang viel Kritik, im Fall von Simone Thomalla auch manche Schmähung erdulden mussten hätten wir’s gegönnt, dass sie mal ein Top-Krimi raushauen. Aber sie können natürlich nur das umsetzen, was vorgegeben ist. Und die Vorgabe hat erhebliche Schwächen.

Vielleicht liegt doch ein Fluch über dem Jahr 2013, nachdem 2012 die Welt schon nicht untergegangen ist. Irgendwas muss es jedenfalls geben, das dafür sorgt, dass das traditionsreichste und meistdiskutierte deutsche Krimiformat nicht richtig aus dem Quark kommt. Es ist schon mal ein guter Film drunter, aber es gibt keine Weiterentwicklung, die in eine sinnvolle Richtung weist. Mehr noch, der Qualitätsanspruch wackelt manchmal bedenklich.

Im Moment rezensieren wir einige Wiederholungen aus verschiedenen Jahrzehnten, um Beiträge für die kommende Sommerpause (Zeit ohne Erstausstrahlungen) vorrätig zu haben und sind manchmal erstaunt, wie gut, wie präzise und stimmig frühere Filme manchmal waren. Die Bildsprache ist eine andere geworden, aber das Schreiben guter Drehbücher scheint eher die Generation der Autorenfilmer beherrscht zu haben, die noch vom Oberhausener Manifest inspiriert war und demgemäß den Tatort in der Variante zurückgenommen Sozialdramas erfunden hat, oder die noch ältere, die aus Opas Kino kommt und einfach gute Unterhaltung in den Vordergrund gestellt hat. Mittlerweile wollen Tatorte oft alles Mögliche sein, schaffen es aber auf keinem Gebiet mehr, Akzente zu setzen.

Zwar beginnt „Die Wahrheit stirbt zuerst“ mit intensiven Winterbildern, die man sich auch im Sommer anschauen kann und man wird von der melancholischen Atmosphäre gut gepackt – auch wenn es bereits nach den ersten Minuten ein wenig stört, wie sich die beiden Leipzig-Cops Saalfeld und Keppler über die Vergangenheit, über den Ort, der sie mit dieser Vergangenheit verbindet, unterhalten. Da liegt etwas Künstliches drin, wie sie sich an alles viel besser erinnen kann als er und wie es dann heißt, dass die Schönheit der Erinnerung quasi Stück für Stück getötet wird, weil die markanten Orte durch aktuelle Verbrechen dieser Funktion als Anker für die schönen Momente der Vergangenheit beraubt werden. Das klingt, als sei diese Konstellation üblich, unseres Wissens ist es aber das erste Mal, dass schöne Vergangenheit und bedrückende Gegenwart einander dort treffen, wo ein altes Boot am Ufer liegt, unter Schnee, und ein kleines, totes Mädchen darin.

Kindstote sind so emotional, aber der Funke will bei diesem Tatort nicht überspringen. Das hat nichts mit der äußeren Kälte zu tun, sondern zum Beispiel mit dem Handlungsstrang des illegalen Technologietransfers seitens des Stiefvaters der kleinen Amelie. Mit dieser Sache kommt auch das BKA ins Spiel. Katja Riemann ist eine der gefragtesten Schauspielerinnen der 90er und frühen 2000er Jahre gewesen und ist uns nicht nur wegen ihres Schauspiels, sondern auch wegen einiger prononcierter Statements gut vorstellbar.

Das ändert leider nichts daran, dass sowohl ihr Verhältnis zu Keppler keine Chemie hat, aus dem sich eine offenbar reaktionsstarke Zeit in Wiesbaden erschließen ließe, dem Zuschauer wird nur vermittelt, dass Keppler wieder mal auf Abwehr geht, so ein verletzlicher Welcher ist er nun einmal. Da geht Spielzeit für Unsinniges und Unprofessionelles verloren, das später nicht ausgespielt wird. Und dies ist einer von mehreren Aspekten, die dafür sorgen, dass der Film sehr langsam wirkt. Nicht elegisch, melancholisch, sondern langsam.

Kurz vor Schluss dann das genaue Gegenteil. Die Auflösung wird nicht vorbereitet, sondern geradezu reingestopft in die knapp 90 Minuten Spielzeit. Okay, der Täter kommt nicht aus dem Familienkreis, wie in 90 % aller Kindstötungen und wir wissen jetzt, wenn dieser Umstand in einem Tatort erwähnt wird, dann läuft oder hoppelt der Hase in die andere Richtung. Die Haken, die er dabei schlägt, wirken im Fall von „Die Wahrheit stirbt zuerst“ (der Titel ist im Kontext der Handlung übrigens echt beliebig) ziemlich unelegant und der Hase stolpert auch mal über ein Logikloch und fällt dabei in eine Grube, aus welcher er nur mit Mühe entkommt.

Ab dem nächsten Absatz enthält der Text Angaben zur Auflösung!

Der Kern der Kritik ist die Tatsache, warum sowohl Stiefvater Bittner als auch der letztliche Täter die Kleine hätten umbringen sollen, nur, weil sie sich in eine Lagerhalle verirrt hat, in der gerade illegale Ware verpackt wurde. Was bitte, soll ein siebenjähriges Mädchen sehen, was es so interpretiert, dass es weißt: Ups, da werden gesetzwidrig mit Präzisionstechnik aufgerüstete Navis mitten in den Sudan verschickt, um dort – was eigentlich, Drohnen? – zu steuern. Igitt, da muss aber schnell den Lutscher einpacken, das Handy verlieren und zur Polizei rennen. Dumm, dass der Onkel vom BKA mich dabei abfängt, umbringt und gar nicht weiß, warum. Blöder schwarzer Fleece-Pulli, der wird ihn verraten, weil die vom BKA, die sind ja so blöd, nicht mal ihre Tatkleidung zu entsorgen. Viel Technik im Auto, aber nix in der Birne. Ja, ja, wer an die Ermittlugen von Bundesbehörden gegen die NSU denkt, der wird denken, von nix kommt nix und dabei kann auch  nix herauskommen. Aber wir sind in einem Film und haben das Recht, dass die Drehbuchautoren, immerhin drei an der Zahl mit einem dementsprechend hohen Gesamt-IQ, uns nicht so einen Quatsch servieren. Eine Auflösung, die so deutlich erkennen lässt, dass man nicht wusste, wie man diesen Plot in den Griff bekommen soll. Vielleicht hat man einen demokratischen Kompromiss gewählt etwa in der Art: Der Stiefvater nicht, der kommt ja aus dem Familienkreis und es bleiben zehn blöde Minuten über, wenn man ihn zum Mörder macht. Die Riemann auch nicht, das hat sie sich wahrscheinlich in den Vertrag schreiben lassen. Zickig geht, aber nicht ein Mord (anders in „Die Apothekerin“).

Also der, an den erstmal keiner denken konnte, deren Assistent. Und mit einem Motiv, das sich überhaupt nicht erschließen lässt. Klar, damit kann man die Zuschauer reinlegen. Reinlegen heißt aber auch, den Vertrag mit dem Zuschauer brechen, der darin besteht, dass die Auflösung sich nachvollziehen lässt. Man will ja nicht nur den Täter per Zufall erraten, sondern deshalb, weil man ihm auf die Schliche kommt. Weil man eine Idee hat, warum er so agiert. Das ist aber in „Die Wahrheit stirbt zuletzt“ unmöglich. Und natürlich gibt es auch kein Tatzeitvideo, nur ein Geständnis kann es wieder mal richten. Seufz. Dass da etwas nicht stimmt, war uns klar, das die BKA-Beamtin den Leipziger Ermittlern das Anschauen der Aufzeichnung verweigert, aber die Auflösung kommt dann doch – aus dem Nichts, und dies auch noch mit plötzlicher Hast.

Ein weiterer Knackpunkt ist das Theater ums Asthma-Spray für Amelie, welches einen Teil des Films dominiert und dann schnöde ad acta gelegt wird, ohne dass die Zusammenhänge eindeutig erläutert werden. Jedenfalls hatte der Vater noch Spray und hat es dem Kind nicht gegeben. Und wer hat Amelie überhaupt zum Boot verbracht? Jemand hat sie doch ins Auto des Vaters gelegt. Und er nimmt sie dann von der Rücksitzbank oder aus dem Kofferraum und legt sie ins Boot? Tot? Kann schon sein, ist aber in jeder Hinsicht fragwürdig, auch psychologisch.

Finale

Über den Film können wir lange nachdenken und schreiben gerade eine der längsten Tatort-Rezensionen der letzten Monate darüber, aber stimmiger wird er durchs Nachdenken nicht. Vieles läuft auf unangenehme Weise asynchron und wirkt geflickschustert. Ein Rückschlag auch für die Leipziger, die wir immer schon sympathischer fanden als viele Kollegen unter den Tatort-Fans das tun. Gerade in einer qualitativ mageren Phase bestünde die Chance, sich zu profilieren und etwas für den Platz innerhalb der Ermittler-Rangordnung zu tun.

Das Drehbuch und die im Verlauf zudem atmosphärisch nachlassende Inszenierung lassen dies aber leider nicht zu. Dies ist kein bewusst auf bescheuert gemachter Tatort, man muss den Sachsen zugutehalten, dass sie wirken, als nähmen sie ihre Arbeit ernst. Aber ein Kind wieder einmal für einen schwachen Plot zu töten, das nervt nun langsam (man soll Kinder und Menschen generell nicht töten, aber ein Filmtod, aus dem ein packendes Drama erwächst, ist ja ein Mittel zum Zweck). Tut uns richtig leid, dass wir nur 6/10 vergeben können. Langsam tendiert der Bewertungsdurchschnitt gen Süden. Es wird Zeit für die Sommerpause, in welcher wir die vorrätigen Wiederholungsrezensionen veröffentlichen werden.

© 2020, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Simone Thomalla als Eva Saalfeld
Martin Wuttke als Andreas Keppler
Pasquale Aleardi als Peter Albrecht
Katja Riemann als Linda Groner
Bernhard Schir als Johannes Bittner
Anne Ratte-Polle als Paula Albrecht
Marc Ben Puch als David Roth
Martin Reik als Reinhard Pelzer
Peter Benedict als Staatsanwalt Diekmann
Maxim Mehmet als Wolfgang Menzel
Kai Schumann als Dr. Johannes Reichau
u.a.

Regisseur – Miguel Alexandre
Drehbuchautor – André Georgi
Drehbuchautor – Harald Göckeritz
Drehbuchautor – Miguel Alexandre

Kommentare zur Rezension im „ersten Wahlberliner“ anlässlich der Veröffentlichung 2013

1.

silver price 9. Juli 2013

War ein sehr intensiver tatort diesmal. echt cool. nur fragen hätt ich leider dennoch: hat sie selbst die sprüche an die wand geschrieben? kam das wirklich raus? 2. falls es ihr plan war zusammen mit ihrem vater: dann hat sie das ja nur deshalb gemacht, um ihrem ex-lover das in die schuhe zu schieben, damit dieser wieder ins gefängnis kommt, weil sie ihn nicht erträgt. Weiß sie eigentlich, dass er unschuldig ist? das wichtigste: sie musste ja wissen, dass da kameras hängen und er eigentlich damit ein alibi hätte, weil er sowieso dort net ungesehen reinkommt. dieses spiel der zwei brüder (einer geht für den anderen hin) ist da eigentlich nebensächlich oder diese busgeschichte. wie hat sie das einbezogen?

Gold Price 25. Juni 2013

III. Zeugen – Die NebenrollenWer Katja Riemann im Boot hat, braucht sonst kaum Nebenrollen: Sie dominiert den „Tatort“ aufs Erfreulichste, pampt die Kommissare an und ist dabei der reinste Cowboy. Eine interessante Figur gibt auch Johannes Bittner (Bernhard Schir) ab, der neue Lebensgefährte von Amelies Mutter. Undurchsichtig und unsympathisch, aber ohne überzeugendes Motiv. Anne Ratte-Polle spielt die verzweifelte Mutter mit großem Mut zu Tränensäcken und kann nichts dafür, dass die Anlage ihrer Figur nicht ganz stimmig ist: Ihre wechselhafte Loyalität zwischen dem Ex und dem neuen Mann scheint mit den Ereignissen kaum überein zu stimmen.IV. Plädoyer – Das FazitBei diesem „Tatort“ kommt alles aus einer Hand: Miguel Alexandre zeichnet für Regie, Kamera und Drehbuch verantwortlich. Das mag Vorteile haben, aber offenbar fehlte auf einem dieser Posten jemand, der ihn auf den arg konstruiert wirkenden Fall hingewiesen hätte. Warum Amelies Mutter etwa, als die Kleine nicht nach Hause kommt, als allererstes ausgerechnet an diesen See außerhalb von Leipzig fährt, um sie dort laut rufend zu suchen. Dass die Familie dort früher gern war, ist als Erklärung lächerlich.V. Urteil – Im Namen des VolkesInsgesamt geht der „Tatort – Die Wahrheit stirbt zuerst“ schon in Ordnung. Das liegt vor allem am raschen Wechselspiel der Verdächtigen und der Tragweite, die sich aus der Mitarbeit des BKA plötzlich erschließt. Es ergeht daher folgendes Urteil: Einschalten auf Bewährung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s